W E R B U N G
01.01.2017
Der neue Hippokrates - nach 4 Jahren Pause wieder aktiv


Aus privaten Gründen haben wir den neuen Hippokrates 4 Jahre ruhen lassen. Ab sofort können Sie uns wieder Artikel und Informationen zukommen lassen. Wir wahren Ihre Anonymität so gut wir das können, ähnlich wie bei Wikileaks. Es fehlt im Gesundheitswesen an Mutigen in den ärztlichen Selbstverwaltungen und in der Politik, die sich trauen, grundlegende Veränderungen durchzusetzen. Wir brauchen hier alle, Veränderungen im Sinne der Bevölkerungen, aber auch für alle Mitarbeiter im Gesundheitssystem zu bewirken.


Autor: Die Redaktion

01.01.2017
Ausweitung von Regressen, neue Prüfungen, neue Namen_


Ärzte und Bevölkerung sollen beruhigt werden. Schon seit Jahren soll der Ärztenachwuchs zur Niederlassung in eigener Praxis bewegt und dem Ärztemangel entgegen gewirkt werden, in dem beharrlich behauptet wird, Regresse würden abgeschafft werden. Dabei handelt es sich um Privatrechnungen an die Ärzte nach 2-3 Jahren nach der Verordnung von Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln, die teilweise existenzvernichtende Höhen von bis zu einigen hunderttausend Euro hatten. Grund: Überschreitung von schwer zu durchschauenden Budgets. Dann kam im Zuge um die Diskussion um den Landarztmangel eine kleine Revolution, eine einmalige „Beratung vor Regress“, in dem der Arzt vor einer Art Tribunal geladen wurde und streng belehrt und ermahnt wurde, dass es im nächsten Fall eine Regressforderung geben würde. Grenze beim 2. Mal dann 25 000 Euro Rückforderungen durch die Krankenkassen. Ab dem 3. Mal dann wieder nach oben offen.

Nun könnte man sagen und sagt dies auch: „Selbst schuld, dann pass doch besser auf mit Deinen Verordnungen.“ Doch die Regeln sind komplex, selbst für den alten Hasen kaum zu durchschauen und ändern sich ständig. So wurde den in Hessen niedergelassenen Ärzten am 16. Dezember 2016 ein Schreiben zugestellt, in dem informiert wurde, dass Cortison-Nasenspray bei allergischem Schnupfen ab dem 1.10.(!!) 2016 nicht mehr auf Kassenrezept verordnet werden darf und ansonsten zu Regressforderungen führe. Da war das Kind bereits in den Brunnen gefallen.

Nun werden zum 1.1.2017 die Regresse in „Nachforderungen“ umbenannt, so als wären sie damit abgeschafft. Gleichzeitig wird die sogenannte „Wirtschaftlichkeitsprüfung“, die zu den „Nachforderungen“ führt, aber ausgeweitet. In Zukunft dürfen die Ämter, also die Kassenärztlichen Vereinigungen, im Auftrag der Krankenkasse auch die Krankmeldungen der Ärzte überprüfen, wie auch Transportscheine für besonders kranke Patienten, Krankenhauseinweisungen, ob sie nötig waren, die Anzahl an Überweisungen an Spezialisten und vieles mehr.

Gleichzeitig soll das Rad zurück gedreht werden, und es droht die Abschaffung der \"Beratung vor Regress\" und der 25 000 Schwelle. Und es werden die Richtgrößen abgeschafft, an denen sich die Ärzte bisher orientiert haben, um einen Regress zu verhindern. Bisher war es zwar auch schon intransparent, aber man wusste, bei Überschreitung von mehr als 25% droht eine Prüfung mit gewaltigem bürokratischem und finanziellem Aufwand. Jetzt werden hier – offensichtlich aus Marketinggründen – die unliebsamen Richtgrößen abgeschafft. Statt dessen wird über viel schlechtere Durchschnittswerte geprüft. Ein kompetenter Kollege drückte das so aus: „Es ist so als wenn die Polizei alle Verkehrsschilder abmontiert, alle Autofahrer blitzt und allen, die mehr als 45% über der Durchschnittsgeschwindigkeit liegen, einen Strafzettel ausstellt.“


Autor: Die Redaktion

25.10.2013
irma - section=seite1&subsection=leserbrief_schreiben


hallo peter,

ich bin höchst erfreut, mal von einem kollegen zu lesen, der \"die Pflege\" wert-schätzt.

herzliche grüße

irma


Autor: irma

22.07.2012
Psychiatrie-Psychoterror






Eine Kollegin schrieb mir neulich eine E-Mail über ihre Erfahrung in der Facharzt-Weiterbildung als junge Allgemeinmedizinerin in einer psychiatrischen Klinik, die mich sehr erschreckte:

Ich bin in eine Klinik gekommen und lerne nichts. Ich könnte zwar eine Psychotherapieweiterbildung machen, aber das dann auch nebenbei ohne Arbeitsfreistellung. Ok die Weiterbildung wird gezahlt. Dann sitz ich seit vier Monaten auf der geschlossenen und merke, wie intrigant meine Oberärztin ist, und mein Kollege hat auch einen an der Waffel (, sorry aber wenn einer dauernd befürchtet überwacht zu werden, oder hinter jeder kleinsten Körperbewegung eine Intrige gegen sich sehe, frage ich mich, wer Patient und wer Arzt ist). Da war meine letzte Klinik in S. noch ein Paradies, um ehrlich zu sein!!!

Chipkartensysteme zur Arbeitszeiterfassung gibt es nicht, Überstunden müssen oberärztlich abgesegnet und angeordnet worden sein. Und wenn man zu lange bleibt, wird das negativ gesehen, aber auch wenn man pünktlich geht , so wie ich das mache. Den Dienstplan macht der Chef und genau so, dass die Leute, die sowieso krankheitsbedingt immer ausfallen, am Ende des Monats Dienst hätten. Also können die vom Anfang einspringen. Es wird erwartet, dass man sich mit Kollegen, die krank sind, nicht unterhält und diese schneidet (,was für mich mobbing ist, und ich mich frage, wie sie Leute dauerhaft binden wollen). Die Fluktuation war auch schon sehr, sehr stark dort. Der Chef macht einen vor versammelter Mannschaft zur Sau in der Morgenbesprechung, wenn man die Diagnose Münchhausensyndrom verwendet (, die gibt es laut ihm nicht). Die Oberärztin hat probiert, mir vor der Morgenbesprechung mehr oder weniger zu sagen, wie ich den Patienten vorzustellen habe und dabei einen kleinen Satz eingefügt, den der Chef gar nicht gerne hört.

Ach ja, Transfusionen darf man nicht anhängen, Kaliumchlorid-Infusionen sollten am Monitor laufen???? Ich frage mich, ob die Medizin studiert haben! Die sind so daneben! Du musst wegen jedem Scheiß den Internisten anrufen, denn wenn du eigenmächtig handelst, kriegst du einen auf den Deckel, weil der Chef ja alles besser weiß.

Mein Kollege hat nach einem Zeckenstich bei einer Pat eine Borrelioseserologie durchführen lassen, so einen Kack habe ich in meinem Leben noch nie gehört. Marcumareinstellungen sind ihnen zu kompliziert. Ich frag mich wo ich da bin???? Nur stupide Schreibarbeit."

Wir verraten nicht, dass diese Klinik in Hessen ist. Und wir sagen auch nicht, dass Mitglieder der Jungen Hessischen Allgemeinmedizin e.V., www.hessische-allgemeinmedizin.de gezielte Informationen über die Arbeitbedingungen in den jeweiligen Kliniken und Praxen erhalten...


Autor: Der Neue Hippokrates

01.05.2012
Unliebsame Wahrheiten






Der Begriff „Reform“ ist inzwischen ein Unwort geworden. Es herrscht der Eindruck vor, dass es jedes Mal nur schlimmer wird. Die Krankenkassenbeiträge steigen über die Jahre, es gibt immer wieder neue Zuzahlungen von der Einführung der 10-Euro-Entrittsgebühr jedes Quartal bis zu den Rezeptgebühren und der Finanzierung über einen Gesundheitsfonds. Eigentlich müsste es mehr Geld im Gesundheitssystem geben.

Und gleichzeitig stehen die Ärzte stehen immer noch im Ruf viel Geld zu verdienen und auf einem hohen Niveau zu jammern. Neulich im Notdienst war ich in der Notdienstzentrale zusammen mit einem Pulmonologen und einer Psychiaterin, die schon fortgeschrittenen Alters waren. Ich kam mit beiden ins Gespräch und fragte sie, ob sie die Notdienste machen, weil sie Lust darauf haben. „So etwas macht man nicht, weil man Lust hat, sondern weil man Geld braucht“, kam die prompte Antwort. Wie kann das sein, dass etablierte spezialisierte Ärzte mit eigener Praxis zusätzlich zu ihrer harten Arbeitswoche Notdienste am Sonntag brauchen, um sich über Wasser zu halten? Daran schuld sei das Abrechnungssystem, dass alles pauschaliert sei. Egal wie oft der Patient komme, es gebe immer nur die Pauschale pro Quartal.

Die Krankenkassen sprechen immer noch von einer Überversorgung, also von einem Zuviel an Ärzten. Das mag auch stimmen, wenn man hier alle Fachgruppen über einen Leisten bricht und die Besonderheiten des deutschen Gesundheitssystems nicht berücksichtigt.

Doppelte Spezialistenschiene
Wir haben eine doppelte Spezialistenschiene, was heißt, dass wir Spezialisten für alles sowohl in den Krankenhäusern als auch in den Praxen haben. Beide machen sich Konkurrenz. Das ist in den allermeisten Ländern der Welt nicht so. Dort sortieren gut weitergebildete Generalisten, das heißt Fachärzte für Allgemeinmedizin, die Patienten erst einmal vor, bevor sie zu den Spezialisten in den Krankenhäusern gehen dürfen.

Die verbogene „freie Arztwahl“
Und wir haben die heilige Kuh der Deutschen, den Euphemismus der „freien Arztwahl“. Natürlich sollte eine Wahl der Ärzte im jeweiligen Fachgebiet frei sein. Doch wird hierunter in Deutschland meist verstanden, dass der Patient entscheiden soll, welcher Spezialist bei seinen Symptomen der richtige Ansprechpartner ist. An den Bespielen Schwindel, Müdigkeit, Kopfschmerzen wird schnell sichtbar, dass hier erst einmal ein Arzt mit Überblick über alle Fachgebiete notwendig ist. Sonst wird schnell ein Bedarf geschaffen, so dass Kardiologe, Neurologe, Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Orthopäde und Radiologe ihre Schiene fahren und die Untersuchungen ihres Fachbereichs durchziehen und abrechnen. Jeder mit seinen fachspezifischen Scheuklappen, was enorme Kosten und einen verlängerten Leidensweg des Patienten nach sich zieht. Warum tut niemand was dagegen? Weil alle Fachgebiete davon profitieren.

Keine Bedarfsgerechte Weiterbildung
Und dann ein weiteres Tabu. In Deutschland darf jeder Arzt nach dem letzten Examen seine Spezialisierung („Weiterbildung“) zu einem Facharzt seiner Wahl machen. Das ist natürlich für den Einzelnen erst einmal angenehm, hat aber für das Gesundheitssystem verheerende Konsequenzen. Das ist in den meisten anderen Ländern nicht so, wo es Quoten für die jeweiligen Fachrichtungen gibt, die nach unterschiedlichen Methoden erfüllt werden. In Deutschland hingegen werden Ärzte zu Fachärzten weitergebildet, die hinterher ihren Bedarf oft erst schaffen. Berufsverbände und Fachgesellschaften setzen sich dann fachlich und berufspolitisch dafür ein, dass die eigene Mitglieder eine ausreichend große Bedeutung bekommt. Das ist die klassische Lobbyarbeit. Der umgekehrte Weg, einen Bedarf an Spezialisten und Generalisten zu erkennen und danach weiterzubilden, wäre der klügere, ist aber nicht populär.


Einschreibung beim Allgemeinmediziner
Werden zum Beispiel in den Niederlanden 2000-3000 Patienten bei einem Hausarzt eingeschrieben, der für sie eine Einschreibepauschale bekommt, egal ob sie ihn brauchen oder nicht, so muss der deutsche Arzt sie einmal pro Quartal in seine Praxis locken. Er muss alles abrechnen, was möglich ist von den unsäglichen Gesundheitsuntersuchungen, der fraglichen Krebsvorsorge für Männer, dem Hautkrebsscreening, impfen bis zum Anschlag und ihm Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) verkaufen, die er privat finanzieren muss. Ist er gut, und der Patient braucht ihn nicht, so macht er Verlust oder geht bankrott. Folgt er dem Patientenwillen nicht und verschreibt ein unnötiges Antibiotikum nicht, kann der Patient so lange von Arzt zu Arzt gehen, bis er einen findet, der ihm das verschreibt. Unterstützt dieses System eine gute Medizin? Ich finde nein.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen
Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben einen irreführenden Namen, da sie die Kassenärzte nicht vertreten, sondern als Körperschaft des öffentlichen Rechts die Aufgabe haben, das Sozialgesetzbuch V wortgetreu umzusetzen. Dafür haften die Vorstände mit ihrem Privatvermögen. Die KVen haben den Sicherstellungsauftrag, dass es genug Ärzte für die ambulante Versorgung gibt und müssen die Gelder der Krankenkassen auf die unterschiedlichen Ärztegruppen verteilen. Sie gehen zum Staatsanwalt, wenn Abrechnungskriterien der Ärzte ihnen nicht stimmig erscheinen. Und zwar oft, ohne vorher mit den Kollegen zu sprechen. Dabei geht es um existenzvernichtende Summen von oft bis einige hundertausend Euro, Strafanzeigen wegen Betrugs usw. Dabei ist das System so intransparent, dass selbst eingefleischte und lang erfahrene Ärzte in Abrechnungsfallen tappen und eine Generalangst vor einem Regress vorherrscht. Die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder (2 in Nordrhein-Westfalen) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verschlingen Unsummen an Geld. Der Vorstandsvorsitzende der KBV war jüngst in die Kritik gekommen, weil er sich das Gehalt um 35% auf 350 000 Euro erhöht hatte und drei Vorstandsmitglieder zumindest in einer sehr dunkelgrau bis anthrazitfarbenen Zone Übergangsgelder von je fast 180 000 Euro eingeheimst hatten. Und das ist nur das, was öffentlich bekannt geworden ist. Unter Ärzten wird hier noch von mehr Mauscheleien berichtet. Es kann nur eine Konsequenz geben: Die Kassenärztlichen Vereinigungen gehören in dieser Form abgeschafft. Sie existieren seit 1933 und sind eine überflüssige Last des Gesundheitssystems.

Zu viele Krankenkassen
Im März 2012 gab es in Deutschland 145 gesetzliche Krankenkassen. Alle mit eigenen Vorständen, Mitarbeitern, Infrastrukturen, Werbung um Mitglieder zu bekommen. Auch die Krankenkassen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und müssen sich strikt nach dem Sozialgesetzbuch richten. Eine echte Konkurrenz im Sinne der Marktwirtschaft kann es daher nicht geben. Es wäre kostensenkend, wenn die Anzahl deutlich auf vielleicht 10-30 Krankenkassen reduziert werden würde. Und: Ob wir private Krankenkassen brauchen oder einfach alle gesetzlich versichert sind, das muss auch hinterfragt werden. Eine Bürgerversicherung hätte den Charme, dass jeder dort einzahlt, was gerecht und solidarisch wäre.


Autor: Empört-Euch

08.04.2012
Transparenz der Körperschaften des öffentlichen Rechts!





Im Sinne einer Transparenz wäre es meiner Meinung nach wichtig, auch die Körperschaften des öffentlichen Rechts mit einzubeziehen. Im Gesundheitswesen sind das die Krankenkassen, die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die Landesärztekammern. Bisher ist es dort üblich, dass Entscheidungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Dies sollte man dringend ändern.

Beschlussprotokolle von Ärztekammerpräsidien, KV-Vorstandssitzungen, KV-Vertreterversammlung sowie der Delegiertenversammlung der Ärztekammern sollten ebenso öffentlich zugänglich sein, wie Vorstandsentscheidungen in den Krankenkassen. Eine Möglichkeit Öffentlichkeit herzustellen wäre, das zu streamen, also live im Internet zu übertragen. Hier werden immerhin unsere Gelder durch eine staatliche Zwangsmaßnahme verwendet, daher bin ich der Meinung, dass wir als Bürgerinnen und Bürger auch ein Anrecht darauf haben, hier mit einbezogen zu werden.


Autor: Piraten-Petra

23.03.2012
JADE fordert Regressverzicht und Positivliste






Die Junge Allgemeinmedizin Deutschlands (JADE) fordert als Konsequenz aus dem Versorgungsstrukturgesetz, auf Regresse zu verzichten und stattdessen eine Positivliste für verordnungsfähige Medikamente festzulegen.

Nach wie vor sind Regressforderungen insbesondere bei angehenden Allgemeinmedizinern ein Thema, das Kolleginnen und Kollegen davon abhält, sich in eigener Praxis niederzulassen. Dr. Marcus Schmidt, Sprecher für Internationale Zusammenarbeit der JADE dazu: "In keinem anderen europäischen Land haftet der Arzt mit seinem Privatvermögen für seine Verordnungen. Hierdurch werden besonders Kollegen bestraft, die viele schwer kranke – und damit teure - Patienten betreuen. Ein Freund von mir hatte bereits im dritten Jahr seiner Niederlassung mit einem Existenz bedrohenden Regress von über 100.000 € zu kämpfen. Wenn sich nichts ändert, wird es nie gelingen, ausreichend junge Ärzte zur Übernahme einer Hausarztpraxis zu bewegen".

Die JADE fordert deshalb die Kassenärztlichen Vereinigungen auf, bundesweit zügig die im Versorgungsstrukturgesetz geforderte „Beratung vor Regress“ umzusetzen. Als Steuermaßnahme sollte nach Ansicht der JADE eine Positivliste für verordnungsfähige Medikamente eingeführt werden, durch die Regresse überflüssig werden.

Denn obwohl in Deutschland bereits 1992 eine Positivliste gesetzlich vereinbart wurde und sich in den meisten europäischen Ländern bereits bewährt hat, ist es wahrscheinlich dem Einfluss der Pharma-Lobby zuzuschreiben, dass diese Liste und damit sinkende Arzneimittelausgaben weiterhin verhindert werden. Hier sieht die JADE insbesondere die ärztliche Selbstverwaltung und die Politik gefordert, dieses wirkungsvolle Instrument statt Regressen im Interesse der Solidargemeinschaft und zur Behebung des Ärztemangels endlich einzuführen.


Webseite: www.jungeallgemeinmedizin.de

Presse-Kontakt:
Dr. med. Niklas Schurig
Sprecher Öffentlichkeitsarbeit JADE
Mail: oeffentlichkeitsarbeit@jungeallgemeinmedizin.de
Web: www.jungeallgemeinmedizin.de


Autor: Der Neue Hippokrates

23.03.2012
Kassenärztliche Vereinigung eine Interessenvertretung?






Die Kassenärztliche Bundesvereinigung ist gerade massiv in der Kritik, weil sich der Vorstandsvorsitzende Andreas Köhler das Gehalt um 35% erhöht und drei Vorstandsmitglieder Übergangsgelder in Höhe von je 183 000 Euro kassiert haben, die für das Zurückkehren in den Beruf gedacht sind. Burkhard Bratzke, Angelika Prehn und Uwe Kraffel sind aber für weitere 6 Jahre wiedergewählt worden. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr hat sich eingeschaltet.


Die öffentliche Wahrnehmung ist nun, dass sich „die Ärzte“ die Taschen füllen. Dabei wird übersehen, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) einen irreführenden Namen tragen. Letztlich sind sie nichts anderes als ein Teil der staatlichen Exekutive. Die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der 17 Landes-KVen haften mit ihrem Privatvermögen dafür, dass sie das Sozialgesetzbuch wortgetreu umsetzen. Der Handlungsspielraum ist in den meisten Punkten sehr gering. Zwar gibt es eine Vertreterversammlung der Ärzteparteien, wie den „Hausärzteverband“, „die Fachärzte“, „den Marburger Bund“, „die Ärztinnen“, „den Hartmannbund“ und weitere andere. Doch kann die Vertreterversammlung nur den Umgang mit den Gesetzen bestimmen und die Regelungen umsetzen, diese aber nicht verändern. Die KVen haben den Sicherstellungsauftrag, das heißt, sie müssen dafür sorgen, dass die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sichergestellt ist. Aber auch hier gibt es enge Vorgaben eines Bedarfsplans, den nicht sie festlegen.


Es ist falsch, von einer „Interessensvertretung der Kassenärzte“ zu sprechen, da die KVen aufgrund der gesetzlichen Vorgaben die Interessen der Ärzte gar nicht gegenüber der Politik durchsetzen können, sondern gezwungen sind, staatliche Vorgaben ohne Wenn und Aber umzusetzen. Gleichzeitig hat sich über die Jahrzehnte ein Sumpf an persönlichen Verbindungen im System der Kassenärztlichen Vereinigungen ergeben, so dass schon der Eindruck entstehen kann, einzelne Pöstchenträger handelten nicht für die Ärzteschaft, sondern für sich und ihre Amtskollegen, wie jetzt in der Kassenärztlichen Vereinigung um Köhler, Prehn, Bratzke, und Kraffel geschehen.


Der Unmut über das System der KV ist unter den Ärzten groß. Eine Interessensvertretung schützt den Einzelnen, hier ist meist das Gegenteil der Fall. Fallstricke und Intransparenzen gibt es zum Beispiel im Abrechnungs- und Verschreibungssystem viele. Wer einen Fehler macht wird frühestens 2 Jahre später darauf hingewiesen, wenn er die Fehler munter weiter gemacht hat. Es wird aber von den KVen nicht, wie praktisch allen anderen Ländern üblich, die Gespräch mit den Ärzten gesucht, sondern gleich der Staatsanwalt eingeschaltet. Ein existenzvernichtender Regress droht. Damit werden die Ärzte draußen in den Praxen gefügig gemacht, da es hier zu einem Kontrollverlust mit drastischen Folgen kommt.

Ein Sumpf an Interessensverflechtungen innerhalb des KV-Systems hat sich breit gemacht, in das Medizinrechtsanwälte, Praxisvermittler und viele Trittbrettfahrer eingebunden sind. „Wir haben gute Kontakte in die KV hinein“, brüstete sich neulich ein hochrangiger Mitarbeiter einer Steuerberatungs- und Abrechnungsfirma. Praxisvermittler verweisen an Anwälte, die sich auf Medizinrecht spezialisiert haben, die "Leute in der KV kennen, die für die Zulassung zuständig sind.“ Dem praktizierenden Arzt erscheint das System oft als willkürlich, unveränderbar, wie eine Übermacht, mit der man aufpassen muss. Daher ist die KV mitnichten „die Ärzte“ und auf keinen Fall eine Interessensvertretung. Das System, das schon vor Gründung der Bundesrepublik existierte, gehört grundlegend verändert und von korrupten Verhaltensweisen im und um das System herum entschlackt. Das könnte eine Aufgabe von Daniel Bahr sein, der hier vorbildlich interveniert hat. Ihm kann nur konsequentes Stehvermögen gewünscht werden.


Autor: Dr. Großes Rad

29.01.2012
Neuer Blog: Querdenken4u





Querdenken und nicht unreflektiert im Mainstream mitschwimmen. Um-die-Ecke-denken und neue Wege wagen. Traditionen hinterfragen, nicht akzeptieren, dass „es schon immer so war“. Hier möchte dieser neue Blog Impulse setzen und zum Dialog anregen.

querdenker4u.wordpress.com

Mit Querdenken die Welt verändern

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Autor: querdenker4u

29.01.2012
Frankfurt a.M.-Berkersheim ohne Hausarzt - KV blockiert






Die einzige Hausärztin im nördlichen Frankfurter Stadtteil Berkersheim, Erika Koenig-Dennerlein, hat vor gut einem Monat ihren Praxissitz in ein Medizinisches Versorgungszentrum im Süden nach Frankfurt am Main-Sachsenhausen verlegt. Das ist zu weit für die Patienten, um ihr zu folgen. Hausärzte in umliegenden Stadtteilen, die ebenfalls mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Berkersheim aus für ältere und gehandikappte Patienten schlecht zu erreichen sind, nehmen keine neuen Patienten mehr auf.

Die Lösung wäre es, einen Nachfolger für die berkersheimer Hausärztin zu finden. Doch hier stellt sich die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV-Hessen) quer. Das Bedarfsplanungsgesetz von 1992 erlaube es zwar, einen Kassensitz innerhalb des großen Frankfurter Bezirks zu verlegen, aber bei Überversorgung eben nicht, einen zusätzlichen zu eröffnen. Der Gesetzgeber bessert hier gerade auf Bundesebene nach. So wurde am 1.12.2011 das Versorgungsstrukturgesetz im Bundestag verabschiedet, Mitte Dezember wird der Bundesrat abschließend darüber beraten und das Gesetz dann am 1.1.2012 wohl rechtskräftig werden. Dann würden die Bezirke vermutlich nach Postleitzahlen neu sortiert und kleiner werden, so Julia Plein vom Beratungsteam der KV-Hessen.

Bekanntermaßen herrscht ein Mangel an Hausarztnachwuchs. In ganz Deutschland gibt es Programme, um junge Ärzte für den Beruf des Hausarztes zu begeistern und die Versorgung sicherzustellen und zwar auf dem Land und in der Stadt. Zwar ist die Problematik der fehlenden Allgemeinärzte momentan besonders auf dem Land spürbar, es wird aber bei der derzeitigen Altersstruktur ebenfalls ein Mangel in den Städten prognostiziert. Die Player im Gesundheitswesen in Hessen haben erst jüngst den „hessischen Pakt zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung“ ratifiziert.

Nun gibt es zwei junge, hochmotivierte Ärzte, die die Nachfolge von Frau Koenig-Dennerlein übernehmen würden, doch trotz des neuen Gesetzes von der KV-Hessen blockiert werden. „Die neuen Bezirke müssen erst noch entwickelt werden“, so Julia Plein von der KV-Hessen, „das dauert mindestens ein halbes bis ein dreiviertel Jahr“. Bis dahin könne man hier nicht helfen und werde nach bisheriger Gesetzeslage verfahren. Doch diese erlaubt nur den Aufkauf eines Kassenarztsitzes eines Hausarztes, der aufhört. Bezahlt wird dabei offiziell dafür, dass der Nachfolger bei Übernahme der Praxis nicht von null anfängt, sondern bereits in eine laufende Praxis mit Patienten einsteigt. Dies bezeichnet man als „ideellen Praxiswert“. Zusätzlich gibt es den „materiellen Wert“ der Einrichtung und der medizinischen Geräte, der aber bei einer Hausarztpraxis kaum ins Gewicht fällt. Momentan beträgt der Kaufpreis für einen Kassensitz ohne Immobilie etwa 50 000 bis 120 000 Euro.

Verlegt ein Arzt einen Kassenarztsitz, so geht der teure ideelle Praxiswert verloren, die Einrichtung kann er meist nicht mehr gebrauchen. Er fängt also bei Null an und soll nach dem jetzigen Vorgehen der KV-Hessen dennoch teures Geld dafür bezahlen, dass er Patienten versorgen darf. Rechtlich erscheint das bedenklich, denn die Kassenärztliche Vereinigung hat vom Gesetzgeber her den Sicherstellungsauftrag für die gesundheitliche Versorgung, das heißt, sie muss dafür sorgen, dass die Bevölkerung flächendeckend eine gute Gesundheitsversorgung bekommt. Hier wird ein strukturelles Problem sichtbar, das vornehmlich auf Traditionen fußt und Lösungen massiv blockiert.

Angesichts des neuen Versorgungsstrukturgesetzes wäre es sinnvoll, Übergangsregelungen für die Problematik der Unterversorgung vor Ort zu schaffen und schon jetzt übernahme- und niederlassungswilligen Ärzten zu helfen. Gleichzeitig ist der Gesetzgeber aufgerufen, der Kassenärztlichen Vereinigung mehr Handlungsspielraum einzuräumen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die KV nämlich als Körperschaft des Öffentlichen Rechts nur ein Teil der staatlichen Exekutive, also ein Amt, das sich streng an den Gesetzestext halten muss. Tut sie das nicht, haftet der Vorstand der KV-Hessen, also aktuell die Doktores Zimmeck und Zimmermann, mit ihrem Privatvermögen. Hier sollten wir uns nach nachhaltigen Lösungen im benachbarten Europa umsehen, um liberalere und damit flexiblere Strukturen zu etablieren.


Autor: Der Neue Hippokrates





Kommentare zu dieser News:

Datum: Fr 02 Dez 2011 23:26
Von: Der Neue Hippokrates


Heute Anruf vom hessischen Hausärzteverband: Einen Sonderbedarf für Frankfurt am Main-Berkersheim zu fordern sei unkollegial, da das alle anderen Hausärzte aus dem Honorartopf mitbezahlen müssen. Die KV-Hessen und der Hausärzteverband seien eng verwoben miteinander und wer die KV kritisiere, kritisiere auch den Hausärzteverband. Es ginge hier nicht um die Versorgung der Patienten. Auch beim Versorgungsstrukturgesetz ginge es nicht darum.

Frage unserer Redaktion: Was ist das denn für eine verkorkste Verbandspolitik und Gesundheitspolitik, in der er darum geht, die eigenen Klüngel zu bedienen und nicht um eine gute, wohnortnahe Patientenversorgung???

Datum: Mo 24 Jun 2013 13:38
Von: Rosario Kaufmann


Konkubinenwirtschaft nennt man so etwas. Ein Dachverband sollte natürlich für die Rechte einer zu behütenden Gruppe eintreten, nicht aber um mit mittelalterlicher Reglementierung nach Art der Zünfte nur gegen Zoll wachsende Strukturen zu billigen. Wenn sich die KV wegen dieses Berichtes aufregt, zeigt es viel mehr, mit welcher Selbstherrlichkeit man sich über Fakten stellt. Alleine die Tatsache, dass sich oftmals \"eine Praxis auf dem Land\" nicht mehr wirklich trägt, zeigt, wie Sinnvoll die KV wirklich ist: Eine Gesellschaft, die dem Erhalt der Selbsterhaltung dient.
Der Patient ist nur der Bauer auf dem Schachbrett, der kleine Arzt zahlt wenigstens in den Klingelbeutel. Solange er still ist, ist das angenehm.

30.11.2011
Fortbildung von Pharma massiv unterwandert






Man kann nur staunen und die Stirn runzeln. Einmal über die Dreistigkeit der Pharmaindustrie, klar Produkt bezogene Fortbildung anzubieten und dann über die Kollegen Ärzte, die daran unkritisch teilnehmen und die Informationen wie Handelsvertreter auch noch umsetzen. Kaffeefahren wäre hier das richtigere Wort statt Fortbildung, wie ein Arzt neulich dazu anmerkte. Und: Die Landesärztekammern zertifizieren entgegen den Berufsordnungen regelmäßig diese Veranstaltungen noch und vergeben Fortbildungspunkte.

Die Prüfung auf wissenschaftliche Relevanz der einzelnen Veranstaltungen kann schon wegen mangelnder Kriterien und personell völlig unzureichender Ausstattung nicht geleistet werden, schreibt ein Entscheidungsträger der Bayerischen Ärztekammer. Dies ist eine Kapitulation vor den Interessen der Pharmaindustrie und damit der Ärzte und der Patienten. Und es ist ohne transparentes Kenntlichmachen des Pharmasponsorings vor allem auch rechtswidrig.

Eindrucksvoll ist der Erfahrungsbericht eines Kollegen mit einer Fortbildung von Pri-Med, den wir in der Folge veröffentlichen. Ivabradin ist ein Medikament zur Herzfrequenzsenkung. Die Bewertung durch das Pharma unabhängige arzneitelegramm ist vernichtend.

Schon am Empfang ist es vorbei mit der Unabhängigkeit und Produktneutralität. Die auf der ausgegebenen Plastiktasche beworbenen Medikamente geben die Themen der Pseudo-Vorträge vor. Von den 5 Vorträgen war lediglich einer (!) industrieunabhängig.

Der traurige Höhepunkt des Tages waren die letzten beiden Vorträge, die eigentlich Koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzinsuffizienz, bzw. Diabetes und Hypertonie betreffen sollten, aber reine Werbevorträge für Ibravadin und Perindopril/Indapamid waren.

Das Vorlesen der z.T. Originalfolien der Firma Servier wurde von den anwesenden Kollegen begeistert und kritiklos aufgenommen.

Die Entscheidung Mezis beizutreten traf ich dann, als Fragen zu Ivabradin gestellt werden durften. Wobei mich eigentlich die Frage mehr erschrak als die darauf folgende Antwort. Frage.: Bei den hervorragenden Ergebnissen (lt. dem Referenten Prof Schieffer aus Hannover ist Ivabradin ein Meilenstein wie die Betablocker und die ACE-Hemmer (Anm. d. Red.: Medikamente zur Blutdrucksenkung bzw. Herzfrequenzbehandlung), wäre da Ivabradin nicht auch zur Primärprävention bei Gesunden (!!!) mit mehreren Risikofaktoren indiziert? Antwort des Referenten: Ja! Die Primäprävention sei ein Stiefkind in Deutschland. Bei familiärer Anamnese, Rauchen, erhöhter Intima Media Dicke, sei eine Primärprophylaxe mit Ivabradin, Simvastatin und ASS indiziert. Dies sei natürlich ein off label use und nur seine persönliche Meinung.

Es erfolgte kein Widerspruch.

Ist das die Medizin und die Fortbildung, die wir wollen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung!


Autor: Christian Haffner

06.11.2011
 zum Podcast

Das neue Versorgungsstrukturgesetz und die Folgen


Am 1.1.2012 tritt mal wieder ein neues Gesetz in Kraft, das die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung verbessern soll. Im Originaltext liest sich das wie ein Werbetext, der von einer Marketingagentur entwickelt wurde. Als junger Arzt, der sich gerade überlegt sich in einer Hausarztpraxis niederzulassen, fallen mir aber gleich ein paar Punkte auf, die mich stutzig werden lassen.

Es wird davon gesprochen, die Überversorgung in den Städten abzubauen und dass die Kassenärztliche Vereinigung bei der Nachbesetzung von Kassenarztsitzen ein Vorverkaufsrecht habe. Die Kassenärztliche Vereinigung ist übrigens ein Teil der staatlichen Exekutive, also ein Amt und nicht eine Interessensgemeinschaft aller Kassenärzte, wie der Name suggeriert.

Übersetzt heißt dies, dass ich als junger Arzt zwar jemanden suchen kann, der seine Praxis abgeben will. Ich kann einen Verkaufsvertrag machen, dass er mir für zum Beispiel 100 000 Euro die Praxis überlässt. Übrigens ist die Immobilie nicht dabei. Es geht lediglich darum, dass er zu meinen Gunsten seine Kassenzulassung zurückgibt und mir sein mehr oder minder altes Inventar überlässt. Wert ist es das selten, aber man „kauft“ ja den Patientenstamm mit, heißt es dann immer, also übernimmt eine Praxis, die schon bekannt ist, zu der eine gewisse Anzahl von im Schnitt 900 Patienten gehen. Das ist der ominöse „ideelle Praxiswert“ – im Gegensatz zum Materiellen. Übernahmeverträge kosten Geld, denn sie müssen rechtlich wasserdicht sein. Also brauche ich einen Fachanwalt für Medizinrecht, der 400 Euro pro Stunde kostet. Ach ja, eine sehr interessante Praxis läuft nur über einen Vermittler, also einen Makler. Der will 5% des Verkaufspreises, sprich bei 100 000 Euro 5000 als Provision. Dann muss ich die Praxis renovieren und einige neue Geräte kaufen, wofür ich vielleicht noch mal 40000 Euro brauche. Für das Geld muss ich einen Bankkredit aufnehmen.

So, und nun kommt das neue Gesetz: Vorverkaufsrecht in überversorgten Gebieten. Verträge sind gemacht, Courtage ist bezahlt, Kredit aufgenommen. Doch die Kassenärztliche Vereinigung beruft sich auf den neuen Passus im Versorgungsstrukturgesetz und verhindert die Übernahme. Der Praxisbesitzer wird entschädigt, ich stehe dumm da, habe enorme Kosten und keine Praxis, muss mir schnellstmöglich überlegen, wo ich Arbeit finde, um mich zu finanzieren und die Kosten abzufedern.

„Gesundheitspolitisch ist es sinnvoll, die Überversorgung abzubauen. Das spart enorme Kosten“, sagt ein Kollege. Doch schauen wir genauer hin, so entsteht ein Mehr an Kosten nur dann, wenn der selbe Patient im selben Quartal zu mehreren Hausärzten geht. Alle Patienten, die dann noch mal 10 Euro an Gebühr bezahlen müssen, werden sich das gut überlegen. Allenfalls von der „Praxisgebühr“ befreite Patienten und Patienten unter 18 Jahren hätten da eine niedrigere Hemmschwelle. Insgesamt betrifft das nur einen kleinen Teil der Patienten.

„Dann geh’ doch aufs Land“, schreibt eine Kollegin, „da hast Du die Probleme nicht“. Ist es so einfach? Wir sind doch soziale Wesen in sozialen Strukturen, meist mit Familie dabei, mit einem Partner oder einer Partnerin, die ebenfalls berufstätig sind, mit Kindern, die in Kindergärten oder auf Schulen gehen, Freunde haben usw. Kann man da per Staatsdekret Ärzte einfach umverteilen? Und hat nicht jeder ein Recht zu entscheiden, wo er sich wohl fühlt, in der Stadt oder auf dem Land? Ist das nicht ein elementarer Teil unserer freien Selbstentfaltung? Ich selbst würde, wie auch meine Partnerin, auf dem Land eingehen ohne ein ausreichendes kulturelles Angebot, die Vielfalt und das Leben, das es in Städten gibt. Wenn ich vor die Entscheidung gestellt würde: Niederlassen in strukturschwachen Gebieten oder gar nicht niederlassen, würde ich vermutlich ins Ausland gehen oder mir einen Job in einer Rehaklinik suchen.

„Auch in Städten gibt es unterversorgte Gebiete. Dort, wo es soziale Brennpunkte gibt, will auch keiner hin“, sagt mir ein Kollege. „Es ist doch nicht sinnvoll, eine Überversorgung in einem Gebiet mit vielen Akademikern zu zementieren, während es gleichzeitig eine Unterversorgung in Gebieten mit vielen Migranten gibt“, argumentiert er weiter. Hinter allen Lösungsvorschlägen steht die Annahme, Ärzte könnten per Planwirtschaft gezwungen werden in unattraktive Gegenden zu gehen und sich dort niederzulassen. Wir leben doch in einer sozialen Marktwirtschaft, die seit Ludwig Erhardt als deutsche Wirtschaftsordnung gilt und 1990 im Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR festgeschrieben wurde. Hier frage ich mich, wo die marktwirtschaftlichen Anreize sind, sich dort niederzulassen, wo kaum jemand hin möchte. Eine Idee wären Vorteile bei der Abrechnung als Entschädigung für die vielen Kontakte mit Hartz-IV-Behörden, Arbeitsamt, Versorgungsamt, Gutachten, dem geringen Privatanteil und vielen weiteren Hemmnissen in sozial schwachen Gebieten. Ähnliches gilt für die Arbeit im ländlichen Raum. Marktwirtschaftliche Elemente müssen so stark eingebaut werden, dass die Ärzte freiwillig dort für eine Zeit arbeiten oder das eben bewusst trotzdem nicht tun. Dennoch muss auch in den Städten so viel Geld verdient werden können, dass es sich lohnt auch dort als Arzt zu arbeiten, nur vielleicht mit etwas geringeren Anreizen.


Autor: Christian Haffner

27.08.2011
Verbietet Pharmavertreter in Klinik und Praxis!






Kürzlich war ich Stationsarzt in einer Klinik in der inneren Medizin. Ich arbeite für verschiedene Krankenhäuser, Praxen und Notdienstzentralen auf Honorarbasis. In den Medikamentenlisten sind mir gleich viele Namen von Originalpräparaten aufgefallen, die wir in den Praxen gar nicht mehr verschreiben dürfen, ohne in Regress genommen zu werden, weil sie zu teuer sind oder die Wirksamkeit nicht belegt ist. Als einfachstes Beispiel kann ich ACC akut als Schleimlöser nennen, der schlechter wirkt als nur warmes Wasser alleine oder zumindest nicht besser als ein Placebo. In dieser Klinik war es zum Beispiel viel von „HEXAL“, das verschrieben wurde, so dass es mich nicht wundert, wenn die Patienten sich nur den Firmennamen merken. Auf die Frage: „Welche Medikamente nehmen Sie denn ein?“, habe ich von mehreren Patienten die Antwort: „Ich nehme HEXAL ein“, gehört. Wie gut wirkt doch die Marketingstrategie der Pharmaunternehmen. Und wie teuer kommt sie die Solidargemeinschaft zu stehen.


Dann kam ein Pharmavertreter auf die Station, der alle sechs Stationsärzte der Inneren um sich versammelte und drei Medikamente anpries, wie ein Verkäufer auf dem Markt. Er packte seine bunten Faltblättchen aus und erzählte unter anderem etwas über die Wirkstoffe Indacaterol und Aliskiren. Natürlich nannte er die Kunstnamen für die Medikamente, denn die will er ja verkaufen. Die Kollegen nickten mit den Köpfen und waren von den „Vorteilen“ der Medikamente sichtlich beeindruckt, schauten zustimmend auf die bunten Faltprospekte der Pharmaindustrie, die klar zeigten, warum diese Medikamente so wichtig sind. Als Facharzt für Allgemeinmedizin bin ich bei solchen Verkaufsstrategien sehr empfindlich und recherchierte im Hintergrund im arznei-telegramm. Dort wird über beide Wirkstoffe ein vernichtendes Urteil gefällt, das ich in der Zusammenfassung vortrug. Für Aliskiren bestehe kein Vorteil gegenüber den bereits bewährten Blutdruckmedikamenten, es sei nicht geklärt, ob es Krebs auslöse, es sei schlecht steuerbar und teuer. Dem Herrn von der Pharmaindustrie gefiel das sichtlich nicht, zumal die Kollegen nun auf den Zug aufsprangen und ihm diese Argumente an den Kopf knallten. „Teuer ist der Vorwurf“, versuchte der Verkaufsstratege nun zu retten, was von dem Verkaufsgespräch noch zu retten war. „Jede Innovation ist teuer, das ist der Preis für den Vorschritt.“ „Nur schlecht, wenn die Patienten dann an Krebs sterben, wenn sie Ihr Medikament einnehmen“, entgegnete ich. Dann kam der Trick mit den Studien, die er in groben Auszügen auf seinen Faltblättchen als Ass im Ärmel hatte: „Eine Studie in der renommierten Fachzeitschrift soundso hat aber klar den Vorteil von unseren Medikamenten gezeigt.“ Was denn der harte Endpunkt sei, wie die Mortalität, wollte ich wissen. Ja, das sei noch nicht bewiesen, aber die Patienten würden weniger Eiweiß ausscheiden, wenn sie das Medikament einnehmen würden und gleichzeitig einen schweren Diabetes mellitus Typ II hätten. Da er merkte, dass er keinen Blumentopf gewinnen konnte, beendete er das Gespräch: „Ich bin ja schon froh, wenn sie Aliskiren bei schwer zuckerkranken Patienten mit Proteinurie einsetzen“ und ging.


Da frage ich mich: Warum erlauben wir, dass massenweise Pharmavertreter Ärzte besuchen und ihre Verkaufsgespräche führen dürfen? Gefühlt seien 100% nicht richtig, was die Pharmavertreter in den Gesprächen mit Ärzten verbreiteten, sagte Hausarzt Dr. Wolfgang Blank vor kurzem im Gespräch mit Maybrit Illner im Fernsehen: Link zum Video . Es sei nachgewiesen, dass es in Wirklichkeit nur 90% nicht richtige Informationen seien. Deshalb empfange er grundsätzlich keine Pharmavertreter mehr in seiner Praxis. Ein Vorbild, um das Gesundheitswesen von schlechten und teuren Medikamenten zu befreien und Kosten zu sparen. Hier muss die Politik dringend handeln. Oder ist sie nur ein Spielball der Pharmalobby, die wohl auch das letzte große Arzneimittelgesetz „Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG)“ geschrieben hat? Nur zusammen können wir das Gesundheitssystem von unlauteren Methoden der Pharmafirmen befreien, die, wie in diesem Fall, mit voller Absicht Unwahrheiten verbreitet und Menschen potentiell schädigt, um ihre Gewinne zu maximieren.


Autor: Empört-Euch





Kommentare zu dieser News:

Datum: So 06 Nov 2011 13:18
Von: Stationsarzt


Auch ich bin ein Stationsarzt im Krankenhaus. Auch zu uns kommen regelmäßig Pharmavertreten mit ihren Geschenkkulis und bunten Studienblättchen. Ich empfange sie nicht und rede nicht mit ihnen. Teile ihnen freundlich mit, dass ich aus Prinzip keine Infos von Pharmavertretern wünsche und das nichts mit der Person persönlich zu tun hat. JEDES Mal gibt das trotzdem eine Diskussion. Jedes mal kostet es mich wertvolle Minuten, denn ich bin leider kein unhöflicher Mensch, der jemanden einfach stehen lässt. Ich hasse es! Ich möchte mich gerne unabhängig informieren und meiner Meinung nach KANN ein Pharmavertreter, der NATÜRLICH die Interessen seines Hauses vertritt dieses NICHT gewährleisten!

Immerhin steht mein Chef hinter mir, der selber auch das arznei-telegramm liest, und ich werde nicht von oben gezwungen, mit diesen Menschen zu reden!

Dennoch sollte es meiner Meinung nach einfach gar keine Pharmavertreter geben! Der Berufszweig ist sinnlos, parteiisch - und scheint sich leider doch wirtschaftlich zu lohnen, sonst würde es sie ja nicht geben!

Datum: Mo 09 Sep 2013 21:39
Von: Tamara


Es ist leider nicht nur so, dass uns die Pharmaindustrie mit nicht ausreichend getesteten Medikamenten, die erst im Krankenhaus - oder Praxisalltag auf Kosten der Patienten ausgetestet werden, beglücken will,nein! Denn dort,wo eindeutig Heilung günstig möglich wäre, selbst für gefährliche chronische Krankheiten wie Malaria oder andere bakteriell verursachte Krankheiten wird sie ganz bewußt hintertrieben und eine Markteinführung unmöglich gemacht. So wird maximaler Verdienst auf Kosten der Patienten möglich.Wo bleibt unser Geist des Hippokrates und der Widerstand der Ärzteschaft diesen Machenschaften gegenüber? Wo bleibt der freie und nicht korrumpierte Denker?! Machen wir uns alle zu Hilfsgenossen und lassen das zu?! Wer wundert sich da, dass immer mehr Menschen ihre Achtung vor dem Ärztestand verlieren und ein Skandal den anderen jagt?! Wann geht es dem Arzt für Naturheilverfahren an den Kragen?! Sind wir die nächsten? Warum werden Alternativmedizin und - methoden schon von der Lobbyistenschaft aus dem Europaparlament gerade jetzt ganz still und heimlich im Hintergrund, kaum beachtet von der Öffentlichkeit, langsam das Wasser abgegraben? Vielleicht braucht man sie noch einmal sehr, diese angeblich fragwürdigen Methoden, die teilweise schon tausende Jahre Erfahrung beinhalten; nämlich dann, wenn wir merken, dass der unbändige und unreflektierte Glaube an das Können der Pharmaindustrie dem Können und der Wandlungsfähigkeit der Erreger gegenübersteht.Siehe Antibiotika.

19.08.2011
Brauchen wir Regresse in dieser Form?






Niedergelassene Ärzte haften mit ihrem Privatvermögen dafür, dass sie „wirtschaftlich“ arbeiten und nur wirklich notwendige Medikamente und Heilmittel verschreiben. Dabei gibt es eine Vielzahl an Regeln, welche Medikamente auf Kassenrezept aufgeschrieben werden dürfen und welche nicht. So sind bestimmte Kombinationen von sonst auf Kasse verschreibbaren Medikamenten plötzlich nicht mehr erstattungsfähig oder andere, wie Paracetamol, erst ab einer gewissen Packungsgröße, dann aber auch nur mit einer überzeugenden Begründung. Und dafür, dass Paracetamol dann verschreibungspflicht ist, kostet es gleich mal eine Gebühr von 8 Euro mehr. Andere Medikamente, wie Ibuprofen oder Diclofenac, sind erst ab einer bestimmten Stärke verschreibbar. Ibu 400 akut gibt es „frei“, also ohne Rezept, Ibu 400 ohne den Zusatz „akut“ nur auf Rezept und dann gleich erheblich teurer. Übrigens auch für den Patienten ist das teurer, denn 20 Tabletten Ibu 400 akut kosten heute 3 Euro 80, beim rezeptpflichtigen Ibu 400 für 10 Euro 90 zahlt der Patient, wenn er nicht befreit ist, eine Zuzahlung von 5 Euro pro Schachtel. Das nur als ein triviales Beispiel deutscher Regelkunst, durch die selbst Spezialisten auf diesem Gebiet kaum noch einen Durchblick haben.


Und dann gibt es ja auch noch das Arzneimittelbudget. Es bemisst sich am Schnitt der Medikamente, die ein Arzt desselben Fachgebietes verschreibt. Doch jetzt wird es tricky: Wie dieser Schnitt aussieht und wie ich ihn berechnen kann, das verrät die Kassenärztliche Vereinigung (KV) nicht. Und eine schnelle Rückmeldung gibt es auch nicht. Die Zeit, bis ich von einer Krankenkasse eine Regressforderung erhalte, wurde vor einiger Zeit von 5 auf 2 Jahre herabgesetzt. Das heißt aber immer noch, dass ich zwei Jahre in vollkommenem Ungewissen bin, ob alles, was ich gerade verschreibe, einen Regress zur Folge hat oder nicht. Da kann sich etwas ansammeln. Und: Ich muss im Regressfall die Unterlagen von zwei Jahren durcharbeiten und mich für jeden einzelnen Fall rechfertigen. Sonst drohen nicht selten Rückzahlungsforderungen von einigen zehntausend bis einigen hunderttausend Euro. Das kann die Pleite für eine Arztpraxis bedeuten.


Neulich kam ich ins Gespräch mit einem in Regressfragen und KV-Dingen sehr bewanderten Kollegen und fragte ihn, warum es die Zeitspanne von 2 Jahren gibt. „Die eingelösten Rezepte müssen erst einmal zur KV, dort werden sie gesammelt und dann eingescannt. Dann erhalten die jeweiligen Kassen die Rezepte. Das dauert halt seine Zeit.“ Warum das so kompliziert sein muss und nicht z.B. einfach über die Apothekensoftware direkt laufen kann, das habe ich nicht verstanden. Und diese Kontrollmechanismen mit horrenden Rückforderungen, die die Existenz bedrohen, die gibt es in anderen Ländern auch gar nicht. In Großbritannien, so erinnere ich mich an ein Gespräch von vor einigen Jahren, werde man relativ schnell von der Ärztevereinigung angerufen und gebeten, das eine oder andere Medikament weniger zu verschreiben oder ein wenig aufzupassen. Erst danach werde man mal zum Gespräch gebeten. Privathaftung? Nein, so etwas gebe es nicht.


Hat das ganze System? Ich denke ja. Mit Regressforderungen dieser Art kann die gesamte freiberuflich arbeitende Ärzteschaft mit ihren Praxen massiv eingeschüchtert und damit kontrolliert werden. Jemand, der Angst vor dem Bankrott hat, ist viel eher zu Zugeständnissen bereit. Es geht ja ums berufliche und private Überleben. Ein Leben kann mit Schulden von z.B. 600000 Euro zerstört werden. Ich bin mir sicher, dass es auch anders ginge. Doch haben Regierungsstellen offensichtlich Angst vor dem mündigen Bürger und spielen lieber die Ärzte gegeneinander aus: Divide et impera – teile und herrsche. Das wussten schon die alten Römer.


Autor: Empört-Euch

13.08.2011
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Intransparenzen im Gesundheitswesen


In welchem Staat leben wir eigentlich? Wenn ich die Verstrickungen im deutschen Gesundheitssystem sehe, dann denke ich eher an Berlusconis Italien oder das Gebahren eines afrikanischen Stammesfürsten als an einen deutschen, transparenten Rechtsstaat, bei dem alles geregelt ist. Zum Beispiel werden Kassenzulassungen für Arztpraxen zwar im Ärzteblatt der jeweils zuständigen Landesärztekammer ausgeschrieben. Doch teilen mir mehrere Kollegen gleich mit, das sei nur „pro forma“ so, die Zulassungen würden in Wirklichkeit längst vorher unter der Hand verkauft. Wieso eigentlich verkauft? Ich dachte, die Kassenärztliche Vereinigung vergibt die Kassenzulassungen an Ärzte, damit eine lückenlose Versorgung der Patienten sichergestellt ist. Na ja, das sei für den Patientenstamm, raunt mir ein Kollege zu. Ach so, weil ich seine Patienten weiter betreuen darf, wenn mein Vorgänger weggeht, muss ich einige zehntausend Euro bezahlen? Ich schüttle innerlich den Kopf. Was für ein verqueres System.

Nebenbei möchte ich Notdienste machen und frage Kollegen, wie ich da vorgehe. „Du musst jemand kennen, der dort etabliert ist, über den Du dann dort reinkommen kannst“, sagt mir der Kollege, der gute Kontakte hat und den Obmann, so heißt der Leiter von einer Notdienstzentrale, kennt. „Ich frage den Horst mal, der Obmann in Buxtehude ist und lege ein gutes Wort für Dich ein.“ Warum ich den Obmann denn nicht selber fragen könne. Ja, könnte ich schon, aber damit würde ich wohl nicht dort arbeiten können, das ginge so nicht. Also ruft er den Horst an, ich gehe zum Vorstellungsgespräch und dann zur Dienstbesprechung. Es werden die Dienste für das nächste halbe Jahr eingeteilt. Der Dienstplan, der an die Wand projiziert wird, ist aber schon fast vollständig ausgefüllt. Ich frage einen Kollegen, der neben mir sitzt. Ja, zuerst bekommen die Ärzte, die in einer Praxis niedergelassen sind den Plan, dann nach einigen Tag die, die schon länger dabei sind. Jetzt würden an die Ärzte, die noch nicht so lange Dienst machen, nur die unbeliebten und schlechter bezahlten Restdienste vergeben. Das sei halt so.

Auf der Suche nach weiteren Notdienstzentralen, bei denen ich mitarbeiten kann, stoße ich auf Kollegen, die mich irgendwo einschleusen wollen, auch, um Dienste loszuwerden. Meist sind dort die Dienste nicht so gut bezahlt. In den größeren Städten, wo die Notdienste sich noch lohnen, da halte R. den Daumen drauf, dass man dort nicht reinkomme. R. ist ein Kollege, der auch in meiner Zentrale mitarbeitet. Er kenne die Obmänner verschiedener Zentralen gut und man solle ihn sich warm halten, berichtet mir eine Kollegin. Komisches System. Warum kann ein Arzt nicht einfach die Kassenärztliche Vereinigung (KV) fragen, wo Ärzte für die Notdienste gebraucht werden, die KV nennt dann den Obmann. Dann bewerbe ich mich als Arzt dort, führe ein Bewerbungsgespräch und fange an. Notfalls lasse ich mich halt noch mal auf eine Warteliste setzen. Das wäre doch transparent!

Ein befreundeter Kollege musste sich für seine Notdienstzentrale jetzt ein neues Kartenlesegerät für 350 Euro kaufen und ein Abrechnungsprogramm für seinen PC besorgen, da die Abrechnung der Notdienste seit dem 1.1.2011 nur noch online geht. Nach einigen Schwierigkeiten und Hilfe von Kollegen kommt schließlich die Bestätigung der Software, dass alles funktioniert hat. Nur 2 Quartale (gleich 6 Monate) später kommt dann das Geld. 5% seien ihm abgezogen worden, weil er nicht online abgerechnet habe. Ein Anruf bei der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung klärt, dass sich die KV geirrt hat. Er hatte ja online abgerechnet. Und jetzt würde ihm sein Geld gleich überwiesen, das noch fehle? Nein, nein, so einfach sei das nicht, sagt der Herr am anderen Ende der Leitung. Er müsse erst einmal Widerspruch einlegen, dann würde er das Geld in einigen Monaten erhalten. Geht’s nicht noch komplizierter und unfairer?

Doch geht es: Bei der Buchhaltung fällt einem Kollegen, der zum größten Teil von Notdiensten lebt, auf, dass das komplette Honorar einer Notdienstzentrale auch nach 7 Monaten noch fehlt. Er hakt bei der KV nach. Ja, in diesem Gebiet würden jetzt mehrere Notdienstzentralen zusammengelegt. Das dauere noch mit der Bezahlung. Er bekomme sein Geld erst in weiteren 6 Monaten. Proteste, dass er aber jetzt seine Kosten bezahle müsse, fruchten nichts. Das sei halt so. Ach so.

Das sind nur einige wenige Beispiele über die Verstrickungen und Intransparenzen im Gesundheitssystem. Ein Amigo-Geflecht, seltsame Hierarchien und Protektionismus nach außen kennzeichnen es. Hier ist ein Kahlschlag mit neuer, klarer Strukturierung und Honorierung dringend notwendig.


Autor: Dr. Großes Rad





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 06 Okt 2011 19:00
Von: KV-Vergifteter


... Großes Rad hat recht: So wie es in der großen Politik keine wirliche Reform gibt, gibt es sie auch nicht auf mittlerer Ebene, schon gar nicht in der Kassenärztlichen Vereinigung. Eine KV gibt es sonst in keinem Land der Welt.

02.08.2011
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Ich habe einen Traum


, dass Kassenärzte genügend Zeit für ihre Patienten haben

, dass Ärzte mit ethisch und wissenschaftlich korrekter Arbeit gutes Geld verdienen

, dass die Sozialabgaben sinken und sich das Sozialsystem dennoch gut finanzieren kann

, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen transparent und für jeden nachvollziehbar handeln

, dass Regresse abgeschafft werden und andere Regulationsmechnismen weniger drakonischen Ausmaßes gefunden werden

, dass das Gesundheitswesen wieder komplett in öffentlicher Hand sein wird und private Klinik- und Praxisbetreiber nicht mehr erlaubt sind

, dass Kassenzulassungen kostenlos vergeben werden

, dass junge Ärzte mehr Gestaltungsfreiheit erhalten

, dass Notdienste wieder so bezahlt werden, dass die Notdienstärzte ein wertschätzendes Netto von mindestens 30 Euro pro Stunde erhalten und nicht, wie derzeit, ca. 10 Euro pro Stunde

, dass Ärzte kollegial zueinander sind und miteinander und nicht übereinander reden

, dass steile Hierarchien zugunsten eines miteinander Arbeitens abgeschafft werden

, dass trotz wissenschaftlich korrekter Arbeit wieder mehr Kreativität im Arztberuf möglich ist

, dass Ärzte sich wieder mehr um das Wohl des Patienten und nicht zu sehr um ihr überleben kümmern können

, dass Arbeiten als Arzt wieder sinnerfüllt ist und Freude bereitet

, dass alle Ärzte an einem Strang Ziehen und sich nicht von Politik, Standesvertretern und Wirtschaftsunternehmen gegeneinander ausspielen lassen

, dass kein Arzt sich mehr an die Industrie verkauft und nach dem Motto lebt und arbeitet „Mein Essen zahle ich selbst“

, dass wissenschaftliche Fachgesellschaften und Berufsverbände mit sich und mit der Basis transparent und konsequent auf gleicher Augenhöhe zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen.



Was wünschen Sie sich für das Gesundheitssystem? Schreiben Sie es unter „Kommentar“.


Autor: Christian Haffner





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 06 Okt 2011 19:04
Von: KV-Vergifteter


... und dazu wünsche ich mir, daß das Wort ethisch ersetzt wird durch das Wort \"anständig\". Das versteht jeder besser.

20.07.2011
Petition für eine bessere Facharztweiterbildung




Die Qualität der Weiterbildung in Deutschland ist immer wieder in die Kritik geraten. Doch den wirklichen Durchbruch gab es nicht. Die Ärztekammern sind aus rechtlicher Sicht für die Weiterbildung verantwortlich, haben bisher aber bis auf einige Pseudoinitiativen nicht viel getan. Immer noch gilt die Arbeitskraft des Arztes mehr als die Pflicht der Kliniken die jungen Ärzte zu Fachärzten weiterzubilden. Diese Spezialisierungsphase zu Fachärzten, die \"Weiterbildung\" ist unstrukturiert, dem Zufall überlassen. Verlangte Untersuchungszahlen sind oft nicht erreichbar, Unterschriften für häufig nicht gemachte und nicht machbare Untersuchungen in überhöhter Zahl werden von den Chefärzten für Wohlverhalten gegeben. Die jungen Ärzte sind damit erpressbar, ihre Arbeitsverträge zu verlängern, Überstunden nicht aufzuschreiben und nicht aufzumucken.

Eine Petiton von Jens Hahn aus Berlin fordert nun eine Verbesserung dieser Weiterbildungssituation. Eine Teilnahme ist über diesen Link möglich


Autor: Der Neue Hippokrates

20.07.2011
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Arbeiten als Honorararzt


Seit einigen Monaten arbeite ich als Honorararzt. Ich bin also weder angestellt in einem Krankenhaus, einer Rehaklinik oder einer Praxis. Noch besitze ich eine eigene Arztpraxis. Ich verkaufe meine Arbeitskraft, biete mich über die Notfalldienstzentralen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), Krankenhäuser, Kliniken und Praxen als Honorarkraft an. Angebote gibt es deutschlandweit genug, wenn man flexibel ist. Unterkunft, Essen und Berufshaftpflichtversicherung sind bei den meisten Angeboten, außer den Notdiensten, mit dabei.

Warum habe ich mich für diesen Schritt entschieden? Nach einer langen Spezialisierungsphase zum Facharzt möchte ich mein eigener Chef sein, selbst entscheiden, wann und wie viel ich arbeite und was ich tue. Als niedergelassener Arzt bin ich – das habe ich während meiner Weiterbildung zum Facharzt mehrfach erlebt – von der Kassenärztlichen Vereinigung abhängig. Arbeite ich zu lange und überschreite damit mein Zeitbudget, werde ich genauso bestraft wie wenn ich mein Medikamentenbudget überziehe. Die Kassenärztlichen Vereinigungen gehören zur Exekutive des Staates und informieren schnell und oft ohne Rücksprache mit dem Arzt die Staatsanwaltschaft, die dann ein Strafverfahren wegen Betruges einleitet. Dies kann zum Beispiel bei der Überschreitung des Zeitbudgets passieren. Medikamentenregresse in Höhe von einigen hunderttausend Euro sind keine Seltenheit. Hier fordern die Kassen Geld für angeblich ungerechtfertigterweise verschriebene Medikamente oder Heilmittel vom Arzt zurück. Der Arzt muss sich einen Fachanwalt nehmen, der etwa 400 Euro pro Stunden kostet, seine Unterlagen in seiner Freizeit durchforsten und die Vorwürfe entkräften. Sonst ist er oft pleite. Zusätzlich ist der Arzt oft in einem Hamsterrad mit hohen Patientenkontaktzahlen und kurzen Patientenkontaktzeiten von wenigen Minuten gefangen, um überleben zu können. Auf dieses System habe ich keine Lust.

Die ersten Notdienste in verschiedenen Bereitschaftsdienstzentralen waren hart. Wohlgemerkt arbeite ich dort als der Vertreter der Hausärzte und bin NotDIENSTarzt und kein Notarzt. Das wird in der Bevölkerung, aber auch von Kollegen, gerne verwechselt. Und doch behandelte ich hier akute Fälle vom Herzinfarkt über Atemnot, epileptischen Anfall bis hin zur Panikattacke mit Erstickungsangst am laufenden Band. Hausbesuche muss ich ebenso fahren, wenn das nötig ist, und das ist oft der Fall. Beim Vorstellungsgespräch hieß es, es würden 45 Euro pro Stunde bezahlt. Das sind bei 12 Stunden 540 Euro. Doch erst im Laufe der ersten Monate zeigt sich die Realität: Knapp 400 Euro werden frühesten nach 6 bis 8 Wochen überwiesen. Den Rest gibt es dann als Nachzahlung erst nach 7 (!) Monaten. Warum? Das sei halt so. Es folgen Anfragen von gesetzlicher Krankenkasse und dem Ärzte-Versorgungswerk, der Rentenkasse für Ärzte. Die Krankenkasse möchte meinen Durchschnittsgewinn der nächsten 12 Monate wissen und berechnet mindestens 17,1% davon als Beitrag. Möchte ich ab der 6. Krankheitswoche abgesichert sein, möchte sie 17,7%. Will ich einen besseren Schutz wird es entsprechend teurer. Das Ärzte-Versorgungswerk möchte gleich 19,9% meines Gewinnes. Zusätzlich versteuert der Staat meinen kalkulierten Gewinn mit 33,5%. Das macht summa summarum 70,1% Abzüge. Von meinen 400 Euro, die ich nach frühestens 6 Wochen überwiesen bekomme, muss ich also mindestens 280,40 Euro abgeben, und es bleiben noch 119,60 für mich übrig. Das sind für einen 12-Stunden-Notdienst etwa 9,97 Euro pro Stunde netto. Da frage ich mich: Ist uns unsere ärztliche Versorgung nur so viel wert? Es wundert mich nicht, dass überall händeringend Ärzte für die Bereitschaftsdienstzentralen gesucht werden.

Der nächste Schritt sind Bereitschaftsdienste in Rehakliniken, die unterschiedlich gut von 17 bis 33 Euro pro Stunde bezahlen. Doch kann ich hier einmal im Monat eine Rechnung stellen, die zügig bezahlt wird. Auch sind die Dienste relativ ruhig. Zwar bewache ich hier oft über 200 Patienten, aber gibt es längere Ruhephasen, in denen ich Arbeit erledigen oder mich ausruhen kann. Bei Diensten zwischen 16 und 25 Stunden lohnen sich solche Dienste eingestreut schon.

Lukrativer sind Einsätze in Kliniken als Stationsarzt. Hier wird für Fachärzte wie mich bis zu 85 Euro pro Stunde bezahlt. Doch bleiben mir hier wegen der enormen Abzüge auch nur 26 Euro übrig. Das Manko ist, dass ich oft heimatfern für Wochen bis Monate in einem Wohnheim untergebracht bin und maximal am Wochenende, falls es überhaupt frei ist, nach Hause zur Familie zurückkehren kann.

Für Praxisvertretungen bekomme ich etwa 400 Euro pro Tag, das sind netto etwa 120 Euro. Auch hier bin ich nur selten in Pendelnähe um meinen Wohnort und nur am Wochenende zu Hause.

Insgesamt genieße ich es mein eigener Chef zu sein, andererseits empfinde ich die massiven Abzüge von mindestens 70% als ungerecht und demotivierend. Nach langen Jahren des Medizinstudiums, der Promotion und Spezialisierungsphase zum Facharzt wünsche ich mir eine Wertschätzung meiner Arbeit. Hier würde eine Entlastung durch Senkung der Sozialabgaben und Förderung der Freiberuflichkeit enorm helfen. Dann könnte ich mir auch mehr Freiräume schaffen, um mich von der stressigen Arbeit zu regenerieren, mehr Fortbildungsveranstaltungen zu besuchen und mit meiner Familie die Zeit der Trennung durch gemeinsame Freizeit auszugleichen. Dann ließen sich die Entbehrungen leichter ertragen und die Arbeit würde noch mehr Freude machen. Momentan wehre ich nur mit Mühe den Gedanken ab, dass ein Arbeiten als Arzt egal ob in Praxis, Krankenhaus, Rehaklinik in Anstellung oder als Freiberufler kein Glück verspricht. Dann verstehe ich die vielen Kollegen, die Deutschland verlassen und in anderen europäischen Ländern ihr Glück versuchen.


Autor: Dr. Großes Rad





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 10 Mai 2012 13:42
Von: mamsibamsi


Ich mußte weinen, als ich diesen Bericht gelesen habe. Ich bin niedergelassen, arbeite aber im \"Urlaub\" als Honorarärztin, schlage mich seit der Niederlassung 2004 mit angeblichen \"Überzahlungsrückführungen\" für Q2/2005 (EBM-Umstellung, Punktwertverlust, Umstellung von Haus- auf Facharzt), mit Regressandrohungen und tägliche Angst, dass die KV die Staatsanwaltschaft auf den Plan holt, weil ich angeblich das Zeitbudget überschreite (ich halte mich eisern an die kalkulatorische Zeit und lasse auch viele Ziffern erbrachter Leistungen, unabgerechnet). Ich bin bereits mit einem Fuß auch in der Schweiz, fühle mich zurzeit jedoch gesundheitlich (physisch und psychisch) noch nicht in der Lage ganz aufzubrechen. Meine Tochter will Medizin studieren und ich weiß nicht ob ich ihr zu- oder eher abraten soll!!

Datum: Do 10 Mai 2012 23:09
Von: Nico


Herzlich Willkommen!

Na, dann hoffe ich doch, dass Sie sich bald bei uns als Mitglied anmelden werden! :-))

N. Schäfer - Bundesverband der Honorarärzte e.V.

Datum: Do 10 Jan 2013 02:37
Von: ddessler


70% abzüge sind unrealistisch: sowohl die Krankenkassenbeiträge als auch die Beiträge für das Versorgungswerk sind gedeckelt, d.h. das jenseits einer bestimmten Höhe der Einkünfte die Beiträge nicht mehr steigen. Dies führt dazu, dass der Krankenkassenbeitrag inklusive Pflegeversicherung z.B. bei der Techniker Krankenkasse bei maximal rund 670 Euro monatlich und der Beitrag für die Ärzteversorgung am Beispiel der Ärzteversorgung Niedersachsen bei 14% der Einkünfte jedoch bei maximal 1608,10 Euro monatlich liegt. Als Honorararzt überschreitet man im Regelfall die Beitragsbemessungsgrenzen deutlich. Liegt man darunter, ist die Steuerbelastung geringer. Alles in allem dürften für Steuer, Versorgungswerk und Krankenkassenbeitrag/Pflegeversicherung ca. 50% des Gewinns anfallen.

04.02.2011
Antwort an Dr. Heuteufel von bulli


Lieber Herr Dr. Heuteufel,



vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Artikel, der mir bestätigt, was ich schon ahnte: daß mein Fall eben kein Einzelfall ist. Nach längerer Krankheit trete ich demnächst eine Stelle an, ambulant, da mich nach wie vor keine Klinik haben wollte. Und angesichts der Tatsache, daß in Ländern wie z.B. England der dreijährige Facharzt noch existiert, darf man sich wirklich fragen, warum gerade Deutschland mit seinem eklatanten Ärztemangel so vehement am fünfjährigen Facharzt festhält und an dem von Ihnen so treffend beschriebenen "Feudalsystem". Bei allen Debatten um "mehr Studienplätze" gegen den Ärztemangel unter anderem auf dem Lande wird nämlich die Weiterbildungsordnung seltsamerweise nie in Frage gestellt... Nochmals vielen Dank für Ihr feedback, es ist mir eine echte Hilfe auf meinem immer noch steinigen Weg


herzlichen Gruß


bulli


Autor: bulli





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 06 Okt 2011 20:06
Von: KV-Vergifteter


... es gibt in D keinen Ärztemangel, bei weitem nicht. Was die \"Hausärzte\" in Deutschland mittlerweile treiben müssen, hat mit Medizin doch immer weniger zu tun: siehe Beitrag \"Der Landarsch\" im Medizinblog. Der A.f.A ist zum A.f.A. = Arzt für Administration gewandelt (viel zu vornehm dieser Ausdruck, \"Formularausfüller\" wäre richtig). Wird aber auch langsam für den Patienten gesundheitsschädlich: wenn man keine klinisch \"interessanten\" Fälle mehr hat, übersieht man immer mehr oder verschleppt. Fit bleibt eben nur, wer gefordert wird.

12.01.2011
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Wohin geht das Geld? Teil 3: Die MVZs


Letzte Nacht hatte ich einen Traum: ich war Angestellter in einem der neu geschaffenen Medizinischen Versorgungszentren (MVZs). Die Chefin, Frau Dr. M., hatte genug Kapital, um den Medizinmarkt unserer Stadt gehörig aufzumischen. Die Kassensitze der Kollegen aus der Umgebung fielen ihr in die Hände wie reife Birnen, keiner wollte sich mehr mit dem täglichen Ärger aus fallendem Regelleistungsvolumen, Regressen und überbordender Bürokratie mehr herumärgern und viele tauschten ihre Selbständigkeit gegen ein Anstellungsverhältnis bei Dr. M. Diese pflegte hervorragende Beziehungen zu ihrer kassenärztlichen Vereinigung und wenn es mal nicht lief, hatte sie eine Horde Rechtsanwälte an ihrer Seite. Sie führte eine extreme Zweiklassenmedizin ein: die Kassenpatienten mussten von ihren Ärzten im 7,5 Minuten Takt behandelt werden. Es sollten möglichst viele Ringüberweisungen innerhalb des MVZs oder in die Zweigpraxis gemacht werden. Für Hausbesuche hatten die angestellten Ärzte exakt 7,5 Minuten für die Autofahrt und 7,5 Minuten für den Patientenkontakt zur Verfügung. Ohne Rücksicht auf Verträglichkeit oder Resistenzentwicklung hatten ihre Ärzte die Anweisung, nur Breitbandantibiotika zu verordnen, damit „die Patienten auch bloß nicht wiederkämen“, denn nach einem Arztkontakt ist das Regelleistungsvolumen bereits ausgeschöpft. Kamen Patienten nun doch ein zweites Mal, so verpasste Ihnen Dr. M. ausnahmslos eine Psychodiagnose, denn so konnte sie den Zusatzzuschlag „Psychosomatische Grundversorgung“ kassieren. „Die haben sowieso alle einen an der Waffel“, so ihre lapidare Begründung. Privatpatienten wurden hingegen extrem hofiert. Kein Privatpatient dürfe die Praxis mit einer Rechnung von unter 1000 Euro verlassen, so ihre Devise, allen müsse ein Haufen an Vorsorgeleistungen aufgeschwatzt werden. Und bei den Vorsorgen fänden sich immer kontrollbedürftige Befunde, welche den Patienten wiederkommen ließen. Die Privatpatienten durchschauten dies zumeist nicht und freuten sich, „dass sich endlich mal jemand richtig um sie kümmerte“. Die Gewinne von Dr. M. waren enorm, wohingegen die noch verbliebenen Einzelpraxen am Existenzminimum herumkrebsten. Schweißgebadet wachte ich auf und war erleichtert, dass dies nur ein Traum gewesen war. Oder etwa nicht?


Autor: Dr. Heuteufel

12.01.2011
Deutschland Entwicklungsland der ärztlichen Weiterbildung


Ein erschreckendes Beispiel, Schicksale wie Ihres habe ich während meiner Weiterbildung zuhauf angetroffen. Vor allem Leute mit Kindern und Kranke werden durch die strengen Regeln der deutschen Weiterbildungsordnungen massiv benachteiligt. Weiterbildungszeiten von 15 Jahren und mehr sind keine Seltenheit und viele können ihre Weiterbildung nie beenden und fristen ihr Dasein als so genannte Altassistenten. So etwas gibt es in keinem anderen Land Europas - überall sonst bekommt man einen Vertrag für die gesamte Weiterbildung und der Weiterbilder hat die Bringschuld, dass man in der vorgegebenen Zeit - für die Allgemeinmedizin sind dies zum Beispiel in Holland und England 3 Jahre - die notwendigen Lerninhalte auch tatsächlich lernt. Dort bemüht man sich sehr um eine gute und strukturierte Weiterbildung. In Deutschland hingegen herrscht der pure Feudalismus: eine illustrer Kreis alter Männer in den 17 deutschen Ärztekammern denken sich irrwitzige Weiterbildungsordnungen aus, deren einziger Zweck darin besteht, den Arzt in Weiterbildung - Assistent genannt - zu einem gefügigen Arbeitstier für möglichst lange Zeit zu machen. Wer gegen das System aufbegehrt oder dessen Tempo nicht durchhält, wird abgestraft, indem er den Facharzttitel nicht bekommt. Ein Haufen Erbsenzähler in den Kammern wacht akribisch über jede einzelne der tausenden Untersuchungen, OPs etc., die man bescheinigt bekommen haben muss.


Autor: Dr. Heuteufel

09.01.2011
für ein gerechtes Bildungssystem - neuer Bildungsblog




Eine der Grundfesten unseres demokratischen Staates ist die Bildung der Bevölkerung, die Voraussetzung dafür ein gutes Bildungssystem. Gerade die durch die PISA-Studien gezeigte Abhängigkeit der Bildungschancen von der sozialen Herkunft hat zu Recht viel Kritik am jetzigen System hervorgerufen. Ebenso erscheint es ungerecht, dass ausländische Mitbürger in Deutschland deutlich geringere Chancen haben, in unserem Schul- und Universitätssystem erfolgreich zu sein, als deutsche Muttersprachler.

Daher haben wir einen Blog zu diesem Thema eingerichtet, in dem kritische Themen zur deutschen Bildungssituation veröffentlicht und diskutiert werden Die Bildungskolumne

Im deutschen Grundgesetz, Artikel 3, ist festgelegt:

"3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Doch in der Realität wird wenig für eine wirkliche Gleichbehandlung getan, die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge, die Studiengebühren, fördern noch die Ungleichbehandlung. Ein Arbeiten neben dem Studium wird aufgrund der neuen Studienorganisation deutlich schwieriger, gleichzeitig werden die Kosten drastisch erhöht. Soll hier eine Geldelite begünstigt werden, die allein einen De-Facto-Zugang zur Hochschulbildung erhält?

Genauso kritisch muss die Handhabung der Integrationskurse für Ausländer gesehen werden, die vorgeblich von der schwarz-gelben Regierung protegiert werden. Gleichzeitig wurde 2010 mehrfach die Förderung gekürzt, die Honorarlehrer für die Ausländersprachkurse werden schlecht bezahlt und erhalten ihr Geld nur sehr verzögert und durch Ausübung von Druck. Ein Schriftwechsel von Honorarlehrern mit dem Bundesminsterium für Migration und Flüchtlinge (BAMF)liegt dieser Zeitung vor und wird in Kürze hier oder auf der Bildungskolumne veröffentlicht werden.


Autor: Die Redaktion

01.01.2011
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Über Pressezensur - Aufruf zum neuen Jahr 2011


Die Pressezensur in Ungarn, die Inhaftierung von Regierungsgegnern in Weißrussland und der Umgang mit der Internetplattform WikiLeaks zeigen, wie wenig selbstverständlich eine Pressefreiheit ist. Laut „Reporter ohne Grenzen“ liegt Deutschland im Vergleich der Länder nur auf Rang 17. Die Pressefreiheit wie das Recht auf freie Meinungsäußerung sind Grundfesten der Demokratie und deshalb im Artikel 5 des Grundgesetzes festgeschrieben.

Doch die Beeinflussung der Presse geschieht in Deutschland mehr oder weniger subtil. Wenn zum Beispiel Bundespräsident Wulff eine „Qualitätsnorm“ für Journalismus fordert droht eine Zensur durch die Hintertür, werden regierungsliebsame Veröffentlichungen gefördert und ein im letzten Jahrzehnt so modern gewordenes Qualitätsmanagement als Machtmittel missbraucht. Ähnliches sehen wir in den Arztpraxen, wo Qualitätssicherungssysteme installiert werden sollen, die nicht selten wie Steuerungsinstrumente wirken und den Patienten und Ärzten nur selten helfen.

Aber gerade die freie Meinungsäußerung in Wort, Schrift und Bild ist ein wichtiges Kontrollinstrument des Volkes, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Dazu gehören auch Vorgänge in der Regierung, die durchsickern, auch wenn sie ursprünglich nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht waren. Beispiele wie die Watergate-Affäre, der Seveso-Dioxin-Skandal, die mit Glykol gepantschten Weine in Italien, der Gammelfleischskandal wären ohne eine Pressefreiheit gar nicht ans Licht gekommen. Vielmehr sollte die Pressefreiheit um ein Whistleblower-Gesetz erweitert werden, so dass Informanten aus Regierung und Betrieben geschützt werden, wenn die Verbreitung der Informationen von allgemeinem Interesse ist.

Der neue Hippokrates möchte zur wirklichen Pressefreiheit ein Stück weit beitragen und bietet jedem die Möglichkeit, geschützt durch ein Pseudonym über Missstände im Gesundheitswesen zu veröffentlichen. Dabei ist es egal, ob Sie Patient, Arzt, Pfleger oder Schwester, Physiotherapeut, Ergotherapeut oder einfach ein wachsamer Beobachter sind. Nehmen Sie mit uns Kontakt auf, nur zusammen können wir das Gesundheitssystem vor einem Ausverkauf an die Wirtschaft, vor Fremdinteressen schützen und ein System installieren, das bei guten Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter des Gesundheitssystems den Patienten nachhaltig hilft. Veröffentlichen Sie Artikel über unsere Plattform, diskutieren Sie in unseren Foren, schreiben Sie uns E-Mails: info@der-neue-hippokrates.com

Ihnen allen ein frohes neues Jahr 2011 mit viel Rückgrat und Mut, sich für unsere Demokratie und das Recht auf freie Meinungsäußerung einzusetzen.

Christian Haffner

Herausgeber von www.der-neue-hippokrates.com


Autor: Christian Haffner

12.12.2010
Deutschland braucht ein Whistleblower-Gesetz!




Wikipedia definiert Whistleblower so:

Ein Whistleblower (abgeleitet vom englischen „to blow the whistle“, auf deutsch wörtlich etwa „die Pfeife blasen“) ist ein Hinweisgeber, der Missstände, illegales Handeln (z. B. Korruption, Insiderhandel) oder allgemeine Gefahren, von denen er an seinem Arbeitsplatz oder auch beispielsweise bei einer medizinischen Behandlung erfährt, an die Öffentlichkeit bringt

(siehe: Whistleblower)

Beispiele gibt es zahlreiche, nicht nur die durch Wikileaks veröffentlichten Beweise, dass die USA in Afghanistan weiterhin trotz Verbote Streubomben einsetzen, auch die Aufdeckung des Gammelfleischskandals. Ebenso Infos über das Gefangenenlager Guantanamo und über die Folter der Gefangenen in Abu Graib sind Whistleblowern zu verdanken. Weitere Infos:

Whistleblowernetzwerk
Dok Zentrum

Auf das Gesundheitswesen angewendet bedeutet dies, dass unhaltbare Zustände z.B. in den Kliniken, den Altersheimen ans Tageslicht kommen könnten, wenn es Leute mit Zivilcourage gäbe. So gibt es immer wieder Hinweise, dass besonders in öffentlichen Krankenhäusern, die privatisiert wurden und seitdem gewinnorientiert sind, unhaltbare Zustände herrschen. Zum Beispiel wurden Ärzte direkt nach dem Studium ohne Einarbeitung und Erfahrung bereits in der ersten Woche alleine in Hausdienste geschickt. Überlastung und fehlende Betreuung haben nach Angaben mindestens zu Schäden an Patienten geführt, von Todesfällen wird gemunkelt.

Und genau hier ist unser Problem in Deutschland: Das "Betriebsgeheimnis" und die "Loyalität" gegenüber dem Arbeitgeber wird meist höher bewertet als das Gemeinwohl und das allgemeine Interesse. In anderen Ländern werden Whistleblower geschützt und dürfen nicht so einfach wie hier verklagt oder entlassen werden.

Und jetzt der ENTSCHEIDENDE Unterschied zu Denunzianten. Hier sind wir in Deutschland wegen unserer doppelten Vergangenheit mit Drittem Reich und der DDR sehr sensibilisiert. Whistleblower-Gesetze schützen keine Denunzianten. Es gibt Voraussetzungen, dass z.B. Gespräche mit Vorgesetzen, Geschäftsführungen usw. geführt worden sind, bevor die Öffentlichkeit oder der Staatsanwalt informiert worden ist uvm. Außerdem muss das allgemeine Interesse groß genug sein. In Großbritannien gibt es den Public Interest Disclosure Act 1998

Public Interest Disclosure Act von 1998, der Whistleblower schützt.

In Monitor (ARD) gab es gestern z.B. einen Bericht über eine Altenpflegerin, die die unhaltbaren Zustände in dem Heim, in dem sie arbeitete, nicht mehr tolerieren wollte. Die Personaldecke war so dünn, dass die Bewohner nicht mehr richtig versorgt waren, Wunden unbehandelt blieben usw. Trotz intensivster Gesprächsversuche erreichte sie keine Lösung. Sie zeigte schließlich nach intensiven Verhandlungsversuchen die Heimleitung an, es gab eine Überprüfung, die die Mißstände bestätigte. Die Altenpflegerin wurde entlassen und kämpft seit 5 Jahren auf dem Rechtsweg gegen ihre Entlassung. Die Richter bewerten die Loyalität zum Arbeitgeber und das Betriebsgeheimnis höher als das Wohl der alten Menschen. Das darf meiner Meinung nach nicht sein. Hier muss ein deutsches Whistleblower-Gesetz her, um Mißständen vorzubeugen.


Autor: Der Neue Hippokrates

24.11.2010
Existenzgründungszuschuss abgeschafft?





Klammheimlich und ohne öffentliche Diskussion soll offensichtlich der Existenzgründungszuschuss zum 1.1.2011 abgeschafft werden. Das teilte die Agentur für Arbeit, Frankfurt Süd mit. Bisher ist es so, dass das Arbeitslosengeld I über 9 Monate während des Aufbaus einer eigenen Existenz weiterbezahlt wird, wenn man zuvor arbeitslos war. Ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich selbständig machen wollen.

Dies betrifft zum Beispiel auch Ärzte in der Weiterbildung Allgemeinmedizin, die ihre Pflichtzeit absolviert haben, aber ihre Facharztprüfung noch nicht ablegen konnten. Die Ärztekammer behält sich vor, innerhalb der folgenden drei Monate zur Prüfung einzuladen, ein Arbeiten als Arzt in Weiterbildung ist in den meisten Fällen nicht mehr, ein Arbeiten als Facharzt noch nicht möglich. Zur Praxisgründung notwendige Investitionen konnten bisher durch den Existenzgründungszuschuss abgefedert werden.

Mangels Alternativen und einer derart kurzfristigen Abschaffung der Fördergelder haben danach alle, die für die nächste Zeit eine selbständige Arbeit geplant haben, nur noch schwer die Möglichkeit, ihre Startphase auf andere Weise zu organisieren. Hier muss die Bundesregierung sich die Frage gefallen lassen, ob sie Selbständigkeit erschweren möchte, um mehr Bürger in abhängige Beschäftigung zu zwingen. Doch gerade die Selbständigen sind Arbeitgeber für viele, die sonst keine Arbeit finden und Arbeitslosengeld beziehen würden. Eine abschließende Stellungnahme des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales steht noch aus.

Wenden Sie sich direkt an die Ministerien, um dort gegen die wohl geplante Abschaffung zu protestieren unter: ursula.vonderleyen@bmas.bund.de


Autor: Der Neue Hippokrates

04.11.2010
Hausarzt in Brandenburg- rette sich wer kann!






Ich hatte alle Warnungen meiner Freunde in den Wind geschlagen. Brandenburg sei eine kulturelle Wüste, sagten sie. Dies schreckte mich nicht, Berlin wäre schließlich erreichbar, ein Blick ins Internet bewies mir, daß auch in der Provinz einiges los war, das Argument zog also nicht. Schlimmer schon war der Hinweis auf die kulinarische Einöde, die mich erwarten würde, aber erstens koche ich meist selbst und zweitens erschien mir nach Jahren vietnamesischindischitalienischtürkisch die Aussicht auf einen gediegenen deutschen Landgasthof durchaus verlockend. Nach einigen Jahren in der Provinz in Sachsen-Anhalt zerstoben alle Vorurteile wie märkischer Sand im Wind: die Bevölkerung war freundlich, unkompliziert, herzlich und durchaus offen. Brandenburg würde nicht so viel anders sein. Ich machte also mein Examen und schnürte mein Bündel: auf nach Brandenburg!!!!

Bei der Stellensuche wuchs die Ernüchterung: ich wollte eine Teilzeitstelle, aus gesundheitlichen Gründen, aber kaum jemand war bereit, einen Assistenten in Teilzeit einzustellen! Die Stellensuche wurde schnell zur Odyssee, und ich mußte mir Sprüche anhören (ja, zugegeben ich bin etwas älter) wie „können Sie als ältere Dame sich überhaupt noch in die Hierarchie eines Krankenhauses einfügen?“ Da war ich grade 40 geworden und fühlte mich zugegeben mitunter uralt...

Schließlich fand ich eine freundliche Landarztpraxis und wurde eingestellt. Die Arbeit machte mir Spaß, der ruppige Charme der Brandenburger Landbevölkerung gefiel mir, Hausbesuche mit Überlandfahrten atmeten den Duft von Freiheit und Abenteuer. Nebenbei lernte ich eine Menge. Zum Beispiel daß die Arbeitszeit eines Landarztes von 7 Uhr morgens oft bis abends um 22 Uhr geht, daß ich als Landarzt nur unwesentlich mehr verdienen würde, denn als Aushilfe in der Buchhandlung in meiner Studienzeit, wenn man den Stundenlohn vergleicht, daß ein Landarzt einen Großteil seiner Zeit mit überbordernder Bürokratie, Qualitätsmanagement und nicht zuletzt Regressforderungen verbringt. Allein, auch das schreckte mich nicht.

Leider schaffte ich wegen Krankheit die Probezeit nicht und so war ich mal wieder auf Stellensuche. Meine nächste Station führte mich nach Berlin zurück und in die Chirurgie.
Denn trotz eklatanten Ärztemangels hatte ich in Brandenburg keine Stelle gefunden. Denn ich wollte in Teilzeit arbeiten, na gut, das hatten wir schon. In der Chirurgie lernte ich eine Menge nützlicher Dinge, nicht nur Verbände, kleine Eingriffe und alles über Schienen und Bandagen, nein, ich lernte auch, daß ein niedergelassener Arzt einen Kassenpatienten ab dem 3. Besuch umsonst behandelt und daß er am Ende des Quartals mithin häufig quasi für lau arbeitet. Und doch auch das schreckte mich nicht, zumal das Arbeitsklima in der Praxis sehr liebevoll und kollegial gewesen war und die Arbeit mir wirklich Spass gemacht hatte.

Leider war ich im Laufe der Jahre richtig schwer chronisch krank geworden. Zu der Schwierigkeit ständiger Stellensuche und dauernder Unsicherheit kam nun auch noch der Umstand, daß,ich nur begrenzt belastbar war und ich mich trotzdem auf dem ersten Arbeitsmarkt verkaufen mußte. Schlimmer noch, ich hatte Fördergelder nach dem Initiativprogramm Allgemeinmedizin entgegegenommen. Dies ist eine sehr anerkennenswerte Einrichtung: ein niedergelassener Arzt erhält für jeden Arzt in Weiterbildung 2040 Euro (mittlerweile ist es deutlich mehr, ca 3500 Euro), um die Mittel zu haben, einen Arzt in Weiterbildung zu beschäftigen, zur Verfügung stellt die Mittel unter anderem die KV, damit soll dem Allgemeinmedizinermangel begegnet werden. Aber natürlich gibt es dabei einen Haken: wenn man die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner nicht abschließt, ist man verpflichtet, alles zurückzuzahlen, schlimmstenfalls bis zu 50 000 Euro... Zu dem Druck, keine passende Stelle zu finden, kam nun also auch noch die Angst vor dem Schuldenberg.

Bei meiner Stellensuche stand ich nun also vor der Aufgabe, nicht nur mit jüngeren, sondern auch mit deutlich leistungsfähigeren Mitbewerbern konkurrieren zu müssen, die in Vollzeit und uneingeschränkt arbeiten konnten. Auch jetzt stand ich vor dem Problem, eine Stelle für den stationären Teil der Weiterbildung zu finden, nun schien dieses noch deutlich erschwert: keine Klinik, an der ich mich beworben hatte, wollte mich haben. Aber ich fand wieder eine Stelle in einer allgemeinmedizinischen Praxis und stürzte mich hoffnungsfroh in die Arbeit. Wieder hatte ich Freude an meiner Arbeit, hatte Spass an der Patientenversorgung und lernte auch wieder eine Menge: zum Beispiel, daß das Einkommen eines Hausarztes sich in den letzten 20 Jahren ganz drastisch verringert hat, dass das Regelleistungsvolumen erschreckend schnell ausgeschöpft ist und daß auch ein hoher Anteil hochbetagter Patienten keine Garantie ist, geradezu gespenstisch schnell regreßpflichtig zu werden. Im Lauf der letzten Jahre hatte mein Enthusiasmus schon merklich gelitten, und ich ertappte mich immer häufiger beim Stellen der „Sinnfrage“. Was machte ich hier überhaupt? Wie würde es weitergehen? Und: wie konnte ich nur so bekloppt sein, ausgerechnet die Weiterbildung für Allgemeinmedizin zu beginnen??? doch die Arbeit machte mir Spaß und ich beschloß, nicht allzuviel nachzugrübeln, die Arbeit als Allgemeinmediziner läßt dafür ohnehin nicht viel Zeit....

Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich, und irgendwann wurde ich krankheitsbedingt gekündigt und stand nun wieder einmal an dem Punkt, daß „alles auf Anfang“ geschaltet war. Wieder einmal war ich auf Stellensuche, noch einmal deutlich erschwert durch den verschlechterten Gesundheitszustand. Und wieder fand ich keine Stelle. Es gab zwar durchaus Kliniken oder Praxen, die mich trotz meines lausigen Gesundheitszustandes eingestellt hätten, aber der Gesetzgeber hat enge Grenzen in der Weiterbildungsordnung gesetzt: 2-3 Jahre stationäre Weiterbildung in der Inneren Medizin sind verpflichtend, da führt rein gar nichts daran vorbei. Die Angebote waren durchaus vielfältig: ich hätte im Bereich Neurologie, Psychiatrie, ja sogar Pathologie anfangen können, auch Allgemeinmedizin war im Angebot. Nur in der Inneren Medizin fand ich nichts. Mein Gesundheitszustand ist mittlerweile so schlecht, daß eigentlich absehbar ist, daß ich nie im Beruf als Allgemeinmedizinerin arbeiten werde. Aber da sind die ipam- Fördermittel und die Angst vor dem Schuldenberg... Also quäle ich mich weiter vorwärts,
Stellensuche, Probezeit, Krankheit, Kündigung, Stellensuche. Daß ich einmal Hausärztin in Brandenburg werden wollte, scheint längst vergessen. Und im Nachhinein muß ich sagen: es war die Fehlentscheidung meines Lebens, Hausärztin in Brandenburg werden zu wollen, und gesünderen jüngeren Kollegen empfehle ich: macht was ihr wollt, Innere, Neurologie, Pathologie, geht nach Italien, in die Schweiz, nach Skandinavien, aber werdet bloß nicht Allgemeinmediziner, die Weiterbildung ist genauso lang wie bei anderen Fachärzten, dafür ist der Verdienst viel geringer, das Prestige sowieso, und wer nicht gerade später Bewerbungstrainings für Kollegen abhalten will, sollte sich genau überlegen, ob er bereit ist, sich mitunter halbjährlich in den Bewerbungsmarathon zu begeben... Für mich bleibt das ernüchternde Fazit: Hausarzt in Brandenburg? Rette sich, wer kann!!!!

Nachsatz:Ich bin mir bewußt, daß Weiterbildungsverbünde die Situation deutlich verbessert haben, aber für Behinderte und andere, die auf Teilzeittätigkeiten und angepaßte Arbeitsbedingungen angewiesen sind, bleibt die Lage angespannt. Ich suche also weiter nach einem Plätzchen, gerne auch in Brandenburg, die Menschen dort sind es trotz aller Unbilden wert!!!


Autor: bulli





Kommentare zu dieser News:

Datum: Sa 15 Jan 2011 12:05
Von: Dr. Heuteufel


Ein erschreckendes Beispiel, Schicksale wie Ihres habe ich während meiner Weiterbildung zuhauf angetroffen. Vor allem Leute mit Kindern und Kranke werden durch die strengen Regeln der deutschen Weiterbildungsordnungen massiv benachteiligt. Weiterbildungszeiten von 15 Jahren und mehr sind keine Seltenheit und Viele können ihre Weiterbildung nie beenden und fristen ihr Dasein als so genannte Altassistenten. So etwas gibt es in keinem anderen Land Europas - überall sonst bekommt man einen Vertrag für die gesamte Weiterbildung und der Weiterbilder hat die Bringschuld, dass man in der vorgegebenen Zeit - für die Allgemeinmedizin sind dies zum Beispiel in Holland und England 3 Jahre - die notwendigen Lerninhalte auch tatsächlich lernt. Dort bemüht man sich sehr um eine gute und strukturierte Weiterbildung. In Deutschland hingegen herrscht der pure Feudalismus: eine illustrer Kreis alter Männer in den 17 deutschen Ärztekammern denken sich irrwitzige Weiterbildungsordnungen aus, deren einziger Zweck darin besteht, den Arzt in Weiterbildung - Assistent genannt - zu einem gefügigen Arbeitstier für möglichst lange Zeit zu machen. Wer gegen das System aufbegehrt oder dessen Tempo nicht durchhält, wird abgestraft, indem er den Facharzttitel nicht bekommt. Ein Haufen Erbsenzähler in den Kammern wacht akribisch über jede einzelne der tausenden Untersuchungen, OPs etc., die man bescheinigt bekommen haben muss.

Datum: Fr 04 Feb 2011 11:33
Von: bulli


Lieber Herr Dr. Heuteufel,

vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Artikel, der mir bestätigt, was ich schon ahnte: daß mein Fall eben kein Einzelfall ist. Nach längerer Krankheit trete ich demnächst eine Stelle an, ambulant, da mich nach wie vor keine Klinik haben wollte. Und angesichts der Tatsache, daß in Ländern wie z.B. England der dreijährige Facharzt noch existiert, darf man sich wirklich fragen, warum gerade Deutschland mit seinem eklatanten Ärztemangel so vehement am fünfjährigen Facharzt festhält und an dem von Ihnen so treffend beschriebenen "Feudalsystem". Bei allen Debatten um "mehr Studienplätze" gegen den Ärztemangel unter anderem auf dem Lande wird nämlich die Weiterbildungsordnung seltsamerweise nie in Frage gestellt... Nochmals vielen Dank für Ihr feedback, es ist mir eine echte Hilfe auf meinem immer noch steinigen Weg

herzlichen Gruß

bulli

26.10.2010
Ein Muss für den mündigen Bürger






„Krank in Deutschland – Ein Tatsachenreport“ hat Renate Hartwig, Kämpferin gegen den Ausverkauf des Gesundheitswesens und für eine gerechte Gesundheitsversorgung ihr neues Buch genannt. Nach „Der verkaufte Patient“ erschien im Oktober 2010 ein weiteres Werk von ihr, das die schleichende Ökonomisierung des deutschen Gesundheitssystems anhand vieler Beispiele aufzeigt. Und eines wird mir klar: Vieles ist uns noch gar nicht bewusst, was es hier gerade an gravierenden Veränderungen gibt oder bereits gegeben hat, selbst wenn man in einem medizinischen Beruf arbeitet.

Frau Hartwig schreibt von Manuela, die an der wenig bekannten chronische Krankheit Akne inversa mit wiederkehrenden Abszessen leidet, der der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) eine adäquate Wundversorgung nicht bezahlt. Wiederholte Operationen werden hingegen erstattet, die eine zunehmende Qual für die Patientin sind. Ein beständiger Kampf um eine Kostenübernahme hat mit der Krankenkasse begonnen. Übrigens hat Manuela unter Pseudonym auch mehrfach schon auf dieser Internetzeitung veröffentlicht. Geben Sie in die Suchleiste „Akne inversa“ ein und sie finden ihre Beiträge.

Ein Arzt, der mit seiner besonderen und hochspezialisierten Art der Kontaktlinsenanpassung nun plötzlich mit einem Honorar von um die 20 Euro pro Patient pro Quartal auskommen soll, kann damit nicht mehr überleben. Folge: Die Patienten müssen sich in vielen Fällen einer viel teureren Augenoperation unterziehen, die sonst vermeidbar gewesen wäre. Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigungen führen nicht weiter, der MDK bekommt als Prüfhonorar mehr Geld als der Arzt für seine Arbeit. Ein absurdes System, bei dem jeder der Beteiligten die Schuld anderen in die Schuhe schiebt, aber niemand die Verantwortung für den Patienten übernimmt. Die Krankenkassenbeiträge von über 15 Prozent versickern in sinnentfremdeten Kontroll- und Verwaltungsapparaten.

Es geht um Krankenkassen, die Ärzte nötigen, ihre Diagnosen so anzupassen, dass möglichst viel Geld hereinkommt. Wenn aus einer einfachen Lungenentzündung „AIDS“ gemacht wird, nur weil eine Praxis mehrere AIDS-Fälle mit Lungenentzündung hatte, so ist das Betrug. Wenn den Patienten aus reinen Kostengründen Untersuchungen vorenthalten werden, so ist das unterlassene Hilfeleistung oder zumindest mit unserem ärztlichen Ethos nicht vereinbar. Krankenkassenmitarbeiter, die sich anmaßen, die Patientenversorgung als Nicht-Ärzte zu beurteilen, wie den Mann ohne Ohren, sind eine Schande für unser Gesundheitssystem. Diese Behinderung ist Folge des Schmerzmittels „Contergan“, das seine Mutter während der Schwangerschaft in guten Glauben eingenommen hatte. Nun verweigert die Krankenkasse ihm Kontaktlinsen, eine normale Brille ist wegen fehlender Ohren nicht möglich. Stattdessen wird eine etwas günstigere Brille mit Gummiband für den Hinterkopf empfohlen, die Allergien der Kopfhaut und Haarausfall nach sich zog. Ärzte hatten einhellig Kontaktlinsen empfohlen. Die Kasse bleibt weiter stur und beharrt auf ihrem Standard.

Eine Mutter von drei behinderten Kindern darf plötzlich nicht mehr die Windeln im Sanitätshaus kaufen, ohne Vorwarnung. Jetzt müssen diese ausschließlich über eine Firma geliefert werden, die in Berlin sitzt und mit der die Kasse ein Abkommen hat. Doch sie liefert erst drei Wochen später Windeln schlechtester Qualität. Da gleich ein gesamter Monatsvorrat ankommt, wird eine komplette Palette auf dem Gehweg vor der kleinen Wohnung abgeladen, in die die Windelmassen nicht hineinpassen. Kostenersparnis zu Lasten der Kranken und Schwachen.

Ebenso zeigt Hartwig die Verstrickungen zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auf, wie die Interessen hier, ähnlich wie in den USA, verschwimmen und wirtschaftliche Interessen nach und nach die Oberhand gewinnen.

Mit „Krank in Deutschland“ ist es Renate Hartwig erneut gelungen aufzurütteln und dem mündigen Bürger Informationen an die Hand zu geben zu zeigen, wie schlecht es um unser Gesundheitssystem schon steht und dass offensichtlich ein System hinter den Veränderungen steckt. Viele von uns wollen das noch nicht wahrhaben. Noch ist Zeit, sich dagegen zur Wehr zu setzen und einen Gegenimpuls zu setzen. Hier sind wir als Bürger alle aufgerufen.

Renate Hartwig "Krank in Deutschland - ein Tatsachenreport" erschienen bei Pattloch, Preis 18€, Prädikat: wertvoll


Autor: Der Neue Hippokrates

25.10.2010
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Reisegespräche – Armes Deutschland


Politisieren im Zug, mein Nachbar und ich diskutieren über die Streiks in Frankreich, die mich beeindrucken, da die Franzosen die Ölraffinerien und Atomkraftwerke bestreiken und die Strassen blockieren. Zeitweise gibt es kein Benzin, und es besteht die Angst vor einem Stromausfall. Und was machen wir Deutschen? Unterschriftenlisten als Protestaktion sammeln. Da werden unsere Politiker aber Angst bekommen! Haben wir nur Schnarchnasen in Deutschland? Der Unterschied sei, sagt mein Sitznachbar im ICE, dass wir in Deutschland ein Gruppenstreikrecht und in Frankreich ein Individualstreikrecht haben. Der Einzelne werde in Deutschland - überspitzt ausgedrückt – als Störenfried, fast als Terrorist gesehen. Nur die Gewerkschaften und Vereinigungen würden ernst genommen. Da frage ich mich, ob es sich lohnt, eine Initiative für ein Individualstreikrecht in Deutschland zu starten. Google findet unter „Individualstreikrecht“ bezeichnenderweise nur einen Treffer.

In meiner privaten und spartanischen Pension mit Zimmer ohne Bad und ohne Waschbecken (Motto: Die preiswerte Alternative) komme ich mit dem Eigentümer ins Gespräch über die französischen Streiks. Gestreikt wird ja in Frankreich von jung und alt, weil der Vorruhestand von 60 auf 62 Jahre angehoben werden soll. „Als Kohl in den 90iger Jahren das Rentenalter von 60 auf 65 Jahre anhob ging niemand auf die Strasse“, sagt er und spricht über die Zeit, als es schwieriger wurde in Frührente zu gehen. Er habe 41 Jahre in die Rentenkasse einbezahlt und bekomme wegen der fünf Jahre, die er vorzeitig in Rente ging ein Drittel weniger Rente. Seine Wut ist spürbar.

Im Taxi, auf das ich wegen der auswärtigen Lage meiner Unterkunft angewiesen bin, frage ich den Fahrer nach seinem Stundenlohn und seinen Arbeitsbedingungen. Seine Gesichtsfarbe verändert sich vom zuvor aschfahlen Grau in einen deutlich rot schimmernden Ton: „Vier Euro bekommen wir pro Stunde! Das ist Sklaverei!“ Die Schichten seien 12 Stunden lang, die Pause eine halbe Stunde. Manchmal müsse man dann auch danach noch eine lange Fahrt von bis zu drei Stunden übernehmen. Ähnliche Gespräche führe ich mit weiteren meiner Fahrer in den darauffolgenden Tagen.

Armes Deutschland! Überall brodelt es. Bei uns Ärzten ist es ja nicht anders. Ein wenig habe ich das Gefühl, dass eine Revolte wie in den 1968igern ansteht, um verkrustete und korrupte Strukturen, die sich eingeschlichen haben aufzubrechen. Die brutale Niederschlagung der Proteste gegen Stuttgart 21 waren ein Symbol, dass sich die Bevölkerung nicht mehr alles gefallen lassen möchte. Es gibt weniger Politiker, die sich trauen das klar auszusprechen, wie Heiner Geißler, der eine neue Wirtschaftsordnung fordert: Hier geht es zum Video

Wann endlich haben wir in Deutschland den Mut, Aktionen wie in Frankreich zu starten? Wann endlich beweisen wir Rückgrat, um für unsere Ideale gewaltfrei aber öffentlichkeitswirksam einzustehen? Baustellen gibt es genug: Die gravierenden Mängel in unserem Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Universität. Das ökonomisierte Gesundheitssystem, das mehr den Konzernen und Krankenhausgruppen als den Patienten hilft, unsere korrupten Politiker, die mehr Industrie- als Volksvertreter sind, wie Renate Hartwig (www.patient-informiert-sich.de) dies ausdrückt. Eines ist klar: So kann es nicht weitergehen. Jeder sollte sich an seine eigene Nase fassen und überlegen, wie er oder sie etwas tun kann. Ein Mittel ist es sicherlich, sich mit anderen Gleichgesinnten zusammenzuschließen und sich gemeinsam einzusetzen. Denn: In Deutschland werden vor allem Gruppierungen ernst genommen, wie ich gelernt habe.


Autor: Christian Haffner

05.10.2010
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Klientelpolitik der Bundesregierung zum Schaden des Volkes


Ob die Zurücknahme des Atomausstiegs, das Niederknüppeln der Demonstranten in Stuttgart zu Gunsten der Bauindustrie oder Gesetzesänderungen, die der Pharmaindustrie Milliarden einbringt. Eines ist klar geworden: Diese schwarz-gelbe Bundesregierung betreibt Klientelpolitik. Der Wille des Volkes interessiert nicht und soll sich gefälligst darauf beschränken zu wählen und alles weitere den Repräsentanten zu überlassen. Das wird uns dann als Demokratie verkauft. Ist es aber nicht. Das ist ein Abklatsch einer Oligarchie unter dem Deckmäntelchen der Demokratie.

Der Spiegel veröffentlicht in seiner Ausgabe vom 4.10.2010 ein Interview mit dem Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Rainer Hesse, der entscheidet, welche Medikamente von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden dürfen und welche nicht. Die Regierung Rösler bringt gerade ein neues Arzneimittelgesetz auf den Weg, das den G-BA entmachtet und der Pharmaindustrie massiv den Rücken stärkt. So soll jedes Medikament, das einmal zugelassen ist, von den Kassen bezahlt werden, obwohl sein Nutzen nicht belegt ist und es eventuell sogar schädlich ist. Als Beispiel wird das in Fachkreisen umstrittene Diabetes-Medikament Avandia genannt, das Herzinfarkte und Knochenbrüche mit sich bringen kann.

Mit der Zulassung von teuren Medikamenten gegen seltene Krankheiten, sogenannte „Orphan Drugs“, soll nun automatisch mit der behördlichen Zulassung auch der Zusatznutzen dieses Medikamentes belegt sein. Doch das Anwendungsgebiet dieser Orphan Drugs wird immer weiter auf andere Krankheiten ausgeweitet, ohne dass das Medikament seinen Status als besonderes Medikament verliert. Damit verdient die Pharmaindustrie mit einigen dieser Mittel 300 Millionen Euro pro Jahr.

Auch wird die Bewertung von Studien ausgehöhlt, wenn sogenannte Surrogatparameter zugelassen werden. Das bedeutet, dass es dem Patientin aufgrund der Medikamenteneinnahme nicht wirklich besser gehen muss, damit das Medikament als wirksam gilt, sondern in diesem Fall nicht relevante Parameter, wie zum Beispiel Cholesterin oder der Blutdruck, sich verbessern. In der Beweis basierten Medizin, der Evidence Based Medicine (EbM), ist es bekannt, dass das die Tricks der Industrie sind, um von schlechten, nicht wirksamen Medikamenten abzulenken und sie dennoch gewinnbringend zu verkaufen.

Indirekt wird durch das neue Arzneimittelgesetz auch das von der letzten Bundesregierung vor sechs Jahren gegründete Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) entmachtet. Seine Empfehlungen werden bislang meist vom Gemeinsamen Bundesausschuss umgesetzt, dem jetzt aber durch das neue Gesetz die Hände gebunden sind. Ein zahnloser Tiger.

Machen wir uns nichts vor: So lange diese Regierung an der Macht ist, solange dieser Gesundheitsminister im Amt ist, so lange wir als Patienten, Ärzte, Angestellte und Freiberufler im Gesundheitswesen nicht in großer Anzahl dagegen aufstehen und uns zur Wehr setzen, wird sich am weiteren Ausverkauf des Gesundheitswesens nichts ändern.

Als Patient wenden Sie sich bitte direkt an Frau Renate Hartwig: www.patient-informiert-sich.de, E-Mail: r.hartwig@t-online.de


Sehen Sie sich den Film Sicko von Michael Moore an und schauen Sie sich an, wohin das führen kann, wenn wir uns nicht wehren:

Bilden Sie sich eine eigene Meinung und dann handeln Sie, wie richtige Demokraten das tun. Lassen Sie sich die Abzocke und das Bevormunden nicht länger gefallen.

Das Ziel muss sein, dass die Medizin zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung in höchst möglichem Maße beweisbasiert ("evidence based") und frei von Interessen Dritter, wie der Politik und der Industrie ist.


Autor: Der Neue Hippokrates

03.10.2010
Gesundheitssystem fördert Abzocke





Die Bevölkerung erwartet von uns Ärzten, dass wir sie nach bestem Wissen und Gewissen behandeln, sie unabhängig von unserem Eigeninteresse und von Einflüssen der Industrie beraten. Doch ist das eine hehre Wunschvorstellung. Eine Hausarztpraxis, wie die in der ich angestellt bin, kann nur überleben, wenn sie Leistungen außerhalb der Patientenpauschale anbietet. Diese beträgt etwa 38 Euro pro Patient pro Quartal, für chronisch Kranke noch einmal 17 Euro zusätzlich. Damit ist dann aber auch alles abgedeckt, inklusive regulärer Hausbesuche und Konsultationen bei uns so oft der Patient es möchte. Im Schnitt geht der Deutsche 18 Mal pro Jahr zum Arzt, davon etwa 7 Mal zum Hausarzt. Und da sind die vielen Patienten mit eingerechnet, die gar nicht kommen und mit denen der Arzt auch kein Geld verdient.

„Wir müssen mindestens vier Check ups pro Tag machen“, sagte mein Chef neulich zu uns. Nur dann stimme die Kasse. Doch die Checks, die sogenannte Gesundheitsuntersuchungen, die ab dem vollendeten 35. Lebensjahr alle zwei Jahre möglich sind, sind durchaus umstritten. Sicherlich gibt es den einen oder anderen Zufallsbefund, doch ist es recht zweifelhaft, gesunde Patienten ohne jegliches Symptom nach Schema F zu untersuchen, ohne konkret nach etwas zu suchen. Da werden Individuelle Gesundheitsleistungen (IGEL) verkauft, wie die Blutuntersuchung, über das von der Kasse getragene Cholesterin und den Blutzucker hinausgehend. Dem Patienten wird suggeriert, er sei damit auf der sicheren Seite, wenn wir ihm Blut abzapfen und ein Routineprofil anfertigen lassen. Zwischen 19 und 35 Euro legt der Patient dafür auf den Tisch. Im Medizinstudium haben wir gelernt, dass wir Blutanalysen nur dann anfertigen sollen, wenn ein konkreter Verdacht besteht und ein Screening ohne Anlass nicht sinnvoll ist.

Ähnlich verhält es sich mit Impfungen die separat bezahlt werden. Daher impfen die meisten Ärzte, so auch wir, was das Zeug hält. Eine Sache ist die Pneumokokkenimpfung, also die Impfung „gegen die Lungenentzündung“ als die sie gerne verkauft wird, obwohl sie lediglich gegen einen von vielen Erregern der Lungenentzündung, die Pneumokokken, hilft. Leitlinien aus dem Jahr 2009 sagen ganz klar, dass bestimmte, definierte Risikogruppen nur noch einmal im Leben und nicht wie vorher alle 6 Jahre geimpft werden sollen. Nur Patienten mit einer gravierenden Nierenschwäche und Patienten mit einer Erkrankung des Immunsystems sollen eventuell eine zweite, im Extremfall auch eine dritte Impfung erhalten. Doch wurde bei uns in der Praxis Pneumokokkenimpfstoff gefunden, der kurz vor dem Verfallsdatum ist. Um diesen noch abrechnen zu können wurde eine Vielzahl an Patienten gegen Pneumokokken geimpft, obwohl dies nach den Regeln der Kunst nicht zulässig war.

Auch mit der „Grippespritze“ wird Schindluder getrieben. Natürlich gibt es die Influenza, die schwer verlaufende Virusgrippe. Doch ist das nicht jeder Infekt, der im Volksmund „Grippe“ genannt wird. Parainfluenzaviren, Haemophilus influenza, Adenoviren, Rhinoviren und viele anderen Erreger lösen Symptome einer Erkältung aus. Aus Marketinggründen wird jedoch in Deutschland so getan, als verhindere man mit einer Grippeimpfung diese unangenehmen Symptome der kalten Jahreszeit. Das ist unlauter und dient lediglich dem Portemonnaie von Ärzten und Pharmaindustrie. Selbstverständlich gibt es wohl definierte Gruppen, wie die über 60ig-Jährigen und chronisch Kranke Patienten mit zum Beispiel Asthma bronchiale, Herzerkrankungen und Diabetes mellitus, die gegen Grippe geimpft werden sollten, da diese für sie unter Umständen gefährlich werden könnte.

Der beste, sprich lukrativste Patient ist der, der genau einmal im Quartal kommt, keine Medikamente auf Kassenrezept braucht und maximal viele Leistungen außerhalb des Budgets sowie private Leistungen (IGEL) in Anspruch nimmt. Doch die Ärzte können nichts dafür. Als Kassenärzte arbeiten sie in einem System, das ihnen das überleben nur dann ermöglicht, wenn sie mit Zusatzleistungen und Privatpatienten Geld verdienen. Eine Kassenpraxis trägt selbst mit den sogenannten extrabudgetären Leistungen wie Impfungen und Check ups und zusätzlichen Blutuntersuchungen gerade mal so sich selbst. Die Privatpatienten sind es, mit denen der Arzt den Gewinn und praktisch sein eigenes Gehalt zum Leben erwirtschaftet.

In anderen Ländern, wie in den Niederlanden und Großbritannien, sind die Patienten bei einem Hausarzt eingeschrieben. Dieser bekommt Geld für ihn, auch wenn der Patient gesund ist und ihn nicht aufsuchen muss. Zusatzuntersuchungen sind häufig nicht notwendig. In England werden sogar Flugzettel verteilt, dass man mit einer einfachen Erkältungsgrippe bitte nicht in die Praxis kommt, sondern sich selbst mit Hausmittelchen und Ruhe therapiert. Während in Deutschland die Patienten mit Erkältungen mit den schwer kranken zusammen im Wartezimmer sitzen, sich gegenseitig anstecken und für lange Wartezeiten sorgen, meist auch, um eine Krankmeldung zu bekommen, wird das in den Niederlanden und Großbritannien unkomplizierter geregelt. So muss sich der Arbeitnehmer erst nach 2 Wochen Kranksein krankschreiben lassen, in England erst nach 1 Woche. In Holland übernimmt die Krankschreibung dann auch nicht der Hausarzt, sondern ein spezieller arbeitsmedizinischer Dienst, der beurteilt, ob der Patient seine jeweilige Arbeit ausüben kann und wie lange das zu verantworten ist. In Deutschland würde es hier einen riesigen Aufschrei geben, die Patienten kämen nicht mehr zu den Ärzten, diese würden Geld verlieren. Und: Die Arbeitnehmer würde das schamlos ausnutzen und blau machen. Ist das so? Sehen wir doch mal, wie unsere Nachbarn in Europa das organisieren und viel weniger Probleme haben. Im Englischen gibt es nicht umsonst den Begriff der „German Angst“. Diese sollten wir dringend überwinden, Hausärzte je eingeschriebenem Patienten gut bezahlen, Zusatzleistungen weitgehend streichen und Krankmeldungen liberalisieren und von den normalen niedergelassen Ärzten auf Arbeitsmediziner übertragen. Dann hätten wir viel gewonnen.


Autor: Dr. Großes Rad





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mo 04 Okt 2010 11:10
Von: der Landarsch


Als "Abzocke" würd ich das nicht beschreiben, denn die Ärzt bewegen sich ja voll in dem gesetzlichen Rahmen, den die Politik vorgegeben hat. Und die Politik wird bekanntlich von Politikern gemacht, die vom Volk gewählt wurden. Dass dies - bei Licht besehen - schwachsinnig ist, ist nicht die Schuld der Ärzte. Vielmehr leiden gerade die deutschen Ärzte unter diesen Arbeitsbedingungen.

01.10.2010
Stuttgart 21: Setzen Sie sich für die Demokratie ein!





Die Polizei setzt in Stuttgart brutal die Anordnungen der Politiker durch, um im Schlosspark die Vorbereitungen für "Stuttgart 21" zu ermöglichen. Damit ist der über 4 Milliarden Euro kostende Umbau des Hauptbahnhofs Stuttgart in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof gemeint. Der Volkswille ist klar dagegen, Demonstranten scharen sich im Park, um das Fällen der Bäume zu verhindern. Tränengas und Wasserwerfer werden gegen Kinder und Frauen eingesetzt. Die Polizei versucht Protestierende mit dem Wasserwerferstrahl von den Bäumen zu holen, obwohl es klar ist, dass sich die Demonstranten dabei massive Verletzungen zuziehen können.

Die einzige Antwort kann nur sein, gewaltfrei zu reagieren, wie Mahatma Gandhi das gepredigt hat. "Gewaltfrei heißt nicht passiv, im Gegenteil, es kann höchst aktiv sein. Das Unrecht muss beim Namen genannt werden, die unrechten Herrscher müssen provoziert werden, bis alle erkennen, welches Unrecht geschieht", sagte Gandhi einst.

Sie können hier die Übertragung einer Live-Webcam in Stuttgart sehen: Flügel TV

In einem anderen Kontext hat Konstantin Wecker einmal das Lied: Sage nein!" gegen Neonazis und Rechtsradikalismus geschrieben. Zur Rettung der Demokratie passt es auch hier gut. Lassen wir uns dieses Verhalten von korrupten Politikern nicht gefallen, die der Bauindustrie einen Großauftrag zuschanzen wollen, koste es was es wolle und denen der Wille des Volkes egal ist. Wehren wir uns! Aber auf demokratischem Wege und friedlich!

Der neue Hippokrates ruft zur Solidarität mit den Stuttgarter Bürgern auf. Schreiben Sie Ihre Kommentare im Blog zu Stuttgart 21


Autor: Der Neue Hippokrates

16.09.2010
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Wohin geht...Geld im Gesundheitswesen ?Teil 2: Die Apotheken


An jeder Ecke gibt es in Deutschland Apotheken, auch in Straßen, in denen jedes Geschäft, das nach marktwirtschaftlichen Kriterien bestehen muss, bereits Pleite gegangen ist. Fünf mal so viele Apotheken pro Einwohner haben wir in Deutschland im Vergleich zu Dänemark.
Apotheker zu werden ist nicht leicht, denn Pharmazie ist einer der schwersten Studiengänge an unseren Universitäten. Die angehenden Apotheker bekommen eine umfangreiche chemische Ausbildung, um viele Medikamente selbst herstellen zu können. Vor 100 Jahren, als noch viel in der Apotheke vor Ort zusammen gerührt wurde, mag dies sinnvoll gewesen sein. Doch heutzutage ist ein Apotheker nichts weiter als ein besserer Geschäftsführer eines Edeka-Markts, seine einzige Verantwortung besteht noch darin, die Schubladen zu öffnen und die richtige Packung herauszuziehen.

Diese Handlung wird jedoch fürstlich bezahlt. Für jedes rezeptpflichtige Medikament, das er herausgibt, bekommt der Apotheker pauschal 8 Euro. Verschreibe ich als Hausarzt einem Patienten 5 Medikamente im Quartal, erhält der Apotheker 40 Euro von den Krankenkassen. Mir zahlt sie für denselben Zeitraum 36 Euro für eine unbegrenzte Anzahl von Konsultationen, Hausbesuchen etc. Die Verantwortung für die verordneten Medikamente, die Neben- und Wechselwirkungen trage hingegen alleine ich als Arzt.

Jetzt wird sofort der Aufschrei der Zunft kommen: „wir leisten eine solide Beratung für unsere Patienten“. Meiner Erfahrung nach ist dies meist nicht der Fall. Mehrfach bin ich mit Rezepten in der Apotheke gewesen, ohne mich als Arzt zu erkennen zu geben. Beispielsweise mit einem Rezept für ein Trockenpulver zur Bereitung eines Antibiotikumsafts für ein Kind. Das Medikament wurde mir jeweils nur herausgegeben, ohne ein Kommentar zur Zubereitung, Dosierung oder Lagerung. Es stehe ja alles in der Packungsbeilage.

Ein weiteres Argument der Lobby ist, dass die Apotheke rund um die Uhr Notdienste machen. Dies tun wir Ärzte auch und könnten die wichtigsten Medikamente in ausreichender Dosierung bis zum nächsten Werktag problemlos vorrätig haben. Zudem würden mit einem Wegfall der Privilegierungen bei weitem nicht alle Apotheken aussterben. Schon längst hat sich die Branche auf weitere lukrative Märkte wie Kosmetika etc. spezialisiert und könnte auch ohne die unverschämt hohen Medikamentenpreise weiter existieren.


Autor: Dr. Heuteufel





Kommentare zu dieser News:

Datum: Fr 24 Sep 2010 10:39
Von: der Landarsch


Die Apotheken sind der klassische Fall, bei dem Qualifikation bezahlt wird, nicht Arbeitsleistung. Bei den Ärzten dagegen wird die Qualifikation sogar völlig vergessen und die Arbeitsleistung nicht einmal voll gezahlt!

Datum: Mo 27 Sep 2010 11:39
Von: DocConsult


Meine Erfahrung im Hinblick auf eine angebliche "Beratung" deckt sich zu 100 % mit der des Verfassers. Schlimmer noch, es werden einzelnen Patienten offenbar bedenkenlos gleich 12 Präparate zugleich ausgehändigt.

14.09.2010
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Wohin geht das ganze Geld im Gesundheitswesen?


Teil 1: Die Pharmaindustrie

Unserem Gesundheitssystem fehlt es nicht an Geld. Kaum eine Nation, ausgenommen vielleicht die USA, gibt soviel Geld für die Gesundheit aus. Doch bei den Leistungsträgern, den Ärzten und Krankenschwestern, kommt immer weniger Geld an. Ein Hausarzt muss inzwischen eine Rundumversorgung seiner Patienten für 12 Euro im Monat gewährleisten. Umsatz, nicht Gewinn, wohlgemerkt.

Doch in anderen Bereichen steigen die Gewinne unentwegt, und die jetztige Regierung tut alles, um diese Tendenz noch zu verstärken. In einer kleinen Reihe auf dem Neuen Hippokrates will ich die Gewinner der Gesundheitsreformen beim Namen nennen.

Heute titelt der Spiegel: Pharma-Giganten kassieren in Deutschland ab.
Sie können den Preis für neue Medikamente selbst festlegen und die Kosten neuer (was nicht heißt besserer) Medikamente liegen 50 bis 100 Prozent höher als im Vergleichsland Schweden.

Der Vergleich mit anderen Ländern, zum Beispiel Spanien, dürfte noch heftiger ausfallen. Wer einmal im Urlaub in einer spanischen Apotheke gewesen ist, weiß, dass dort die Medikamente nur ein Bruchteil des Preises kosten.

Die Arzneimittelausgaben in Deutschland sind im letzten Jahr mal wieder um 4,8 Prozent gestiegen. Preistreiber sind vor allem Spezialpräparate für Bluthochdruck und Diabetes. Dies verwundert nicht, da die Pharmaindustrie für diese Volkskrankheiten Jahr für Jahr neue Präparate auf den Markt wirft. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin, einst von der SPD Regierung als Wächter über den Nutzen neuer Medikamente vorgesehen bescheinigt fast allen neuen Diabetes und Blutdruckmedikamenten der letzten Jahren, dass sie gegenüber den alten Medikamenten quasi keinen Zusatznutzen haben, bei allerdings unklaren Risiken und einem vielfach höheren Preis. Die erste Amtshandlung von Minister Rösler war folglich, den Leiter des Instituts durch Absetzung maultot zu machen.

Doch auch die Medikamente die schon lange auf dem Markt sind und von vielen verschiedenen Firmen als so genannte Generika nachgeahmt werden, sind in Deutschland viel teurer als im Ausland. Hier sind im Vergleich zu Schweden Preissteigerungen von über 500 % häufig. In Spanien kosten die Generika meist zwischen 1 und 4 Euro pro Packung, in Deutschland werden mindestens 11 bis zu über 60 Euro pro Packung fällig.

Die Krankenkassen könnten nur durch Absenkung der Arzneimittelpreise auf schwedisches Niveau bereits 9,4 Milliarden Euro im Jahr sparen. Würde man dann noch Scheininnovationen, die keinen Zusatznutzen bringen, aus dem Leistungskatalog streichen, wären weitere viele Milliarden Einsparpotential vorhanden.

Doch dies ist in unserem Land nicht gewünscht. Das Geld der Beitragszahler soll lieber zur Quersubvention der internationalen Pharmakonzerne benutzt werden. Diese geben übrigens weit mehr Geld für Lobbyarbeit und Werbung als für Forschung aus. Zudem wird weit weniger an Medikamenten geforscht, die die Welt wirklich bräuchte (zum Beispiel gegen die Tuberkulose) sondern nur am einhundertsten Blutdruckmittel, das kein Mensch braucht. Den Menschen wird aber in der Werbung eingebläut, die hohen Preise kämen durch hochwertige Forschung zustande.

Machen wir uns nichts vor: dieses Land ist durch und durch korrupt. Die Korruption fängt bei den Politikern an, die sich von den Lobbyisten kaufen lassen und setzt sich bis in die Praxis von tausenden von Ärzten fort, die Pharmavertreter empfangen und ihr Verordnungsverhalten durch kleine Geschenke, Einladungen zu Fortbildungen etc. beeinflussen lassen. Nur eine kleine Gruppe von Ärzten wehrt sich im Netzwerk www.mezis.de gegen diesen Wahnsinn.


Autor: Dr. Heuteufel

13.09.2010
Hausärzte-Aktionstag: 15. September





Hausärzteverband Hessen
Bezirk Wetterau
Der Vorstand
Pressemitteilung zum Aktionstag am 15.9.2010 Friedberg, den 9.9.10

Für Mittwoch den 15.9. hat der Hausärzteverband deutschlandweit zu Praxisschließungen aufgerufen. Grund hierfür sind die bekannten Pläne der Regierung die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) abzuschaffen und die Ärzte weiterhin im Zwangskorsett der Kassenärztlichen Vereinigungen zu belassen.

Ein Weiterwursteln in diesem System bringt die Allgemeinmedizin zunehmend in wirtschaftliche Nöte und führt dazu, dass der Nachwuchs –insbesondere in den ländlichen Strukturen – absehbar wegbricht. Mit anderen „gesellschaftlichem Gruppen“ hat die Regierung über Gesetzesänderungen lange diskutiert: Die Atomindustrie konnte einen für sie offensichtlich profitablen Kompromiss erzielen, die Pharmaindustrie durfte sogar das sie betreffende Gesetz selbst schreiben (!?).

Auch unverständlich ist es für uns, dass aber in den südlichen Bundes-Ländern die Systeme der HzV Bestandsschutz haben sollen. Somit ist die gleiche Tätigkeit für einen Kassenpatienten in Hanau (Hessen)fast nur halb so viel wert, wie im wenige Kilometer entfernten Alzenau (Bayern). Jeder Arzt der sich unter diesen Bedingungen in Hessen niederlassen möchte, sollte im Vorhinein dann das Bundesverdienstkreuz erhalten!

Wir fordern daher die Verantwortlichen im Bund auf die Pläne zur Zerstörung der HzV zurückzunehmen. Ermöglichen Sie es den Hausärzten in einem weniger bürokratischen und zerstörerischen System als dem bisherigen ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen. Sorgen Sie dafür, dass der Beruf für den Nachwuchs wieder attraktiv wird, damit auch in 10 oder 20 Jahren eine flächendeckende hausärztliche Versorgung existieren kann.

In medizinischen Notfällen haben stehen am 15.9.2010 die Notdienstgemeinschaften am Friedberger Krankenhaus (06031/719671) und am Hochwaldkrankenhaus (06032/19292) den ganzen Tag zur Verfügung.

Im Namen des Vorstandes des Hausärzteverbandes

Dr. med. W. Pilz


Autor: Der Neue Hippokrates

05.08.2010
Report Mainz: SWR läßt Anwälte antworten




Kritik an der Sendung Report Mainz vom 19.7.2010, die von verschiedenen Seiten als Angriff auf die Hausärzteschaft gewertet wurde, beantwortete der Sender mit Anwaltsschreiben, auch an unsere Redaktion. Ein weiteres erhielt Dr. Wolfgang Hoppenthaller, 1. Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes. Aus rechtlichen Gründen enthält sich die Redaktion des neuen Hippokrates einer Bewertung und lässt die Fakten für sich sprechen. Urteilen Sie selbst, ob diese Art der Berichterstattung die Neutralität besitzt, die Sie als Gebührenzahler von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten. Sehen Sie sich, falls Sie die Sendung verpasst oder nicht mehr parat haben, hier nochmal den Beitrag von Report Mainz an, um den es geht.

Lesen Sie den Antwortbrief von Dr. Hoppenthallers Anwälten an die Anwälte des SWR hier

Mit freundlichen Grüßen

Die Redaktion des neuen Hippokrates


Autor: Der Neue Hippokrates

20.07.2010
Es geht auch anders – Allgemeinmedizin in den Niederlanden






Am deutlichsten wird mir von meiner Hospitation in einer niederländischen Hausarztpraxis bei Utrecht im Januar 2009 die enorme Ruhe im Praxisablauf in Erinnerung bleiben. Für mich als deutschen Arzt sind Hektik und Rennerei der Normalzustand im Medizinbetrieb. Daher hatte die Ruhe zunächst etwas Bedrückendes, am Ende meiner Hospitation habe ich sie jedoch genossen. Es gab keine Schlangen an der Rezeption, sondern die Patienten wurden nach kurzer Wartezeit in einem außerhalb der Praxis gelegenen Wartezimmer vom Arzt persönlich abgeholt. Für jeden war mindestens 20 Minuten Zeit reserviert. Unterbrechungen durch Akutfälle kamen kaum vor, denn für diese waren Pufferzeiten im Praxisablauf fest eingeplant. Wurden diese Pufferzeiten nicht in Anspruch genommen, trank man eine Tasse Tee mit den Arzthelferinnen. Die Geheimnisse der niederländischen Ruhe habe ich im Verlauf der Hospitation entschlüsseln können:

Den Hausärzten wird durch ein ausgeklügeltes Netzwerk weiterer Gesundheitsberufe viel Arbeit abgenommen. Finanzielle Anreize zu Routineeinbestellungen fehlen und durch eine bessere gesundheitliche Aufklärung der Bevölkerung kommen weniger Patienten mit Bagatellerkrankungen in die Praxis.

Entlastung von Routineaufgaben
Die Praxis verfügt über eine eigene Hypertonie- und eine Diabetesschwester. Von diesen wird die Routineversorgung der entsprechenden Patienten übernommen, nur bei Problemen wird der Arzt hinzugezogen. Im selben Gebäude der Praxis befindet sich die Sozialstation, deren Schwestern die Routinehausbesuche übernehmen. Schwestern und Ärzte kommunizieren, zum Beispiel beim gemeinsamen Mittagessen, ständig und die Ärzte machen Hausbesuche nur, wenn Probleme
auftreten. Die Kindervorsorgeuntersuchungen und Mütterberatungen werden in einem speziellen Zentrum durchgeführt und sind nicht Sache des Hausarztes. Dafür
führt dieser die gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen durch.

Krankschreibungen

Trotz Januar und Grippewelle habe ich keinen erkälteten Patienten in der Praxis gesehen. Diese bleiben im Bett, denn ihr Hausarzt darf ohnehin keine Krankschreibung ausstellen. Erst nach 2 Wochen Krankheit muss sich der Patient in ein arbeitsmedizinisches Zentrum begeben, bis dahin ist ein Großteil der akuten Erkrankungen von alleine geheilt. Auch sonstige Atteste dürfen vom Arzt nicht ausgestellt werden, denn er wird von der niederländischen Gesellschaft als Fürsprecher des Patienten betrachtet, dessen Urteil nie neutral sein kann.

Finanzielle Aspekte

Jeder Hausarzt des Zentrums ist für maximal 2300 eingeschriebene Patienten seiner Umgebung zuständig. Die Praxis beschäftigt zudem mehrere Vertretungsärzte, meist
junge Mütter, die halbtags arbeiten und damit die Routine in ihrem Beruf nicht verlieren. Dies ist in den Niederlanden auch vorgeschrieben, denn wer 2 Jahre nicht mindestens 2 Tage pro Woche im Beruf gearbeitet hat, verliert seinen Facharzttitel. Die Praxen sind in Privatbesitz und die Bezahlung erfolgt größtenteils pauschal für die eingeschriebenen Patienten, egal ob diese den Arzt aufsuchen oder nicht. Die Motivation zu „Routinewiedereinbestellungen“ oder „Verdünnerscheinen“ ist somit gering und der Arzt hat mehr Zeit für die wirklich kranken Patienten. Zusatzarbeit wird aber dennoch bezahlt: für jeden Patientenkontakt, auch telefonisch, gibt es 8 Euro
und Leistungen wie EKG, und die kleine Chirurgie werden extra vergütet. Einen Ultraschall gibt es in keiner Hausarztpraxis, dieser steht aber für Notfälle in der

nächsten Klinik sofort und sonst beim Radiologen binnen einer Woche zur Verfügung. Zum Spezialisten wird nur selten überwiesen und wenn, dann muss der Hausarzt einen ausführlichen Arztbrief zum Patienten mit gezielter Fragestellung schreiben. Der Inhaber der Praxis berichtete mir stolz, dass die niederländischen Hausärzte 95 % der Behandlungsfälle des Landes lösen, dabei aber nur 5 % der Gesundheitskosten verursachen.

Aufklärung der Bevölkerung

Bei der Lektüre des Volkskrant, der größten niederländischen Zeitung, auf dem Weg zu meiner Hospitation, sprangen mir zwei Anzeigen ins Auge: eine war von der niederländischen Hausarztgenossenschaft und lautete wie folgt. „Jetzt ist Erkältungswelle. Wegen einer Erkältung müssen Sie nicht zum Arzt gehen. Außer es liegt eines der folgenden Warnzeichen vor…“. Derartige Aufklärungsschriften zu über 50 häufigen Erkrankungen liegen als Broschüren auch in der Praxis aus. Hiermit sollen die Eigenverantwortung der Bevölkerung gestärkt und unnötige Arztbesuche vermieden werden. Die zweite Anzeige war Werbung für ein pflanzliches Schlafmittel. „Ab 1.1.2009 zahlt die niederländische Krankenversicherung keine Benzodiazepine mehr. Steigen sie jetzt auf das pflanzliche Mittel XY um !“ Niederländische Politiker sagen ihren Patienten nicht, alles sei finanzierbar, sondern streichen potentiell schädliche Mittel wie Benzodiazepine schlicht aus dem Leistungskatalog.

Persönliches Fazit

Zurück im winterlichen Husten- und Schnupfenchaos der deutschen Praxis angekommen, denke ich oft mit Wehmut an die niederländischen Arbeitsbedingungen zurück. Als ich Kollegen von den Unterschieden der Gesundheitssysteme erzählte, waren diese begeistert, gaben aber auch zu bedenken, dass sich Änderungen wie die Pflicht zur Krankschreibung erst nach 2 Wochen bei uns nie durchsetzen lassen würden. Meiner Ansicht nach ist aber eine Verbesserung sowohl unserer Lebensqualität als auch der Versorgung unserer Patienten ohne Reformen nach niederländischem Vorbild auf lange Sicht unmöglich.


Autor: Dr. Marcus Schmidt

15.07.2010
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Schwerer Angriff auf die hausärztliche Versorgung


Mit Bestürzung haben wir erfahren, dass die Bundesregierung im Rahmen ihres Sparpaketes für das Gesundheitswesen die Weiterentwicklung der hausärztlichen Versorgung mit sogenannten Hausarztverträgen beenden möchte. Vor dem sich abzeichnenden schweren Ärztemangel, besonders in ländlichen Regionen, ist dies ein Schlag ins Gesicht jedes engagierten Hausarztes. Bis 2020 ist zu erwarten, dass über 40 Prozent der jetzt praktizierenden Hausärzte in den Ruhestand gehen werden. Zur Zeit ist nirgends eine ausreichende Anzahl an Nachwuchsärzten in Sicht. Somit wird sich in den nächsten Jahren eine immer größer werdende Versorgungslücke auftun. Innerhalb der Hausärzteschaft gab es Bestrebungen, die Situation zu verbessern und den Beruf für den Nachwuchs attraktiver zu machen. Dies sollte mit Hausarztverträgen geschehen, die freiwillig neben der Struktur der Kassenärztlichen Vereinigung eine verbesserte Versorgung bei reduzierter Bürokratie ermöglichen sollte. Diesen Weg wollen nun einflussreiche Kräfte in der Regierungskoalition versperren.

Vielmehr soll die Hausärzteschaft weiterhin im System der Kassenärztlichen Vereinigung verbleiben, welches sich seit Jahren unfähig gezeigt hat, eine ausgeglichene und ausreichende Versorgung zu organisieren. So müssen zum Beispiel die Hausärzte in Hessen Honorareinbußen von 6 Prozent im dritten Quartal hinnehmen. Damit werden auch bisher noch motivierte junge Ärzte in andere Fachgebiete getrieben und der zunehmende Hausärztemangel weiter verschärft werden. Dies ist umso unverständlicher, als quer durch die Parteien das Problem des Ärztemangels erkannt wurde und nach Lösungskonzepten gesucht wird. Aufgrund der langen Aus- und Weiterbildung von mindestens 11 Jahren, ist hier ohne Mitwirken der Politik keine schnelle Lösung möglich. Begründet werden diese Einschnitte mit einem angeblichen Defizit der gesetzlichen Krankenversicherung von 11 Milliarden Euro. Niemand kann bislang erklären, wie diese Zahl zustande gekommen ist. Unseres Erachtens wird diese Summe dazu verwendet, um die geplante Rosskur zu legitimieren. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

Für die Patienten bedeutet das, dass die wohnortnahe Versorgung in der Fläche in Zukunft zunehmend gefährdet ist. Konkret heißt das, dass die heute bestehende Möglichkeit, Hausbesuche anzufordern, wegfallen wird und der kurzfristige und unbürokratische Zugang zu Ärzten erschwert wird. Somit wird es wohl weniger Ärzte geben, die in der immer komplizierter werdenden Versorgungslandschaft ein Anwalt der Patienten mit Überblick sind. Auch kann es einem Patienten nicht egal sein, wenn ein Arzt für seine Tätigkeit – und mag sie noch so hochqualitativ sein – vom System mit einem Linsengericht abgespeist wird. Viele Patienten stellen sich heute schon die Frage, wo das Geld, das sie für die Krankenkasse bezahlen, versickert.

Wir fordern daher die Bundesregierung und alle Bundestagsabgeordneten jedweder Partei auf, diesen Unsinn nicht mitzumachen. Wir wünschen uns im Interesse einer weiterhin guten Versorgung unserer Patienten in Stadt und in Land die flächendeckende Einführung von Hausarztmodellen mit Regeln, die wir selbst mit den Krankenkassen verhandelt haben. Internationale Erfahrungen zeigen ganz eindeutig, dass Modelle dieser Art, wie zum Beispiel die Regelversorgung in den Niederlanden, erheblich zu einer Kostenkontrolle beitragen.

Dr. med. Christian Haffner, Hausärzteverband, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Junge Allgemeinmedizin Deutschland (JADe, www.jungeallgemeinmedizin.de)

Dr. med. Wolfgang Pilz, Hausärzteverband Wetteraukreis, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin


Autor: Der Neue Hippokrates

11.07.2010
Listserver Allgemeinmedizin






Zum Austausch aller Ärzte, die in der Allgemeinmedizin tätig sind, gibt es seit mehreren Jahren ein Austauschforum, den sogenannten Listserver Allgemeinmedizin. Hier wird Fachliches und Politisches besprochen, Informationen ausgetauscht. Die meisten dort eingeschriebenen Ärzte wollen D
das E-Mail-Forum nicht mehr missen.

Falls Sie Arzt in der Weiterbildung Allgemeinmedizin oder Facharzt für Allgemeinmedizin sind, sollten Sie sich unbedingt hier einschreiben. Als Patienten sollten Sie Ihre Hausärzte darauf aufmerksam machen. Nur zusammen können wir die wohnortnahe und Konzern unabhängige Medizin von hoher Qualität gewährleisten. Wie das mit dem Einschreiben funktioniert, erfahren Sie: hier


Autor: Der Neue Hippokrates

11.07.2010
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Gesundheitsreform gegen Hausärzte


Die Deutschen waren wieder im Fußballtaumel, da wurde einen Tag vor dem Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika gegen Spanien die Gesundheitsreform bekannt gegeben. Im Jahr 2006 war das auch schon so, als der Gesundheitsfonds und die Mehrwertsteuererhöhung von 3% von der großen Koalition durchgesetzt wurden. Und es ist eine ewige Wiederholung: Beitragserhöhungen, Zusatzbeiträge, Honorarbegrenzungen und keine nachhaltige Strukturreform. Verkauft wird das, wie auch bisher immer vom jeweiligen Gesundheitsminister, als Erfolg. Herr Rösler hatte es in der Talkshow bei Maybrit Illner allerdings schwer, seine Reform zu verteidigen (Lizenz zum Abkassieren).


Wenige Wochen vorher hatten einige sogenannte Ersatzkassen und die AOK, namentlich die AOK-Hamburg/Rheinland, die Barmer GEK, die DAK und die KKH-Allianz in einem Brandbrief Herrn Rösler aufgefordert, die hausarztzentrierte Versorgung in der aktuellen Form zu stoppen. Vordergründig scheinen sie erst einmal Recht zu haben: Wie können die Hausärzte mehr Geld fordern, während alle anderen sparen sollen? Doch so einfach ist das nicht. Für einen Patienten bekommt ein Hausarzt pro Quartal, also 3 Monate, etwa 38 Euro. Einige Leistungen, wie Impfungen, Gesundheitsuntersuchungen oder Ultraschall kommen noch dazu. Für diese 38 Euro kann der Patient so oft in die Praxis kommen wie er will, auch Hausbesuche sind schon abgedeckt. Die Folge ist es, dass die Ärzte in den Allgemeinmedizinerpraxen wenig Zeit für ihre Patienten haben, da sie viele Patienten brauchen, um sich überhaupt finanzieren zu können. Die Qualität sinkt, die Freude an der Arbeit ebenfalls, da die Ärzte zu einer oberflächlichen Medizin gezwungen werden.


Die Konsequenz ist auch ein Ärztehopping der Patienten von Spezialist zu Spezialist. Dies wird als „freie Arztwahl“ und damit als Vorteil verkauft. Doch welcher Patient weiß genau, welches Problem hinter seinen Symptomen steckt und an welchen Spezialisten er sich wenden muss? Hat ein Patient zum Beispiel einen akuten Schwindel, geht er häufig zuerst zum Neurologen – oder zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Dort wird dann teure Diagnostik betrieben, vielleicht ein Computertomogramm oder eine Kernspintomografie veranlasst, um ihn dann bei unauffälligen Befund zum Kardiologen weiterzuschicken. Ohne weitergekommen zu sein landet er anschließend beim Hausarzt, der besser sein erster Ansprechpartner und Lotse durch das Gesundheitssystems gewesen wäre. Unnötige Kosten hätten sich vermeiden lassen, der Hausarzt hätte mit einer Aufnahme der Krankheitsgeschichte, einer körperlichen Untersuchung, Ruhe- und Langzeit-EKG-Untersuchungen kostengünstig Diagnostik betreiben können. Zumal Allgemeinmediziner den Vorteil haben, die Patienten und deren Situation oft über Jahre und Jahrzehnte zu kennen.


Im benachbarten Ausland ist der Vorteil einer guten Hausarzt- sprich Primärversorgung – längst bekannt. So gilt für die Niederlande, dass dort 90% der Patienten mit 10% der Kosten des Gesundheitssystems qualitativ hochwertig versorgt werden. Auch das Gutachten zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen von 2009 beschreibt in den Kapiteln 6, 7 und 8 die Bedeutung der Allgemeinmedizin. Genannt wird hier die lebenslange Begleitung chronisch kranker Patienten, die Filter- und Steuerfunktion, die Betreuung des Krankens in seiner Familie oder häuslichen Gemeinschaft, die Gesundheitsbildungsfunktion, die Koordinations- und Integrationsfunktion, d.h. die gezielte Zuweisung zu Spezialisten, Organisation von Pflege, das Zusammenführen von Ergebnissen usw.

Die Frage ist, worum es hier wirklich geht. Möchte Minister Rösler die Versorgung sichern und ein behauptetes 11 Milliarden-Defizit der gesetzlichen Krankenkassen ausgleichen? Niemand von uns hat diese Zahl überprüft, wir nehmen sie als Hauptargument für gravierende Einschnitte einfach so hin, obwohl es vor einem Jahr noch einen Überschuss der Krankenkassen von 1,5 Milliarden gegeben hat. Ist es ein Zeichen, von wo der Wind weht, dass Herr Rösler Christian Weber, Vizedirektor der privaten Krankenkassen, als Abteilungsleiter des Bundesministerium für Gesundheit geholt hat, der wohl eher nicht das Interesse der gesetzlichen Kassen vertritt? Oder geht es hier um den Ausverkauf des Gesundheitswesens an private Investoren aus Deutschland und Amerika, wie Renate Hartwig sagt? Wer die Umstände und Inhalte dieser Pseudoreform hinterfragt kann dies fast glauben. Mit der Internetseite von Frau Hartwig beschäftigen sollten Sie sich auf alle Fälle www.patient-informiert-sich.de und auch Ihr Buch der verkaufte Patient lesen.

Wir sollten wachsam bleiben, welche Motivationen hinter dem Tun unserer Politiker und Funktionäre stecken. Patienten und Ärzte sollten hier zusammenwirken.


Autor: Der Neue Hippokrates

01.05.2010
Abrechnungsbetrug: Verantwortung der Arzthelferinnen





Neulich kamen mehrere Arzthelferinnen einer Praxis auf mich zu, in der ich einmal gearbeitet habe. Die Chefin habe bei etwa 50 Patienten im letzten Quartal Gesundheitsuntersuchungen abgerechnet, ohne dass die Patienten überhaupt in der Praxis gewesen seien. Nun muss aber jeder Patient, der behandelt wird, für jedes Quartal 10 Euro „Praxisgebühr“ zahlen. Diese 10 Euro werden dem Arzt von der Krankenkasse von seinem Honorar abgezogen, sind also mehr eine „Krankenkassengebühr“. Die Quittungen dieser 50 Patienten fehlten natürlich, denn sie waren ja gar nicht in der Praxis gewesen. Dafür wurden nun offiziell die Arzthelferinnen verantwortlich gemacht und indirekt der Unterschlagung bezichtigt. Nun fragten sie mich, ob sie rechtlich für die Mitwisserschaft des Abrechnungsbetrugs verantwortlich gemacht werden könnten? Meine Meinung nach können sie das nicht. So sicher war ich mir da aber nicht. Mein Rat war, sich an die Landesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung zu wenden. Der Vorfall ereignete sich in Hessen.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Nehmen Sie an der Doodle-Umfrage teil oder schreiben Sie einen Kommentar dazu.

Hier der Link zur Doodle-Umfrage: Link zur Umfrage


Autor: Dr. Großes Rad





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 06 Okt 2011 19:40
Von: KV-Vergifteter


... kaum zu glauben, daß eine Praxis-KV-Ärztin so etwas anstellt, wo das Wort \"Abrechnungsbetrug\" in aller Munde ist. Bezüglich der Helferinnen-Mitwisserschaft: Ein Geheimnis ist nur, was ausschl. ein Einzelner weiß. Sowas fliegt doch auf. Die Ärztin hat nicht genügend Netze, die die Wahrheit unterdrücken können. Die Helferin aber mit ins sinkende Boot zu ziehen, find\' ich nicht gut. Lieber sollte sie eine entlassen und sich besser organisieren, dann hat sie mehr Geld gespart, als sie mit den 50 GUs gewonnen (oder betrogen) hat.

23.04.2010
Insuffizientes Gesundheitssystem: Brief an Minister Rösler




Offener Brief an Herrn Dr. Philipp Rösler,

Bundesgesundheitsminister

Bundesministerium für Gesundheit

Friedrichstr. 108

10117 Berlin

per e-mail: info@bmg.bund.de

Sehr geehrter Herr Dr. Philipp Rösler,

ich schreibe Ihnen in einem offenen Brief, weil Sie auf die vielen geschlossenen Briefe der Betroffenen nicht antworten oder Antwort geben lassen. Wir haben Ihrer Vorgängerin Ulla Schmidt mehrfach angeschrieben. Leider kam keine Reaktion aus Ihrem Gesundheitsminesterium. In Ihrem Ministerium ist man an der Gesunderhaltung der Menschen scheinbar nicht interessiert. Das ist ein harter Vorwurf, doch die Wahrheit kommt so an das Licht. Was für viele Patienten bedrückend ist, ist die Tatsache, dass die Krankenkassen einfach noch nicht bereit sind, zu denken und wirtschaftlich zu handeln, da viele Mitarbeiter der Krankenkasse keine medizinischen Kenntnisse haben, Warum ist das so?

Ich könnte sicherlich viele Punkte aufzählen, wo es widersinnig ist, was wir hier im Krankenkassenwesen für Vorgaben haben.

Nur einige kleine Beispiele. Therapien werden abgebrochen, nur weil sie € 80,00 am Tag kosten. Aber 10 Monate wurden am Tag € 30,00 für den Pflegedienst, die Kosten für Verbandsmaterial, der Schmerzmittel und der OP bezahlt, ohne sich zu beschweren. Die Therapie hätte ca 4 Monate gedauert.

Jetzt kommen wieder Op-Kosten auf die Gesundheitskasse zu, - wie wirtschaftlich ist das denn?

Oder Schmerzmedikamente für € 400,00 werden übernommen, obwohl das gleiche Medikament für € 29,90 zu haben ist. Wie kann so etwas sein?

Warum tut man nichts dagegen, und verwendet das Geld für wichtige Sachen im Gesundheitswessen?

Die Politiker entfernen sich nach der Wahl zusehends von ihren Wählern. Sie sollten in ihren Wahlkreisen weniger Reden über ihre großartigen Leistungen halten, sondern mehr ihre Wähler befragen, welche Probleme es zu lösen gilt. Wie oft haben wir als Selbsthilfegruppe versucht, Lösungen vorzuschlagen, die dem Gesundheitswesen viel Geld einsparen würden, - außerdem das Leben für viele Kranke wieder lebenswert machen könnte. Aber man hört ja nicht auf uns!Deshalb möchten wir mit Nachdruck darauf hinweisen, Therapien wie Lymphdrainage, Krankengymnastik, sowie Desinfektionsmittel, Verbandsmaterial und Hilfsmittel wieder in die Hände der Ärzte zu legen, - ohne dass sie ans Budget gebunden sind. Die Ärzte verschreiben die Therapien ja nicht aus Lust und Laune. Auch seltene Erkrankungen müssen besser bekannt gemacht werden, - so wie unsere Erkrankung. Akne inversa. Wir als Betroffene fallen immer öfter durchs Rost. Stellen Sie sich mal vor, Sie haben eine Wunde, haben nur Hartz 4 oder eine kleine Rente, und müssen Ihre Desinfektion selbst bezahlen Wie würden Sie das tun können? Nicht nur die Desinfektionskosten fallen da an, nein auch Pflegeprodukte, Fettcremes, ect... Was bleibt da noch übrig ? Entweder esse ich, oder ich behandle mich? Wie würden Sie sich entscheiden?

Wir haben uns nicht vorstellen können, dass wir einmal für ein solidarisches Krankensystem kämpfen müssen. Aber leider ist es so gekommen. Es wird immer schwieriger, als Kranker ein einigermaßen ertragbares Leben zu führen. So darf es nicht sein, - das kann doch nicht Ihr Wille sein, oder? Es soll Niemand, - frei nach der Devise, - nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, behaupten:
DAS HAB ICH NICHT GEWUßT!

Mit freundlichen Grüßen,

Börsig Manuela


http://akneinversa.forumieren.de/In


Autor: kruemel0_3

23.04.2010
Offener Brief an Gesundheitsminister Rösler


Offener Brief an Herrn Dr. Philipp Rösler,

Bundesgesundheitsminister

Bundesministerium für Gesundheit

Friedrichstr. 108

10117 Berlin

per e-mail: info@bmg.bund.de



Sehr geehrter Herr Dr. Philipp Rösler,

ich schreibe Ihnen in einem offenen Brief, weil Sie auf die vielen geschlossenen Briefe der Betroffenen nicht antworten oder Antwort geben lassen. Wir haben Ihrer Vorgängerin Ulla Schmidt mehrfach angeschrieben. Leider kam keine Reaktion aus Ihrem Gesundheitsminesterium. In Ihrem Ministerium ist man an der Gesunderhaltung der Menschen scheinbar nicht interessiert. Das ist ein harter Vorwurf, doch die Wahrheit kommt so an das Licht. Was für viele Patienten bedrückend ist, ist die Tatsache, dass die Krankenkassen einfach noch nicht bereit sind, zu denken und wirtschaftlich zu handeln, da viele Mitarbeiter der Krankenkasse keine medizinischen Kenntnisse haben, Warum ist das so?

Ich könnte sicherlich viele Punkte aufzählen, wo es widersinnig ist, was wir hier im Krankenkassenwesen für Vorgaben haben.

Nur einige kleine Beispiele. Therapien werden abgebrochen, nur weil sie € 80,00 am Tag kosten. Aber 10 Monate wurden am Tag € 30,00 für den Pflegedienst, die Kosten für Verbandsmaterial, der Schmerzmittel und der OP bezahlt, ohne sich zu beschweren. Die Therapie hätte ca 4 Monate gedauert.

Jetzt kommen wieder Op-Kosten auf die Gesundheitskasse zu, - wie wirtschaftlich ist das denn?

Oder Schmerzmedikamente für € 400,00 werden übernommen, obwohl das gleiche Medikament für € 29,90 zu haben ist. Wie kann so etwas sein?

Warum tut man nichts dagegen, und verwendet das Geld für wichtige Sachen im Gesundheitswessen?

Die Politiker entfernen sich nach der Wahl zusehends von ihren Wählern. Sie sollten in ihren Wahlkreisen weniger Reden über ihre großartigen Leistungen halten, sondern mehr ihre Wähler befragen, welche Probleme es zu lösen gilt. Wie oft haben wir als Selbsthilfegruppe versucht, Lösungen vorzuschlagen, die dem Gesundheitswesen viel Geld einsparen würden, - außerdem das Leben für viele Kranke wieder lebenswert machen könnte. Aber man hört ja nicht auf uns!Deshalb möchten wir mit Nachdruck darauf hinweisen, Therapien wie Lymphdrainage, Krankengymnastik, sowie Desinfektionsmittel, Verbandsmaterial und Hilfsmittel wieder in die Hände der Ärzte zu legen, - ohne dass sie ans Budget gebunden sind. Die Ärzte verschreiben die Therapien ja nicht aus Lust und Laune. Auch seltene Erkrankungen müssen besser bekannt gemacht werden, - so wie unsere Erkrankung. Akne inversa. Wir als Betroffene fallen immer öfter durchs Rost. Stellen Sie sich mal vor, Sie haben eine Wunde, haben nur Hartz 4 oder eine kleine Rente, und müssen Ihre Desinfektion selbst bezahlen Wie würden Sie das tun können? Nicht nur die Desinfektionskosten fallen da an, nein auch Pflegeprodukte, Fettcremes, ect.. Was bleibt da noch übrig ? Entweder esse ich, oder ich behandle mich? Wie würden Sie sich entscheiden?

Wir haben uns nicht vorstellen können, dass wir einmal für ein solidarisches Krankensystem kämpfen müssen. Aber leider ist es so gekommen. Es wird immer schwieriger, als Kranker ein einigermaßen ertragbares Leben zu führen. So darf es nicht sein, - das kann doch nicht Ihr Wille sein, oder? Es soll Niemand, - frei nach der Devise, - nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, behaupten:

DAS HAB ICH NICHT GEWUßT!



Mit freundlichen Grüßen, Börsig Manuela



http://akneinversa.forumieren.de/


Autor: kruemel0_3

28.03.2010
Ausbildung, Forbildung, Weiterbildung?




Es herrscht ein Wirrwarr der Begrifflichkeit in der medizinischen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Was ist noch mal was? „Was zahlt Ihnen denn Ihr Ausbilder für ein Gehalt?“, fragte mich erst kürzlich ein Arzt-Kollege. Ausbildung? Diese habe ich doch vor vier Jahren mit meinem Studium abgeschlossen. Die Promotion habe ich auch seit etwa dieser Zeit hinter mir und trage seitdem meinen „Dr. med.“ Offiziell nennt sich die Spezialisierungsphase nach dem Studium zum Facharzt „Weiterbildung“. Doch nicht selten wird das außerdem noch mit der „Fortbildung“ durcheinandergeworfen. So hörte ich vor einiger Zeit einen Arzt sagen, er habe die „Fortbildungserlaubnis für fünf Jahre“. Allein beim Lesen dieser Zeilen wird mir schwindelig, und ich kenne mich hier inzwischen ganz gut aus. Woher kommt das? In den meisten Berufen ist „Weiterbildung“ und „Fortbildung“ nicht so klar voneinander getrennt.

Nun noch mal ganz langsam. In der Medizin ist

- die Ausbildung das Medizinstudium, das mit dem Staatsexamen abgeschlossen wird

- die Weiterbildung die Spezialisierungsphase der fertigen, voll zugelassenen Ärzte nach dem Studium, wenn sie die hohen Weihen des Facharztwissens erlangen wollen. Inzwischen müssen alle Kassenärzte mit eigener Zulassung „Fachärzte“ sein, also auch die Hausärzte, die Fachärzte für Allgemeinmedizin sind. In den Krankenhäusern muss man Facharzt sein, um Oberarzt oder Chefarzt werden zu können.

- Die Fortbildung dient dazu, sich auf den neuesten Stand zu bringen oder sein Wissen in einem Wissensgebiet zu vertiefen.

Wenn selbst die Ärzte nicht in der Lage sind, die drei Ausdrücke auseinander zu halten, wie soll sich dann der normale Bürger damit zurechtfinden? Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken zumindest den Begriff der Weiterbildung durch „Spezialisierung“ zu ersetzen. Dann wird klarer, dass es sich um Ärzte handelt, die ihr Studium abgeschlossen haben und die sich nur noch auf ein Fachgebiet spezialisieren. Damit würden auch Begriffe wie „Weiterbildungsermächtigung“ wegfallen, die mich immer irgendwie an das „Ermächtigungsgesetzt“ erinnert. Vielleicht wird hier einmal dafür „Spezialisierungserlaubnis“ stehen und die Ärzte in dieser Phase „Arzt/Ärztin in Spezialisierung“ oder AiS heißen. Dann wäre vieles klarer.


Autor: Christian Haffner

14.03.2010
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Bürokratismus in der Praxis


Das Ende des ersten Quartals 2010 rückt näher, in den Arztpraxen werden wieder die Abrechnungen für die Kassenärztlichen Vereinigungen vorbereitet. Doch das ist keine leichte Aufgabe. Als Arzt in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin bezieht mich mein Weiterbilder in die sogenannten Fallprüfungen mit ein. Damit bekomme ich Einblick, was hinter den Kulissen und nach der Sprechstunde von den niedergelassenen Ärzten geleistet werden muss und woher der Frust der Kollegen kommt. Diesmal sind es etwa 500 Patientenfälle, die bei der Plausibilitätsprüfung auffallen. „Abrechnung fehlt“ oder „ICD-Schlüssel fehlt“ oder „Diagnose veraltet“ oder „Krankenschein fehlt“ erscheint. Auch bei einem Folgeschaden durch Frühgeburtlichkeit spuckt der Computer eine Fehlermeldung aus: „Diese Diagnose wird vor allem für Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren verwendet“, teilt er mir mit und verweigert diese Eingabe. Alternativen dazu gibt es nicht. Jeder Fehler muss per Hand in der elektronischen Patientenkartei korrigiert werden, sonst zahlt die Kassenärztliche Vereinigung kein Geld. Und die Diagnoseschlüssel im sogenannten ICD-10 Code werden auch immer mal wieder verändert. So wird eine Dauerdiagnose seit dem Jahr 2000 nun nicht mehr akzeptiert, da der Codierungsschlüssel von I 10 auf I 10.9 verändert wurde. Auch die akute Appendizitis, also der akute Blinddarm, heißt nun nicht mehr K35, sondern K35.9. Warum, frage ich meinen Chef. „Das haben sich Bürokraten ausgedacht, die die Realität nicht kennen“, antwortet er mir, und ich merke seinen Zorn auf das System, das ihm Kraft abzieht, die er anderweitig verwendet könnte.


Ein anderes Thema sind die 10 Euro, die irritierenderweise „Praxisgebühr“ genannt werden, so als bekomme der jeweilige Arzt das Geld. In Wahrheit ziehen die Krankenkassen für jeden Patienten, der in einem Quartal in der Praxis Patient waren, diese 10 Euro dem Arzt vom Honorar ab. Und zwar unabhängig davon, ob der Arzt die 10 Euro vom Patienten bekommen hat oder eben nicht. Hat eine Praxis zum Beispiel 1000 Patienten so werden 10000 Euro abgezogen. Wie der Arzt an der Geld kommt, wie er es verwaltet, was passiert, wenn es gestohlen wird das ist die Sache des Arztes. Für die Verwaltung und das erhöhte Risiko erhält der Arzt kein Geld. Und doch sind die Arzthelferinnen, die heute korrekt Medizinische Fachangestellte, MFAs, heißen, einen Großteil des Tages damit beschäftigt, die 10 Euro zu kassieren, die Kasse zu verwalten, Quittungen auszustellen und mit Patienten zu diskutieren, die nicht zahlen wollen oder können. Die Ärzte rennen gerade in den Altenheimen den Patienten und Angehörigen der Patienten hinterher, um das Geld einzutreiben, was viel Zeit und Kraft kostet. Diese zusätzliche Krankenkassengebühr mag ihren Sinn in der Steuerung der Patientenströme haben. Aber warum soll das Aufgabe der Ärzte sein? Und warum sollen die Ärzte diesen enormen Verwaltungsaufwand kostenlos betreiben? Diese Frage bleibt offen. Unser Vorschlag: Die Krankenkassen erheben den Zusatzbeitrag von 10 Euro, wenn ein Patient einen Arzt besucht und kümmern sich mit ihren riesigen Verwaltungsapparaten auch um das Inkasso der 10 Euro „Zusatzkrankenkassengebühr“. Denn das ist die Praxisgebühr in Wahrheit. Jedes Quartal könnten die Krankenkassen diesen Betrag zusätzlich zu den regulären Krankenkassenbeitragen von den Versicherten einziehen. Damit wäre allen geholfen, Patienten wie Ärzten.


Das Gesundheitssystem muss dringend entrümpelt werden, die Ärzte von Verwaltungsarbeit durch Krankenkassen und Abrechnungsstellen entlastet werden. Codierung und Abrechnung sollte Aufgabe zentraler Stellen und nicht der einzelnen Ärzte sein. Damit kann meiner Meinung nach junge Ärzten die Arbeit in einer Arztpraxis wieder schmackhaft gemacht werden. Momentan ist dieser aufgeblähte und sinnentfremdete Verwaltungsapparat ein massives Hindernis, diesen Job attraktiv zu finden. Ein Konzept, den Arztmangel, besonders in der Allgemeinmedizin zu beheben, muss dies aufnehmen und Alternativen aufzeigen.


Autor: Christian Haffner

03.03.2010
Offener Brief an Minister Rösler




Deutsche Aerzteunion -SIGNA
Syndikale Interessen-Gemeinschaft niedergelassener Aerzte und Zahnaerzte
D-78166 Donaueschingen, Alte Wolterdinger Str. 78, Fax: 0771-8967374, oder 0771-8968011


e-mail:deutsche-aerzteunion-signa@arcor.de, www.deutsche-aerzteunion-signa.com


Offener Brief an Herrn Dr. Philipp Rösler, Bundesgesundheitsminister 20.02.2010
Bundesministerium für Gesundheit
Friedrichstr. 108
10117 Berlin per e-mail: info@bmg.bund.de


Die "Deutsche Ärzteunion - SIGNA" bittet den obersten Dienstherrn der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung, Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler, den 1. Vorsitzenden der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Köhler, wegen unseres Erachtens sittenwidriger Vertragsschließung mit der Privaten Krankenversicherung zum Basistarif zu rügen und seines Amtes zu entheben.


Sehr geehrter Herr Dr. Rösler,

es verstößt gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht denkenden Menschen, die durch die verpflichtende Körperschaftsmitgliedschaft gebundenen Ärzte zu einer Behandlung privat versicherter Patienten (Basistarif) zu unwirtschaftlichen und vermögensverzehrenden Gebührensätzen zu zwingen.
Die vom KBV-Vorsitzenden Dr. A. Köhler getroffenen Vereinbarungen mit der Privaten Krankenversicherung erkennen wir nicht an und verweisen auf die Feststellung des Bundesverfassungsgerichts; Az.: 1 BvR 807/08 und 808/08 welches ohne gesonderte zusätzliche Regelung keine Behandlungspflicht der Vertragsärzte sieht, Standard/Basistarif-Versicherte zu behandeln.

Der Grund für diese Feststellung war die absehbar unwirtschaftliche, nicht kostendeckende, jedoch dennoch von der Amtsvorgängerin Ursula Schmidt unter höchst umstrittenen Bedingungen ins Gesetz geschriebene Tarifgestaltung.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung unter Dr. A. Köhler hat ohne Not durch „gesonderte zusätzlicheRegelungen“ zu nach unserer Auffassung sittenwidrigen Bedingungen eine Behandlungspflicht der ihr zwangsunterstellten Ärzte ausgelöst.

Das Bundesverfassungsgericht hatte bei „den gesonderten zusätzlichen Regelungen“ vermutlich keineexistenz-vernichtende Auszehrungsvereinbarung zu Lasten der versorgenden Ärzte im Blick. Das Thema ist nicht etwa, bestimmte Personen/Versichertenkreise nicht behandeln zu wollen, sondern vielmehr bestimmte Personen/Versichertenkreise nicht behandeln zu können, weil eine Behandlungskostendeckung nicht gewährleistet ist.

Vermögenszehrung für Ärzte tritt ein, wenn Basistarifpatienten zu einem Gebührensatz zwischen Faktor 0,9 und 1,2 der seit 1982 (28 Jahre) kaum angepassten ärztlichen Gebührenordnung (GOÄ, 1996 um durchschnittlich 3,6% erhöht, auch schon 14 Jahre her) behandelt werden sollen - wie es nun der KBV Vorsitzende Dr. A. Köhler nach unserer Meinung sittenwidrig und grundrechtswidrig mit der PKV vereinbart hat.

Wir weisen darauf hin, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie sämtliche Kassenärztlichen Vereinigungen als Körperschaften des öffentlichen Rechts KEINE Grundrechtsträgerschaft besitzen und somit für die Grundrechtsträger Ärzte keine Verträge mit privatrechtlichen Gesellschaften tätigen dürfen.

Die „Deutsche Aerzteunion-SIGNA“ fordert Sie als aufsichtsführenden und weisungsbefugten Minister auf, Herrn Dr. A. Köhler wegen des nach unserer Einschätzung zutreffenden Tatbestandes der Veruntreuung gem. § 266 StGB aus seinem Amt zu entfernen.


Deutsche Ärzteunion – SIGNA 20.02.2010

Der Vorstand:
Dipl.-Med. Bernd Wagner, 1. Vorsitzender der „Deutschen Aerzteunion -SIGNA“
Dr. med. dent. Manuela Peters, 2.Vorsitzende der „Deutschen Aerzteunion -SIGNA“
Dr. med. Thomas Wätzold, 3. Vorsitzender der „Deutschen Aerzteunion -SIGNA“
Valeria Renz, Pressesprecherin der „Deutschen Aerzteunion -SIGNA“
Dieter Schlierf, Schriftführer der „Deutschen Aerzteunion -SIGNA“
Bernhard Salomon, Schatzmeister der „Deutschen Aerzteunion-SIGNA“
Erweiterter Vorstand:

Dr. med. Rainer Reiss, Dr.med. Bernhard Haag, Dr. Med. Peter Lackner


Autor: Der Neue Hippokrates

07.02.2010
"Weiterbildungsassistent" in Hessen abgeschafft




Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hat nach Intervention der jungen Ärzte, die in der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADe) organisiert sind, in den neuen Förderverträgen den als diskriminierend empfundenen Begriff des "Weiterbildungsassistenten" für den jungen Arzt, der in der Praxis seine Weiterbildung macht, konsequent durch "Arzt/Ärztin in Weiterbildung" ersetzt. Der neue Hippokrates hatte bereits mehrfach über Initiativen, diese Bezeichnung einzuführen, berichtet. Schon auf dem letzten Deutschen Ärztetag in Mainz im Mai dieses Jahres waren Anträge gestellt worden, den Begriff des "Assistenzarzt" oder "Assistenten" zu verlassen, da er mit einem Nicht-Arzt verwechselt werden könnte. Die JADe und deren Regionalgruppe HESA (www.hessische-allgemeinmedizin.de) wertet dies als großen Erfolg und Wertschätzung gegenüber den jungen Ärzten.

Siehe auch:
Die Macht der Worte

Die Macht der Worte, Teil 2

"Begriff Assistenzarzt abgeschafft"


Autor: Der Neue Hippokrates

07.02.2010
Vereinigung junger Ärzte auf dem Tag der Allgemeinmedizin





Die Vereinigung junger Ärzte für Allgemeinmedizin in Hessen (HESA, www.hessische-allgemeinmedizin.de) wird am 24. April 2010 auf dem 3. Tag der Allgemeinmedizin in Frankfurt am Main einen Workshop abhalten. Das Thema wird "Von der Klinik in die Praxis. Einstieg in eine neue Welt sein." Angesprochen sind alle, die sich zum Facharzt für Allgemeinmedizin weiterbilden wollen und alle Weiterbilder in der Allgemeinmedizin. Die HESA ist die Regionalgruppe der 2008 gegründeten Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADe, www.jungeallgemeinmedizin.de), die sich seit dem intensiv für die Belange der jungen Ärzte in der Allgemeinmedizin eingesetzt hat.


Autor: Der Neue Hippokrates

19.12.2009
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Förderung der Allgemeinmedizin: Geld ist nicht alles!




Stellungnahme der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADe)

zum Leitartikel „Warten auf den Hausarzt“,

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) 49/09 vom 4.12.2009



Autoren: Michael Freitag(1), Jost Steinhäuser (2), Verena Dicke (3),

Eckart Blauth (4), Thomas Maibaum (5), Johanna Eras (6), Christian Haffner (7)


1 Weimar, ThuJA (Thüringer Junge Allgemeinmedizin), http://www.thuja-online.de

2 Heidelberg, FORUM Weiterbildung

3 Berlin, WABe (Weiterbildung Allgemeinmedizin Berlin), http://www.wabeonline.de

4 Tübingen, Vasco da Gama Movement, http://www.vdgm.eu

5 Rostock, JADe-Regionalgruppe Mecklenburg-Vorpommern

6 Nürnberg, JADe Franken

7 Frankfurt, HESA (Hessische Allgemeinmedizin), http://www.hessische-allgemeinmedizin.de


Korrespondenzadresse: JA-De@gmx.de

Homepage: www.jungeallgemeinmedizin.de



"...Money is not the only consideration, however. Medical career choice involves many factors..." (Steinbrook, NEJM 2009 ) (1)


Das Deutsche Ärzteblatt(DÄ) hat in seiner Ausgabe 49/09 die Förderung der allgemeinmedizinischen Weiterbildung zentral platziert (2). So begrüßenswert und wesentlich die geplante Aufstockung der Fördersumme grundsätzlich ist, vermissen wir als Vertreter der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADe) einige wichtige Aspekte, um dem Thema Weiterbildung in der Allgemeinmedizin gerecht zu werden.

Zunächst ziehen wir allgemein den Begriff „Arzt in Weiterbildung“ dem des „Assistenten“ vor. Letzterer ist negativ besetzt als nicht-vollwertiger Arzt und daher auch vom 112. Deutschen Ärztetag verlassen worden.

Der Artikel vermittelt unserer Lesart nach den Eindruck, dass Fördergelder alleine ausreichend wären, um Ärzte für das Fach und die Weiterbildung Allgemeinmedizin zu begeistern. Tatsächlich ist eine angemessene Vergütung eine wichtige Voraussetzung für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Sollten die vorgestellten Förderbeträge so umgesetzt werden, dürfte es in Zukunft deutlich mehr Praxen möglich sein, Ärzte in Weiterbildung nach Tarif zu bezahlen. Hierdurch wird die Bezahlung im Vergleich zu anderen Fächern jedoch lediglich angeglichen. Dies war längst überfällig. Im DÄ-Artikel „Warten auf den Hausarzt“ wird hingegen dargestellt, dass die Allgemeinmedizin im Vergleich zu anderen Fächern durch die Förderung sogar bevorzugt würde.

Die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin nimmt sowohl durch den mehrfach notwendigen Wechsel der Fachgebiete als auch durch die obligatorische Praxisphase eine Sonderrolle ein.

Die Weiterbildungsphase in der Praxis wäre ohne Förderung zum derzeitigen Zeitpunkt kaum möglich, so dass das Förderprogramm Allgemeinmedizin eine Voraussetzung ist, dass die Weiterbildung Allgemeinmedizin überhaupt abgeschlossen werden kann und junge Hausärzte als nächste Generation nachfolgen.

Unerwähnt blieben in dem Artikel die kürzlich gegründeten und erfolgreichen Verbund-Weiterbildungsprogramme wie z.B. in Baden-Württemberg (3), Jena (4), Hamburg, Kamen, Lichtenfels/Oberfranken (5) und Verden, die bereits großen Zulauf haben. Durch diese Strukturen werden Rotationen durch die verschiedenen Fächer organisiert und zunehmend auch Schulungstreffen (6) sowie eine Mentorenbetreuung integriert. Dadurch wird die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin erleichtert und in ihrer Qualität und Attraktivität erheblich angehoben. Diese Leuchtturmprojekte zeigen erste Interpretationen des Idealfalls von strukturellen und inhaltlichen Verbesserungen für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner in einem Guss.

In einzelnen Regionen, wie in dem Artikel einzig genanntem Beispiel Brandenburg, aber auch in Sachsen-Anhalt (KOSTA (7)), mag es trotz gut etablierter Strukturen noch zu keinem Durchbruch gekommen sein. Grund dafür könnten fehlende Inhalte dieser Projekte sein. Aus dem noch ausstehenden Erfolg dieser Initiativen sollte daher kein geringer Bedarf bzw. kein geringes Interesse an Weiterbildung in der Allgemeinmedizin abgeleitet werden.

Es bleibt auch unklar, inwieweit die beiden befragten Kollegen in Weiterbildung angesichts ihres Alters und ihrer Entscheidung, die Allgemeinmedizin als „zweite Wahl“ ihrer Spezialisierung zu sehen, repräsentativ sind für die bundesweite Situation. Innerhalb der JADe sehen wir viele junge Ärzte, die sich frühzeitig und bewusst für eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin entscheiden. (8)

Aktuell hat weniger als die Hälfte der medizinischen Fakultäten in Deutschland überhaupt eine allgemeinmedizinische Abteilung mit einem allgemeinmedizinischen Lehrstuhl. Wie sollen sich Medizinstudierende für ein Fachgebiet begeistern, welches zwar in der Versorgung einen großen Stellenwert einnimmt, universitär jedoch noch in den meisten Fällen höchstens am Rande repräsentiert ist? Auch hier ist es für uns offenkundig, dass eine finanzielle Förderung der Weiterbildung allein nicht zu dem erwünschten Erfolg führen kann.

Wir wünschen uns auch für kommende Generationen von Ärzten den Zugang zu einer Weiterbildung, in der strukturelle und inhaltliche Elemente auf die Tätigkeit des Hausarztes selbstverständlich ausgerichtet sind. Die JADe wird sich gerne an der Ausarbeitung von Struktur und Inhalt der Weiterbildung Allgemeinmedizin beteiligen.



(1) Steinbrook R. Easing the shortage in adult primary care-is it all about money? N Engl J Med 2009; 360: 2696-9.

(2) Korzilius H. Förderprogramm Allgemeinmedizin: Warten auf den Hausarzt. Dtsch Arztebl 2009; 49: A2450-A2453.

(3) http://www.weiterbildung-allgemeinmedizin.de/ (besucht am 09.12.09)

(4) http://www.allgemeinmedizin.uni-jena.de (besucht am 09.12.09)

(5) Bawidamann G. Verbund-Weiterbildung: Angekommen in der Provinz. Der Allgemeinarzt 2009; 19: 69.

(6) Steinhäuser J, Joos S, Ledig T, Peters-Klimm F. FORUM Weiterbildung - gegen Zufall und Beliebigkeit - Beitrag zur Entwicklung einer die Weiterbildung begleitende Gruppe. Z Allg Med 2008; 84: 336-339.

(7) Koordinierungsstelle für die Weiterbildung von Fachärzten für Allgemeinmedizin in Sachsen-Anhalt

(8) http://www.jungeallgemeinmedizin.de/ (besucht am 12.12.09)




Autor: JADe

28.11.2009
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Weiterbildung im internationalen Vergleich




Die Qualität der Weiterbildung von Ärzten zu Fachärzten in Deutschland wird schon seit Jahren kritisiert. Bisher weisen die dafür zuständigen Kammern jede Kritik von sich, haben aber dieses Jahr eine von der Bundesärztekammer initiierte Evaluation mitgetragen. Es ist die Frage, wie aussagekräftig eine Bewertung ist, die von den in die Kritik geratenen Kammern selbst organisiert wird. Weiterführend ist hier der unabhängige Vergleich mit der internationalen Situation der Weiterbildung.

Als Beispiel für die Weiterbildung zum Facharzt hat die wissenschaftliche Fachgesellschaft Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) am Beispiel der Facharztweiterbildung Allgemeinmedizin einen Report erstellt. Grundlage sind Interviews von drei eingeladenen Experten in der Weiterbildung Allgemeinmedizin aus den Niederlanden, Großbritannien und Dänemark, die vom 4.-6. Februar 2009 über drei Tage Vertreter aller an der Weiterbildung Beteiligten befragt haben. Im Einzelnen sind das Verteter der Bundesärztekammer, der Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin, der Krankenkassen und der Weiterbilder.


Hier geht es zum Originalreport


Die Ergebnisse als Zusammenfassung:

1) Das Image der Allgemeinmediziner ist im deutschen Gesundheitssystem relativ schlecht im Vergleich mit dem Rest Europas. Ein Allgemeinmediziner zu sein bedeutet ein Mangel an Prestige. Das hat Einfluß auf das gesamte System wie die Rekrutierung von jungen Allgemeinmedizinern, die Länge der Weiterbildung, die Qualität der Weiterbildung. Respekt für die Allgemeinmedizin, ein richtiges Workforce Management, d.h. eine Balance zwischen Arbeitsaufwand pro Mitarbeiter und richtiger Qualifikation, sind notwendig, um hier Fortschritte zu erzielen.


2) Das deutsche Gesundheitssystem schreibt dem Allgemeinmediziner keine zentrale Rolle zu. In Deutschland fungiert ein Allgemeinmediziner nicht als "Gatekeeper", d.h. er entscheidet nicht, wer zum Spezialisten gehen darf und wer nicht. Es gibt einen freien Zugang zu Spezialisten in Praxen, mit denen die Allgemeinmediziner konkurrieren.


3) Es gibt eine Finanzierungslücke zwischen den Ärzten in Weiterbildung Allgemeinmedizin und denen anderer Fachgebiete. Diese muß dringend geschlossen werden, sonst wird es zu wenige Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin als Nachwuchs geben. Das Finanzierungssystem hat sich historisch und strukturell entwickelt. Der richtige Geldfluß könnte hier viel bewegen.


4) Die Begeisterung und die Werte der Ärzte in Weiterbildung werden nicht gefördert und nicht genutzt


5) Es sind Weiterbildungscurricula mit garantierten Stellen notwendig, um die Nachwuchslücke zu schließen, sichere Karriereaussichten anzubieten und regionale Stellen zu besetzen.


6) Es gibt kein standardisiertes Curriculum für die Weiterbildung Allgemeinmedizin. Das Weiterbildungsziel für einen fertigen Facharzt für Allgemeinmedizin sollte genau beschrieben werden und Ärzten in Weiterbildung und Weiterbildern bekannt sein.


7) Es gibt keine Ausbildung für Weiterbilder in der Allgemeinmedizin. Die Auswahl von Weiterbildern geschieht lediglich anhand formaler Kriterien. Die Weiterbildung wird offensichtlich eher durch politische als inhaltliche Gründe bestimmt.


8) Ärzte in Weiterbildung erhalten keine Rückmeldung z.B. in Form von Tests während der Weiterbildung, die dem Lernen förderlich wäre. Auch die Facharztprüfung am Ende der Weiterbildung sollte überdacht werden und mehr in Einklang mit den wirklichen Anforderungen eines Facharztes für Allgemeinmedizin gebracht werden.


9) Es gibt begeisterte Weiterbilder in der Allgemeinmedizin. Doch werden diese nicht ausreichend unterstützt und haben kaum eine Stimme in der Ärztekammer. Versuche, dies zu ändern, scheitern meist durch konkurrierende Interessen, z.B. von Spezialisten oder aus anderen politischen Gründen.


10) E-Learning scheint sich in einigen Teilen Deutschlands zu entwickeln. Doch kann es nicht alleine die Lösung darstellen, ohne die oben beschriebenen Maßnahmen umzusetzen. Das gemischte Lernen ist für das breite Curriculum der Allgemeinmedizin der bessere Ansatz, zumal in der Allgemeimedizin auch die Probleme in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden müssen und auch sogenannte Softskills erlernt werden sollen. Webbasierte Lösungen sind geeignet, um den Fortschritt der Weiterbildung nachzuvollziehen und zu bewerten.


Vergleich der deutschen Weiterbildung Allgemeinmedizin mit bewährten Methoden in der EU

Die Länge der Weiterbildung Allgemeinmedizin beträgt 5 Jahre und entspricht damit den EU-Standards. In der Theorie besteht also die Möglichkeit einer guten Weiterbildung für die Allgemeinmedizin. Doch nach Sicht der internationalen Experten werden diese Möglichkeiten nicht vollständig genutzt. Im Folgenden werden die Standards und darunter in kursiv die Kommentare zur Situation der Weiterbildung in Deutschland aufgeführt.


1) Das Weiterbildungsprogramm Allgemeinmedizin wird von dem Fach Allgemeinmedizin selbst beschrieben und von anderen Interessensvertretern im Gesundheitssystem anerkannt.

Aktuell haben Interessensvertreter anderer Fachgebiete die Mehrheit in der Ärztekammer und setzen sich daher bei Entscheidungen durch. Deshalb haben sie die Macht, die Weiterbildung in einem Gebiet zu bestimmen, in dem sie sich nicht auskennen. Das hat keinen Sinn: Ein Allgemeinmediziner muß anderen Spezialisten als gleichwertig anerkannt werden und muss ein Recht auf Selbstbestimmung haben.


2) Nationale Programme für die Allgemeinmedizin basieren auf einem Curriculum des Fachgebiets, wobei das Curriculum vom Fachgebiet entwickelt wird, die europäische Definition der WONCA (Word family doctors caring for people) die Grundlage darstellt.

Es gibt kaum Hinweise, dass die Ergebnisse der EU-Konsensus-Initiative, die 2005 abgeschlossen wurde, in Deutschland wahrgenommen und in die Weiterbildung Allgemeinmedizin integriert worden ist.



3) Das Curriculum der Weiterbildung Allgemeinmedizin beschreibt die notwendigen Kompetenzen, die ein zukünftiger Facharzt für Allgemeinmedizin bewältigen kann. Dabei werden die Lern- und Bewertungsmethoden beschrieben

Es gibt anscheinend keinen alles umfassenden Plan, sondern eine Liste an Kompetenzen, die ein Arzt in Weiterbildung sich abzeichnen lassen muß. Dabei handelt es sich vor allem um technische Kompetenzen, wie Ultraschall. Für einen Außenstehenden, der in einem anderen Gesundheitssystem in der EU arbeitet, haben sie wenig mit dem ganzheitlichen patientenzentrierten Curriculum eines Allgemeinmediziners zu tun. Dazu kommt, dass diese Listen häufig geändert werden und wenig dazu beitragen, eine angemessene Wertegrundlage für die Ärzte in Weiterbildung zu schaffen.


4) Das Weiterbildungsprogramm wird maßgeschneidert, um die Weiterbildungsbedürfnisse der zukünftigen Allgemeinmediziner zu erfüllen. Das heißt, das Weiterbildungsstellen in der Allgemeinmedizin und in Krankenhäusern eine spezielle Weiterbildung für die Allgemeinmedizin anbieten.

Es gibt anscheinend wenig Unterschied zwischen jungen Ärzten, die für ein Spezialfach weitergebildet werden und Ärzten, die sich in der Weiterbildung Allgemeinmedizin befinden. Das heißt, sie haben anscheinend parallele Krankenhausstellen, während die Erfahrung und die Weiterbildung, die sie für jedes Fachgebiet benötigen, erheblich voneinander abweichen. Es wird anscheinend nicht gesehen, dass Allgemeinmediziner diese Weiterbildungsstellen benötigen, um angemessen weitergebildet zu werden.


5)Im Ausland wird der zukünftige Allgemeinmediziner vor allem in der Allgemeinmedizin weitergebildet, wo allgemeinmedizische Patienten gesehen werden.

Auch hier erscheint die Weiterbildung nicht auf die Bedürfnisse eines gut weitergebildeten zukünftigen Allgemeinmediziners zugeschnitten zu sein. Die längste Zeit der Weiterbildung sollte in der Allgemeinmedizin stattfinden, optimalerweise bei mehr als einem Weiterbilder


6)Weiterbildungsstellen in Krankenhäusern und in der Allgemeinmedizin sollten bestimmte Weiterbildungsstandards erfüllen (Art und Anzahl der Patienten, Supervision, Rückmeldung usw.). Weiterbildungsstellen sollten daher nach bestimmten Kriterien zugelassen werden, wobei dies in bestimmten Abständen wiederholt werden sollte.

Auch wenn es einige Hinweise auf eine Zulassung und Überprüfung der Weiterbildungsstellen gibt, ist sie signifikant schlechter entwickelt als dies den Standards in anderen EU-Ländern entspricht. Normalerweise gibt es ein Grundgerüst von regelmäßiger externer und interner Bewertung und Akkreditierung von Weiterbildungsstellen, die Standards entsprechen müssen.


7) Weiterbilder im Krankenhaus und in der Allgemeinmedizin sollen bestimmte pädagogische Standards erfüllen, d.h. sie sollten an Ausbildungs-Kursen teilgenommen haben, die den Akkreditierungsstandards für Weiterbilder entsprechen.

Auch hier zeigt sich, dass das "Train the trainers"- und Akkreditierungssystem in Deutschland im Vergleich zum EU-Ausland signifikant unterentwickelt ist.


8) Weiterbilder, Ärzte in Weiterbildung und Weiterbildungsprogramme sollten von lokalen Weiterbildungsorganisationen der Allgemeinmedizin unterstützt werden.

Es kam [europaweit, Anm. d. Red.] zu einer ausgeprägten Entwicklung von Weiterbildungsnetzwerken, die den oben genannten Standards entsprechen, als die Zuständigkeit für diese lokalen Programme dezentralisiert wurde. In den verschiedenen deutschen Bundesländern gibt es unterschiedlichste Vorgehensweisen, aber wenig Hinweise dafür, dass damit der Allgemeinmedizin geholfen und das eine regionale Auswirkung haben würde.


9) Der Arzt in Weiterbildung sollte direkt nach Eintritt in das Weiterbildungsprogramm Anspruch auf die für die gesamte Weiterbildung notwendigen Weiterbildungsstellen und auf ein strukturiertes Weiterbildungsprogramm haben.

Auch hier gibt es einige hervorstechende Beispiele in Deutschland, aber ingesamt gibt es keine wirklichen Bemühungen, die Begeisterung der Ärzte in Weiterbildung zu nutzen und Rotationen durch die Weiterbildungsstellen zu organisieren. Das würde auf einen Schlag die Relevanz der Weiterbildung Allgemeinmedizin erhöhen sowie die regionale Möglichkeit der Weiterbildung Allgemeinmedizin verbessern.


10) Die Arbeitsbedingungen der Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin sollen eine gute Work-Life-Balance erlauben, die Platz einräumt für eine persönliche und soziale Entwicklung - und Zeit, sich über die eigene berufliche Entwicklung Gedanken zu machen.

Aufgrund des Mangels an formalen Rotationen und aufgrund sich immer wieder verändernder Weiterbildungsordnungen arbeitet der Arzt in Weiterbildung Allgemeinmedizin in Deutschland unter Stress, nur ihr starker Optimismus und ihr Einsatz hält sie hier aufrecht. In den Ländern der Experten (Dänemark, U.K., Niederlande) haben Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin eine geschützte Zeit, um sich Gedanken über ihre Tätigkeit und die Weiterbildung zu machen und die Sicherheit, dass sie sich für eine bestimmte Anzahl an Jahren in einem strukturierten Weiterbildungsprogramm mit geregelter Rotation befinden. Damit können sie ihr Leben angemessen planen.


11) Die Arbeitsbedingungen und andere Bedingungen sollten für Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin sowie für Ärzte in Weiterbildung anderer Fachgebiete gleich sein.

Es gab wiederholt Bespiele dafür, dass Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin im Vergleich zu denen in Weiterbildung anderer Fächer als 2. Klasse behandelt wurden. Die Allgemeinmedizin muß als Disziplin anerkannt werden, die ihr eigenes Recht mit ihren eigenen Werten hat sowie die Kontrolle über die Weiterbildung und die Forschung im eigenen Fachgebiet. Dieses Recht ist überall sonst festgeschrieben und akzeptiert


Der Zustand in Deutschland im Jahre 2009 ist, dass die Weiterbildung Allgemeinmedizin diese Kriterien 1-11 nicht erfüllt.


Empfehlungen:

1) Dem Facharzt für Allgemeinmedizin im Gesundheitssystem einen neuen Stellenwert geben.


2) Den Wettbewerb und den uneingeschränkten öffentlichen Zugang zum Gesundheitssystem regulieren


3) Die Bezahlung der Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin und Ärzte in Weiterbildung anderer Fachgebiete überdenken und anpassen.


4) Programme für die Weiterbildung Allgemeinmedizin mit garantierten Stellen müssen aufgebaut werden.


5) Eine Kontrolle der Weiterbildungsqualität in Sinne von Rückmeldesystemen für die Ärzte in Weiterbildung (Tests,praktische Übungen, Kolloquien usw.) erscheint in Deutschland unterentwickelt und sollte reformiert werden.


6) Unterstützung der Weiterbilder und der Weiterbildungspraxen, nicht nur strukturell, sondern auch was die Weiterbildung selbst betrifft.


7) Kommunikationstechniken sind eine essentielle Komponente der Weiterbildung Allgemeinmedizin und braucht einen geschütze Zeit im Curriculum. Ein ausreichender Standard sollte von jedem Arzt in Weiterbildung Allgemeinmedizin erreicht werden.


Da die Weiterbildung Allgemeinmedizin die internationalen Standards nicht erfüllt, sollte die Rolle der Ärztekammer in Frage gestellt werden. Internationale Erfahrungen zeigen, dass die Weiterbildung in der Verantwortlichkeit des jeweiligen Fachgebietes liegen sollte. Das ist aktuell in Deutschland nicht der Fall.

Kontakt über info@der-neue-hippokrates.com
oder direkt an die DEGAM-Geschäftsstelle: walther@degam.de oder telefonisch unter: Tel.: 069 - 65 00 72 45


Autor: Der Neue Hippokrates





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mi 03 Mär 2010 14:57
Von: Ärztekammer Niedersachsen


Im folgenden geben wir eine Reaktion des Weiterbildungsausschusses der Landesärztekammer Niedersachsen wieder:

"Sehr geehrte Damen und Herren,

es kursiert ein Report „Weiterbildung im internationalen Vergleich“ der DEGAM, für den der „Neue Hippokrates“ verantwortlich zeichnet. Dieser Report basiert auf einer sich über einen Zeitraum von drei Tagen erstreckenden Befragung von Vertretern der Bundesärztekammer, Ärzten in Weiterbildung in Allgemeinmedizin, Krankenkassen und Weiterbildern.

Die Interviews führten „drei eingeladene Experten in der Weiterbildung“ (gemeint ist wohl: In Fragen der Weiterbildung) Allgemeinmedizin aus den Niederlanden, Großbritannien sowie Dänemark. Sprachliche Unschärfen finden sich zuhauf im gesamten Text und sind für eine neutrale Bewertung wenig geeignet.

Der Prolog bereits lebt, ebenso wie die zehn formulierten Ergebnisse (in der Zusammenfassung) von Mutmaßungen und Unterstellungen, die zumindest unserer Kammerarbeit resp. den Bemühungen unseres Weiterbildungsausschusses, in dem die Allgemeinmedizin mit drei Vertretern überproportional besetzt ist, nicht gerecht werden.

Ferner ist die Ärztekammer Niedersachsen engagiert in einem vom Ministerium berufenen Arbeitskreis Allgemeinmedizin tätig, dem auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen und ebenfalls Vertreter der Krankenkassen angehören.

Seit einigen Jahren haben wir zudem einen eigenen Arbeitskreis Allgemeinmedizin etabliert, der sich mit Fragen der Verbesserung der Situation dieses Faches intensiv befasst. Somit beschäftigt sich die Ärztekammer Niedersachsen sehr ernsthaft mit der Allgemeinmedizin und ihrer Weiterbildung. Wir bringen also im Vergleich zu anderen Facharztkompetenzen für die Allgemeinmedizin überproportional viel Zeit, finanzielle Ressourcen und „men power“ auf.

Zu 1.:
Sofern beklagt wird, dass „das Image der Allgemeinmediziner im deutschen Gesundheitswesen relativ schlecht im Vergleich mit dem Rest in Europa ist“ (hier fragt sich der Leser, was sowohl in concreto als auch in cumulo mit diesem Terminus wohl gemeint sein mag) und „ein Mangel an Prestige bedeute“ liegt die Lösung des Problems doch in erster Linie bei den allgemeinmedizinischen Weiterbildern; heißt es doch unter 1): „eine Balance zwischen Arbeitsaufwand pro Mitarbeiter und richtigen (was ist das?) Qualifikationen.“

Zu 2.:
Hier heißt es: „Es gibt einen freien Zugang zu Spezialisten in Praxen, mit denen die Allgemeinmediziner konkurrieren.“ Das kann man sowohl beklagen, als auch begrüßen. Spezielle fachärztliche Fragestellungen werden letztlich immer nur von (Fachgebiets-)experten geklärt werden können.

Zu 3.:
Die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin war die erste geförderte ärztliche Weiterbildung. Die Kammern lassen sich „angemessene“ Vergütungen bestätigen.

Zu 4.:
Was heißt: „Die Begeisterung und die Werte der Ärzte in Weiterbildung (ist hier nur die Allgemeinmedizin gemeint?) werden nicht gefördert und nicht genutzt“? Inwieweit dies bei den Vertretern des Faches Allgemeinmedizin so ist, sei dahingestellt. Uns ist schleierhaft, wie die Autoren zu dieser Behauptung, die unbelegt ist, kommen. In unserer alltäglichen Arbeit sehen wir das Gegenteil!

Zu 5.:
Die Ärztekammer Niedersachsen kümmert sich intensiv um die Etablierung von Verbundweiterbildungsmöglichkeiten.

Zu 6.:
Es gibt sehr wohl definierte Weiterbildungsinhalte nebst dazugehöriger Richtlinien. Zudem werden jährlich zu dokumentierende (Weiterbildungs-) Gespräche geführt, die sowohl den jeweiligen Weiterbildungsstand als auch prospektiv zu erwerbende Fähigkeiten beschreiben

Zu 7.:
„Politische Gründe“ sind für unsere Kammer bei der Erteilung von Weiterbildungsermächtigungen nicht ausschlaggebend. Vielmehr liegen hierfür Daten, Zahlen, Fakten und, nicht selten persönliche Kenntnisse der Verhältnisse vor Ort, zugrunde.

Zu 8.:
Die o. g. jährlichen Gespräche sind zu belegen.

Zu 9.:
In unserem 12-köpfigen Weiterbildungsausschuss sind drei Fachvertreter der Allgemeinmedizin vertreten.

Zu 10.:
E-Learning ist ein Baustein, der in der Tat zunehmende Bedeutung erhalten muss und wird. Das gilt aber für alle anderen Spezialisierungen auch. Klar im Vordergrund der Weiterbildung steht das Erlernen der Fertigkeiten in der Praxis unter der Anleitung eines zur Weiterbildung Ermächtigten.

Allein diese Auflistung zeigt die Vielzahl vorhandener und von den Ärztekammern etablierten Regularien.

Somit hat sich der im zweiten Teil des Reports aufgeführte „Vergleich der deutschen Weiterbildung Allgemeinmedizin mit bewährten Methoden in der EU“ erübrigt.

Fazit:
Der Weiterbildungsausschuss der Ärztekammer Niedersachsen lehnt die Schlussfolgerungen des Autors „Der Neue Hippokrates“ ab.

Insbesondere die Forderung und Schlussfolgerung, „die Rolle der Ärztekammer sollte in Frage gestellt werden“ muss ebenso aufs schärfste zurückgewiesen werden wie die Forderung, „dass die Weiterbildung in der Verantwortlichkeit des jeweiligen Fachgebietes liegen sollte.“

Der Ausschuss Ärztliche Weiterbildung der Ärztekammer Niedersachsen konzediert aber auch: „Es ist nicht so gut, dass es nicht noch besser werden könnte.“

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Dr. med. dent. H.-W. Krannich
Ärztlicher Geschäftsführer
"

01.11.2009
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Zur Schweinegrippe H1N1


Ist hier jemand, der zu den schrecklichen Anklagen der Journalistin Jane Bürgermeister Stellung nehmen kann?

Hier geht es zum Video

Bitte nehmt euch die Zeit, die Videos anzuschauen und folgenden Text, den ich per E-Mail bekam durchzulesen.


Mexikanische Gedanken zur Schweinegrippe:

Pandemie der Profitg(e)ier

Auf der Erde sterben jedes Jahr 2 Mio. Menschen an der Malaria, die ganz einfach durch ein Moskitonetz geschützt werden könnten. Und den Nachrichten ist es keine Zeile wert.

Auf der Erde sterben jedes Jahr 2 Mio. Mädchen und Jungen an Durchfallerkrankungen, die mit einer isotonischen Salzlösung im Wert von ca. 25 Cent behandelt werden könnten. Und den Nachrichten ist es keine Zeile wert.

Die Masern, Lungenentzündungen und andere mit relativ preiswerten Impfstoffen heilbare Krankheiten haben jedes Jahr bei fast 10 Mio. Menschen den Tod zur Folge. Und den Nachrichten ist es keine Zeile wert.

Aber als vor einigen Jahren die famose "Vogelgrippe" ausbrach, überfluteten uns die globalen Informationssysteme mit Nachrichten. Mengen an Tinte wurden verbraucht und beängstigende Alarmsignale ausgegeben. Eine Epidemie, die gefährlichste von allen!

Eine Pandemie! Die Rede von der schrecklichen Krankheit der Hühner ging um den Globus.Und trotz alledem, durch die Vogelgrippe kamen weltweit "nur" 250 Menschen zu Tode. 250 Menschen in zehn Jahren, das sind im Durchschnitt 25 Menschen pro Jahr. Die normale Grippe tötet jährlich weltweit ca. 500.000 Menschen. Eine halbe Million gegen 25 ! Einen Moment mal. Warum wird ein solcher Rummel um die Vogelgrippe veranstaltet? Etwa, weil es hinter diesen Hühnern einen "Hahn" gibt, einen Hahn mit gefährlichen Spornen

Der transnationale Pharmariese Roche hat von seinem famosen Tamiflu zig Millionen Dosen alleine in den asiatischen Ländern verkauft. Obgleich Tamiflu von zweifelhafter Wirksamkeit ist, hat die britische Regierung 14 Mio. Dosen zur Vorsorge für die Bevölkerung gekauft. Die Vogelgrippe hat Roche und Relenza, den beiden Herstellern der antiviralen Produkte milliardenschwere Gewinne eingespült.

Zuerst mit den Hühnern, jetzt mit den Schweinen. Ja, jetzt beginnt die Hysterie um die Schweinegrippe. Und alle Nachrichtensender der Erde reden nur noch davon. Jetzt redet niemand mehr von der ökonomischen Krise, den sich wie Geschwüre ausbreitenden Kriegen oder den Gefolterten von Guantanamo.

Nur die Schweinegrippe, die Grippe der Schweine?

Und ich frage mich ..., wenn es hinter den Hühnern einen großen Hahn gab, gibt es hinter den Schweinen ein "großes Schwein"?

Was sagt ein Verantwortlicher der Roche dazu? "Wir sind sehr besorgt um diese Epidemie, soviel Leid ...! Darum werden wir das wundervolle Tamiflu zum Verkauf anbieten."

"Und zu welchem Preis verkaufen sie das wunderbare Tamiflu?" "OK, wir haben es gesehen. 50 US $ das Päckchen." "50 US $ für dieses Schächtelchen Tabletten?" "Verstehen Sie doch, meine Dame, die Wunder werden teuer bezahlt." Das, was ich verstehe, ist, dass diese multinationalen Konzerne einen guten Gewinn mit dem Leid der Menschen machen.

Die nordamerikanische Firma Gilead Sciences hält das Patent für Tamiflu. Der größte Aktionär dieser Firma ist niemand weniger als die verhängnisvolle Person, Donald Rumsfeld, der frühere Verteidigungsminister der US-Administration George W. Bushs, der Urheber des Irak-Krieges. Die Aktionäre von Roche und Relenza reiben sich die Hände, sie sind glücklich über die neuen Millionen-Gewinne mit dem zweifelhaften Tamiflu.

Die wirkliche Pandemie ist die Gier, die enormen Gewinne dieser "Gesundheitssöldner".

Wir sind nicht gegen die zu treffenden Vorbeugemaßnahmen der Einzelnen Staaten. Aber wenn die Schweinegrippe eine so schreckliche Pandemie ist, wie sie von den Medien angekündigt wurde, wenn die Weltgesundheitsorganisation um diese Krankheit so besorgt ist, warum wird sie dann nicht zum Weltgesundheitsproblem erklärt und die Herstellung von Generika erlaubt, um sie zu bekämpfen? Das Aufheben der Patente von Roche und Relenza und die kostenlose Verteilung von Generika in allen Ländern, die sie benötigen, besonders in den ärmeren, wäre die beste Lösung.

Übermitteln Sie diese Nachricht nach allen Seiten, so wie es mit Impfstoffen gemacht wird, damit alle diese Seite der Realität dieser "Pandemie" erkennen.

Quelle: mexikanischen Tageszeitung "La Jornada"


Autor: Gudrun





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 05 Nov 2009 02:35
Von: Fozzybär


Vielen Dank für diesen aufklärenden Artikel!

28.09.2009
Nach dem Tod des eigenen Kindes durch Ärztefehler




Am 22.04.2007 ist mein Sohn ein Medizinopfer geworden. Leider kann ich in keinem Forum in Internet nachlesen wie andere Betroffene oder Hinterbliebene damit umgehen. Selbst unter Betroffenen ist ein Mantel des Schweigens vorzufinden. Aus Scham wird geschwiegen. Ich habe die Erfahrung machen müssen, dass ich besser schweigen soll weil meine Mitmenschen mit dem was ich erzähle nicht umgehen können. Sie denken daran, dass es ihr Kind sein könnte. Und dieser Gedanke lässt diese Menschen zurückschrecken, damit wollen sie sich nicht beschäftigen. Aus ihrer Betroffenheit ziehen sich diese Menschen zurück und lassen die Hinterbliebenen allein mit ihrer Trauer und Verzweiflung.

Einen geliebten Menschen zu verlieren, meinen Sohn zu verlieren, ist sehr schwer zu verkraften.Aufarbeitung findet in den wenigsten Fällen statt. Wir werden allein gelassen. Soziale und berufliche Isolation.

WIR KÖNNEN DEN MENSCHEN DIE UNSEREN KINDERN UND ANGEHÖRIGEN DIESE GRAUSAMKEITEN ANGETAN HABEN NUR WACHRÜTTELN IN DEM WIR DARÜBER IN ALLER OFFENHEIT SPRECHEN DÜRFEN; OHNE ZENSIERT ZU WERDEN.

In unserer Gesellschaft gibt es keine Solidarität zwischen den Betroffenen/Hinterbliebenen und denen welche diese Erfahrungen nicht machen mussten. Sie sind durchaus beroffen aber leider nicht aktiv! Es sollte ein öffentliches Interesse bestehen- MORGEN KÖNNTEN SIE BETROFFENE ODER HINTERBLIEBENE SEIN. Dann hätten sie auch gern Menschen die sich für sie einsetzen. Ich nenne es Zivilcourage!

Ich wurde nach dem Tod meines Sohnes Maximilian gefragt ob ich an Gott glaube. Meine Antwort auf diese Frage; Er hätte den Menschen Mitleid schenken können.

Eine sehr verletzte und verzweifelte Mutter


Autor: hope





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mi 29 Dez 2010 20:43
Von: Ein Vater


Das stimmt, leider werfen uns da alle nur Steine in den Weg, wir haben das gleiche mit unserem 14 Jährigen Sohn durchgemacht und machen es immer noch durch, Tag für Tag. Abgesehen von dem Verfahren und Gutachter, die alles entchuldigen, versucht der Arzt zur Vermeidung einer Gehaltseinbusse alles, die Gedenkseite für unseren Sohn zu stören. Anstatt mal offen einen Fehler zuzugeben. Ein immer noch verzweifelter Vater

Datum: Mi 07 Mär 2012 19:27
Von: manusmanumlavat


Liebe hope!
Ihre Zeilen hier zu lesen, hat mich sehr betroffen gemacht. Ich wünsche Ihnen Alles Liebe und dass Sie die Kraft haben werden, die Sie brauchen! Es ist mit Sicherheit kein Trost (wer kann durch Worte in einem slchen Fall wirklich trösten...) aber ich werden für Sie eine Kerze anzünden und dafür bitten, dass Alles was Sie brauchen Sie auch findet...

Liebe Grüße von Einer, die selbst schon sehr verzweifelt war...

Vielleicht ein kleiner Trost (ich hab\'s vor Jahren in Gedanken an meine Großmutter geschrieben:

Abschied ...

Du gehst fort – die Reise führt dich nun in eine andere ferne und um so viel schönere Welt …
Kein Leid, keine Tränen, keine Qual haben dort Bestand und jeder Moment wird sein von Liebe erhellt …
Deine Reisebegleiter sind ja von Gott gesandt – sie nehmen dich mit und tragen dich an diesen herrlichen Ort …
Erwartet wirst du auf einer zarten Wolke vom Himmelschneider, er näht die wundervollsten Kleider immerfort …
Keine Fäden aus irdischem Garn sind so fein und edel als es die seinen sind – denn sie sind bestimmt für die Ewigkeit …
Ein edles Gewand wird er dir schenken; es ist entworfen vom Allerhöchsten – dem Herrn wahrer Liebe und aller Zeit …
Sei nicht betrübt, denn nur hier wirst du vereint mit denen sein, die dich wirklich und dann für immer und ewig lieben …
Es kommt für jeden der Tag – da nehmen wir Abschied ganz ohne Gepäck – wenn wir nach Elysium übersiedeln…

Liebe Grüße


28.09.2009
Wie fühlen sich Hinterbliebene von Ärztefehlern




Mein Sohn ist ein Medizinopfer. Leider habe ich in keinem Forum im Internet lesen können wie die Hinterbliebenen oder Selbstbetroffene durch Ärztefehler sich fühlen, wie ihr Leben nach einem solch tragischen Ereignis weitergeht, welche Auswirkungen sie dadurch zu ertragen haben (z.B. Diskriminierung, Sanktionen usw.) Ich merke, dass selbst unter den Betroffenen der Mantel des Schweigens geworfen wird. Kritische Aussagen werden in "Ärztepfusch" Foren zensiert. Betroffene schweigen aus Scham oder weil sie in ihrem sozialen Umfeld gemieden werden. Sie müssen sich anhören- irgendwann ist gut damit. Ich lebe leider nicht in einer Gesellschaft in der Mit- GEFÜHL


Autor: hope

27.09.2009
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Bürgerschulterschluss 2009 in München




Hier geht es zum 1. Video

Hier geht es zum 2. Video

Zum zweiten Mal organisierte die Publizistin und Kämpferin für ein besseres Gesundheitswesen Renate Hartwig für den 13. September 2009 einen „Bürgerschulterschluss“ gegen den Ausverkauf des Gesundheitswesens. Etwa 22 000 Menschen versammelten sich von 13 bis 16 Uhr im Münchner Olympiastadion, um die Aktion von Frau Hartwigs Initiative www.patient-informiert-sich.de zu unterstützen. Zum Live-Video der Bürgerprotestbewegung gelangen sie hier.

Als erste Rednerin beschrieb Frau Hartwig die Folgen der Privatisierung des Gesundheitssystems anhand der Rhön AG. Dort gäbe es zum Beispiel für die Patienten keine Sterbezimmer. Es dauere zuweilen bis zu 12 Stunden, bis die Patienten aus dem Krankenbett, in dem sie verstorben seien, von der Pietät abgeholt würden. Kühlräume seien aus Kostengründen abgeschafft worden. Das Essen würde von einer Catering-Firma in schlechter Qualität geliefert, Hauptsache sei, dass es billig sei. Aus politischen Gründen würden die Ärzte kriminalisiert, denn „mit einem geschlagenen Hund wird man leichter fertig.“ Sie machte aufmerksam, dass jetzt genau das geschehe, was 1972 in Amerika unter Präsident Nixon passiert ist und zu viel Elend unter der Bevölkerung bis zum heutigen Tage geführt habe. Damals hatte der Unternehmer Edgar Kaiser als Inhaber von „Kaiser Permanente“ Nixon dazu bewegt, das Gesundheitswesen zu privatisieren. Obama habe jetzt viel Mühe, diesen fatalen Schritt rückgängig zu machen und eine solidarische Krankenkasse einzuführen. Auch berichtete sie von dubiosen Praktiken des Rhön-Konzerns. Verdi habe Patientenberichte über das zu Rhön gehörende Universitätsklinikum Gießen-Marburg auf seiner Homepage veröffentlicht, weil Rhön in die Kritik geraten sei, Patienten nicht richtig und mit schlechter Qualität zu versorgen. Das Portal wurde laut einer Verdi-Mitarbeiter geschlossen, „weil Rhön fies geworden ist.“ Dagegen müsse sich das Volk wehren und sagen „so nicht!“. Ein eigener Protestsong wurde von Karin Hanf und Annemarie Stumpf, die selbst in einer Praxis arbeiten, geschrieben und präsentiert, den sie hier ansehen können.

Als nächstes sprach der 1. Vorsitzende des Hausärzteverbands Bayerns und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes Dr. Wolfgang Hoppenthaller. Es komme durch die Privatisierung vermehrt zu sogenannten „blutigen Entlassungen“, das heißt, dass die Patienten noch nicht geheilt sind, wenn sie entlassen werden. Zudem werde der Personalschlüssel gravierend verkleinert, dass weder Pflegekräfte noch Ärzte ihre Arbeit in der zur Verfügung stehenden Zeit bewältigen könnten und die Patienten nicht richtig versorgt werden könnten. Jetzt gehe es in den Privatkliniken, besonders bei Rhön, darum, was am meisten Geld bringe. Die Behandlung orientiere sich nicht mehr am Wohl des Patienten, sondern an den Möglichkeiten des Profits. Konzerneigene Medizinische Versorgungszentren (MVZs) kauften umliegende Arztpraxen auf, die unter der Regie des Konzerns nach marktwirtschaftlichen Kriterien zu führen seien. Die einstmals von Staatsgeldern finanzierten Krankenhäuser zum Wohle der Bevölkerung würden jetzt an Konzerne verscherbelt, die damit Profit machten. Einsparungen für das Gesundheitssystem gebe es dadurch nicht, weil das eingesparte Geld den Aktionären als Gewinn ausgezahlt werden würde.

Die Rhön AG habe sich zum Ziel gesetzt, alle Krankenhäuser und Praxen sowie Eigentümer der Krankenkassen aufzukaufen und damit eine flächendeckende Vollversorgung zu etablieren. Kaschiert werden würde das mit dem verniedlichenden Begriff der „integrierten Versorgung“. Als Besitzer der Krankenkassen könne die Rentabilität der Patienten berechnet werden. Der Konzern könne dann mit sich selbst über die Honorare verhandeln. Gesetze würden schon jetzt hinter den Kulissen verabredet werden, ohne dass dies der Öffentlichkeit bekannt und diskutiert würde. Hoppenthaler: „Ein Orwell’scher Alptraum.“

Die Ärzteschaft solle durch Hetzkampagnen, wie jüngst die Vorwürfe der Bestechlichkeit, als kriminell stigmatisiert werden, um von den eigentlichen Zielen abzulenken. 200 Milliarden Euro jährlicher Umsatz im Gesundheitswesen wecke Begehrlichkeiten. Die Folgen würden wir gerade erleben und mit einem Blick in die Vereinigten Staaten von Amerika sehen, was uns drohe, wenn wir jetzt nicht aktiv würden.

Der nächste Redner war Dr. Eike Schäfer, Mitglied des "NotRufs113" und ehemaliger Mitarbeiter und Oberarzt in der Chirurgie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Gießen-Marburg, das 2006 von Rhön aufgekauft wurde. Der "NotRuf113" ist ein Zusammenschluß von niedergelassenen Ärzten, Psychotherapeuten und Juristen und will die Öffentlichkeit auf die Folgen der Privatisierung hinweisen. Dr. Schäfer hatte früher als Krankenpfleger bereits seit Ende der 1970er Jahre dort gearbeitet und kennt das Klinikum daher seit 29 Jahren aus verschiedenen Berufsperspektiven. Zur Privatisierung sei es gekommen, weil das Land Hessen, die Mittelvergabe an Universitätskliniken geändert habe. Das Universitätsklinikum Gießen habe daraufhin nicht mehr saniert werden können und sei mit dem schwarze Zahlen schreibenden Universitätsklinikum Marburg verkauft und zusammengelegt worden. Er habe die Klinik Ende 2008 verlassen, weil er seine Patienten nicht mehr zu versorgen in der Lage gewesen sei, dass er es noch verantworten konnte. Nun sei auch die Ausbildung der Studenten in Gießen-Marburg in der Hand des privaten Rhön-Konzerns. Die Studenten würden nun nicht mehr im Fokus humanmedizinischer Ethik und bestmöglicher Therapieverfahren, sondern im Umfeld von Kosteneffizienz, Gewinndruck und Misstrauen ausgebildet. Daher sei die Uniklinik Marburg auch unter den deutschen Medizinstudenten von einem der vorderen Plätze auf einen der hinteren Plätze in der Beliebtheit abgerutscht.

Als niedergelassene Ärztin hat Frau Dr. Ulrike Kretschmann miterlebt, wie nach der Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen-Marburg die Qualität der medizinischen Versorgung dramatisch abgenommen habe. Es sei eine Drehtürmedizin entstanden. Die Patienten würden schematisch nach Prozeduren abgearbeitet, die Geld bringen. Die Patienten würde zu früh entlassen, die gesundheitlichen Probleme seien oft nicht geklärt. Die richtige Diagnose würde oft erst bei Vorstellung in einer anderen Klinik oder bei Hausärzten oder Spezialisten gestellt werden. Die verzögere die Diagnosestellung und damit die Hilfe für den Patienten und führe unter Umständen zu nicht wieder gut zu machenden Schäden. Als Aktivistin des „NotRuf 113“ weist sie daraufhin, dass die Chefärzte des Rhönklinikums Marburg Giessen vor allem den Profit maximieren sollen. Sie fragt sich, ob das der Auftrag von Universitätskliniken sei. Als Beispiel der Verfilzung mit der Politik informierte sie, dass die Familie unseres Bundeswirtschaftsministers, die Familie zu Guttenberg Großaktionäre von der Rhön AG waren und Karl Theodor zu Guttenberg im Aufsichtsrat von Rhön tätig war.

Von christlicher Sicht hinterfragte Pater Dr. Karl Wallner von der Hochschule Heiligenkreuz bei Wien die Privatisierung des Gesundheitssystems. Könne man die Sorge um die Kranken zu einem profitablen Unternehmen machen? Die Geschichte der Medizin sei „Non-Profit pur“, die Nächstenliebe. Der christliche Geist sei die Sorge um die Kranken, Schwachen. „Christliche Liebe erwartet keinen Lohn.“ Die neoliberale Panik, in die die deutsche Regierung nun verfallen sei, helfe hier nicht. Sie führe zu einer Entpersonalisierung und Entsolidarisierung des Gesundheitssystems.

Frau Dr. Ilka Enger, 1. Vorsitzende des bayerischen Fachärzteverbands, entschuldigte sich beim Publikum, dass „wir Ärzte uns von den Konzernen haben abzocken lassen.“ Sie habe das auch erst zu spät verstanden, was hier passiere. Der Patient sei für die Privatkonzerne nur noch ein Werkstück, ein Faktor, der Geld bringe oder Kosten verursache. Die Rhön AG gebe auf ihrer Homepage www.rhoen-klinikum-ag.com/rka/cms/rka_2/deu/27455.html bereitwillig Auskunft über die Ziele. Es solle das Monopol über die Krankenversorgung erreicht werden. Ein Arzt im Umkreis von 80 Kilometern sei laut Rhön ausreichend. Über die Universitätskliniken werde jetzt auch Einfluss auf die medizinische Ausbildung genommen. Die Politik haben mit einer aufgeblasenen Bürokratie den Großkonzernen in die Hände gespielt. Die Verstrickung von Wirtschaft und Politik sei ein großes Problem. Zum Beispiel habe Bertelsmann bei Hartz-IV bis zu Gesundheitsreformen die Finger im Spiel gehabt, Politiker „beraten“ und Gesetze mit verfasst. Über die hauseigenen Medien werde die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Eine Diplomarbeit aus Bremen habe diese Zusammenhänge klar beleuchtet.

Als Vertreter der jungen Ärzte sprach Dr. Ulrich Geyer, 39 Jahre, Hausarzt, als letzter Redner. Er sei zum Heilen und Helfen angetreten. Für viele junge Ärzte sei der Beruf des Arztes auch heute noch eine Berufung. Die Politik wolle den jungen Ärzten die Ideale austreiben, indem sie ihnen Knüppel zwischen die Beine werfe. Er wolle kein Handlanger von Personalgesellschaften sein, kein Verkäufer von Gesundheitsleistungen, kein Verwaltungsbürokrat, sondern wieder wirklich Arzt. Die jungen Ärzte wollten den Patienten auf seinem Krankheitsweg begleiten, optimal behandeln, ihn nach allen Regeln der Kunst mit den sinnvollen Möglichkeiten der modernen Medizin versorgen. Regresse und unsinniges Qualitätsmanagement fördere die Softwareindustrie und nicht die Qualität. Die Bevormundung der Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen müsse aufhören. Es sei kein Wunder, dass 60% aller Medizinstudierenden ins Ausland gehen wollen. Hier sei eine Umkehr nötig.


Autor: Der Neue Hippokrates





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mo 12 Okt 2009 11:59
Von: drgeldgier


Sehr guter Artikel - ich war auch dabei - hoffentlich ändert sich unter der neuen Regierung was zum Positiven
Herzlichst Dr. Geldgier
http://drgeldgier.wordpress.com/

14.09.2009
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Fehldiagnose und Vertuschung: Sohn starb an Meningitis


Mein Sohn Maximilian H. verstarb am 22.04.2007 an einer unbehandelten Sepsis an Waterhouse-Friedrichs-Syndroms.
Am 21.04. ging ich mit meinem Sohn in die Notaufnahme der xxx-Klinik Saalfeld. Nach einer Behandlungszeit von zwei Stunden und der Diagnose grippaler Infekt entliess die Assistenzärztin meinen Sohn. 16 Stunden später verstarb er an dieser Krankheit.

Als mein Sohn tot im Schockraum der Klinik lag, kamen beide Beschuldigten- sie äusserte nur- sie sei schockiert. Der hinzugezogene Herr sagte- das hätten wir gestern schon vermutet, eine Lumbalpunktion hätte weh getan, 85% sterben sowieso, ich rede mich hier um Kopf und kragen, wir dürfen auch gar nicht mehr mit ihnen sprechen. Ohne ein Wort der Anteilnahme verliesaen beide den Raum.

Die Assistenzärztin ignorierte die Symptome: hohes Fieber 39,9°, starke Kopf und Gliederschmerzen, Brechreiz, Übelkeit, Aggressivität,gerötete Tonsillen und Rachen. Einblutungen wurden als Pickel abgetan. Nachweislich fehlte die Puls-und Blutdruckmessung, Atem-und Herzfrequenzmessung, die bei dieser Krankheit sehr wichtig sind.
Da die Notärztin auf dem Leichenschauschein "ungeklärte Todesursache" ankreuzte, schalteten sich die Kripo und die Staatsanwaltschaft ein.

Und hier fängt für die Hinterbliebenen das Mysterium an; Die Staatsanwaltschaft ermittelte eineinhalb Jahre. In diesem Zeitraum wies ich die Staatsanwaltschaft immer wieder darauf hin, dass Untersuchungen fehlten. Dies wurde vom Staatsanwalt ignoriert. Ich gab einen Sachverständigen an, welcher natürlich nicht gehört wurde. Zeugen wurden ebenfalls nicht alle gehört. Nach Nennung eines Sachverständigen wurden am selbigen Tag vom Staatsanwalt die Ermittlungen eingestellt und das Verfahren mit §153 geschlossen. Ich erstattete zwei Dienstaufsichtsbeschwerden welche immer wieder abgelehnt wurden. Als ich mich dann an das Justizministerium in Erfurt wandte wurde meine Beschwerde bearbeitet. Ich zeigte den ermittelnden Staatsanwalt wegen Amtsmissbrauch an. Nun wird gegen ihn ermittelt. Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen.

Leider haben beide behandelten Beschuldigten sich zum Tathergang uns gegenüber nicht geäussert. Der Chefarzt der Klinik gibt die Verantwortung an uns zurück; "Sie waren am Morgen zu zeitig da. In der Nacht hätte man noch etwas machen können. Die Geschäftsführung der Klinik äusserte sich wie folgt: "Sie werden auf der ganzen Welt keine Klinik finden wo nichts geschieht. Wir können nicht jeden Patienten einer solch komplexen Untersuchung unterziehen bei Fieber.

Unwahrheiten, Vertuschung und Bagatellisierung sind Handlungskompetenzen im Umgang mit dem tragischen Tod meines Sohnes seitens der Staatsanwaltes, Gerichte und der Klinik.

In tiefer Verzweiflung die Mutti des Jungen

www.hope63.beepworld.de


Autor: hope





Kommentare zu dieser News:

Datum: Di 19 Jan 2010 17:18
Von: hope


Die Ermittlungen sind bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen.
Es ist die Frage zu stellen; Haben die beiden Beschuldigten eine Sepsis übersehen? Der Verdacht wurde am Behandlungstag geäussert. Die fehlenden Untersuchungen werden nicht beachtet.

Laut Rechtsmedizin wurde ein Behandlungsfehler eingeräumt! Dies wurde mir in einem Vieraugengespräch mitgeteilt.
Bei der hohen Sterblichkeitsrate wird davon ausgegangen, dass mein Sohn hätte sterben müssen, so die Aussage der Rechtsmedizinerin.

Wir können keinen Frieden finden und auch die Beschuldigten können keinen Frieden finden.
Es ist eine Farce an unser Rechtssystem

09.09.2009
Versorgungsproblematik: Brief an Ulla Schmidt





Kehl, den 09.09.2009


Ulla Schmidt

Bundesministerin für Gesundheit

Deutscher Bundestag

Platz der Republik 1,

11011 Berlin



Sehr geehrte Frau Bundesministerin Ulla Schmidt,
ich wende mich wieder einmal an Sie, obwohl mich die Erfahrung leider lehrte, dass die Chancen auf eine Antwort IHRERSEITS recht gering sind. Ich werde aber nicht locker lassen. Bitte erklären Sie mir Folgendes:

Welche Maßnahmen gedenkt das Ministerium zu ergreifen, um die Ursache für UNSERE schlechte medizinische Versorgung zu beseitigen?< br/>
Mit diesem Schreiben schildere ich Ihnen den tatsächlichen Ablauf der Dinge, verbunden mit den sich hieraus ergebenden Folgen für uns chronisch kranke Menschen, für die Sie die gottverdammte Pflicht haben zu sorgen. Nicht nur zuzusehen, wie wir dahinvegetieren und es uns immer schlechter geht. Durch das Budget der Ärzte und Krankenhäusern nehmen sie uns jegliche Art, ein angemessenes Leben zu führen. Ich habe so eine Situation erst heute wieder selbst erleben dürfen/müssen! Es wird mir vorgehalten, ich bin ein Unkostenfaktor, - und wegen mir könnte das Wundzentrum in eine Wirtschaftlichkeitsprüfung rutschen.

Kann das sein, dass ich mir als kranker Mensch Gedanken machen muss, was mein notwendiges Verbandsmaterial kostet? Das Betteln um eine angemessene Versorgung macht uns noch kränker, als wir es eh schon sind. Glauben Sie, dass wir uns ausgesucht haben, krank zu sein? Es wird immer mehr eingespart - heute dachte ich mir, dass darf doch nicht sein - wie kann es sein, dass die Krankenkassen vorschreiben können, dass nur mit einen Röhrchen ein MRSA- Abstrich gemacht werden darf?! Ich habe 6 Stellen, die mit einem Watteträger genommen wurden. Das heißt Oberschenkel Außen, - und Innenseiten, Bauch und Achsel. Toll, es ist ja nun so, dass man unterschiedliche Keime von einer Stelle zur anderen bringt. Ich versteh die Welt nicht mehr. Kann das in Ihrem Ermessen sein?

Wir fordern Sie auf, die Behandlung von Kranken ernst zu nehmen. Es ist für uns nicht mehr hinzunehmen, dass unsere kompetenten und motivierten Ärzte nicht mehr frei arbeiten können, da sie mit der Budgetierung im Kampf gegen unsere Krankheiten behindert werden. Ich und Millionen von Menschen appelieren an Sie, Frau Schmidt, diese wahnsinnige Ungerechtigkeit noch vor der Wahl zu stoppen ,und unverzüglich die Budgetierung aufzuheben und die Ärzte wieder frei nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten lassen.

Es kann einfach nicht sein, dass die Gesundheitsreform nur einseitig auf Kosten der Schwächsten ausgetragen und belastet wird . Unsere Gesundheit ist keine Ware!!


Sehr geehrte Frau Schmidt,

wie würden Sie die folgende Frage beantworten: "Darf es in Deutschland von Gesetzes wegen erlaubt sein, einen Menschen krank zu machen, um Geld einzusparen?" Liebe Frau Schmidt, ein Patient ist keine Sache, die man nach irgendeiner Gebrauchsanweisung oder einem bestimmten Schema reparieren kann. Er ist ein lebendiger Mensch mit seinem individuellen Krankheitsgeschehen. Einfühlungsvermögen und Vertrauen zwischen Arzt und Patient sind unbedingt erforderlich für die richtige Diagnose und eine erfolgreiche Behandlung, aber wie kann ein solches Vertrauensverhältnis bestehen, wenn es nur noch um Geld, Zeitdruck und Angst ums nackte Üerleben geht?

Die Antwort lautet leider: "Ja, dies ist erlaubt und geschieht in Deutschland tagtäglich." Durch die Vorschriften von dem Gesundheitsministerium. Also weg mit dem Butget der Ärzte und Kliniken, denn daraus können schwere gesundheitliche Schäden für uns Patienten entstehen.

Die Tatsache, in einem Land zu leben, wo die Menschenrechte existieren und wir ihnen beraubt werden können, beinhaltet notwendigerweise auch die Verletzung unserer Rechte.

Artikel 1:

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlicher Gewalt.

Es geht nichts über einen guten Hausarzt, - und das müßten auch Sie, Frau Ulla Schmidt, verstehen. Oder möchten Sie, dass Ihnen auch mal die ärztliche Versorgung, die Sie eventuell mal benötigen, verwehrt bleibt?

Liebe Frau Schmidt, meine Einladung steht immer noch, - ich lade Sie gerne 2 Wochen zu mir nach Hause ein. Ich hoffe. ich bekomme mal eine Antwort von Ihnen persönlich, - ohne auf Paragraphen und Links zu verweisen durch Ihre Sekretärinnen/Sekretäre.


Manuela Börsig


http://akneinversa.forumieren.de/


Autor: kruemel0_3

08.09.2009
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Whistleblower: In Deutschland dringend notwendig


Patientenschutz, Sicherheit und Kostenersparnis durch Whistleblowing


Während in den USA der Pharma-Riese Pfizer gerade 2,3 Mrd. US-$ zahlen muss, wird in Deutschland bei der aktuellen Diskussion über Korruptionsbekämpfung, Patientenschutz und Kostenersparnis im Gesundheitswesen das Potential von Whistleblowing-Förderung weitgehend ignoriert. Darauf weist jetzt Whistleblower-Netzwerk e.V. hin und sieht sich dabei auf einer Linie mit dem Deutschen Ärztetag, der schon 2008 gesetzliche Bestimmungen zum Schutze von Whistleblowern gefordert hatte, die immer noch ausstehen.

Psychiater Stefan Kruszewski wurde von den Pharma-Vertretern von Pfizer aufgefordert, das Anti-Psychotikum Geodon jenseits seines zugelassenen Anwendungsbereichs auch bei älteren Patienten zur Demenzbehandlung einzusetzen. Kruszewski aber informierte sich. Über den Anwendungsbereich und über die von den Pharma-Vertretern verschwiegenen schweren Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem. Was aber konnte er tun?

Zum Glück geschah dies alles in den USA und der Arzt konnte so zum Whistleblower werden. Mit Hilfe von Anwälten erstritten er und fünf weitere Whistleblower – unter ihnen auch frühere Pfizer-Mitarbeiter - dank der dortigen gesetzlichen Regelungen, dass Pfizer am Ende nicht nur diese illegalen Praktiken einstellen, sondern im Rahmen eines Vergleichs auch 2,3 Mrd. US-$ zahlen musste. Das meiste davon geht an die Staatskasse, aber auch die Whistleblower und ihre Anwälte erhalten insgesamt 102 Mio. US-$. Das dahinter stehende Gesetz, der False Claims Act, hat sich also wieder einmal bewährt, potentielle Täter abgeschreckt und andere Whistleblower ermuntert

Was wäre in einem solchen Fall in Deutschland passiert? Hätte der Arzt überhaupt jemanden gefunden, der „zuständig“ wäre? Hätte die Gesundheitsbürokratie müde abgewinkt oder wären umfangreiche Ermittlungen in Gang gekommen? Wahrscheinlich wäre der Fall spätestens an den mangelnden Ressourcen zu seiner Aufklärung gescheitert, und selbst wenn nicht, wäre allenfalls ein Verbot dieses Off-Label-Marketings für die Zukunft ausgesprochen worden. Die bereits eingestrichenen Gewinne wären privatisiert, und die Schäden durch Nebenwirkungen sozialisiert worden. Und die betreffenden Whistleblower? Sie hätten in ihrer Branche mit Sicherheit keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Aber diese Fragen stellen sich in Deutschland so ja gar nicht, denn bei uns gibt es statt Whistleblowing etwas anderes: Schweigen.

Geredet wird stattdessen in Wahlkampfzeiten gerade mal wieder über Korruptionsbekämpfung. Die CDU/CSU, die im letzten Jahr selbst erste Ansätze zu einem gesetzlichen Whistleblowerschutz in Deutschland blockiert hatte, redet jetzt von Transparenz, will es aber – wie schon beim Thema Gammelfleisch – mal wieder bei der Selbstoffenlegung durch die Akteure belassen. Die SPD spricht immerhin von Meldestellen in Landesministerien, setzt aber vor allem auf anonyme Hinweisgeber und belässt diese damit in der Schmuddelecke. Da scheint es dann auch wenig zu interessieren, wie Anonymität überhaupt funktionieren soll, wenn es typischerweise neben den Tätern immer nur ganz wenige Ärztinnen und Ärzte, Kranken- und Altenpflegerinnen und -pfleger oder Bürofachkräfte sind, die überhaupt mitbekommen, wenn im Gesundheitswesen betrogen oder die Patientensicherheit vernachlässigt wird. Da ist dann schnell klar, wer hier die Alarmpfeife geblasen hat und wer dann abgestraft wird.

„Egal ob es um Korruption zwischen Ärzten und Krankenhäusern, unethisches oder kriminelles Verhalten der Pharmaindustrie, um unzureichende Pflegekapazitäten oder um das Vertuschen von Behandlungs- und Hygienefehlern geht, all dies kostet viele Mitmenschen die Gesundheit und den Steuer- und Beitragszahler jährlich Milliarden. In all diesen Fällen täten wir gut daran, diejenigen zu stärken und zu schützen, die auf solche Missstände hinweisen, damit sie endlich abgestellt werden können.“, so Guido Strack, der Vorsitzende des Whistleblower-Netzwerk e.V. Nach Auffassung des Netzwerks ist ein umfassender gesetzlicher Whistleblowerschutz in der Gesundheitsbranche und anderswo dringend nötig. Der Verein hat hierzu auf seiner Webseite umfangreiche Vorschläge gemacht und sieht sich in seinen Forderungen im Einklang mit den Beschlüssen des 111. Deutschen Ärztetages und den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). (Quelle: www.whistleblower-netzwerk.de)


Autor: Der Neue Hippokrates

05.09.2009
Die bösen bestechliche Ärzte - Spiele von Politik und Medien




Krankenhäuser hätten Ärzten Geld dafür gezahlt, dass sie Patienten in ihre Klinik schicken. Die Nachricht ist zwar ein Skandal, aber was die Medien und die Politik daraus machen ist ein viel größerer. Kurz vor der Bundestagswahl am 27. September holt die Politik mit bereitwilliger Unterstützung der Massenmedien zum Schlag gegen die Ärzte aus. Gesundheitsministerin Schmidt forderte gleich "ein hartes Durchgreifen bei der Ärztebestechung". Schnell ging durch die Medien, die Ärzte seien ohnehin sehr anfällig für Bestechung und hätten zum Beispiel Absprachen mit bestimmten Sanitätshäusern getroffen. Die Stellungnahme der Bundesärztekammer verhallte da beinahe ungehört. Was bei der Bevölkerung zurückbleibt ist der Eindruck von raffgierigen Ärzten, die ohnehin genug Geld haben und sich jetzt auch noch illegal bereichern. Vermutlich hat das System. Neue Gesundheitsreformen gegen die Ärzteschaft - und gegen die Patienten, doch diese verstehen das oft erst, wenn es zu spät ist - können so leichter durchgesetzt werden. Das Spiel Ärzte gegen Patienten und Ärzte gegen Ärzte auszuspielen geht in eine neue Runde. Und in den Hinterzimmern von Politik und Wirtschaft werden die großen Summen verschoben. Der Verkauf des Gesundheitssystems an die Wirtschaft geht weiter. Private Aktiengesellschaften übernehmen unsere Krankenhäuser und machen Profit auf Kosten von uns. Ein Nutzer des "neuen Hippokrates" beschrieb das passend mit Goldgrube und Sklavenplantage - das deutsche Gesundheitssystem

Wie können wir uns dagegen wehren? Die einzige Möglichkeit ist, sich als Patienten und Ärzte und weitere Mitarbeiter im Gesundheitssystem zu organisieren. Dann können wir uns austauschen und über die Mechanismen zeitnah informieren - auch über die Medien. Renate Hartwig ist hier eine starke Vertreterin der Patienten (siehe Renate Hartwig lädt zum Bürgerschulterschluß und hier können Sie das Video der letzten Bürgerolympiade sehen). Ihre Aktion "Bürgerschulterschluß" im Münchner Olympiastadion ist ein guter Anlaß, sich zu solidarisieren. "Der neue Hippokrates" wird dort vertreten sein und über das Ereignis berichten.


Autor: Der Neue Hippokrates

23.08.2009
Renate Hartwig lädt zum Bürgerschulterschluss




Renate Hartwig, Publizistin und Kämpferin für ein besseres Gesundheitswesen und gegen den Ausverkauf an die Wirtschaft organisiert für den 13. September ab 14 Uhr eine Protestkundgebung im Münchner Olymiastadion. - Hier können Sie das Video der letzten Bürgerolympiade sehen - Wer ihr Buch "der verkaufte Patient" gelesen hat (unsere Rezension finden Sie hier), der weiß, wie weit die Verflechtung von Industrie, Politik und dem Gesundheitssystem schon vorangeschritten ist.

"Der neue Hippokrates" befürwortet ausdrücklich die Aktion von Frau Hartwig und wird am 13.9. in München vor Ort sein. Aktuelle Berichte finden Sie dann hier auf unserer interaktiven Internetzeitung.

Wir rufen Sie auf, die Bürgerprotestbewegung in München zu unterstützen. Je mehr Menschen vor Ort sein werden, desto größer ist die Wirkung.


Autor: Der Neue Hippokrates





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mo 14 Sep 2009 10:26
Von: hope


Mit großen Interesse und meiner Anerkennung für Ihren Mut dieses schwierige Problem an die Öffentlichkeit zu bringen.
Bin selbst Altenpflegerin und wurde wegen meinem Engagement in der Pflege gedemütigt und stigmatisiert. Ich wurde als Anpassungsgestört dargestellt und psychiatriseirt.
Ich bezahle mein Engagement mit meinem Arbeitsplatzverlust.
Es ist schwer auszuhalten das ich als Exam. Altenpflegerin den Pflegeauftrag nicht erfüllen konnte. Werte wie Solidarität, ein empatschischer Umgang mit alten Menschen und eine ganzheitliche Betreuung dieser Personengruppe sollten Handlungskompetenzen dieser Berufsgruppe sein.
Ermittlungen wegen Mißhandlungen von Schutzbefohlenen wurde mit Verfügung 07.07.08 gemäß §170 Abs.2 StGB eingestellt Az.521 Js 3505/08 Staatsanwaltschaft Gera
aus einer Beschuldigten wurden zwei vermeintliche Täter, das Heim räumte die Mißhandlungen die über Monate hinweg geschehen sind ein. Die Beschuldigten gehen ihrer Tätigkeit weiter nach und quälen weiter alte wehrlose Menschen.
Meine Veröffentlichung hat wenigsten den Erfolg gebracht, dass weitere Anzeigen von Mitarbeiter/innen und Anghörigen von der STA-schaft bearbeiter werden müssen. Einen Job in der Pflege habe ich bis zum heutigen Tag nicht bekommen.
Ich werde die Mißstände in der Pflege weiterhin laut aussprechen. Vieleicht öffnen sich jene Mitarbeiter/innen die sich dem Druck nochimmer beugen. Es geht um die Menschenwürde eines jeden einzelnen Pfleger wie zu Pflegende.
Hopr

16.08.2009
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Die Allgemeinmedizin in Deutschland


Die Sicht eines jungen Allgemeinmediziners


Politik, Ärzteschaft und Krankenkassen sehen seit Jahren einem Mangel an Hausärzten, gerade im ländlichen Raum, entgegen. Um die Problematik zu verstehen, muss zunächst einmal eine Analyse der aktuellen Zustände erfolgen. Zuerst einmal, was verbirgt sich hinter dem Begriff Hausarzt? Hausärzte in Deutschland sind eine heterogene Gruppe mit höchst unterschiedlichen Werdegängen. In Westdeutschland gab es im Gegensatz zu Ostdeutschland bis in die neunziger Jahre hinein die Möglichkeit, sich als praktischer Arzt hausärztlich niederzulassen. Diese Ärzte mussten überhaupt keine geregelte Weiterbildung abschließen und konnten sich nach Abschaffung der Bezeichnung "praktischer Arzt" im Rahmen von großzügigen Übergangsregelungen und auf Antrag bei der zuständigen Ärztekammer in Fachärzte für Allgemeinmedizin umbenennen lassen. Weiterhin sind Fachärzte für Allgemeinmedizin hausärztlich tätig, welche eine mindestens 3 –jährige (heutzutage 5-jährige) Facharztweiterbildung mit Pflichtteil in der hausärztlichen, ambulanten Medizin, einschließlich einer Facharztprüfung durchlaufen haben. Die dritte Gruppe welche hausärztlich tätig ist, sind die Fachärzte für Innere Medizin, diese haben eine mind. 5-jährige Facharztweiterbildung einschließlich einer Facharztprüfung in der Inneren Medizin durchlaufen. Ein Pflichtteil in der hausärztlichen, ambulanten Medizin ist hierbei nicht zu absolvieren. Um die Aufzählung komplett zu machen, auch die niedergelassenen Kinder- und Jugendmediziner zählen zu den Hausärzten, diese haben eine mind. 5-jährige Weiterbildung einschließlich Facharztprüfung in der Kinder- und Jugendmedizin als Weiterbildungsgrundlage.

In welchem Spannungsfeld arbeitet der Allgemeinmediziner und warum gibt es gerade in der Allgemeinmedizin einen Nachwuchsmangel?

Die Allgemeinmedizin in Deutschland ist ein Spielball der verschiedenen Interessen und Einflussnahmen. Zum einen gibt es die Organe der ärztlichen Selbstverwaltung (die kassenärztlichen Vereinigungen und die Landesärztekammern). Zum anderen sind zu nennen, die verschiedenen Berufsverbände der an der hausärztlichen Versorgung beteiligten Ärzte und nicht zuletzt die Politik und die Krankenkassen. Die ärztliche Selbstverwaltung bestimmt zum einen über die Weiterbildungsordnungen, also über die Inhalte der Facharztweiterbildung (dies ist eine der Aufgaben der Landesärztekammern), zum anderen über die Praxiszulassung, die Honorarverteilung und –verhandlung der niedergelassenen Facharztgruppen untereinander (dieses sind Aufgaben der kassenärztlichen Vereinigungen). Beide Organe der ärztlichen Selbstverwaltung sind jeweils in jedem Bundesland vertreten und nehmen bundeslandspezifisch die oben genannten Aufgaben war. Als Folge existiert ein Flickenteppich an Weiterbildungsordnungen in der Allgemeinmedizin, da gerade in der Allgemeinmedizin einige Landesärztekammern partout nicht von ihren regionalen Besonderheiten lassen wollen.

Beide Organe der ärztlichen Selbstverwaltung wiederum werden durch gewählte Vertreter der ärztlichen Berufsverbände beeinflusst, welche Funktionen innerhalb der Organe innehaben. Ärztliche Berufsverbände mit wichtigen Rollen für die Allgemeinmedizin sind: der Bund der deutschen Internisten (BDI), der Hausärzteverband und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Da die Verbandsvertreter oft eigene berufspolitische Interessen verfolgen, wird um kaum ein Gebiet schon seit Jahrzehnten so vehement gestritten wie um die Allgemeinmedizin. Als Resultat dieser permanenten Streitigkeiten und Einflussnahmen wurde und wird die Weiterbildungsordnung Allgemeinmedizin permanent umgeändert. Im Prinzip geht es hierbei oft um das liebe Geld, bzw. um Konkurrenzstreitigkeiten. So wollen z.B. die Pädiater nicht, dass Allgemeinmediziner auch Kinder behandeln dürfen und die Internisten möchten nicht darauf verzichten auch in Zukunft an der hausärztlichen Versorgung teilnehmen zu können. Eine Anekdote zur Veranschaulichung der Problematik: Es ist zum Beispiel schwierig in einigen Bundesländern als angehender Allgemeinmediziner eine Weiterbildungsstelle in der Kinderheilkunde zu bekommen, da die Kinder- und Jugendärzte dort beschlossen haben, Allgemeinmediziner als mögliche Konkurrenz zu sehen.

Auch der nach ewigem Hin und Her vom Ärztetag als Kompromisslösung zwischen Internisten und Allgemeinmedizinern beschlossene neue Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin ist schlussendlich durch das beständige Wirken der verschiedenen Interessengruppen nie bundesweit etabliert worden, als Folge wird die entsprechende Weiterbildungsordnung zur Zeit erneut geändert! Die permanenten Neuanpassungen der Weiterbildung Allgemeinmedizin sind für junge Ärzte schwer durchschaubar, eine Kontinuität und Planbarkeit der Weiterbildung ist nicht gegeben. Durch die fehlende bundeseinheitliche Weiterbildungsordnung kann es außerdem passieren, dass beim Wechsel des Bundeslandes manche Weiterbildungsabschnitte von der dann zuständigen neuen Landesärztekammer auf einmal nicht mehr anerkannt werden.

Ebenso hinderlich ist, dass der junge Arzt in Weiterbildung zum Allgemeinmediziner, im Gegensatz zu den jungen Kollegen der anderen Fachrichtungen, während der 2-jährigen Pflichtweiterbildungszeit in der Hausarztpraxis abhängig von einem Fördergeld ist. Die Weiterbilder in den hausärztlichen Praxen sind meist finanziell nicht in der Lage, ein angemessenes Gehalt zu zahlen. Die Höhe dieses Fördergeldes beträgt momentan 2040,- Euro brutto, im Gegensatz zum Verdienst eines Kollegen, zum Beispiel in der Facharztweiterbildung zum Internisten, bedeutet dies für junge Allgemeinmediziner eine massive Einbuße. Die Problematik des Gehaltes wurde immerhin erkannt und momentan wird eine Verdoppelung des Fördergeldes diskutiert. Diese soll allerdings verbunden werden mit einer Verpflichtung zur Zwangsniederlassung im Anschluss an die Facharztprüfung, wenn nicht soll der junge Arzt die komplette 2-jährige Förderung zurückzahlen. Anscheinend glaubt man ernsthaft, durch weitere Zwänge mehr Zulauf zur sowieso nicht beliebten allgemeinmedizinischen Facharztweiterbildung schaffen zu können.

Als weiteren Nachteil im Gegensatz zu anderen jungen Kollegen muss der allgemeinmedizinische Nachwuchs häufiger seine Stelle wechseln, da er ja eine breite Ausbildung in verschiedenen medizinischen Gebieten nachweisen muss. Leider existiert immer noch keine ausreichende zentrale Koordination der Weiterbildung Allgemeinmedizin, so dass die 5 Jahre Weiterbildung einschließlich der notwendigen Rotationen nicht in einem Guss durchlaufen werden können. Die Konsequenzen sind: eine schlechte Möglichkeit zur Lebensplanung, die unnötige Verlängerung der Weiterbildungsdauer und häufige zwischenzeitliche Arbeitslosigkeit (bedingt durch das Suchen einer passenden Anschlussstelle).

Nicht zu Vergessen ist nach wie vor die (historisch bedingte) schlechtere Reputation der Allgemeinmediziner im Vergleich zu anderen Fachgruppen und die Benachteiligung der hausärztlichen Medizin durch die bestehende schlechtere Honorierung der Allgemeinmediziner im Vergleich zu anderen Facharztgruppen. Nach wie vor verdient ein Allgemeinmediziner im Schnitt ein Drittel weniger als andere Fachärzte. Dies muss auch vor dem immensen Arbeitsaufwand des Allgemeinmediziners gerade in ländlichen oder unterversorgten Gebieten gesehen werden.

Als letzter Punkt in der Ursachenforschung ist die allgemeine Unattraktivität einer Niederlassung als Kassenarzt zu nennen, bedingt durch das unüberschaubare kassenärztliche Abrechnungssystem und die immer weiter um sich greifende Einschränkung der ärztlichen Therapiefreiheit und –hoheit.

Was überlegt sich also der junge Kollege/ die junge Kollegin in Weiterbildung mit prinzipiellem Interesse an einem Einstieg in die hausärztliche Versorgung?

Angesichts des ganzen Tohubawohus um die Allgemeinmedizin wird er oder sie schnell zur Einsicht kommen, dass er/sie mit einer Weiterbildung in einem anderen Gebiet mehr Freiheiten, mehr Ansehen, mehr Verdienst und weniger organisatorischen Stress hat.


Alles schön und gut, aber wie sind die Lösungsansätze?

Was könnte die Politik tun?

· Stärkung der Funktion des Hausarztes als Primärarzt, Einschränkung des „Ärztehoppings“, Spezialisten sollen nur noch nach obligater Beratung des Hausarztes aufgesucht werden können.

· Bereitstellung von Fördergeldern für die Schaffung von allgemeinmedizinischen Weiterbildungsverbünden

· Schaffung von besserer Planungssicherheit in der Tätigkeit als Kassenarzt (Stichwort Regresse, undurchschaubares Abrechnungssystem)

Was könnte die ärztliche Selbstverwaltung tun?

· Schaffung einer bundeseinheitlichen, qualitativ hochwertigen und breiten Weiterbildung zum Allgemeinmediziner

· Abschaffung des Nebeneinanders verschieden weitergebildeter Hausärzte, klares Veto für den Allgemeinmediziner

· Setzen bleibender positiver Anreize für Hausärzte, z.B. über eine bessere Honorierung von Hausärzten generell und im Speziellen in ländlichen/unterversorgten Gebieten.

· Beendigung der verbandspolitischen Streitereien , die Bevölkerung braucht einen qualitativ hochwertig und vor Allem breit ausgebildeten Allgemeinmediziner als Primärarzt, Schmalspur- und Billiglösungen würden nur einer weiteren Erosion des Berufsbildes Vorschub leisten

· Unterstützung von Verbundweiterbildungen, Schaffung geeigneter Strukturen

· Schaffung von positiven Anreizen für engagierte Weiterbilder (z.B. über eine Budgeterhöhung oder ähnliches)

· transparente und verpflichtende Evaluation von Weiterbildungsstätten

· Angleichung des Gehaltes der Ärzte in Weiterbildung Allgemeinmedizin über die komplette Weiterbildung an den üblichen Tariflohn ohne weitere Bedingungen

Was können angehende und praktizierende Allgemeinmediziner tun?

· Verbesserung durch Einfordern von Veränderungen, klares Beziehen von Positionen auch wenn es Widerstand gibt

· Nicht nur jammern, sondern auch engagieren und Lösungsansätze suchen


Autor: Dr. Mabuse





Kommentare zu dieser News:

Datum: Fr 21 Aug 2009 11:59
Von: der Landarsch


wunderbar treffend und unpolemisch dargestellt, danke!

3 kleine Anmerkungen:

1. Die Weiterbildung wird von den Ärztekammern geregelt. Hier haben aber die Uniprofessoren und Vertreter der Fachverbände das Übergewicht. Es besteht hier also nicht nur kein Interesse, die Allgemein-/Hausarztmedizin zu fördern, sondern eher ein Interresse, die Allgemein-/Hausarztmedizin zu behindern.

2. Die ärztliche Honorierung ist - trotz immer weiter zunehmender Pauschalisierungen - noch immer "Einzelleistungs-orientiert", d.h. die einzelne Untersuchung/Therapie steht im Vordergrund der Bezahlung, und da können Fachärzte (trotz Budgetierung) wesentlich mehr und leichter punkten als Hausärzte, deren haupstächliche Arbeit eher das Gespräch und die Planung/Organisation ist.

3. Es gilt noch immer, dass sich die Wirtschaftlichkeit der ärztlichen Handlungen/Abrechnungen aus dem Durchschnitt des Fachgruppenhandelns ergibt. Insbesondere kleinere Fachgruppen haben dabei eine viel größere Chance, als die große und inhomogene Gruppe der Hausärzte, den Wirtschaftlichkeitsumfang nach oben zu korrigieren. Infolge dessen werden viel mehr Hausärzte in ihrem Honorar gekürzt oder sie werden mit Regressen überzogen, als Fachärzte (50.000.-€ Regress für ein Quartal ist in der Allgemeinmedizin keine Seltenheit, von Fachärzten habe ich derartige Summen noch nie gehört! Und das bei geringerem Gesamthonorar!).
Facdhärzte tun sich auch viel leichter zu sagen "da kann ich jetzt nichts (mehr) machen, da müssen Sie zum Hausarzt", als die Hausärzte "da müssen sie zum Facharzt", weil der Patient dann sagt "da war ich schon und der kann mir nicht helfen"!

14.08.2009
Nachschub an Hausärzten faktisch gestoppt




Die Junge Allgemeinmedizin Deutschland (JADe, www.jungeallgemeinmedizin.de
kritisiert in ihrer Pressemitteilung von heute Ideen, dass neue Förderverträge eine Niederlassungsverpflicht enthalten sollen:


"Berlin, den 14.8.2009.

In den aktuellen Verhandlungen über die Gestaltung der Förderverträge für die Weiterbildung Allgemeinmedizin sieht der Vorschlag des GKV-Spitzenverbands vor, zukünftige Fördergelder an eine Niederlassungsverpflichtung als Hausarzt zu knüpfen. Dies entspricht nicht dem Handlungskonzept von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Bundesärztekammer.

Als JADe sehen wir diese Entwicklung sehr kritisch. Ohne Förderverträge sind junge Ärzte derzeit nicht in der Lage, ihre Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin abzuschließen, weil sie ohne finanzielle Förderung nicht angestellt werden. „Damit wird faktisch der Nachwuchs an Hausärzten gestoppt“, sagt Andrea Mossner von der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand von uns eine solche Verpflichtung unterschreiben wird, dafür ist die persönliche Lebensplanung zu unvorhersehbar. Außerdem verändert sich aktuell das Tätigkeitsfeld weg von der früher typischen hausärztlichen Einzelpraxis.“

Viele junge Allgemeinmediziner entscheiden sich heute für ein familienfreundlicheres Angestelltenverhältnis in einer Praxis, einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), dem Arbeiten in Akutkrankenhäusern, Rehakliniken, als Praxisvertreter oder in Forschung und Lehre an den Universitäten.

Im genannten Falle müsste zukünftig die Förderung von 96 000 Euro, die dem Bruttogehalt von zwei Jahren Arbeit entspricht, vom Arzt zurückgezahlt werden. „Werden junge Ärzte gezwungen, sich in dieser Situation in einer eigenen Praxis niederzulassen, so wird sich kaum jemand mehr dafür entscheiden, Hausarzt zu werden und dies bei bereits jetzt bestehendem gravierendem Hausärztemangel“, so Mossner weiter.

Einzig und alleine eine Verbesserung der Weiterbildungs- und Arbeitsbedingungen der Hausärzte würde das Nachwuchsproblem lösen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen teilte inzwischen auf Nachfrage telefonisch mit, man wisse zwar noch nichts genaues, aber die bereits bestehenden Förderverträge könnten voraussichtlich zu einem Stichtag vorzeitig gekündigt werden, eventuell bereits zum 1.1.2010. „In diesem Fall erwarten wir eine Klagewelle gegenüber den Kassenärztlichen Vereinigungen“, da ist sich Andrea Mossner sicher.


Autor: Der Neue Hippokrates

11.08.2009
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Das Ende der qualifizierten Hausarztmedizin


Schon unter den bisherigen Bedingungen will kaum noch ein junger Arzt in unserem Land Hausarzt werden. Ein sehr ungünstiges Verhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Einkommen auf der einen und schlechten Weiterbildungsbedingungen auf der anderen Seite wirken abschreckend. Zudem wird der Facharzt für Allgemeinmedizin sowohl in Teilen der Bevölkerung als auch in Teilen der Ärzteschaft noch immer als Arztberuf zweiter Klasse angesehen. Dies ist ein Erbe aus dem alten Westdeutschland: dort durften sich Ärzte nach dem Studium ohne jede Weiterbildung gleich als Hausärzte (so genannte Praktische Ärzte) niederlassen. Einige dieser Kollegen haben sich aus eigenem Antrieb zu hervorragenden Hausärzten weitergebildet, doch andere machen bis heute eine grottenschlechte Medizin, was den Ruf des gesamten Fachs nach unten zieht. Seit über 10 Jahren ist aber eine mindestens 5jährige Weiterbildung Allgemeinmedizin nach dem Studium verpflichtend, die es in sich hat und die den Weiterbildungen anderer medizinischer Fächer in nichts nachsteht. Da die Hausärzte nicht aus eigenen Mitteln für unser komplettes Gehalt während der Weiterbildung aufkommen können, werden bis zu 2 Jahre der Weiterbildung durch ein Förderprogramm der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenkassen mit 2040 Euro im Monat unterstützt.

Anstatt diese Weiterbildung attraktiver zu machen und die Arbeitsbedingungen junger Hausärztinnen und –ärzte zu verbessern (ich spreche hier nicht bloß von der Vergütung, sondern auch von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie) wird uns nun ein weiterer Stein in den Weg gelegt. Zum Erhalt der Fördergelder müssen wir uns künftig verpflichten, uns nach der Weiterbildung in eigener Praxis niederzulassen. Dies wird aus meiner Sicht der endgültige Todesstoß für die Weiterbildung Allgemeinmedizin sein, denn in keinem anderen Fach muss man solche Verpflichtungen eingehen. Zudem wird die Verpflichtung den modernen vielfältigen Arbeitsbedingungen als angestellter Arzt, im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), freiberuflich im Bereich Praxisvertretung und Notdienst etc. in keiner Weise gerecht. Natürlich kann ich die Geldgeber zunächst verstehen. Derzeit geht ein großer Teil der jungen Fachärzte für Allgemeinmedizin in andere Bereiche. Nicht etwa ins Ausland, wie in der Presse kolportiert wird, sondern in Reha- und Akutkliniken, zum Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), zur Rentenversicherungen etc. Dort winken gesicherte Angestelltenverhältnisse ohne unternehmerisches Risiko, die ihnen das bisherige System aus kleinen Feudalhöfen (ich meinte natürlich Praxen) nicht bieten kann.

Der Ausweg könnte sein, dass eine attraktive Weiterbildung mit breiten Rotationsmöglichkeiten durch alle für einen Hausarzt relevanten Fachgebiete und enger Anbindung an die Universitäten mit wöchentlichen Seminaren zum Thema Kommunikationstraining und evidenzbasierter Medizin geschaffen wird. Eine Weiterbildung also, die attraktiver ist als die in anderen Fächern. Dass man damit Erfolg haben kann, zeigen die Holländer, bei denen in allen Bereichen Ärztemangel herrscht außer in der Allgemeinmedizin. Zudem könnte man Ärztezentren in unterversorgten Bereichen entstehen lassen, die jungen Eltern Teilzeit- oder Vollzeitanstellungen anbieten, die ihnen sowohl zeitlich als auch finanziell den Aufbau und den Unterhalt einer Familie ermöglichen.

Doch all dies geschieht in unserem Land nicht. Lieber packt man die Peitsche aus (Niederlassungsverpflichtung zum Erhalt von Fördergeldern!) und senkt das Weiterbildungsniveau. Schon bald werden wir durch die Hintertür zum Praktischen Arzt zurückkehren. Ärzte, die ein paar Jahre in irgendeinem Bereich, egal ob Gynäkologie oder Pathologie, gearbeitet haben, werden dann per Seminar und einem Jahr Schnellweiterbildung in der Hausarztpraxis zum Facharzt für Allgemeinmedizin umgeschult. Anstatt die Besten eines Jahrgangs zur Allgemeinmedizin zu motivieren wird es dann wieder heißen: wer nichts wird, wird Wirt. Oder Hausarzt.

Der letzte mache bitte das Licht aus.


Autor: Dr. Heuteufel





Kommentare zu dieser News:

Datum: Fr 21 Aug 2009 12:07
Von: der Landarsch


wenn's der Souverän (das Volk) so will...? Ansonsten könnte man ja wählen gehen und sich auch sonst politisch interssieren und engagieren! Aber bei unssit es ja viel üblicher, das in den Brunnen gefallene Kind zu betrauern, als den Brunnen abzusichern!

Datum: Sa 22 Aug 2009 07:33
Von: Der neue Hippokrates


Die Frage ist, ob der Souverän das so will. Ist das nicht mehr eine Gruppe in den Ministerien und Verbänden und Lobbyisten? Also mehr eine oligarchische Struktur? Das "Volk" weiß doch von diesen Vorgängen meist gar nichts und hält die Abschaffung des Hausarztes für gar nicht möglich, wie mehrere Gespräche zeigten. Erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, werden die meisten aufwachen, was das bedeutet. Wird es langfristig keine niedergelassenen, freiberuflichen Ärzte mehr geben, so wird das gesamte Gesundheitssystem in den Händen von Großkonzernen sein. Dann geht es wirklich nur noch um Profit.

05.08.2009
Offener Brief an Frau Ulla Schmidt




Kehl, den 29.05.2009


An Frau Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
Platz der Republik
11011 Berlin

Betreff: Gesundheitsreform und ihre verheerenden Auswirkungen


Es soll niemand, frei nach der Devise "nichts sehen, nichts hören, nichts sagen" behaupten:
DAS HAB ICH NICHT GEWUßT!

Sehr geehrte Frau Ulla Schmidt,

ich fordere Sie hiermit auf, sich ernsthaft und zügig Gedanken um Ihre Aufgaben in der Gesundheitspolitik zu machen und mit der Problematik "Versorgung und Betreuung" der Kranken einen gangbaren Weg zu finden!

Ich habe gestern wieder am eigenen Leib erleben müssen, was in der Versorgung in Ihrem tollen Gesundheitswesen schief läuft! Es kann und darf doch wirklich nicht in Ihrem Interesse sein, das Sie uns chronisch Kranke die für uns notwendige Versorgung verwehren und damit riskieren, dass etwas Ernsthaftes passiert! Wer arm ist, stirbt eher? Genau das habe ich gestern wieder erlebt!

Ich hatte gestern mal wieder eine Operation meiner Hidradenitis Suppurativa. Das hat nichts mit Pickel zu tun. Ich habe so viele Operationen wegen der Erkrankung bis jetzt gehabt! Über 40! Nur bekomme ich immer zu hören, die Ärzte dürfen Ihnen alles verordnen, was sie brauchen! Das stimmt so nicht! Durch Ihre Vorschriften durfte ich gestern nicht in der Klinik bleiben, da Abszess-Operationen ambulant durchgeführt werden sollen/können.

Ja, das mag ja bei einem normalen Abszess so sein, aber nicht bei Hidradenitis Suppurativa, da die Abszesse sich anders auswirken! Mir ging es gestern Abend so schlecht, aber ich musste nach Hause, da die Ärzte mich nicht aufnehmen dürfen wegen Abszess-OPs. Ich bin 32 Jahre alt, habe in meinem ganzen Leben lang nichts verbrochen. Warum werde ich denn nur so gestraft? Ich wäre auch lieber gesund, nur leider ist das nicht so, und ich muss mit meiner Erkrankung leben. Es geht mir schon schlecht genug mit der Erkrankung, und ich frage mich gerade mal wieder, warum ich durch die Gesundheitsreform immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen bekomme? Warum darf mich mein Arzt nicht so behandeln, wie er es denkt? Wie es die Situation erfordert? Ich habe gestern die Narkose so schlecht vertragen, während der Einleitung kann mir die Galle hoch, und ich habe mitbekommen, wie ich abgesaugt werden musste. Ich wurde an 3 Stellen gleichzeitig operiert und mir ging es sehr schlecht hinterher. Und den Ärzten sind die Hände gebunden! Ich habe heute Morgen noch Blut gebrochen, und die Nasse blutet mir. Ich war bei meiner Hausärztin, die mich fragte, wie man eine Patientin in so einer Situation nur entlassen kann?

Tja, wie und warum wird so über uns verhandelt, ohne dass Sie sich mal mit uns Kranken wirklich beschäftigen? Sie sitzen sehr weit weg, und ich habe das Gefühl, Ihnen ist alles egal. Aber das darf es nicht sein, Frau Gesundhheitsministerin Schmidt. Wo ist das Problem, sich mal mit verschiedenen Erkrankungen auseinander zu setzen, und die Strukturen zu ändern? Man könnte durch die richtige Behandlung so viel Geld einsparen, es muss nur richtig verteilt werden! Wir wollen ja nicht einen Wellnesurlaub auf Krankenschein! Nein, wir möchten mit Würde behandelt werden. Mittlerweile geht es mir so schlecht durch die Vorschriften der Gesundheitspolitik, dass ich mich manchmal frage, ob eine Absicht hinter all dem steckt. Wo ist da bitte die Menschlichkeit? Ich möchte doch gar nicht viel, nur ein menschenwürdiges Leben und eine angemessene Würde. Ich bin langsam am Verzweifeln, da ich nicht mehr weiß, wie ich mit der ganzen Situation klar kommen soll. Liebe Frau Schmidt, ich lade sie mal 2 Wochen zu mir nach Hause ein, dann können Sie sich selbst überzeugen, wie es mir mit meiner Erkrankung im täglichen Kampf so geht. Ich könnte Ihnen viele Wege aufzeichnen, was man ändern könnte an der Versorgung, um kostengünstiger zu Arbeiten. Ich hoffe, ich bekomme mal eine Antwort von Ihnen persönlich, ohne dass auf Paragrafen und Links verwiesen wird durch Ihre Sekretärinnen/Sekretäre.

Hochachtungsvoll,

Manuela Börsig

akneinversa.forumieren.de/


Autor: Manuela Börsig

05.08.2009
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Warum die Allgemeinmedizin gefördert werden muß


In Ländern wie den Niederlanden oder Schweden genießen Allgemeinmediziner einen guten Ruf. Junge Ärzte müssen sich bemühen, einen Platz zur Weiterbildung zum Hausarzt zu bekommen. In Deutschland werden die Studierenden in Fächern außerhalb der Allgemeinmedizin bereits darauf getrimmt, dass die Allgemeinmedizin nur 2. Klasse sei. Entsprechend schlecht ist ihr Ruf unter den Studenten, der nur durch die Institute für Allgemeinmedizin und ihre Veranstaltungen aufgewertet wird. In Deutschland müssen sich die Ärzte nicht direkt nach dem Studium für eine bestimmte Fachrichtung entscheiden, sondern können auch später noch das Fach wechseln. So beginnen viele Ärzte erst einmal mit Chirurgie, Innerer Medizin oder auch Psychiatrie. Vielen wird dann erst bewusst, welche Einschränkungen das Arbeiten im Krankenhaus bedeutet, welcher Verlust an Lebensqualität. Frauen fragen sich, wie sie als Krankenhausärztin Kinder bekommen und versorgen können, manch einer denkt, dass die Ansprüche und Anforderungen in einer Praxis geringer seien.

So entsteht ein umgekehrter Elite-Wettbewerb, dass häufig Negativ-Gründe zur Entscheidung für die Allgemeinmedizin führen. Nicht die besten, engagiertesten und hochmotivierten Ärzte wie in anderen Ländern wollen Hausärzte werden, obwohl es hier sicher auch löbliche Ausnahmen und Idealisten gibt. Vielmehr werden diejenigen aus systemimmanenten Gründen angezogen, die in anderen Arbeitsfeldern der Medizin nicht ihre Zukunft sehen. Verstärkt wird diese Tendenz durch Überlegungen, frustrierte Ärzte anderer Fachrichtung als Quereinsteiger zuzulassen und damit den „Hausarzt light“ zu schaffen, der nur eine Schmalspurweiterbildung genossen hat. Das erscheint auf den ersten Blick die einfachste Lösung, um das Nachwuchsproblem der Hausärzte zu lösen, führt aber in Wirklichkeit zur Entwertung der Fachärzte für Allgemeinmedizin. Doch gerade in der Primärversorgung durch hochqualifizierte Hausärzte könnten große Summen Geldes gespart werden. Die Patientenversorgung durch einen Hausarzt ist deutlich billiger als eine Versorgung durch Gebietsspezialisten in der Praxis oder gar in der Klinik.

Was wäre die Lösung? Eine Aufwertung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium, eine exzellente Spezialisierung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten würde die engagierten, überdurchschnittlich fähigen Köpfe anziehen und das Fach aufwerten. Hier gibt es bereits mehrere Modelle. So haben verschiedene Institute für Allgemeinmedizin, wie in Frankfurt am Main und Marburg bereits mit Untersuchungen zeigen können, dass ihre neustrukturierten Praktika die Studierenden für das Fach begeistern können. Auch kann seit einigen Jahren das Praktische Jahr, also das letzte Studienjahr, zu einem Drittel in der allgemeinmedizinischen Praxis absolviert werden. Dies müsste weiter ausgebaut und deutschlandweit etabliert werden. Verschiedene Aktivitäten zur Verbesserung der Weiterbildung in ganz Deutschland wurden häufig gegen die etablierten Strukturen der Landesärztekammern nicht selten als Privatinitiative gestartet. Am weitesten ist hier momentan die Initiative der Universität Heidelberg (www.weiterbildung-allgemeinmedizin.de), im Rahmen der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADe, www.jungeallgemeinmedizin.de) gibt es mehrere Ansätze zur Qualitätsverbesserung der Spezialisierungsphase für den Facharzt für Allgemeinmedizin.

Doch die Honoraraufwertung der Hausärzte und Ärzte allgemein wird momentan nicht sachlich geführt, wie die Berichterstattung der FAZ-Sonntagszeitung diese Woche wieder einmal eindrucksvoll zeige. Hier wird mit Prozentzahlen gespielt und mit allgemeinen Summen hantiert, die Praxisbudgets und Geld, das in Verwaltungsstrukturen von Kammern und Kassenärztlichen Vereinigungen versickert, gar nicht berücksichtigt. Es entsteht der Eindruck, dass die Ärzte sich goldene Nasen verdienen mit riesigen Summen Geld und hochprozentigen Zuwächsen immer noch nicht zufrieden sind. Dabei wird die Realität - mutmaßlich bewusst – falsch dargestellt und kaschiert, wie knapp an der Existenz mehrere Kollegen doch leben. So erhält ein Hausarzt in Hessen für jeden Patienten pro Quartal etwa 38 Euro, wobei die meisten Leistungen darin bereits enthalten sind, auch die Hausbesuche, die theoretisch zwar 15 Euro bringen. Doch ein Besuch eines 5-58 Jahre alten Patienten bringt dem Allgemeinmediziner etwa 31 Euro, 31 plus 15 wären 46 Euro, doch bei 38 ist bereits die Grenze, die nicht überschritten werden darf. Für den ersten Hausbesuch erhält der Hausarzt also 7 Euro, für die weiteren gar nichts mehr, ebensowenig darf er für die weiteren Konsultationen in der Praxis etwas berechnen. Junge Ärzte während der Spezialisierungsphase zum Hausarzt bekommen momentan in weiten Teilen Deutschlands nur 2040 Euro Bruttogehalt, wovon noch ärztespezifische Versichungen und Abgaben zu bezahlen sind, was sie in Nähe eines Gehalts auf Hartz-IV-Niveau bringt. Diese Mechanismen und Gehaltshöhen müssen für jeden Bürger transparent werden, Gehälter und Gewinne müssen von allen – Politikern, Funktionären, Ärzten in Praxen und Kliniken – auf den Tisch gelegt werden. Dann haben wir eine Chance, ein neues Vertrauen aufzubauen und zu verstehen, wo das Gesundheitssystem wirklich steht und wer profitiert und wer wirklich Not leidet und unterbezahlt ist. Dann können wir von der Basis her ein Gesundheitssystem aufbauen, das nachhaltige Verbesserungen bringt und mit dem alle glücklich sind.


Autor: Der Neue Hippokrates

30.07.2009
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Ulla Schmidts Dienstwagenaffäre: Wer hat Interesse daran?


Schon vor zwei Monaten war aus Kreisen der Kassenärztlichen Vereinigung und der Bundespolitik kolportiert worden, Ulla Schmidt sei als Gesundheitsministerin in der neuen Regierung nicht mehr vorgesehen. Sie gilt als Einzelkämpferin in der Politik für die Hausarztverträge, die die Kassenärztlichen Vereinigungen schwächen und die Hausarztverbände stärken würden. Obwohl der Paragraph 73b des Sozialgesetzbuches die gesetzlichen Krankenkassen dazu verpflichtet hatte, bis zum 30. Juni 2009 Hausarztverträge abzuschließen, haben die Krankenkassen dies ignoriert. Aus der Politik sollen die Kassen hinter vorgehaltener Hand Rückendeckung bekommen haben, in dem signalisiert worden sei, dass der Paragraph 73b nach der Bundestagswahl im September gekippt werden würde und Ulla Schmidt bereits auf der Abschußliste stehe.

Mit diesem Vorwissen erscheint die Dienstwagenaffäre der Minsterin in einem anderen Licht. Heute ist in mehreren Tageszeitungen wie zum Beispiel der Welt zu lesen, dass der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, sie nicht in seinem Kabinett vorsehe, solange die Vorwürfe nicht restlos aufgeklärt seien. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass 6 weitere Minister sich privat im Urlaub chauffieren ließen. Warum wird hier mit unterschiedlichem Maß gemessen? Es entsteht der Eindruck, dass Interessen dahinterstehen und dies ein willommener Anlaß schien, Frau Schmidt loszuwerden.

Was hieße das für die Hausarztmedizin, wenn Ulla Schmidt in dieser Situation abgesetzt wird? Es ist eine deutliche Schwächung des Arztes vor Ort zu befürchten zugunsten der Spezialisten, die als sogenannte Gebietsärzte den Überblick über den gesamten Menschen nicht haben können. Dafür sind sie nicht zu Fachärzten weitergebildet worden. Große Teile der Präventivmedizin werden von den Fachärzten für Allgemeinmedizin getragen, bei denen die Informationen der verschiedenen Fachrichtungen zusammen laufen sollen und sie den Menschen über im günstigen Fall viele Jahrzehnte betreuen. Eine weitere Schwächung der Hausarztmedizin würde den ohnehin gravierenden Hausärztemangel weiter verschärfen. Internationale Erfahrungen zeigen, dass ein Primärarztsystem mit gut weitergebildeten Hausärzten zu einer enormen Kostensenkung im Gesundheitssystem führt. In Deutschland gibt es laut einer Statistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) einen Überschuß an Spezialisten, die dadurch auch in den entscheidenden Gremien und Lobbys die Mehrheit haben. Hierbei geht es offensichtlich nicht um das Wohl des Patienten oder des Gesundheitswesens. Vielmehr soll sichergestellt werden, dass das Geld auch weiterhin in den Spezialistentopf fließt.

Hier ist nun die Politik gefragt, dies zu regulieren, da die ärztliche Selbstverwaltung aufgrund des Dualismus Generalist-Spezialist dazu offensichtlich nicht in der Lage ist. Eine Möglichkeit wäre die Schaffung einer Hausärztekammer, eine andere eine staatliche Regelung der Allgemeinmedizin. Langfristig wird sicher die Weiterbildung zu den einzelnen Facharztrichtungen gesteuert werden müssen, damit wir hinterher die Anzahl an Spezialisten und Generalisten erhalten, die unser System bennötigt. Das sind wir den Patienten und damit uns allen schuldig.


Autor: Der Neue Hippokrates

18.07.2009
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Chronisch Kranke: Offener Brief an die Kanzlerin


Kehl.17.04.2009

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

im Namen unserer Forum-Betroffenen und aller chronisch kranker Menschen wende ich mich heute an Sie mit der Bitte um Ihre Unterstützung und Hilfe. Wir müssen seit Jahren, nämlich seit Einführung der Budgetierung für Arznei- und Heilmittel eine nicht mehr zumutbare Verschlechterung in der medizinischen Versorgung hinnehmen. Die Einschränkungen für Kassenpatienten werden immer drastischer.

Dieses führt inzwischen bei den meisten chronisch Kranken zu einer, teils dramatischen, Unterversorgung. Die Aussage, dass der Patient das erhält, was der Arzt verordnet, stimmt schon lange nicht mehr. Die Ärzte werden, mit Hinweis auf die Budgetierung, immer mehr unter Druck gesetzt und verordnen schon aus Angst vor der Wirtschaftlichkeitsprüfung nichts mehr oder viel zu wenig. Wie kann man einem Arzt nur vorschreiben, was er aufschreiben darf und was nicht? Der Arzt verordnet ja nicht aus Spaß! Es geht ja nicht um einen Wellnessurlaub, sondern um ein menschenwürdiges Leben. Würden Sie nur einen Teil unseres Lebens leben müssen, wüssten Sie, von was wir gerade berichten.

Anträge von Kassenpatienten auf Kostenübernahme für spezielle Behandlungen (Lymphdrainagen, Krankengymnastik, Pflegedienste selbst bei schwerwiegenden Erkrankungen) werden immer häufiger von den Gerichten entschieden. Dies kostet uns Kranke eine Menge Zeit und Kraft. Es fallen immer mehr menschenverachtende Aussagen, wie: "Dann suchen Sie sich doch einen anderen Arzt! Verbandswechsel alle 3 Tage reichen aus. Das ist zu teuer!" Die Liste ist ellenlang!

Drastische Leistungskürzungen müssen von uns chronisch Kranken hingenommen werden. Wir haben ja keine andere Wahl und können nur auf Besserung hoffen. Wir erleben zur Zeit wirklich die Hölle auf Erden! Denn stellen Sie sich mal vor, wie es ist, wenn man Angst haben muss vor jeder weiteren Operation schon im Vorhinein. Das man danach da steht ohne Verbandsmaterial, Pflegedienst oder Therapie, die lebensnotwendig ist. Sind wir chronisch kranken Menschen nicht schon gestraft genug? Viele von uns mussten ihre Arbeit aufgeben, haben dadurch finanzielle Einbußen, zum Teil hat sich das soziale Umfeld zurückgezogen, und unsere Familien leiden mit.

Wir haben uns unsere Erkrankung, und die damit verbundenen Einschränkungen, nicht ausgesucht, werden aber wie Verbrecher bestraft und behandelt. Wir haben mit unserer Akne inversa eh schon keine Lobby, - haben dadurch sehr viele Schwierigkeiten in jeder Hinsicht. Wir werden oft wie der letzte Dreck behandelt und nur noch als Kostenfaktor gesehen, - nicht mehr als Menschen. Wie kann/darf das sein, und wie können Sie da zusehen wie Ihre Wähler behandelt werden?

Ich bitte Sie inständig, - helfen Sie uns, und schaffen Sie wieder Recht in Deutschland für Ihre Bürger. Es kann so nicht mehr weitergehen, denn gerade dieses Sparverhalten von Frau Bundegesundheitsministerin Ulla Schmidt schadet mehr als dass sie Kosten einspart. Durch diese Sparmaßnahmen entstehen schlimmere Erkrankungen, die die Kosten ins Unermessliche treiben. Wir haben Abgeordnete, die Gesundheitsministerin und viele Politiker angeschrieben, und ihnen unsere Ängste und Bedenken gegen diese Art der Gesundheitsreform geschildert. Wir warten immer noch auf Antworten. Die von uns gewählten Politiker, sind für uns nicht erreichbar! Die Wähler werden ignoriert. Bitte helfen Sie uns!

Bitte verweigern Sie uns nicht Ihre Hilfe und sorgen Sie dafür, dass wir chronisch Kranken nicht mehr allein gelassen werden. Setzen Sie sich für uns ein! Wir legen unser Leben in Ihre Hände. Bitte enttäuschen Sie uns nicht.

Das sich in unserem Gesundheitssystem etwas ändern muss ist uns bewusst, - eine Neuregelung muss, unter Einbeziehung und Mitsprache von Patienten und Ärzten, neu durchdacht und erarbeitet werden.

Mit freundlichen Grüßen
Manuela. Börsig

http://akneinversa.forumieren.de/


Autor: Manuela Börsig

16.07.2009
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Brief an den Nichtbetroffenen


Akne inversa das Gefühl



Das Gefühl der Hilflosigkeit, an einer besonders seltenen Erkrankung zu leiden, ist allgegenwärtig. Die Betroffenen kämpfen nicht nur gegen den körperlichen Verfall, es kommt auch noch die psychische Belastung dazu. Der tägliche Kampf ist nicht nur für die Patienten und ihre Familien sehr schwer. Leider wird recht wenig für die Patienten und ihre Familien getan. Keiner fragt sich, wenn er gesund ist, wer für die Kranken da ist; - wie es ihnen geht. Was ist mit ihrem Leid? Wer hört ihnen zu? Wer tröstet sie? Damit ihr uns besser verstehen lernt, schildere ich nun mal ein paar Punkte unserer Handlungen und unserer Erwartungen. Ich versuche, Euch an unseren Erfahrungen teilhaben zu lassen.

Die Akne inversa (Hidradenitis suppurativa) oder Verneuil ist eine Krankheit nach dem Namen des Chirurgen, der sie 1854 beschrieben hat. Akne inversa ist eine Erkrankung, die sich unter anderem an den intimsten Stellen unseres Körpers manifestiert, durch rezidivierende, tiefe und manchmal oberflächliche Abszesse. Bis zum heutigen Tag gibt es keine medikamentöse Behandlung, um einen Stillstand der Akne Inversa zu erreichen, geschweige denn, sie zu heilen. Das Einzige, was man versuchen kann ist, die befallenen Areale großflächig chirurgisch zu behandeln, wo ein dauerhafter Erfolg leider auch nicht garantiert ist!

Wir haben nur eine Chance im Laufe unseres Lebens. Entschuldigt bitte den Ausdruck! Schneiden! Es wird jedes Mal ein bisschen mehr. Wie kann man also lernen, dass unter anderem seine Genitalien entfernt werden? Da hat man Lust zu schreien: “Nein!" Oder? Die Behinderungen nehmen mit der Zeit immer mehr zu, wodurch der Leidensdruck übergroß wird, und der Alltag kaum oder gar nicht mehr zu bewältigen ist! Jeder Schritt wird zuviel und auch das Sitzen wird zur Qual! Bewegungseinschränkungen nehmen uns die Lebensqualität und das Recht auf ein normales Leben! Die sozialen Bindungen, z.B. die Familie, leiden unter der Situation und gehen oft in die Brüche! Für Diejenigen, die noch Arbeiten können, droht durch lange Ausfallzeiten die Entlassung! Die Unternehmen können Mitarbeiter nicht halten, wenn sie nicht wissen, wann Derjenige da ist oder fehlt! Die Angst ist unser ständiger Begleiter. Bei offenen Wunden kommt die Angst des Durchnässens dazu, sowie die ständige Angst vor unangenehmen Gerüchen, da das Sekret leider auch noch einen üblen Eigengeruch hat! Wir stehen ständig "unter Strom"! Viele Akne-Inversa-Betroffene ziehen sich ganz aus dem Leben zurück, und leiden lieber für sich allein im Stillen.

Wichtig für uns ist an erster Stelle eine schnelle und richtige Diagnose! Möglichst im Anfangsstadium! Aber leider kennen viel zu wenig Ärzte dieses Krankheitsbild! Doch die Zeit ist der wichtigste Baustein bei der Akne-Inversa! Viele von uns bekommen erst Jahre nach Ausbruch ihrer Erkrankung die Diagnose, Viele werden falsch behandelt!

Das muss sich ändern! Mit vereinter Kraft! Leider ist es so, dass wir auch immer um Verbandsmaterial, Krankengymnastik, Pflegedienst, Lymphdrainage und wichtige Pflegeprodukte kämpfen müssen. Viele haben aber die Kraft nicht mehr dazu! Sie sind ausgebrannt von den ganzen Operationen und Schmerzen. Die Psyche spielt oft nicht mehr mit!

Unser Motto lautet: Gemeinsames Suchen nach Lösungen und Behandlungen! Mit allem Nachdruck!

Nach diesen Ausführungen hoffe ich, dass die Akne-Inversa-Betroffenen besser verstanden werden. Wir haben ein Selbsthilfeforum gegründet, um allen Betroffenen eine Plattform zu bieten und ihnen das Gefühl der Gemeinschaft zu geben: http://akneinversa.forumieren.de/


Autor: kruemel0_3

10.07.2009
Ist "der neue Hippokrates" ein Blog?




Ist "der neue Hippokrates" ein Blog? Dies wurde von einem befreudeten Blogger so gesehen: Link. Wikipedia, die Internetenzyklopädie definiert "Blog" so: "Ein Blog ist ein auf einer Webseite geführtes Tagebuch. [...] Der Herausgeber oder Blogger steht, anders als etwa bei Netzzeitungen, als wesentlicher Autor über dem Inhalt, und häufig sind die Beiträge in der Ich-Perspektive geschrieben. Das Blog bildet ein für Autor und Leser einfach zu handhabendes Medium zur Darstellung von Aspekten des eigenen Lebens und von Meinungen zu spezifischen Themen[...]"

"Der neue Hippokrates" ist eine Plattform für jeden, der seine Meinung zum Gesundheitswesen äußern will. Die Meinung der Redaktion spielt dabei, außer bei eigenen Redaktionbeiträgen, keine Rolle. Es werden nicht, wie bei einem Blog üblich, Beiträge vom "Blogger" verfaßt, die kommentiert werden können. "Der neue Hippokrates" hat, anders als bei Blogs üblich, ein Impressum mit Anschrift und Telefonnummer und ist beim Gewerbeamt registriert. Wir selbst treten mit unserem Namen in Erscheinung. Zwar gibt es die Möglichkeit, Artikel anonym zu verfassen, jedoch ist dafür eine Registrierung mit eigenem Namen und Adresse gegenüber der Redaktion notwendig. Dabei können Sie sich ein Pseudonym auswählen unter dem Sie schreiben. "Der neue Hippokrates" garantiert Ihnen die Anonymität nach außen und hat sich rechtlich verbindlich in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) verpflichtet, Ihre Daten geheim zu halten. Sie haben zusätzlich als weiteres interaktives Element die Möglichkeit, auch unregistriert Artikel zu kommentieren.

Als interaktive Internetzeitung möchte "der neue Hippokrates" den Austausch zwischen Patienten, Ärzten, Psychologen, Zahnärzten und allen weiteren Mitarbeitern im Gesundheitswesen fördern. Nur zusammen können wir uns vor einem Ausverkauf des Gesundheitssystems an die Wirtschaft schützen und uns gemeinsam überlegen, wie für uns ein ideales Gesundheitssystem überhaupt aussieht. Die Hauptzielrichtung des neuen Hippokrates ist also mehr eine Plattform zu bieten und die zusammenfließenden Informationen zu koordinieren und zu moderieren als ein Tagebuch wie bei einem Blog zu verfassen, der natürlich auch seine Funktion hat, nur eben eine etwas andere.


Autor: Der Neue Hippokrates

08.07.2009
Das ideale Gesundheitswesen: Umfrage von medizynicus


Im deutschen Gesundheitswesen liegt einiges im Argen. Da sind wir uns einig: Ob Studierende, Ärzte in Weiterbildung, niedergelassene Ärzte oder auch Angehörige anderer Berufsgruppen. Aber wie könnte es besser laufen? Was wären unsere Wünsche, wenn wir könnten wie wir wollten? Und vor allem: Wollen wir überhaupt alle dasselbe?

Stellen wir uns also vor:
Morgen früh, kurz nach dem Weckerklingeln und vor dem Aufstehen, da macht es plötzlich "wusch" und dann steht da eine gute Fee. Und wie bei guten Feen üblich, gewährt sie uns drei Wünsche.
Was würden wir uns wünschen?

Ich würde gerne eine Umfrage der etwas anderen Art starten und wünsche mir hierzu Euer Feedback, entweder als Mail:

m e d i z y n i c u s [at] g m x [punkt] n e t

oder als Kommentar in meinem Blog-Artikel:

Für diese Umfrage der anderen Art wünsche ich mir LINK


vielen Dank fürs Mitmachen!


Autor: medizynicus

07.07.2009
Marburger Bund: In Hessen droht Hausärztemangel


“Die flächendeckende hausärztliche Versorgung in Hessen ist gefährdet“, sagt der Geschäftsführer des Marburger Bundes Hessen, Rechsanwalt Udo Rein.

Bereits jetzt gibt es in den ländlichen Regionen Hessens, wie z.B. dem Odenwaldkreis, dem Vogelsbergkreis oder rund um Fulda Engpässe in der hausärztlichen Versorgung. Altersbedingt wird in den nächsten Jahren eine große Zahl von Hausärzten aus den Praxen ausscheiden, aber keine Nachfolger finden. Im Jahr 2015 wird es auch in Darmstadt, Wiesbaden, Gießen, dem Main-Kinzig-Kreis, dem Schwalm-Eder-Kreis, Limburg-Weilburg, dem Landkreis Kassel und im Werra-Meißner-Kreis in der hausärztlichen Versorgung zu einer Unterversorgung kommen. Die Arztdichte wird sich verringern und die zukünftig immer älter werdenden Patientinnen und Patienten werden in Zukunft weitaus längere Wege zurücklegen müssen. Gleichzeitig nimmt seit Jahren die Anzahl junger Mediziner ab, die eine Prüfung zum Facharzt Allgemeinmedizin ablegen, so dass der Ersatzbedarf nicht gedeckt werden kann.

“Die Rahmenbedingungen für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner müssen dringend verbessert werden, damit diese Weiterbildung wieder attraktiv wird,” so Rein. Hausärzte, die junge Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung beschäftigen, erhalten für die Bezahlung der jungen Ärzte während derzweijährigen Pflichtzeit in der ambulanten hausärztlichen Versorgung meist nur einen Zuschuss von 2.040 Euro Brutto im Monat. Diesen Betrag erhalten die Kassenarztpraxen augenblicklich von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen und den Krankenkassen als Zuschuss. Den Hausärzten ist es meist nicht möglich, darüber hinaus noch etwas aufzustocken. Der Marburger Bund Hessen hat deshalb die Kassenärztliche Vereinigung Hessen aufgefordert, den Zuschuss zu erhöhen, um die Allgemeinmedizin wieder attraktiv zu machen. Der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner mangelt es auch an der fehlenden Koordination der Weiterbildungsabschnitte in Kliniken und Praxen, die meist in Eigenregie erfolgen muss.Immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte sind deshalb bereit, sich als Allgemeinmediziner für eine Tätigkeit in der hausärztlichen Versorgung zu engagieren.

Die Junge Allgemeinmedizin Deutschland (JADe) unterstützt dieses Forderung des Marburger Bundes ausdrücklich. Die schlechte Bezahlung von 2040 Euro Bruttogehalt sind ein Grund weshalb es zum Hausarztmangel kommt, wenn auch nicht der einzige.


Autor: Der Neue Hippokrates

05.07.2009
Umfrage zum Gesundheitswesen


Nehmen Sie an unserer Umfrage über das Gesundheitssystem teil. Sie können gerne auch Ihre Initialien oder ein Pseudonym verwenden.

Hier geht es zur Umfrage


Autor: Der Neue Hippokrates

05.07.2009
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Offener Brief an die Vorsitzenden der CDU und SPD


Offenbach, den 30.06.2009

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, sehr geehrter Herr Steinmeier,


ich erlaube mir, Ihnen von einer Podiumsdiskussion zu berichten, auf der Vertreter Ihrer beiden Parteien einen nahezu peinlichen Eindruck hinterließen.

Anlässlich des 7. Hessischen Hausärztetages fand am 27. 6. 2009 eine Podiumsdiskussion zum Thema der Hausärztlichen Versorgung in Deutschland statt.

Als Podiumsgäste waren eingeladen und hatten verbindlich zugesagt Frau Dr. Reimann, SPD, Herr Spahn, CDU, Herr Bahr, FDP, Herr Dr. Bialas, Gesundheitsberater Hamburg und Herr Weigeldt, 1. Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes. Moderiert wurde diese Diskussion von dem Chefredakteur einer überregionalen Tageszeitung für Ärzte.

11 Wochen vor dem Hausärztetag zog Herr Spahn, 3 Wochen vorher zog Frau Dr. Reimann ihre Zusage zurück, mit hessischen Hausärztinnen und Hausärzten über dieses Thema zu diskutieren. Als Vertreter wurden Frau Dr. Ober, SPD und Herr Dr. Bartelt, CDU von Ihren Parteien ausgewählt.

Dabei zeigten sich sowohl Herr Dr. Bartelt als auch Frau Dr. Ober in einer nahezu peinlichen Art und Weise zu Fragen des Gesundheitswesens nicht informiert, so dass es dem Moderator als auch den anderen Podiumsgästen Herrn Bahr, Herrn Dr. Bialas und Herrn Weigeldt schwer fiel, zu einer sachlichen und kompetenten Erörterung um die strittigen Themen im Gesundheitswesen zu kommen. Von den politischen Parteien stand lediglich der Vertreter der FDP als ernst zunehmender Gesprächspartner zur Verfügung.

Der Veranstalter musste erfahren, dass Bundestagsmitglieder der CDU und der SPD Achtung und Höflichkeit vermissen ließen durch ihre kurzfristigen Absagen. Die 200 Gäste im Saal, die sich eine Information der CDU und der SPD zu Fragen ihrer beruflichen Zukunft erhofften, erlebten Vertreter zweier großer Volksparteien, die unmittelbar vor den Wahlen in ihrer Unwissenheit zu den Problemen im Gesundheitswesen schon fast arrogant und unbeteiligt wirkten. Als Zuhörer musste man sich gegen den Eindruck wehren, im Landtag oder Bundestag stimmen gewählte Volksvertreter über Themen ab, zu denen sie nicht einmal eine eigene Sachmeinung , geschweige denn, den politischen Kurs ihrer Parteien verstanden haben.

So fiel es Herrn Bahr nicht schwer, zu beweisen, dass er als Vertreter der FDP umfassend informiert war und Lösungsansätze zu den Problemen der Gesundheitsversorgung erarbeitet hatte. Frau Dr. Ober und Herr Dr. Bartelt zeigten in einer beschämenden Art und Weise, dass sie lustlos und inkompetent zu einer ihnen auferlegten Veranstaltung erschienen waren.

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, sehr geehrter Herr Steinmeier, mit diesem Auftritt haben Vertreter Ihrer Parteien Wählerstimmen förmlich verschleudert. Die Hausärzte in Hessen gehören sicher nicht mehrheitlich der Gruppe von Wechselwählern oder gar Nichtwählern an. In ihrem beruflichen Umfeld kann man sie sicher auch als Meinungsbildner bezeichnen. Es ist zu erwarten, dass dieser ungünstige Eindruck in den nächsten Tagen und Wochen auch in deren Praxen mit den Patienten thematisiert werden wird.

200 Hausärztinnen und Hausärzte in Hessen fragen sich, ob die SPD und die CDU überhaupt noch als Volksparteien zu bezeichnen sind, wenn deren Vertreter es an Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen und damit an Achtung vor den Wählern vermissen lassen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: es geht hier nicht um die andere Meinung, nicht um politische Mehrheiten oder Durchsetzbarkeiten, sondern um das Bemühen, Probleme zu erkennen und Lösungen zu erarbeiten.

Der Veranstalter musste erfahren, dass sein Bemühen um Kompetenz und Sachlichkeit und damit um die Qualität seiner Veranstaltung, konterkariert wurden durch die Lustlosigkeit zweier Vertreter von SPD und CDU. Er fühlte sich fast gezwungen, sich bei den Podiumsgästen Herrn Bahr, Herrn Weigeldt, Herr Dr. Bialas, dem Moderator und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Hessischen Hausärztetages zu entschuldigen.

Er wird sich in Zukunft überlegen müssen, bei den politischen Diskussionen Podiumsgäste einzuladen, die der FDP und den Grünen angehören, weil er offensichtlich bei den Vertretern dieser Parteien mehr Zuverlässigkeit und mehr Einsatz für eine sachliche Diskussion voraussetzen darf.

Es sei mir erlaubt zu fragen, ob bei der großen Zahl von Nichtwählern die Vertreter der großen Parteien schon so bequem geworden sind, dass sie davon überzeugt sind, dass nicht die Qualität ihrer politischen Arbeit, sondern die eigene Stammwählerschaft ausreichend ist, die Mehrheiten zu bekommen, die sie benötigen, um im Amt zu bleiben.


Dr. Eckhard Starke, Facharzt für Allgemeinmedizin, Palliativmedizin/ Notfallmedizin,

63071 Offenbach, Lichtenplattenweg 85


Autor: Dr.Eckhard Starke





Kommentare zu dieser News:

Datum: Sa 18 Jul 2009 16:09
Von: Gudrun John


Habe aus eigener Betroffenheit die SHG gegründetund habe zwei Podiumsdiskussionen mit Daniel Bahr FDP. Reinhard Schutz SPD und Vertretern der GKV, KV, Ärzten und der Selbsthilfe organisiert. Auch bei mir hat Herr Spahn kurz vorher abgesagt???

05.07.2009
Michael Moores Film Sicko - Privatisierung und die Folgen


Das Gesundheitswesen wird privatisiert und gelangt mehr und mehr in die Hände der Wirtschaft. Wer den Film "Sicko" von Michael Moore gesehen hat, der weiß wohin das führen wird. Gesundheisministerin Ulla Schmidt hat sich in den USA informiert und schon mehrere Ideen heimlich in unser Gesundheitssystem eingebaut, ohne uns als Volk zu fragen. Wollen Sie, dass Sie mit Ihrem bewußtlosen Kind an der Krankenhauspforte abgewiesen werden, weil die Krankenversicherung verlangt, dass Sie in eine konzerneigene Klinik gehen? Wollen Sie, dass lebensnotwendige Behandlungeb wie Krebsoperationen abgelehnt werden, weil die Kasse im Gegensatz zu den Ärzten meint, das sei nicht gefährlich? Wollen Sie, wie es einem Freund von uns in den USA, der sich in den Finger geschnitten hatte passierte nach fünf Stunden Wartezeit für ein einfaches Pflaster 400 Dollar bezahlen müssen? Oder ein Jahr die private Selbstbeteiligung für die Geburt Ihres Kindes in Raten abzahlen? Nein? Dann sollten Sie sich gegen diese Enwicklung wehren. Sie ist schon weiter fortgeschritten als Sie denken. Sehen Sie sich "Sicko" an und dann sprechen und diskutieren wir über die "Vorzüge" der Privatisierung des Gesundheissystems.

Die Rhön AG steht im Verdacht in Deutschland ein Monopol für Krankenhäuser und Praxen errichten zu wollen, was sie mit dem Wort "Vollversorgung" kaschiert. Im Deutschen Ärzteblatt vom 6. Juli wird davon berichtet, dass Rhön nun für 1 Milliarde Euro kommunale Krankenhäuser aufkaufen will. Hier geht es zum Artikel. Der Ausverkauf des Gesundheitswesens schreitet voran und nur wenige tun etwas dagegen.


Autor: Der Neue Hippokrates

28.06.2009
Wozu Spenden für den neuen Hippokrates?




"Der neue Hippokrates" ist rein privatfinanziert, die Mitarbeiter der Redaktion arbeiten ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, das Gesundheitswesen transparenter und gerechter zu gestalten und alle Gruppierungen zusammenzuführen. "Kooperation statt Sozialdarwinismus" ist unser Motto. Spenden verwenden wir ausschließlich zur Weiterentwicklung unseres Projekt der interaktiven Internetzeitung, für Webmasterkosten und Servergebühren. Da wir kein gemeinnütziger Verein sind können wir Ihnen zwar eine Spendenquittung ausstellen, Sie können sie allerdings derzeit noch nicht von der Steuer absetzen. Wir freuen uns über Ihre Unterstützung, auch kleinere Summen helfen uns hier bereits weiter, uns weiter zu vernetzen und aktiv für eine Verbesserung des Gesundheitswesens und gegen einen Ausverkauf desselben einzusetzen. Wenn Sie Fragen haben, kontaktieren Sie uns bitte über das Kontakt-Formular oder rufen oder schreiben Sie uns an (siehe Impressum).


Autor: Der Neue Hippokrates

28.06.2009
Gewaltfreie Kommunikation in der Medizin




Es ist nicht das erste Mal, dass ich beobachte, wie Mediziner sich verbal attackieren als müßten sie ihre Haut retten. Da gehen massenweise Mails mit gegenseitigen Vorwürfen über die Diskussionsplattform, jede halbe Stunde folgen weitere. Einige umsichtige Kollegen mahnen zur Besonnenheit und in diesem Stil Konflikte nicht über ein öffentliches Forum auszutragen, andere gießen selbst Öl ins Feuer. Besonders die Präsidiumsmitglieder eines Verbandes mischen mit und der unbeteiligte Mitleser merkt vor allem eines: Die Kollegen haben Kommunikation nicht gelernt und schaden hier gerade der Sache. In den Krankenhäusern ist das nicht anders, wo in so manchen Kreisen noch im Befehlston miteinander gesprochen wird und Empathie ein Fremdwort ist. Gegenseitige Verletzungen und Vorwürfe sind an der Tagesordnung. Aber das ist nicht nur in der Medizin so, das ist leider weit verbreitet.

Um so wichtiger wäre es, einen Kommunikationsstil zu finden der Konflikte deeskaliert, der die Bedürfnisse hinter dem Gesagten begreift und dennoch das eigene Bedürfnis miteinfließen läßt. Ein solches Modell hat zum Beispiel Marshall B. Rosenberg mit seiner "gewaltfreien Kommunikation" (GFK)entwickelt. Er hat in den letzten dreißig Jahren seine Methode in mehr als zwei Dutzend Ländern an Ausbilder, Schüler, Studenten, Eltern, Manager, medizinisches und psychologisches Fachpersonal, Militärs, Friedensaktivisten, Anwälte, Gefangene, Polizisten und Geistliche weitergegeben. Dabei werden vier Komponenten unterschieden:

"1. Beobachtungen: Zuerst beobachten wir, was in einer Situation tatsächlich geschieht. Was hören wir andere sagen, was sehen wir, was andere tun, wodurch unser Leben entweder reicher wird oder auch nicht? Die Kunst besteht darin, unsere Beobachtung dem anderen ohne Beurteilung oder Bewertung mitzuteilen - einfach zu beschreiben, was jemand macht, und dass wir es entweder mögen oder auch nicht.

2. Gefühle: Als nächstes sprechen wir aus, wie wir uns fühlen, wenn wir diese Handlung beobachten. Fühlen wir uns verletzt, erschrocken, froh, amüsiert, irritiert usw?

3. Bedürfnisse: Im dritten Schritt sagen wir, welche unsere Bedürfnisse hinter diesen Gefühlen stehen.

Das Bewusstsein dieser drei Komponenten ist uns gegenwärtig, wenn wir die GFK einsetzen, um klar und ehrlich auszudrücken, wie es uns gerade geht. Eine Mutter kann z.B. diese drei Bestandteile ihrem Sohn gegenüber ausdrücken, indem sie sagt: „Felix, ich ärgere mich, wenn ich zwei zusammengerollte schmutzige Socken unter dem Kaffeetisch sehe und noch drei neben dem Fernseher, weil ich in den Räumen, die wir gemeinsam benutzen, mehr Ordnung brauche.“

4. Bitten: Die GFK macht dann sofort weiter mit der vierten Komponente – eine sehr spezifischen Bitte: „Würdest Du bitte deine Socken in den Zimmer oder in die Waschmaschine tun?“ Dieses vierte Element bezieht sich darauf, was wir vom anderen wollen, so dass unser beider Leben schöner wird. Was kann er oder sie konkret tun, um unsere Lebensqualität zu verbessern?

So besteht die eine Seite der GFK darin, diese vier Informationsteile ganz klar auszudrücken, mit Worten oder auf andere Weise. Auf der anderen Seite nehmen wir die gleichen vier Informationsteile von unseren Mitmenschen auf. Wir treten mit ihnen in Kontakt, indem wir uns darauf einstimmen, was sie beobachten, fühlen und brauchen, und wenn wir dann den vierten Teil hören, ihre Bitte, entdecken wir, was ihre Lebensqualität verbessern würde." (Auszug aus Mashall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommnikation: Eine Sprache des Lebens)

Wir plädieren als Redaktion des "neuen Hippokrates" dafür, dass die gewaltfreie Kommunikation in der Schule, im Medizinstudium und in der Spezialisierungsphase zum Facharzt eingebaut wird, damit das Miteinander angenehmer wird. Kooperation statt Sozialdarwinismus haben wir einen Artikel vor einiger Zeit genannt. Eine gelebte gewaltfreie Kommunikation wäre ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Literatur: Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens


Autor: Der Neue Hippokrates

23.06.2009
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Wo ist die Psychosomatik geblieben, gibt es eine Chance?


Mit 18 Jahren wollte ich Psychosomatiker werden, und ich bin es geworden. Ich sah, wie Lebensweise und Krankheiten zusammenhängen, nichts kommt aus nichts und etwas aus etwas. Alle Dinge, die erscheinen, sind die Folge unendlicher Kausalketten, „alles hängt mit allem zusammen“, so beschreibt es auch die Quantenphysik und ist nur so zu betrachten. Psychosomatik hat eine zwingende Logik, was die Pathogenese betrifft.

Die Beweise der Psychosomatik sind schwer zu führen, da die Kausalketten extrem zahlreich sind und nicht gerade verlaufen. Viele Menschen erahnen die Kausalketten und der Volksmund kennt viele Sprüche, die auf die Psychosomatik hinweisen.

Zur Zeit rückt die genetische Disposition für Krankheiten in den Vordergrund. Das lenkt dahin, genetische Defizite in Zukunft medikamentös oder durch neue biologische Vorgehensweisen zu kompensieren. Die Aussicht auf längeres Leben weckt ein Begehren, das am Ende unbezahlbar ist, an deren Vermarktung die Industrie (pharmakologisch oder biologisch) ein größtes Interesse hat. Jedoch, vermutlich um die gleiche Spanne, wie das Medikament gegen die genetischen Defizite das Leben verlängert, verkürzt es sich durch die Schufterei eines täglichen Mehraufwandes an Arbeitszeit, um das Medikament zu bezahlen. Ein Nullsummenspiel.

Aus der Placeboforschung ist bekannt, wie immens der Einfluss der Erwartung, des Glaubens, der Hoffnung, der Stimmung auf Gesundungsprozesse ist, so hat Psychosomatik auch eine zwingende Logik, was die Salutogenese betrifft.

Psychosomatik hat eine einfache Theorie der konkreten Entstehung von Krankheit und ihrer Heilung. Wenn Angst und Anspannung überhand nehmen, Stresshormone den Körper überfluten, das nervliche System übersteuert ist, wenn die Atmung nicht mehr zur Herzfrequenz passt, die natürlichen Schwankungen des Blutdruckes und der Hautdurchblutung verändert sind, sind wir nicht mehr im Rhythmus, und es kommt im menschlichen Körper zu Defiziten, an deren Ende die funktionelle Störung oder die Krankheit steht. Die Chronobiologie beschäftigt sich mit diesen Rhythmen. Am Ende einer Kur oder auch eines guten Urlaubs sind wir in der Regel wieder eingetaktet und gesundet, auch robuster. Krankheit entsteht, wenn jemand aus dem Rhythmus gefallen ist. Natürlich spielen Ernährung und körperliche Bewegung eine gewisse Rolle. Aber wer im Rhythmus ist, wird auch hier gut für sich sorgen. Viele Entspannungsverfahren, auch viele asiatischen Techniken bringen den Menschen zurück in den Fluss seiner natürlichen Lebensenergie. Auch Psychotherapie hat das Ziel, Blockierungen aufzulösen und den Menschen in die Selbstakzeptanz zu bringen und in Kompetenz, Konflikte stressarm zu lösen, ohne aus dem inneren Rhythmus zu kommen.

Alles spricht dafür, dass Psychosomatik eine Hauptbedeutung hat in der Medizin. Diese Bedeutung hat sie im Berufsalltag mitnichten, weder im ambulanten noch im stationären Bereich. Sie ist ausgelagert in Spezialkliniken und auf Spezialisten. Hier führt die Psychosomatik ein Randdasein.

Die Psychosomatik hat keine Lobby, an ihr lässt sich kein Geld verdienen, sie braucht keine Geräte und keine Medikamente, sie ist einfach, nachhaltig und braucht nur den rein zwischenmenschlichen Kontakt zwischen Therapeut und Patient. Dieser Kontakt braucht Zeit und diese Zeit ist entweder nicht vorhanden durch hohen Arbeitsdruck (Stationsarzt ist zeitlich eingedeckt durch Vorgaben von immer „besseren“ Standards in Diagnostik und Therapie, sowie durch ausufernde Bürokratie) oder weil Zeit für das ärztliche Gespräch nicht ausreichend und vernünftig bezahlt wird (allgemeinmedizinische Praxis) und der Stellenwert der Psychosomatik dabei übersehen wird. Psychosomatik außen vor zu lassen, ist jedoch ein ärztlicher Kunstfehler, eine Drehtürmedizin ist die Folge.

Der einzige, der so etwas gestalten könnte gegen andere bestimmende Faktoren, wäre die Politik. Sie müsste die Psychosomatik bis ins Detail der ärztlichen Vergütung fördern, einem eigenen Willen folgend – und sich gegen den Selbstläufer medizinisch-technischer Fortschritt stellen, getragen von begeisterten Ärzten, die einer neuen Machbarkeit aufsitzen, neue Standards formulieren, jedoch das Ganze nicht mehr sehen und auch die Bezahlbarkeit falsch einschätzen und immer mehr Ressourcen beanspruchen. Die Finanzmittel sind umzusteuern.

Dieser politische Wille hat bislang gefehlt, auch weil Politiker von der Psychosomatik nicht beeindruckt sind und von anderen Dingen geblendet sind, was mit Pharmaka und mit Operation alles hinzubekommen ist. Dabei können Pharmaka und Operation immer nur am Ende stehen, wenn die natürlich Wege ausgereizt sind. Die verantwortlichen Politiker sind keine Erkennenden und Gestaltenden, sie sind extrem abhängig von der veröffentlichen Meinung, in der Lobbyisten die Mitgestalter sind. Im industriellen Bereich sitzt soviel Geld und Macht und Geschick, dass die meisten nicht mitbekommen, wie die Fäden gezogen werden. Am Ende sind es möglicherweise auch Politiker selbst, die hier eigene Interessen haben. Wundern kann man sich nur darüber, warum so viele wichtige Dinge – auch in anderen nichtmedizinischen Bereichen – in der Politik nicht gestaltet werden. Es handelt sich um politische Kunstfehler, wenn die Politik an der wahren Gestaltung vorbei tappt. Sie ist dumm, wenn Politik die Machtfrage nicht für sich löst und wenn sie den Mächtigen hinterherläuft.

Der Idealist kämpft sich dabei wund und alt. Er muss kämpfen, das ist seine Natur. Er will Gerechtigkeit, er liebt, er hat viel Kraft und ein großes Herz. Aber er will Erfolg haben, er will nicht scheitern. So sollte er die Machtfrage im Auge behalten, ohne sich von Macht korrumpieren zu lassen.

Es reicht nicht, zu argumentieren, zu hoffen, zu bilden, an die Vernunft zu appellieren, zu wählen. Jesus hat die Händler aus dem Tempel getrieben. Aus meiner Sicht mit heller Wut, nicht mit bösem Zorn. Dieser gute „Gotteszorn“ getragen von Intelligenz und Witz, Langmut, Güte, seine Stunde ist gekommen. Die Lüge geht zu Ende. Die Zeit ist reif, der Bogen ist zu seinem Ende gekommen, die Versager müssen weichen. Die guten Ansätze liegen auf der Straße, gewusst von Millionen Menschen in ihren Arbeits- und Lebensbereichen. Das Vernünftige muss Einzug halten, die Vernünftigen gehören an die Macht. Psychosomatik muss Einzug halten, dafür müssen die Weichen gestellt werden.


Autor: Wilhelm Breitenbürger





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mi 24 Jun 2009 23:17
Von: Meister Panglos


Meine volle Zustimmung, sehr geehrter Kollege ! Leider ist in der Realität das Gegenteil zu beobachten. Nachdem die Psychosomatik in den 70er und 80er Jahren eines Siegeszug antrat, mit Einrichtung psychosomatischer Abteilungen an allen Unikliniken, befindet sie sich in den letzten 10 Jahren in einem dauernden Rückzugsgefecht. In meiner Allgemeinarztpraxis erlebe ich täglich Patienten, die sich lieber mehrfach durch die Mangel der hochtechnisierten Medizin drehen lassen, als sich mit der eigenen Psyche zu beschäftigen. Die Angst vor der vermeintlichen Stigmatisierung einer psychosomatischen Diagnose geht so weit, dass viele Patienten sich lieber unnötigen und gefährlichen Eingriffen und Operationen unterziehen. Das Ergebnis "ohne pathologischen Befund" erleben diese Menschen als persönliche Niederlage. Doch wenn nur beliebig viele Maschinen eingesetzt worden sind, lässt sich bei jedem Menschen ein vermeintlich krankhafter Befund finden und aus der Angst, die uns Bauchweh macht wird die "grenzwertige Laktoseintoleranz" und aus dem negativen Stress, der unsere Rückenmuskeln verspannt die "seronegative rheumatische Arthritis" oder am besten eine Borreliose, auf die in unseren Gefilden mittlerweile alles Übel der Welt geschoben wird. Mir ist noch nicht klar, welche gesellschaftlichen Entwicklungen den Rückzug der Psychosomatik bedingen, doch gerade wir als Allgemeinmediziner müssen die Fahne der ganzheitlichen Medizin hochhalten - auch wenn wir uns dabei manchmal wie der Quijote im Kampf gegen die Windmühlen vorkommen.

21.06.2009
Weiterbildungsgruppe Allgemeinmedizin Hessen: Podcast





Um die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin attraktiver zu gestalten und die Qualität der Weiterbildung und Hausarztversorgung zu erhöhen gibt es in Hessen seit einigen Monaten die "Hessische Allgemeinmedizin" (HESA), die sich als Regionalgruppe der ebenfalls neu gegründeten Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADe) sieht. Vom Praktischen Jahr bis fünf Jahre nach der Facharztprüfung Allgemeinmedizin ist jeder eingeladen. Die Treffen finden momentan in Frankfurt am Main an jedem 3. Mittwoch im Monat statt. Weitere Gruppen sind geplant und werden nach Interessenlage aufgebaut. Informationen gibt es unter www.hessische-allgemeinmedizin.de, einen Podcast, in dem sich die Gruppe präsentiert können Sie hier hören oder über www.phonecaster.de für normale Telefongebühren unter 0931 663991726.

In verschiedenen Bundesländern gibt es ähnliche Aktivitäten. Infos unter: www.jungeallgemeinmedizin.de


Autor: Der Neue Hippokrates

17.06.2009
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Bürokratismus schadet den Patienten


Heute habe ich als Arzt eine Patientin im Altenheim besucht, die sich im Januar dieses Jahres einen nun schlecht heilenden Bruch des unteren Oberschenkels zugezogen hat. Seidem liegt sie im Bett und kann nicht einmal selbst aufstehen. Ihr Ehemann ist im Februar gestorben. Als Therapie erhält sie dreimal die Woche Krankengymnastik sowie Schmerzmedikamente, auch eines gegen Schlafstörung und chronische Schmerzen, das man in höherer Dosierung als Antidepressivum verwendet: Amitriptylin. Eine Rehabilitationbehandlung habe ich für August eingeleitet. Soweit so gut.

Nun hat sie über die Krankenkasse eine Pflegestufe beantragt. Sie wurde in die Pflegestufe I eingeteilt und ihr aufgetragen, ein detailliertes Pflegetagebuch über eine Woche zu führen. Die Pflegestufe I ist nach dem §15 des Sozialgesetzbuches folgendermaßen definiert: "Pflegebedürftige der Pflegestufe I (erheblich Pflegebedürftige) sind Personen, die bei der Körperpflege, der Ernährung oder der Mobilität für wenigstens zwei Verrichtungen aus einem oder mehreren Bereichen mindestens einmal täglich der Hilfe bedürfen und zusätzlich mehrfach in der Woche Hilfen bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigen."

Wäre ein Krankenkassen-Angestellter auch nur einmal vor Ort gewesen oder hätte mich als betreuenden Arzt mit einbezogen, dann wäre diese eklatante Fehleinschätzung nicht zustande gekommen. Die Pflegestufe II (Hilfe mindestens 3 mal täglich)wäre zum jetzigen Zeitpunkt als Minimum indiziert, wenn nicht gar die Pflegestufe III, bei der dem Gepflegten Hilfe rund um die Uhr zusteht. Jetzt kommt wieder ein unnötiger Papierkrieg auf alle zu.

Die Rehaklinik hat die depressive Verstimmung und das zur Schmerztherapie und Behandlung der Schlafstörung verschriebene Amitriptylin offensichtlich zum Anlaß genommen, einen 14-Seiten langen psychosomatischen Fragebogen an die damit vollkommen überforderte Patientin zuzusenden. Dort wird sie, 78 Jahre alt unter anderem zu dem Verhältnis zu ihren Eltern befragt.

Hier sehen wir meiner Meinung nach die Folge davon, was passiert, wenn Bürokraten und nicht Ärzte kranke Menschen beurteilen und damit Leistungen zuteilen. Der Patient leidet unter diesen Fehleinschätzungen, Kosten werden insgesamt wohl eher nicht gespart, schon gar nicht auf die lange Sicht. Hier ist dringend ein Umdenken notwendig.


Autor: Dr. Großes Rad





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mi 17 Jun 2009 20:29
Von: chefarzt


"Dringend umdenken", genau.
Bürokratie weniger - Pflege/Behandlung mehr. Gibt es eigentlich mal neue Formulare, die "kleiner" sind als deren Vorgänger?

Datum: Do 16 Jul 2009 19:51
Von: Manuela


Leider geht alles zu lange ,nur noch Bürokratie und keine Menschlichkeit mehr.

Wir, die Patienten sind in Not, weil wir im langen Prozess der so genannten Gesundheitsreform in Vergessenheit geraten sind.
Diese Reform hat nichts mehr mit kranken Menschen zu tun.
Wir, die Patienten sind zu Kunden geworden, die wie Ware behandelt werden. Wir wollen aber keine Kunden sein! Wir brauchen Therapien um gesund zu werden oder unseren Gesundheitszustand zu erhalten. Wir, die Kranken, brauchen vor allem verständnisvolle ärztliche Begleitung und Hilfen, ohne lange Wartezeiten oder immer wieder hoffen zu müssen, ein Rezept zu bekommen.

Wir wollen nicht als Ware behandelt werden, sondern als Menschen!!!!

Es ist so schon schwer genug zu ertragen, auf lebenswichtige Therapie zu hoffen oder darum betteln zu müssen!

Für uns Kranke ist es sehr schwer, ein einigermaßen normales Leben zu führen. Da brauchen wir nicht noch mehr Schwierigkeiten, die uns durch die neue Gesundheitsreform bereitet werden, durch, z.B. die Quartalspauschalen. Man läuft von einem Arzt zum nächsten, in der Hoffnung Medikamente und Therapien verschrieben

Man kommt sich vor wie ein Bittsteller der um Almosen bettelt! Es ist ebenfalls nur schwer zu ertragen, immer die Aussagen der Ärzte zu hören, der dem Patienten sagen muss: ? Hören siel zu, ich kann ihnen nichts mehr verschreiben, da ich mein Budget aufgebraucht habe und dann von den Krankenkassen bestraft werde.?.

Wir als Patienten können das ja aus Sicht der Ärzte verstehen, aber was wird aus Uns????

Was machen wir ohne die nötigen Arzneimittel und Therapien?

16.06.2009
Arzt 17 Jahre vom Staatsanwalt verfolgt




Info.doc, das amtliche Mitteilungsblatt der Kassenärztlichen Vereiningung Hessen, stellt in seiner Mai-Ausgabe ein Buch vor, das den Fall eines Kollegen beschreibt, der 17 Jahre von der Staatsanwaltschaft verfolgt wurde. Er hatte sich auf Phlebologie, also Venenheilkunde spezialisiert. Der Vorwurf: Die Fugen zwischen den Fließen im Operationssaal (Op) seien etwas breiter als vorgeschrieben, die Lampen im Operationssaal schienen den Beamten nicht die richtigen zu sein. Damit wären nach Lesart der Staatsanwaltschaft aber alle bisher im Op erbrachten Leistungen nicht abrechenbar gewesen. Daraus wurde dann ein Millionenbetrug hochgerechnet.

Verurteilt wurde der Kollege nie, er stimmte schließlich zermürbt von mehreren Praxisdurchsuchungen während der Sprechstunde und 50 Tagen Untersuchungshaft im Gefängnis einer Geldbuße zu. Kurze Zeit später erlag er einem Herzinfarkt.

Die gesamte Geschichte kann nachgelesen werden in einem Buch, das den Fall behandelt: Ingo Deris: Abrechung - der Fall des Dr. med. B.; Deutscher Ärzteverlag, ISBN 978-3-7691-1275-7


Autor: Der Neue Hippokrates

14.06.2009
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Der verkaufte Patient


Renate Hartwig kommt ursprünglich aus der Sozialarbeit, kämpft aber seit Jahren schon als Publizistin für eine Verbesserung des Gesundheitssystems und gegen seinen Ausverkauf an die freie Wirtschaft. Ihr im Jahre 2008 erschienenes Buch „Der verkaufte Patient“ ist Pflichtlektüre für jeden Patienten und jeden, der im Gesundheitswesen arbeitet. Hierin beschreibt sie mit Fakten untermauert nüchtern und mit Brillanz, wie die Regierung unser System verkauft hat, und es jetzt nur noch um eines geht: Ums Geld. Eine Gesundheitsindustrie ist entstanden, die das Vertrauen der Patienten verspiele, da man sich immer fragen müsse, ob die Therapie, die der Arzt verordne, wirklich indiziert ist oder ob sie nur der Steigerungsrate für sein Unternehmen „Praxis“ diene. Alles was nicht niet und nagelfest ist stehe zum Verkauf: „Kliniken, Praxen, Geräte, Personal und zuletzt die Patienten“.

Sie beschreibt die Gängelung der Hausärzte. Wie durch Überbürokratie, sinnentfremdetes zwangsweises Qualitätsmanagement und viele weitere Maßnahmen die Einzelpraxis zum Aufgeben gezwungen werden soll, um diese Aufgabe "Case Managern" im Auftrag von gewinnmaximierenden Unternehmen zu übertragen. Dann seien wir nur noch eine Nummer, durch die Elektronische Gesundheitskarte gläsern und steuerbar. Dann könnten wir ausgenommen werden wie Weihnachtsgänse, seien abhängig von einer Gesundheitsindustrie, die, wie die Rhön AG es bereits ankündigte, das gesamte Gesundheitssystem beherrscht.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen seien eines der Grundübel. Entstanden kurz vor Beginn des dritten Reichs, gleichgeschaltet im August 1933 und nach dem Krieg fortgeführt quälten sie die niedergelassenen Ärzte in der Praxis mit einer Fülle von Regelungen und Anfragen und verträten eher die Politik als die Kassenärzte, die sie zu vertreten vorgeben. In Bayern habe der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Dr. Axel Munte, illeagale Tochtergesellschaften der Kassenärztlichen Vereinigung gegründet, um darüber 4,2 Millionen Euro verschwinden zu lassen. Gedeckt wurde das wohl auch vom Bayerischen Sozialministerium. Es sollte schon einmal Geld zur Seite geschafft werden, falls die KVen abgeschafft werden würden. Heute läuft nach Erkenntnis der Redaktion des neuen Hippokrates ein Amtsenthebungsverfahren gegen Herrn Munte, das auf massiven Druck des Hausärzteverbandes Bayern zustandekommen war.
Schon gibt es ein Gerücht, das aktuell in Internetforen diskutiert wird, dass der 1. Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Köhler, plane, eine Firma zu gründen, die von ihm selbst eingeführte und verpflichtende Qualitätsindikationen verwaltet und sich damit eine goldene Nase verdienen möchte. Erinnerungen an Ex-Kanzler-Schröder und Gazprom werden wach.

Ärzte und Patienten müssen zusammenstehen und sich nicht länger gegeneinander ausspielen lassen, fordert Renate Hartwig.

Renate Hartwig, „der verkaufte Patient“ – Wie Ärzte und Patienten von der Gesundheitspolitik betrogen werden. Erschienen bei „Pattloch“, München 2008. Preis 16, 95 Euro. Eine ausgesprochen empfehlenswerte Lektüre.


Autor: Der Neue Hippokrates





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 16 Jul 2009 19:50
Von: Manuela


" Ärzte und Patienten"gemeinsam gegen die Gesundheitspolitik!mit Renate Hartwig
Sehr empfehlenswert,Dieses Buch ist die Bibel des Widerstandes gegen die Gesundheitsreform!
Als chronisch Kranker Patient weiss ich wovon ich rede. Dieses Buch beschreibt das System wie es ist. Ungerecht, intransparent und mafiös. Das Buch ist sehr gut recherchiert. In Wirklichkeit ist es noch schlimmer als im Buch beschrieben. Es trifft den Nagel auf den Kopf. Ich bedanke mich bei Frau Hartwig für Ihren einsatz ,für alle Patienten und unsere Ärzte. Bitte lesen Sie alle dieses Buch, stellen Sie zuhause Ihre Politiker zur Rede und erzählen Sie auch Ihrem Arzt, dass Sie verstanden haben, was los ist. Nur wir Gemeinsam mit unserer Stimmgewalt kann zu einer Umkehr führen.Und uns Helfen. Ich wünsche mir, daß viele Menschen dieses Buch lesen und aufwachen. Nur Ärzte und Patienten zusammen in breiter Front können uns alle noch vor dem Schlimmsten bewahren.

Liebe grüße,Manuela

Mehr Infos bei Frau Renate Hartwig auf Ihrer Seite:

http://www.patient-informiert-sich.de/

06.06.2009
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Die Macht der Worte, Teil 2


„Wollen Sie zum Dr. Meier oder zum Assistenten?“, hieß es noch bis vor kurzem, wenn ein Patient in unsere Praxis kam. Bei uns kann sich der Patient seinen Arzt aussuchen. Als Arzt in Weiterbildung mit über drei Jahren Berufserfahrung erledige ich während der Sprechstunden die gleiche Arbeit wie meine Chefs. Nur habe ich noch einen Ansprechpartner, wenn ich Fragen habe und damit noch einen gewissen Schutzraum. Mein Chef versteht meinen Einwand, dass „Weiterbildungsassistent“, „Assistent“ oder „Assistenzarzt“ diesen Status herabwürdigt. Seitdem ich Anfang des Jahres bei ihm in der Praxis arbeite heiße ich offiziell „Arzt in Weiterbildung“. Ein Erfolg.

Jetzt läuft es anders: Wenn Patienten kommen fragen die Medizinischen Fachangestellten (MFAs), die früher Arzthelferinnen genannt wurden: „Ist es egal bei wem?“ oder „Es ist aber nur der Dr. Sounso da“, das bin dann beide Male ich. Neulich kam eine Patientin zu mir, die das „Arzt in Weiterbildung“ auf der Praxistafel am Eingang unter meinem Namen gelesen hatte. „Sind Sie denn ein richtiger Arzt?“, fragte Sie mich beim Eintreten in mein Sprechzimmer. Ich erklärte ihr, dass ich mein Studium seit 3 ½ Jahren abgeschlossen habe, dass ich promoviert bin und seit über drei Jahren als Arzt arbeite. Sie war erstaunt. Viele Patienten fragen nicht, sie gehen davon aus, dass ich noch in „Ausbildung“ bin und diese Einstufung empfinde ich 11 Jahre nach Beginn und beinahe vier Jahre nach Ende meines Studiums, nach drei Jahren in Kliniken und nun mehreren Monaten in einer Praxis als ungerecht. Sie untergräbt das so wichtige Vertrauensverhältnis zwischen mir als Arzt und den Patienten. Aber immerhin bin ich kein „Assistent“ mehr, das hört sich nach noch weniger Kompetenz an. Der Prozess, einen neuen Namen zu finden ist in vollem Gange. Auch der Marburger Bund verwendet nach Veröffentlichung von „Die Macht der Worte, Teil 1“ und Schriftwechseln zu diesem Thema aktuell „Arzt in Weiterbildung“. Auf dem Deutschen Ärztetag wurde auch ein Antrag gestellt, den Arzt noch ohne Facharzttitel als „Weiterzubildenden“ zu bezeichnen. Doch dies hört sich nach „Auszubildendem“ an: WEZUBI statt AZUBI und damit auch noch keine Lösung.

Die Begriffe „Ausbildung“, „Fortbildung“ und „Weiterbildung“ werden im Sprachgebrauch vermischt. Doch in der Medizin sind sie strikt getrennt. Die Ausbildung ist das Studium und ist mit dem Abschluss des letzten Staatsexamens beendet. Danach folgt dann eine Spezialisierung in eine Richtung: Frauenheilkunde, Nervenheilkunde, Allgemeinmedizin, Chirurgie und so weiter. Diese Phase dauert im günstigen Fall je nach Fachgebiet 4-6 Jahre und wird in Deutschland „Weiterbildung“ genannt. Die Wissenschaft entwickelt sich, es kommen täglich neue Erkenntnisse dazu, daher gibt es seit einigen Jahren die Nachweispflicht (das „Fortbildungszertifikat“), dass wir Ärzte uns auf dem Laufenden halten, uns also ausreichend fortbilden.

Doch selbst Kollegen ist das nicht so klar. So musste ich vor Kurzem selbst einmal zum Arzt. Die Kollegin Allgemeinmedizinerin sah meine Berufsbezeichnung „Arzt“ , die ich in ihrem Krankheitsfragebogen eingetragen hatte und fragte nach. „Wenn Sie dann erst einmal richtiger Arzt und fertig sind...“, setzte sie an, bevor ich unterbrach, ich sei richtiger Arzt und fertig, momentan übrigens auch körperlich, deshalb sei ich ja da. „Ich meine, wenn Sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben...“. Meine Weiterbildung würde ich in knapp 2 Jahren abschließen, sagte ich. Kollegen in der Weiterbildung berichten von ähnlichen Erlebnissen. Damit können wir diskriminiert und unsere Gehälter niedrig gehalten werden. So wundert es nicht, dass Ärzte in dieser Phase zum Facharzt Allgemeinmedizin in weiten Teilen Deutschlands auch jetzt noch 2040 Euro Bruttogehalt bekommen. Es ist daher auch keine Überraschung, wenn „Google“ unter „Facharztausbildung“ 76.900 Treffer findet, bei „Facharztweiterbildung“ nur 31.500.

Daher mein Plädoyer, einen neuen Begriff zu finden und konsequent einzusetzen. Auf englisch wird die Weiterbildung zum Facharzt „vocational training“ oder „specialisation“ genannt. Auf italienisch heißt das „spezializzazione“, auf spanisch „residencia“ auf französisch „spécialisation“.

Doch auch nach Abschluss meiner mindestens fünf Jahre dauernden Spezialisierungsphase zum Facharzt für Allgemeinmedizin werde ich dann nicht als gleichwertiger Arzt angesehen. Zwar habe ich mich wie die Kollegen anderer Fachgebiete die gleiche Zeit spezialisiert, habe an einer Facharztprüfung an der Landesärztekammer teilgenommen und mich den Regularien der Weiterbildungsordnung genauso unterworfen wie sie. Doch im Sprachgebrauch der Bevölkerung und auch vieler Kollegen bin ich dann ein „Hausarzt“ im Gegensatz zum „Facharzt“. So als wären sie „vom Fach“, ich aber nicht.

Früher war das einmal so. Es gab den „Praktischen Arzt“, der sich nicht oder kaum spezialisieren und keine Facharztprüfung ablegen musste. Doch bereits seit 1976 gibt es den Facharzt für Allgemeinmedizin, allerdings noch freiwillig und parallel zu den Praktischen Ärzten. Erst der 95. Deutsche Ärztetag 1992 beschloss eine dreijährige Pflichtweiterbildung für den Facharzt für Allgemeinmedizin ohne die man in der Folge als Hausarzt keine Kassenzulassung bekam. Die früheren Praktischen Ärzte hatten allerdings anfangs auch die Möglichkeit, sich ohne Weiterbildung und Prüfung auf den neuen Facharzt umschreiben zu lassen. Doch im Jahre 1997 beschloss der 100. Deutsche Ärztetag eine fünfjährige Pflichtweiterbildung, die in der Folge von allen Landesärztekammern umgesetzt wurde und seither in allen Bundesländern Deutschlands gilt. Seitdem sind Fachärzte für Allgemeinmedizin und andere Fachärzte von der Weiterbildung her gleichgestellt. Jeder, der sich nach dem Studium mindestens fünf Jahre zum Facharzt für Allgemeinmedizin spezialisiert hat, musste diese Phase durchlaufen. Daher plädiere ich dafür den teils historisch, teils politisch motivierten Sprachgebrauch von „Hausärzten“ und „Fachärzten“ aufzugeben.

Gestern habe ich in dem Blog des Kollegen „Medizynicus“ eine Anmerkung gelesen, mit Begriffsänderungen würde ja nicht die Realität geändert (Link) . Doch fängt die Diskriminierung im Geiste an. Wer sich als „Assistent“ fühlt wird schneller als solcher behandelt, wer glaubt, er sei in der "Ausbildung" gibt sich schneller zufrieden. Wer meint, er sei doch nur „Hausarzt“ und kein „Facharzt“ rechtfertigt Ungerechtigkeiten und damit den Ist-Zustand.

Daher möchten wir als Redaktion des „neuen Hippokrates“ den Vorschlag machen, neutralere Begriffe zu finden. Statt Weiterbildung zum Facharzt könnten wir, wie im Ausland längst üblich „Spezialisierung“ wählen. Analog wäre der Arzt in der Spezialisierung der „Spezialisierungsarzt“. Zu überlegen wäre auch, die in der Schweiz übliche Bezeichnung „Spezialarzt“ gegenüber dem „Allgemeinarzt“ zu verwenden.

Hier rufen wir Sie als Leser unserer interaktiven Internetzeitung und Hörer unseres Podcasts auf, Ihre Meinung hierzu zu äußern und zusammen neue Begriffe zu finden. Auf dem 113. Deutschen Ärztetag im Mai 2010 können dann Anträge zur Änderung der Bezeichnungen gestellt werden, um die Hierarchien und Wertungen aus unserer Sprache herauszunehmen. Das ist unserer Meinung nach schon längst überfällig.

Hier geht es zu unserem Artikel Die Macht der Worte, Teil 1


Autor: Der Neue Hippokrates





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mo 08 Jun 2009 15:02
Von: www.medizynicus.de


Hallo,
danke für Deinen Kommentar - hier und zu dem Artikel in meinem Blog.
Was Ihr macht ist richtig und wichtig - nur sollte man es eben nicht bei diesen Worten belassen - und das ist, was auf Ärztetagen und allen anderen politischen Organen leider gelegentlich immer wieder ziemlich oft passiert....

Datum: Di 09 Jun 2009 13:46
Von: Der neue Hippokrates


Lieber Medizynicus,

ja, das sehe ich auch so! Parallel müssen die Bedingungen verbessert werden. Die Namensänderungen wären ein erster Schritt das Bewußtsein zu verändert. Aus einem neuen Selbstverständnis heraus könnte es dann leichter sein, die Verhältnisse zu ändern.
Danke auch für Deine Kommentare!


03.06.2009
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Brief an eine Augenärztin


Sehr geehrte Frau Dr. A.,

mein Vater war heute zur jährlichen Kontrolle des Augenhintergrunds wegen seines Diabetes mellitus in Ihrer Praxis. Er kam zu Ihnen, da er bei seinem bisherigen Augenarzt erst in 5 Monaten einen Termin bekommen hätte. Ganz zu Beginn wurde ihm die Messung des Augeninnendrucks für 20 Euro als so genannte Individuelle Gesundheitsleistung (IGEL) verkauft. In der Sprechstunde wurde er dann von Ihnen mit folgenden Worten begrüßt:

„Warum sind Sie nicht bei Ihrem bisherigen Augenarzt geblieben? Ich möchte keine neuen Patienten. Mit Kassenpatienten mache ich doch nur Minus. Gerade einmal durch die Augeninnendruckmessung kann ich meine laufenden Kosten für Sie decken“. Im Laufe der Untersuchung gaben Sie noch mehrere Kommentare von sich, die signalisierten, dass Ihnen mein Vater als Kassenpatient nicht willkommen ist. Die Befunde wurden ihm nur nach Nachfrage einsilbig mitgeteilt. Dazu habe ich als Hausarzt folgende Kommentare:

1) Die Patienten sind das schwächste Glied in der Kette unseres Gesundheitssystems und für ihr Selbstmitleid absolut der falsche Ansprechpartner. Mein Vater hat Zeit seines Lebens hohe Krankenkassenbeiträge gezahlt - derzeit 600 Euro im Monat - und ist an der Misere unseres Systems nicht schuld.

2) Der Verkauf sogenannter IGEL-Leistungen hat in deutschen Augenarztpraxen unschöne Formen angenommen, so dass wir Hausärzte inzwischen unseren Patienten raten müssen, bei Besuch der Praxen ihre Geldbeutel gut festzuhalten. Die Messung des Augeninnendrucks ist – wenn medizinisch notwendig – eine Kassenleistung und in der Pauschale, die Ihnen die Kassenärztliche Vereinigung (KV) jedes Quartal überweist, enthalten. Die jährliche Routinemessung des Augeninnendrucks beim Diabetiker ist medizinisch nicht notwendig, was sogar Ihre eigene ophtalmologische Fachgesellschaft in der „Leitlinie Glaukom“ schreibt: „Diabetes mellitus stellt entgegen einer weit verbreiteten Ansicht keinen gesicherten Risikofaktor für das primäre Offenwinkel-Glaukom dar“.

3) Ich bestreite nicht, dass die Bezahlung von uns Ärzten im KV-System unangemessen ist. Dennoch liegt das Einkommen von Augenärzten noch immer weit über dem Durchschnitt aller Akademiker. Außerdem steht es Ihnen jederzeit frei, dieses System zu verlassen und eine Privatpraxis zu eröffnen. Doch sollten Sie weiterhin als KV-Ärztin tätig sein, machen Sie bitte Ihre Arbeit anständig, ohne Patienten wie meinem Vater das Gefühl zu geben, Menschen zweiter Klasse zu sein.

Mit freundlichen Grüßen,


Dr. med. Marcus Schmidt


Autor: Marcus Schmidt

26.05.2009
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"Begriff Assistenzarzt abgeschafft"


Der Begriff des Assistenzarztes ist abgeschafft. Dies hat der 112. Deutsche Ärztetag in Mainz am 22. Mai dieses Jahres laut Aussage von Delegierten entschieden. Offiziell wird schon jetzt in allen Beschlüssen von "Arzt in Weiterbildung" geschrieben. Wie bei den Medizinischen Fachangestellten, die vorher Arzthelferinnen und davor Sprechstundenhilfen hießen, so war diese Entdiskrimierung von voll approbierten Ärzten aber noch ohne Facharzttitel dringend notwendig.

"Der neue Hippokrates" hat mit der Veröffentlichung des Artikels die Macht der Worte, der auch als Leserbrief in der Marburger Bund Zeitung erschienen ist, diese Diskussion angestoßen. Unser Mailsverteiler an Presse, Ministerien und Ärztekammern hat auf die Problematik aufmerksam gemacht. Nein, wir erwarten als Redaktion nicht, dass wir als Ursprung der Idee genannt werden. So funktioniert das System nicht. Das normale Vorgehen wäre zu sagen, man habe das ohnehin schon vorgehabt zu ändern. Hier mag sich jeder eine eigene Meinung bilden. Wir sehen allerdings: Es lohnt sich, Diskriminierung und Unrecht beim Namen zu nennen und dagegen aufzustehen. Dafür wird sich die Redaktion des neuen Hippokrates und alle seine Mitarbeiter, auch unter Ihnen, weiterhin einsetzen.


Autor: Der Neue Hippokrates





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 28 Mai 2009 17:29
Von: Pressestelle Bundesärztekammer


Sehr geehrter Dr. Haffner,

bezüglich Ihrer Anfrage möchten wir Sie darauf hinweisen, dass sich eine
Abschaffung des Begriffes ?Assistenzarzt? aus der Beschlusslage des
Deutschen Ärztetages nicht ergibt. Die Informationen, die Ihnen vorliegen,
beziehen sich auf eine Begriffsänderung, die sich ausschließlich auf den
Deutschen Ärztetag-Antrag V-01 "Evaluation der Weiterbildung" bezieht. Alle
anderweitigen Äußerungen sind nicht korrekt.

Mit freundlichen Grüßen
i.A. Katharina Wurche

Pressestelle der deutschen Ärzteschaft
Herbert-Lewin-Platz 1
10623 Berlin

Tel.: 030 / 4004 56 700
Fax: 030 / 4004 56 707

Datum: Sa 30 Mai 2009 13:27
Von: Verena Dicke


Sehr geehrter Herr Professor Hoppe,

mit Begeisterung habe ich, Ärztin in Weiterbildung zur Allgemeinmedizin,
dieses Jahr in Mainz erstmalig an einem Deutschen Ärztetag als Delegierte
für die LÄK Berlin teilgenommen.

Besonders gespannt verfolgte ich dabei natürlich die Diskussionen zu TOP
V, dessen Schwerpunkt bei der sehr begrüßenswerten Evaluation der
Weiterbildung lag, deren u.a. technische Herausforderungen, aber auch das
offen zu diskutierende Ungleichgewicht (durch zunächst fehlende
Offenlegung der Ergebnisse gegenüber den Ärztinnen und Ärzten in
Weiterbildung, was in meinen Augen die große Chance der Entwicklung zu
einer vertrauensvollen Lehr- und Lernkultur in unserem Lande weiter
verzögern wird).
Um so erfreuter war ich über die von den Delegierten befürwortete Änderung
des Begriffs "Assistenzarzt" auf Antrag von Frau Dr. Gitter. Soweit ich
mich erinnere wurde ein so oder ähnlich lautender Änderungsantrag zu
mehreren Anträgen gestellt - nicht nur zur Drucksache V-01 - und
übernommen.

Dürfen wir nun davon ausgehen, dass der Begriff "Assistenzarzt" zugunsten
von "Weiterzubildenden" bzw. (dem von uns favorisierten und vom MB bereits
gebrauchten) "Arzt/Ärztin in Weiterbildung" abgeschafft wurde?
Leider hören wir aus der Pressestelle der BÄK Gegenteiliges, was uns mit
Sorge füllt, wieder in die Kategorie des noch-nicht-approbierten =
nicht-ernst-zu-nehmenden Assistenten zu fallen - in der Wahrnehmung der
PatientInnen und zum Teil manchmal auch der KollegInnen.

Ich bitte Sie daher sehr herzlich, uns ein klärendes Wort zu übermitteln
und/oder ggf. diese Thematik in den entsprechenden Gremien zu diskutieren.

Freundliche Grüße,
Verena Dicke

16.05.2009
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Ärzte in der Wahrnehmung der Bevölkerung


Sie fahren Porsche oder andere große Autos, spielen Golf, haben große Häuser mit Swimming Pool und tragen eine Rolex. Geld spielt keine Rolle. Wenn sie streiken oder sich beklagen so ist das immer Jammern auf hohem Niveau. Das ist das Zerrbild der Ärzteschaft, das in der Bevölkerung weit verbreitet ist, an das selbst gut informierte und gebildete Personen glauben, ohne sich zu fragen, ob das so stimmt.

Woher kommt diese Idee des reichen Arztes, der vor allen Dingen eines hat: Geld im Überfluss? Ein Grund sind sicher die goldenen Zeiten, die spätestens mit den Seehoferschen Reformen in den 1990iger Jahren und gedeckelten Budgets endeten. Die heute älteren Ärzte zehren von den Einkünften dieser Zeit noch heute, hatten damals ihre Praxen und Häuser weitgehend abbezahlt und ausreichend Reserven angesammelt. Heute sitzen sie in entscheidenden Gremien in den Ärztekammern, der Kassenärztlichen Vereinigung und verschiedenen Berufsverbänden und sorgen dafür, dass das Geld weiterhin zu ihren Gunsten umverteilt wird. Für junge Ärzte wird die Niederlassung dagegen beinahe unbezahlbar, die Einkünfte sind aufgrund vielfältiger Vorschriften und intransparenter Abrechnungssysteme nicht genau kalkulierbar, Rückzahlung von verschriebenen Medikamenten bei auch nur kleinen Fehlern in der Dokumentation kommen häufig vor. Ist die Krankenkasse der Meinung, man habe dieses Medikament nicht verschreiben müssen, sondern ein anderes so darf man es zurückzahlen. Allerdings oft erst nach zwei Jahren, so dass sich hier Summen von mehreren 10 000 Euro bis über 100 000 Euro ansammeln können. Planwirtschaft bei vollem wirtschaftlichen Risiko für den Arzt.

Ein anderer Grund ist sicherlich auch darin zu suchen, dass es besonders im letzten Jahrzehnt üblich wurde nach wissenschaftlichen Leitlinienein zu therapieren. Die „Eminenz based medicine“, die Medizin, die auf bekannten Persönlichkeiten in der Medizin basierte wurde und wird zunehmend durch die „Evidence based medicine“ ersetzt. Das ist prinzipiell ja eine gute Entwicklung, birgt aber auch die Gefahr, dass sich Interessensgruppen in die Leitlinienarbeit einmischen. So erlebte ich es selbst als Arzt, dass eine Pharmavertreterin damit prahlte, man habe es über Kontakte geschafft, das Medikament in den Leitlinien unterzubringen, so dass es jeder Arzt nun bei bestimmten Krankheiten verschreiben müsse. Im Konfliktfall können die Ärzte verklagt werden, falls sie von den Leitlinien abweichen. Die Gewinne der Pharmaindustrie sind auch in Zeiten der Finanzkrise überdurchschnittlich hoch. Im Fernsehbeitrag das Pharmakartell hat das ZDF jüngst auf die Machenschaften dieser Pharmafirmen aufmerksam gemacht (zu finden über die ZDF Mediathek bei Suche unter "Frontal 21, Das Pharmakartell)".

Zusätzlich tragen wohl auch Arztserien zu einem Arztbild bei das eher romantisch als realistisch ist. Dr. Brinkmann existierte in dieser Form – vielleicht etwas abgeschwächt – früher bestimmt mal. Heute ist die Realität sowohl in Krankenhäusern und Praxen anders: Es herrscht der Manchester-Kapitalismus vor. Mit dieser Realität sollten die Medien sich einmal ausgiebig auseinandersetzen. "Der neue Hippokrates" möchte sie hierbei unterstützen und Informationen zur Verfügung stellen. Nur mit einem klaren Blick auf die Realität können wir unser mehr und mehr ausverkauftes Gesundheitssystem retten und neu aufbauen.


Autor: Christian Haffner





Kommentare zu dieser News:

Datum: So 23 Aug 2009 10:16
Von: patientin


Ich denke, so ganz richtig liegen Sie nicht. Zumindesst ein paar Ergänzungen möchte ich anfügen.
Es ist doch gar nicht der "Reichtum" des Arztes, nein, ich stelle nur immer mehr fest, daß der Arzt mich als Patienten nur noch als Kunde wahr nimmt, nicht mehr als Mensch, der Hilfe sucht.
Und oft erlebt man als Patient eine erhebliche Arroganz und Ignoranz, wenn man wagt, auch noch als informierter Patient aufzutreten. Dann bekommt man zu hören, lesen Sie mal nicht so viel im Internet, das verstehen Sie sowieso nicht. "Der neue Hippokrates" sucht auch den Dialog mit dem Patienten, bitte hier ist er, auch wenn vielleicht nicht so angenehm.

Datum: So 23 Aug 2009 10:23
Von: Christian Haffner


Liebe "patientin". Sie sprechen einen wichtigen Aspekt an. Das Wahrnehmen des Patienten als Kunden kommt aber auch durch den Finanzdruck der Ärzte zustanden, die z.B. in Hessen 38 Euro pro Patient pro Quartal bekommen, egal wie oft der Patient in der Praxis erscheint oder Ärzte zu ihm zum Hausbesuch kommen. Das begünstigt es, dass die Ethik hierbei in den Hintergrund gerät und die Ärzte zu viel darauf achten, dass sie existieren können. Es ist schade, wenn manche Ärzte gegenüber dem informiertem Patienten nicht offen sind. Ich selbst nehme für mich in Anspruch, meinen Patienten zuzuhören und sie nach bestem Wissen und Gewissen zu behandeln. Arroganz und Ignoranz sind hier wirklich, wie Sie schreiben, fehl am Platz. Danke für Ihren wichtigen Kommentar.

11.05.2009
Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung nicht beteiligt





Am 06. Mai 2009 fand in der Berliner Ärztekammer eine groß angelegte Informationsveranstaltung zu der bundesweit geplanten Evaluation der Weiterbildung statt mit Referentinnen und Referenten aus der Berliner Landes- sowie der Bundesärztekammer.

Drei Vorträge standen auf dem Programm. Die ersten beiden aus der Leitung der Berliner Weiterbildungsabteilung zu den Themen "Weiterbildung heute und morgen" sowie "Wie steht es um die Befugnisse?" versuchten unter anderem die passagere Nichterreichbarkeit der Berliner Ärztekammer über die übliche Service-E-Mail von Mitte April bis Mitte Mai mit der immens gestiegenen Zahl von Anträgen auf Weiterbildungsbefugnis im Rahmen der vielfältigen Änderungen in der neuen Weiterbildungsordnung von 2004 zu erklären.

Der dritte Vortrag der Vertreterin der Bundesärztekammer stellte die für dieses Jahr erstmalig geplante bundesweite Evaluation der Weiterbildung nach Vorbild der Schweizer Ärztevereiniung FMH vor und warb mit viel Fingerspitzengefühl um das Vertrauen der anwesenden Weiterbilderinnen und Weiterbilder. Derer waren da viele im gut gefüllten Konferenzraum. Leider kaum zwei Hand voll Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung. Dieses Bild der ungleichen Verteilung erscheint mir bezeichnend für die Situation insgesamt: Die Generation von zukünftigen Ärztinnen und Ärzte ist nicht beteiligt!

Wie jetzt bei dieser Berliner Veranstaltung waren die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, da ihr Status bisher nicht registriert wurde, nicht direkt, sondern nur über ihre Weiterbilderinnen und Weiterbilder zu kontaktieren. Ähnlich ist die so genannte Evaluation geplant: Nur über ihre Weiterbilderinnen und Weiterbilder erhalten Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung Zugang zur Teilnahme. Sie sollen 100 Fragen beantworten, die Weiterbilderinnen und Weiterbilder lediglich 30. Die Veröffentlichung der Resultate ist jedoch nur gegenüber den Weiterbildern geplant, die nach ihrem Belieben die Ergebnisse mit den eigenen Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung besprechen können. Andere haben keinen Zugang und können somit die Daten nicht - wie in der Schweiz üblich - z.B. zur Stellensuche nutzen.

Was soll die Motivation der ÄrztInnen in Weiterbildung sein, an einer von vornherein nicht ausbalancierten Befragung teilzunehmen? Die Hoffnung, dass sich - bei bisher nur zwei geplanten Durchgängen - beim nächsten Mal sicher alles zum Guten wendet?

Ich wünsche mir, dass auch wir ÄrztInnen in Weiterbildung mit oben erwäntem Fingerspitzengefühl wahrgenommen werden; dass zukünftige Veranstaltungen zum Thema "Evaluation der Weiterbildung" nicht mehr ohne unsere Anwesenheit und Input stattfinden; und dass wir gemeinsam das Vertrauen aufbauen zu einem gleichberechtigten Dialog, zu dem essentiell gehört, dass alle Beteiligten alle verfügbaren Informationen erhalten, damit wir zukünftig auch in Deutschland zu einer Weiterbildungskultur geprägt von Respekt und Angstfreiheit finden.

Der neue Hippokrates - Redaktion Berlin


Autor: Der Neue Hippokrates

06.05.2009
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Irrwege der Medizin und ihre Korrektur


ein neues ärztliches Vergütungsmodell



Krankheiten sind biopsychosozial, alle. Alle Bemühungen der Heilung einer Krankheit umfassen diese Aspekte. Die soziale Markwirtschaft bemüht sich um den Ausgleich von Arm und Reich. Auf sozialer Ebene bemüht man sich um eine gute Kinderversorgung, um das Auffangen der zu kurz Gekommenen, um die Pflege der Alten usw.

Auf der psychischen Ebene arbeiten die ambulanten Psychotherapeuten und die psychotherapeutisch orientierten Kliniken. Auf der somatischen Ebene existiert die Medizin mit ihren tausend Möglichkeiten. Da es eine ideale Gesellschaft nicht gibt, sind Defizite in allen Bereichen normal. Sie bedürfen der permanenten Korrektur, die Reform ist der Normalfall. Besonders Auswüchse - in welche Richtung auch immer - bedürfen dringend einer Korrektur. „Irrwege der Medizin“ soll diese Defizite aufzeigen. Die Medizin befindet sich auf einem Irrweg, wenn sie die psychosozialen Aspekte von Krankheit außen vor lässt. Diese Aspekte einer Krankheit außen vor zu lassen ist ein Kunstfehler.

Die Plazeboforschung gibt ernste Hinweise, wie wichtig diese psychosozialen Aspekte sind für den Krankheitsverlauf. Anstelle solcher psychosozialer Bemühungen, die vielen Ärzten als fremd erscheinen, ist ein Eifer der somatischen Bewältigung von Krankheit auszumachen. Großes Interesse hieran haben die Pharmaindustrie und die Geräteindustrie. Mit ihrer Macht und Lobbyarbeit wird die ärztliche Arbeit im ambulanten und stationären Bereich über Medien, Referenten, Leitlinien, Qualitätsrichtlinien etc. etc. gut gesteuert, den beteiligten Ärzten wird das wegen der fehlenden Transparenz eher nicht bewusst. Viele Handlungen unterliegen einem Trend, einer Mode, die jedoch oft an der wirklichen Effizienz vorbei geht.

Gebührenordnungen haben es nicht geschafft, dem Arzt die Arbeit zu bezahlen, wenn er die psychosozialen Aspekte ausreichend einbezieht. Die bestehenden Gebührenordnungen resultieren aus einem anderen Geist. Das Medizinwesen ist in weiten Teilen ein Selbstläufer, schafft sich selbst die Nachfrage durch übertriebene Screeningprogramme und Empfehlungen, durch medikamentöse Übertherapie, durch übertriebene somatische Abklärung, durch fragwürdige Therapieansätze der Hoffnung und ist belastet durch immer aufwendigere Dokumentationen, die vom Wesentlichen ablenken. Der auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Arzt, der vorsichtig mit den Ressourcen der Diagnostik und Therapie umgeht und Risiken meidet, wird mehrfach abgestraft: da er sich an das Wirtschaftlichkeitsgebot hält, geht er ein erhöhtes Haftpflichtrisiko ein, Wichtiges zu versäumen: Da er dem Patienten nicht das so genannte Beste und Teuerste verschreibt, ist er tendenziell unmodern, außerdem wird seine Arbeit von den Kassen nicht ausreichend honoriert. Der auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Arzt verweigert sich der Haltung, ein Anbieter von medizinischer Dienstleistung oder von kaufbarer Gesundheitsleistung zu sein.

Der Arztberuf ist per se kein Dienstleisterberuf. Der hippokratische Eid weist in eine andere Richtung, die auch Paracelsus gegangen ist. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ist ureigen. Die sich hieraus ergebenden Notwendigkeiten sind das Maß aller Dinge, denen auch das ausreichende Honorar folgen muss. Wenn jedoch die sich aus dem Vertrauensverhältnis ergebenden Notwendigkeiten direkt oder indirekt unter der Kontrolle von Körperschaften oder Behörden stehen, die dem Arzt mit Leitlinien, Disease Management Programmen usw. hineinreden und ihn gegebenenfalls abstrafen - zum Beispiel per Honorarminderung, dann wird der Arzt zu einem Dienstleister umerzogen, der das eigene Überleben „Honorar“ im Kopf hat und sich opportunistisch anpasst, den Patienten nicht mehr richtig wahr nimmt, nur noch seinen Job macht oder im Hamsterrad sitzt. Wenn die sich aus dem ureigenen Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ergebenden Notwendigkeiten - Anamnese, Diagnostik und Therapie - geschehen und anständig bezahlt werden, resultiert keine Verbiegung des Arztes zum Kaufmann oder Dienstleister, der Angst hat, nicht leitliniengerecht zu behandeln, obwohl er mehr weiß, als Leitlinien zu sagen haben. Leitlinien entstehen in der Regel ohne ausreichende Einbeziehung der psychosozialen Aspekte, sie sind zu wenig ganzheitlich ausgerichtet, beziehen zum Beispiel auch die seriösen klassischen Naturheilverfahren nicht ein und bringen so die Gefahr iatrogener Medizin.

Die Korrektur besteht darin, dem Arzt und dem Patienten die Zeit zurückzugeben durch die Bezahlung eben dieser Zeit. Ein Arzt, der Zeit hat, ist ein guter Arzt, das regelt sich von selbst. Der beste Lehrmeister für den Arzt ist der Patient. Ein Arzt, der viel Zeit hat für die Begegnung, lernt viel, aktiviert erhebliche Ressourcen beim Patienten, bringt diesem Mündigkeit und entlastet sich selbst vor Überarbeitung. Wir Deutschen müssen doch nicht denken, dass wir die Griechen überholen können bei der Lebenserwartung. Das Gesundheitswesen dort hat bei weitem nicht unseren Standard, aber was nutzt es uns, wir sterben früher. Ich propagiere eine Zeitbezahlung des Arztes ohne Vorbehalt. Eine entsprechende Gebührenordnung ist einfach und zeigt einen Höchstgrad an Gerechtigkeit. Sie ist im Folgenden aufgeführt.

Vorschlag:

Die Größe, die zur Findung einer angemessenen Bezahlung die Hauptrolle spielen sollte, ist das Arzthonorar für die ärztliche Arbeitszeit mit dem Patienten einschließlich Dokumentation.

Wie hoch der reine „Arztlohn" ist, wird festgelegt. Wer mehr arbeitet, verdient mehr, wer weniger arbeitet, weniger. Ein zweiter Faktor sind die Praxiskosten. Das Arzthonorar (l.) und die Praxiskosten (2.) werden gesondert betrachtet:

Zu l.
Vorgeschlagen werden 2 Gebührenpositionen für den Arzt-Patientenkontakt:
„Befragung/Untersuchung/Erörterung und/oder Behandlung sowie Dokumentation: l für bis zu 5 Minuten Arbeitszeit, 2 für je 10 Min. Arbeitszeit. Die Positionen können beliebig kombiniert werden bis zu einer Stunde Arbeitszeit. Beispiele: bei 5 Min.: l; bei 20 Min.: 2,2;
bei 25 Min.: 2,2,1; bei 35 Min.: 2,2,2,1; bei 50 Min.: 2,2,2,2,2; usw.
(Falls datentechnisch auswertbar, könnte auch die ungefähre Zeit direkt in den Abrechnungsschein eingegeben werden ohne solche Einzelpositionen, das ist unerheblich)
Ein Blick auf die „große" Uhr im Sprechzimmer genügt, um die Zeit in etwa einzuschätzen.
Die Summe im Quartal ergibt die Quartalsarbeitszeit, die der Arzt mit der KV oder einer Ärztevereinigung bezogen auf Zahl der Fälle, Patient und Diagnose abrechnet.

Die Kassenärztliche Vereinigung oder eine andere entsprechende Ärztevereinigung behält sich eine Kontrolle und Korrektur der abrechenbaren Arbeitszeit vor. Bei Implausibilität von Diagnose und Abrechnungszeit sowie Fallzahl und Gesamtarbeitszeit im Quartal muss der Arzt die wirkliche Arbeitszeit belegen. Es ist davon auszugehen, dass die wöchentlichen Arbeitszeiten oder Jahresarbeitszeiten sehr unterschiedlich sind.

Zu 2.
Dem Arzt werden die nachgewiesenen Praxiskosten nach Offenlegung gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) oder der Ärztevereinigung erstattet. Die Höhe der Erstattung berücksichtigt die Zahl der abgerechneten Fälle, Besonderheiten der Praxis und steht in Abwägung zur Erstattung bei allen hausärztlichen Kollegen. Basis der Erstattung sind die Durchschnittskosten der letzten 5 Jahre.
Veränderungen in der Erstattung bei Veränderungen der tatsächlichen Praxiskosten erfolgen in Absprache mit der KV oder der Ärztevereinigung. Abweichend hiervon könnten die Praxiskosten arztindividuell nach einem Rechnungsschlüssel in Pauschalen gelegt werden und der Arbeitszeit zugeschlagen werden, dieses gilt insbesondere für Technikleistungen, wo der Anteil der Arztzeit gering ist.


Autor: Wilhelm Breitenbürger





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Datum: Fr 08 Mai 2009 11:28
Von: Der Landarsch


Bereits 1998 hat mir ein Patient aus den USA genau eine solche Rechung mitgebracht (ich hab sie noch, wer eine Kopie haben will: der-landarsch@online.de).

Hier wurde:
1. Der Arzt wird 6 Zeitstufen (von 2 Min. bis 1½ Stunden geteilten) (+ 1 offene Zeitangabe für Anästhesisten) bezahlt. Dabei wurde in zwei Schwierigkeitsgraden unterschieden: "neuer Patient" und "bekannter Patient"

2. die Helferinnenarbeit in 6 Zeitstufen (2 Min. bis 1 Stunde) bezahlt

3. für alle technischen Leistungen und Labor Betriebskosten-Gebühren erhoben.

Schluss, das war's, "Bierdeckelrechnung"!

In den Zeitstufen der Ärzte wird nicht unterschieden (und unterschiedlich bezahlt!) was in dieser Zeit getan wird, ob Untersuchung, Beratung, medizinische Therapie oder psychotherapeutische Leistung, ob Fahrtzeiten für Hausbesuch oder (notwendige) Wartezeit auf Kliniktransport: der Arzt stellt seine - qualifizierte - Zeit zur Verfügung und erhält dafür ein (Zeit-)Hornorar.

Ebenso die Schwestern, wobei die Helferinnenzeit von Aufnahmeschwester, Laborantin, Röntgenassistentin etc gleichwertig zusammenaddiert werden.

Die Betriebskosten sind vorgegeben (und wurden wohl betriebswirtschaftlich ermittelt)

Hier ist der Arzt nicht mehr gezwungen, unnötige, aber gut bezahlte Leistungen zu erbringen und abzurechnen um schlecht- oder nicht bezahlte Leistungen zu subventionieren!

Es ist das Risiko des Patienen wie lange er den Arzt benötigt, nicht mehr Risiko des Arztes, wofür und wie lange er in Anspruch genommen wird.

Diese Abrechnungssystem wäre problemlos auch in Deutschland einzuführen, wobei für Kassenpatienten ein "Kassenpatienten-Stundenhonorar" festgelegt wird und für Privatpatienten (analog dem Multiplikator der GOÄ) ein gesetzlicher Rahmen (mit Abdingmöglichkeit, allerdings hier für Qualifikation, nicht mehr für Schwierigkeit!) eingeführt wird.

Für die Betriebskosten der Kassenpatienten müsste eine "Kassen-Ausstattungsrahmen" definiert werden, der dann - praxisindividuell - bezahlt wird. Für Privatpatienten ist der Arzt frei in der Bereitstellung von Geräten.

Diese Abrechnungsform habe ich seit 20 Jahren - auch in berufspolitischen Diskussionen - immer befürwortet, sie wurde von zumeist den Kollegen abgelehnt, die
- ständig versuchen über die "Einzelleistung" "ein bisschen mehr zu machen" (wie beim Metzger).
- meinen, über Pauschalierungen weniger tun zu müssen.
- und auch die Kassen und Politik meinen, über Pauschalierungen könne man die Ärzte zu "sparsamerem" Verhalten drängen.

Das ist ein Irrglauben! Letztendlich bestimmt immer der Patient. Die Frage ist vielmehr: wer trägt dafür das Risiko!

Datum: So 16 Aug 2009 23:42
Von: patientin


Das ist zwar hier die Seite für Ärzte, ich schreib aber trotzdem mal als Patientin dazu. Weil Ihre Ausführungen sehr interessant sind. Warum wird so was nicht aufgegriffen?
Schicken sie doch einfach all die nutzlosen, überflüssigen Verbände, Körperschaften usw. in die Wüste.
Als ich Kind war (inzwischen in der Rente angekommen) hatten wir unseren Hausarzt, zu dem ging man hin oder der kam zum Hausbesuch, wenn man krank war. Dann wollte der erst mal die Zunge sehen, hat in die Augen geguckt, hier oder dort auf dem Bauch rumgedrückt. An solche Dinge kann ich mich erinnern. Der hatte kein EKG, Ultraschall, Röntgengerät und all so was. Aber der hat uns wieder gesund gemacht!
Wie haben die damals nur arbeiten können, ohne all die Supertechnik, die tollen neuen Medikamente?
Hat das alles was mit dem zu tun, was Sie als biopsychosozial bezeichnen?
Komme ich heute zu einem Arzt, anfassen, einen Patienten anfassen, wo gibt es das heute noch? Im Höchstfalle mit Hilfe von Geräten und das macht dann auch noch die Schwester.
Gut, ich weiß, das ist alles sehr laienhaft. Und trotzdem, manchmal wünsche ich mir, ich könnte mich zu unserem alten Hausarzt wieder in das überfüllte Wartezimmer setzen.
Gruß, patientin

01.05.2009
Unabhängigkeit des "neuen Hippokrates" - keine Werbung mehr




Die Redaktion des neuen Hippokrates hat beschlossen, ihre Unabhängigkeit noch stärker nach außen zu demonstrieren und auf jede Art der Werbung zu verzichten. Als ideelles Projekt und als "Whistleblower" (= Skandalaufdecker) ist es uns wichtig, jeder Art von Einflussnahme vorzubeugen.

Da das Projekt privatfinanziert ist und inzwischen für die Entwicklungskosten annähernd 10 000 Euro gekostet hat, bei Werbeeinnahmen von etwa 40 Euro, möchten wir Sie als Leser und Nutzer aufrufen, unser Projekt durch Spenden zu unterstützen. In Kürze werden wir daher einen Spendenbutton einbauen.

Mit freundlichen Grüßen

Die Redaktion "des neuen Hippokrates"


Autor: Der Neue Hippokrates

30.04.2009
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Berliner Ärztekammer verzögert Facharztprüfungen


In der Berliner Ärztekammer ist die Verwaltungsabteilung Weiterbildung zur Zeit weder per Telefon noch per E-Mail für Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung erreichbar. Hintergrund ist, dass sämtliche Verwaltungsangestellte zur Bearbeitung der „überraschenden Flut“ von Weiterbildungsbefugnissen abgestellt sind. Ein erhöhter Bedarf entstand durch Erneuerung sowie Neuantrag im Rahmen der Änderungen der neuen Weiterbildungsordnung von 2004. Dieser war aber seit der damaligen Einführung bekannt und damit kalkulierbar.

Doch wird das nicht etwa transparent als Ausnahmesituation öffentlich gemacht. Vielmehr werden wichtige Sitzungen, zum Beispiel die des Weiterbildungsausschusses Allgemeinmedizin, der unter anderem auch über Prüfungszulassungen entscheidet, ohne mögliche Leidtragende darüber zu informieren, ersatzlos gestrichen. Dies hat indirekt eine Verzögerung des Prüfungszulassungsbescheides auf unbekannte Zeit zur Folge. Von Wartezeiten von vier Monaten wird berichtet.

Im persönlichen Beispiel führt das dazu, dass anvisierte Stellen und geplante Praxisübernahmen nicht wahrgenommen werden können. Wertvolle Arbeitskraft wird angesichts dadurch verlängerter Arbeitslosigkeit verschwendet, da in der Allgemeinmedizin eine Praxisanstellung ohne Facharzttitel aufgrund wegfallender finanzieller Förderung nach Ende der Facharztweiterbildung so gut wie aussichtslos ist. Druck entsteht zudem von Seiten des Arbeitsamts wie auch durch die Kassenärztliche Vereinigung. Weiterhin fehlt eine persönliche Planungssicherheit zum Beispiel bei Schwangerschaft.

15.000 Hausärztinnen und Hausärzte fehlen in den nächsten 10 – 15 Jahren, um das heutige Niveau der hausärztlichen Versorgung in Deutschland aufrecht zu halten - bei zu erwartenden höheren Anforderungen angesichts demographischer Veränderungen. So die Feststellung der Arbeitsgemeinschaft der obersten Landesgesundheitsbehörden im März 2008. Entsprechende Empfehlungen zur Verbesserung der Situation, wie die Einführung von Koordinierungsstellen Allgemeinmedizin zur gezielten Förderung der Weiterbildung zu Hausärzten sind bis heute lediglich in Sachsen-Anhalt und in Niedersachsen umgesetzt, aber nicht in allen weiteren 15 Zuständigkeitsgebieten der Kammern Deutschlands. Es scheint verantwortungslos, dass sich die Zuständigen dies trotz der bestehenden Erkenntnisse leisten.


Autor: Der Neue Hippokrates





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Datum: Sa 08 Aug 2009 19:09
Von: eazvggpofrw


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21.04.2009
Pharmafreie Werbung auf dem neuen Hippokrates Warum?




Warum gibt es Werbung auf dem "neuen Hippokrates"? Die Investitionskosten für unsere interaktive Internetzeitung sind rein privat finanziert und belaufen sich auf etwa 5000 Euro. Dazu kommen laufende Kosten für die Webseite, Pflege der Webseite, Telefon, Internet und so weiter. Die Redaktion des "neuen Hippokrates" hat beschlossen, keine Pharmawerbung und keine Werbung für Medizinprodukte zu erlauben. Um dennoch kostendeckend zu arbeiten und mit einem eventuellen Überschuss für die weitere Verbreitung der interaktiven Internetzeitung für das Gesundheitswesen sorgen zu können, sind Werbebanner notwendig und sinnvoll. Geld bekommen wir ausschließlich für Clicks und Verkäufe über die eingeblendeten Banner, nicht allein dafür, dass diese auf unserer Webseite zu sehen sind. Um es klar zu sagen, um welche Einnahmehöhe es sich handelt: In einem halben Jahr haben wir etwa 50 Euro durch Werbung eingenommen.


Mit freundlichen Grüßen


Die Redaktion des "neuen Hippokrates"


Autor: Der Neue Hippokrates

16.04.2009
Sind Quartale noch zeitgemäß?




Am Anfang des Quartals stürmen die Patientenscharen in die Arztpraxen. Viele Patienten brauchen Überweisungsscheine, die mit Beginn des neuen Quartals ungültig werden, andere haben den Arztbesuch aufgeschoben. Wer jetzt die 10 Euro-Krankenkassengebühr bezahlt, der kann die folgenden drei Monate wiederkommen, ohne erneut zahlen zu müssen. Gegen Ende des Quartals ist es umgekehrt. Kaum einer, der nicht schon im aktuellen Quartal beim Arzt war, möchte jetzt noch 10 Euro ausgeben. So werden unter Umständen wichtige Konsultationen verschoben. Dazu kommt, dass die Ärzte, wie dieses Jahr im März, bereits einen Monat vor Quartalsende ihr Budget ausgeschöpft haben und reihenweise ihre Praxen schließen, um nicht umsonst arbeiten zu müssen. Für die medizinischen Fachangestellten kann das Zwangsurlaub bedeuten. Und an jedem Ende des Quartals muss die Abrechnung für die Kassenärztliche Vereinigung gemacht werden, die nervenaufreibend und zeitaufwändig ist. Dann geht es wieder von vorne los: Am 1. April, 1. Juli, 1. Oktober, 2. Januar der erneute Ansturm.

Uns interessiert Ihre Meinung: Ist das noch zeitgemäß? Schreiben Sie uns an info@der-neue-hippokrates.com oder hinterlassen Sie einen Kommentar zu diesem Artikel.


Autor: Der Neue Hippokrates

11.04.2009
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zurück in Deutschland


Heute Rückflug aus dem Kurzurlaub. Mal abgetaucht aus dem Alltag eines Arztes in Weiterbildung im vierten Weiterbildungsjahr. Wieder einmal ist mir aufgefallen wie unterschiedlich wir Völker in Europa doch sind. Wie sehr auch ich von der deutschen Kultur konditioniert bin habe ich während dieser Reise nach England mehrfach bemerkt. Als der Bus von London nach Cambridge mit einer Verspätung von 50 Minuten eintraf, stieg Wut in mir auf, und ich hatte den Wunsch, mich zu beschweren. Mir kam der Gedanke, in Deutschland sei das alles besser. Beim Einsteigen lächelte der Busfahrer die neu zusteigenden Fahrgäste herzlich an und sagte fröhlich „sorry, we’re late...“ und mein Unmut wich einer Heiterkeit über die Erkenntnis, wie deutsch ich doch gerade gefühlt hatte. Ich erinnerte mich an die Geschichten, die mir meine italienische Frau aus Frankfurt am Main erzählt, wo die Busfahrer regelmäßig zu den Fahrgästen unfreundlich sind und sie sogar manchmal anschreien. Das habe ich hier in Großbritannien anders erlebt. Durchweg Hilfsbereitschaft, Höflichkeit und Freundlichkeit. Auch auf der Fahrt mit der Tube, wie die U-Bahn in London bekanntlich genannt wird, sorgte es für ein Lächeln als der Fahrer die Station „Boston Mansion“ mit „Boston Massachusetts“ ankündigte. Es sind die kleinen Dinge, die für ein gutes Gefühl sorgen, ein wenig Selbstironie, manchmal auch ein wenig mehr.

Heute dann die Rückkehr aus dem englischen Regenwetter in den Sonnenschein in Hessen. Doch schon in der S-Bahn war ich erschrocken: Warum schauen die Leute alle so böse, traurig oder depressiv? Warum lächelt niemand zurück, wenn man ihn anblickt, wie ich es von England, Italien, Spanien und den Niederlanden kenne, um nur einige Länder zu nennen? Warum sehen die meisten Leute scheu weg als gebe es ein Gesetz, das Sichansehen verbiete? „So geht es mir jedes Mal, wenn ich von Italien komme“, sagte meine Frau und die Erkenntnis stieg in mir auf, dass wir Deutschen wohl wirklich so sind. Vielleicht ist es in Frankfurt auch ein wenig ausgeprägter, zumindest ist das der Ruf der Frankfurter.

Zu Hause liegt dann das neue Deutsche Ärzteblatt Nr. 14/2009 auf dem Poststapel der Woche. Dort stoße ich gleich auf den Artikel unter STATUS Gründe für den Ärztemangel. Darin beschreibt eine junge Ärztin von ihren haarsträubenden Erlebnissen während der ersten sechs Monate Weiterbildung Anästhesie. Sie bekommt keine Hilfe, im Gegenteil wird ihr Engagement blockiert und sie herablassend und unfreundlich behandelt. Situationen, wie sie von Ärzten in den Kliniken vielfach beschrieben werden und vor denen die Ärztekammern die Augen verschließen. Hier müssten sie die Weiterbildungsermächtigung umgehend entziehen und den zuständigen Ärzten mit berufsrechtlichen Konsequenzen drohen. Willkommen zu Hause, denke ich mir, willkommen in Deutschland, dem Land der steilen Hierarchien in den Krankenhäusern und dem Land in dem die Facharztweiterbildung auf dem Schlachtfeld der berufspolitischen Machtkämpfe geopfert wird. Und das zu Lasten der jungen Ärzte. Die älteren, etablierten Ärzte haben ihre Schäflein schon auf dem Trockenen und leben noch von den goldenen Zeiten. Jetzt besetzen sie gut honorierte Posten und wollen uns jungen vorschreiben, was wir zu tun haben. Eine Frage steigt in mir auf: Was mache ich noch hier in diesem Land? Das frage ich mich so manches Mal, wenn ich das Dauergejammer der deutschen Ärzte höre und sehe, dass nur die wenigsten aktiv etwas gegen die Zustände tun. „Ärzte in Weiterbildung aller Bundesländer vereinigt Euch“, möchte ich da rufen. Nur zusammen können wir die verkrusteten Strukturen aufbrechen und aufbrechen nach Europa, wo die ärztliche Weiterbildung in den meisten Staaten besser ist als bei uns in Deutschland.


Autor: Der Neue Hippokrates

24.03.2009
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Abschied vom Chaos des Sozialgesetzbuchs V


von
Carlos A. Gebauer

(www.make-love-not-law.com)


Zufrieden waren die Deutschen mit ihrem Gesundheitswesen schon lange nicht mehr. Über die Jahrzehnte der ununterbrochenen Reformen hatte sich zunehmend die Erkenntnis durchgesetzt: Hier stimmt etwas nicht. Trotz der politisch verbreiteten Nachricht, Deutschland habe das beste Gesundheitssystem weltweit, wuchsen die Zweifel. Patienten bemerkten die Verteuerung ihrer Beiträge ebenso wie die Leistungsreduzierung. Ärzte und Pflegepersonal klagten über bürokratische Mehrarbeit und finanzielle Einbußen. Die Handlungsspielräume der Apotheker wurden beschnitten und das Gefühl, medizinisch gut aufgehoben zu sein, schwand. Schließlich mussten auch die Krankenkassen zugeben, ihren Versicherten eben nur eine „ausreichende“ Versorgung zu garantieren. Wie sollte dies aber mit dem Selbstverständnis des „besten Gesundheitssystems weltweit“ noch vereinbar sein? Und wie waren die permanenten Milliardenverluste zu erklären, obwohl doch alle inzwischen mehr als 15% ihrer Einkünfte – rund zwei Monatsgehälter pro Jahr – an das System zahlten?

Mit beeindruckenden Imagekampagnen warb das Bundesgesundheitsministerium gleichwohl weiter für seinen bisherigen Weg. Unermüdlich wurde verbreitet, man befinde sich auf dem Weg in die medizinische Sozialgerechtigkeit. Die jüngsten Änderungsgesetze hatten allerdings eine Komplexität erreicht, die niemand mehr seriös erfasste. Den Betroffenen wurde deutlich, dass ein Selbstheilungsprozess aus diesem System selbst nicht mehr zu erwarten war.

Vor diesem Hintergrund nahm im Frühjahr 2008 eine – inzwischen erheblich gewachsene – Gruppe aus Ärzten, Zahnärzten, Apothekern, Juristen, Journalisten, Verwaltungsexperten und Verbandsvertretern in Hannover die Arbeit auf, um nach einem Weg aus dem mittlerweile unübersehbaren Chaos des Fünften Sozialgesetzbuches zu suchen. In dem Bestreben, nach ungezählten Protesten, Demonstrationen und Kritiken zeitnah eine substantielle Befreiung des Systems aus den Fesseln der Überverwaltung zu erreichen, beschloss die Gruppe unter dem Arbeitstitel „Gruppe Luisenhof“ Anfang Februar 2009, einen positiven Gegenentwurf zum SGB V zu präsentieren. Die Skizze zu einer außerparlamentarischen Gesetzesinitiative hat im Kern folgenden Inhalt:

Das SGB V tritt zum 31. Dezember 2010 insgesamt außer Kraft. Jeder Einwohner Deutschlands wird grundsätzlich einer Krankenversicherungspflicht unterworfen. Von dieser kann er sich nur unter ausdrücklichem und unwiderrufbarem Verzicht auf jedwede staatliche Leistung im Krankheitsfalle befreien lassen. Die Versicherung muss über eine in Deutschland zugelassene Versicherungsgesellschaft erfolgen, die der staatlichen Aufsicht unterliegt. Korrespondierend zu der allgemeinen Versicherungspflicht für jedermann besteht seitens der Versicherungsgesellschaften Kontrahierungszwang. Jeder Patient hat ein Anrecht darauf, bei jeder Gesellschaft ohne Rücksicht auf Alter und Vorerkrankungen zu dem dortigen, einheitlichen Beitrag versichert zu werden.

Alle heutigen gesetzlichen Krankenkassen werden mit Wirkung zum 1. Januar 2011 vergesellschaftet. Sie erhalten eine zivilrechtliche Rechtsform. Eigentümer der Versicherungsgesellschaft sind ausschließlich die bei ihr versicherten Personen. Als Verbraucher bestimmen die Patienten innerhalb dieser Gesellschaften den Umfang ihres Versicherungsschutzes demokratisch selbst. Die dann zivilrechtlich organisierten neuen Versicherungsgesellschaften treten mit den bisherigen Privatversicherern in freien Wettbewerb.

Sämtliche Leistungen werden fortan transparent unmittelbar von Ärzten, Krankenhäusern, Apothekern und sonstigen Leistungserbringern mit ihren Patienten selbst abgerechnet. Patienten reichen erhaltene Rechnungen zur Prüfung und Zahlung an ihre Versicherung weiter. Alle bisher zwischengeschalteten Organisationen und Institutionen der mittelbaren Leistungsabrechnung werden aufgelöst. Ihre Vermögen werden liquidiert und Überschüsse an ihre Mitglieder ausgezahlt.

Die Versicherten legen neben dem Umfang ihres Versicherungsschutzes und dem von ihnen hierzu gewünschten medizinischen Leistungskatalog zugleich die Höhe ihrer Versicherungsbeiträge durch Gesellschafterbeschluss fest. Erweist der Jahresabschluss ihrer Gesellschaft einen Überschuss, bestimmen sie, ob dieser erstattet oder den Rücklagen zugeführt wird. Haben sie den Beitrag zu gering taxiert, haben sie den Fehlbetrag nachzuschießen. Alle Versicherten haben jederzeit das Recht, die Versicherungsgesellschaft unter Klärung ihres Beitragskontos zu wechseln. Entzieht sich ein Versicherter seiner Beitragszahlungspflicht, verdoppelt sich seine Beitragsschuld mit Verzugseintritt unmittelbar.

Haben Versicherte mit ihrer Gesellschaft einen zu geringfügigen Versicherungsschutz festgelegt und muss deswegen in einem Behandlungsfall staatlicherseits Sozialhilfe geleistet werden, so hat die Versicherungsgesellschaft des Betroffenen der öffentlichen Kasse deren Aufwendungen aus Mitteln der Versicherung zu erstatten. Die persönlich haftenden Vorstände der Versicherungsgesellschaften haben daher bei der Bemessung des Versicherungsbeitrages das Risiko dieser Regressansprüche versicherungsmathematisch zu prognostizieren und in den Entscheidungsprozess der Versicherten einfließen zu lassen. Kommt gegen die Beratung der Vorstände ein ordnungsgemäßer Beschluss über den erforderlichen Versicherungsbeitrag nicht zustande, werden die Versicherten bis zu ihrem Eintritt in eine andere Versicherung so behandelt, als hätten sie sich von ihrer gesetzlichen Versicherungspflicht befreien lassen.

Versicherungspflichtige, die ihren Krankenversicherungsbeitrag nicht aus eigenen Mitteln aufbringen können, erhalten diesen auf Antrag von ihrem zuständigen Finanzamt aus allgemeinen Steuermitteln bezahlt. Zahlung des Beitrages erfolgt diesenfalls unmittelbar an die Versicherungsgesellschaft. Das Recht der freien Versicherungswahl wird hierdurch nicht eingeschränkt. Selbstzahlenden Versicherungsgesellschaftern wird vorbehalten, das Stimmrecht der steuerlich subventionierten Gesellschafter durch Mehrheitsbeschluss auszusetzen, sofern mehr als 30% der Gesellschafter Steuermittel in Anspruch nehmen.

Innerhalb des neuen Gesundheitssystems herrschen Koalitionsfreiheit und offene Preisfindung. Jedem Teilnehmer an dem System ist gestattet, jederzeit mit jedem anderen Teilnehmer freiwillig jedwede ihnen sinnvoll erscheinende Vereinbarung zu treffen. Staatliche Eingriffe beschränken sich auf die Überwachung der Ordnungsmäßigkeit aller Abläufe, auf die Gewährung allgemeinen Haftungs-, Straf- und Kartellschutzes sowie auf die förmliche Koordination des Kammerwesens.

Niemand hat fortan mehr das Recht, die Rationierung medizinischer Leistungen zu verfügen, wenn er nicht selbst, unmittelbar und persönlich ebenfalls derselben Beschränkung unterworfen ist. Politische Interventionen aus wahltaktischen Gründen müssen unmöglich werden. Die Arbeit der „Gruppe Luisenhof“ wird enden, wenn das neue Gesetz endgültig formuliert und sodann parlamentarisch verabschiedet ist.


Dieser Artikel ist im Ärztemagazin DER KASSENARZT erstveröffentlicht worden. Die Redaktion des "neuen Hippokrates" dankt für das Nachveröffentlichungsrecht.

Weitere Artikel, die gesundheitspolitische Entwicklungen kritisch und unerschrocken unter die Lupe nehmen und Hintergründe aufzeigen, finden Sie regelmäßig im Ärztemagazin DER KASSENARZT. Hier gelangen Sie zur kostenlosen elektronischen Version. Dort haben Sie auch die Möglichkeit, sich für ein kostenloses Abonnement zu registrieren, dann erhalten Sie regelmäßig jede neue Ausgabe von DER KASSENARZT als PDF-Version per E-Mail.


Autor: Carlos A. Gebauer

17.03.2009
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Das Tabu der Fehlbarkeit


Ich habe vergangenes Jahr meinen völlig gesunden Sohn mit 14 Jahren beerdigen müssen, als 6 Tage nach einer Zahnsanierung (Zahnstein und ein Loch) unter Vollnarkose ein multiples Organversagen -aufgrund Aspiration nebst Blutvergiftung- zum Tode führte. Der Mitverursacher steht für mich mangels ausreichender Überwachung fest, getroffene Aussagen zum Ablauf der Behandlung meiner Meinung nach zwischenzeitlich mit einem Maulkorb verhängt. Warum dürfen Ärzte keine Fehler machen und dann dazu stehen, ist dass vielleicht, weil eine Entschuldigung ein Schuldeingeständnis ist, eine "Erniedrigung", man zeigt "Ich habe Fehler gemacht, ICH, dass kann nicht sein, so etwas passiert mir nicht, niemals. Es geht immer um das Fremd- und Selbstbild: So lange ich den Fehler nicht zugebe bin ich theoretisch noch fehlerfrei. Vielleicht findet der andere noch eine andere Begründung für das Geschehene... aber sobald das Schuldeingeständnis da ist, ist es eindeutig: Ich bin schuldig, habe mein Gegenüber geschadet- das ist quasi das Schlimmste was einem Menschen in unserer Gesellschaft passieren kann. Finde ich nicht, Fehler zugeben ist eine Stärke, jeder kann Fehler machen, auch Ärzte, gerade bei dem "mörderischen" Arbeitsanfall, es ist nur die Frage, wie gehe ich damit um. Geld bringt mir mein Kind nicht zurück, aber ein Fehlereinräumung steht unserem Kind wohl zu. Ein Vater.


Autor: Patlekat





Kommentare zu dieser News:

Datum: Do 19 Mär 2009 11:46
Von: der Landarsch


zuerst mal mein tief empfundenes Mitgefühl und Beileid.
Nein es ist nicht das Dogma der Unfehlbarkeit der Ärzte. Im Gegenteil Ärzte würden Fehler vor allem wenn sie so dramatisch ausgegangen sind oft gerne zugeben und sich dafür entschuldigen. Denn nur dadurch kann auch der Arzt seinen inneren Frieden wiederfinden
Ursache und Hintergrund für diese leider sehr traurige Thema sind die Versicherungsbedingungen der Ärztehaftflichtversicherer Wie bei anderen Haftungs-Versicherungen z.B. Kfz-Versicherungauch sind Sie als Versicherungsnehmer gezwungen nichts zu sagen bzw. zuzugeben. Andernfalls würde der Versicherungsschutz erlöschen Und bei so manchem Fehler geht es dabei um horrend hohe Summen die der Arzt alleine niemals aufbringen könnte selbst wenn er wollte.
Wenns ums Geld auszahlen geht streiten die Versicherungen bekanntlich lieber jahrelang bemühen Juristen und Gutachter machen die Geschädigten mürbe damit sie mit weniger oder gar nichts zufrieden sind. Und Gutachter finden sich üblicherweise auch nach Belieben Ein wohlgemeintes entschuldigendes bedauerndes aber falsches Wort würde die Versicherungen sofort aus ihrer Verantwortung entlassen

Datum: Sa 13 Nov 2010 13:47
Von: WiesenBerg


Genau so ist es.
Dem Arzt (hier Zahnarzt) geht i.d.R. solch ein (oft auch schicksalhaftes, unverschuldetes) Geschehen näher als viele Patienten glauben.

Das Problem ist der Versicherungsschutz, geschuldet der Klagewut vieler Patienten wegen Nichtigkeiten (zunehmend Yankee-Verhältnisse in D).

14.03.2009
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Pharmaunterwandert: Ärztekammer akkreditiert


Nicht zum ersten Mal habe ich es innerhalb eines Jahres erlebt, dass die Pharmaunternehmen in großem Stile auf Fortbildungsveranstaltungen vertreten waren. Auf dem Schmerzkongress in Frankfurt am Main beherrschte die Industrie das Bild in den Foyes über zwei Stockwerke, verteilte Essen und Getränke, Kulis, Werbebroschüren und Werbegeschenke. Die im Alltag so oft geschundenen Ärzte füllten sich dankbar die Taschen und die Bäuche, so als wäre das die gerechte und wohlverdiente Entschädigung für die Entbehrungen des Alltagsgeschäfts. Auch die Vorträge waren durchdrungen von Verkaufsstrategien. So wurde von mehreren Referenten mit Nachdruck versucht, den Eindruck zu vermitteln, stark wirksame Opioide der WHO-Stufe III, wie das klassische Morphium oder Fentanyl, die sowohl eine Bewusstseinstrübung als auch über eine Darmlähmung Verstopfung hervorrufen, sollten statt der leichten Schmerzmittel wie Diclofenac („Voltaren“) oder Paracetamol eingesetzt werden. WHO Stufe I und III sollten ausgetauscht werden. Argumente gegen die sogenannten Nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) lassen sich seit dem Verbot von „Vioxx“ immer finden, doch waren sich mehrere Experten einig: Hier handelt es sich um eine Marktstrategie der Pharmaindustrie, wie auch damals der Feldzug gegen Vioxx selbst.


Nicht anderes auf dem Carl von Noorden-Kolloquium am 14. März 2009 über Diabetes und Herz. Auch hier Stände der Pharmaindustrie in den Vorräumen, Werbegeschenke, die über Kulis und Blöcke deutlich hinausgehen. Die Ärzte füllten sich die Beutel, bevor sie den Vortragssaal betraten, wie gewohnt. In den Vorträgen entstand der Eindruck, dass bestimmte Medikamente auf den Markt gedrückt werden sollten, die gerade im pharmaunabhängigen Arznei-Telegramm heftig kritisiert worden waren. Hier wurden sie von gleich mehreren Dozenten gelobt und gepriesen.


Und was macht die Landesärztekammer? Nichts. Sie vergibt Fortbildungspunkte für beide Veranstaltungen, behauptet von sich, nur pharmafreie Fortbildungsveranstaltungen zu akkreditieren. Auf Nachfrage wurde letztes Jahr geäußert, es werde kein Handlungsbedarf gesehen. Die Kammer als ärztliche Selbstverwaltung, die schon in der Facharztweiterbildung kein gutes Bild macht und über deren Absetzung gerade in der Bundespolitik verhandelt wird, macht sich zum Büttel der Pharmariesen und schaut weg, wo sie hinsehen und handeln sollte. Wo bleiben die integeren Ärzte? Bei diesen Zuständen vermisse ich sie auf den Straßen, vor den Ministerien. Doch die meisten deutschen Ärzte machen wieder was sie meistens machen: Sie laufen mit und schauen weg.


Autor: Dr. Großes Rad

14.03.2009
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Funktionärswesen und Neoliberalismus statt Widerstand


Schon seit vielen Jahren sinkt die Vergütung der niedergelassenen Ärzte ständig.Zum 1.1.2009 erwartete uns ein besonders harter Schlag – das so genannte Regelleistungsvolumen. Dieses gibt den Höchstbetrag vor, den ein Arzt innerhalb von 3 Monaten für seinen Patienten bezahlt bekommt. Ein Hausarzt bekommt beispielsweise in Baden-Württemberg nur noch 35,86 pro 3 Monate, also weniger als 12 Euro im Monat für die Rundumbetreuung seiner Patienten. Dieser Betrag schließt fast alles ein: Gespräche, Hausbesuche, körperliche Untersuchungen, Spritzen, Infusionen, Blutentnahmen, EKGs und vieles mehr. Es handelt sich um ein „All you can eat“ – System: die Kasse zahlt einmalig 35,86 € und der Patient kann dann 3 Monate lang beliebig viele Leistungen seines Arztes in Anspruch nehmen. Dieser Betrag ist allerdings nicht das Gehalt des Arztes, sondern nur sein Umsatz. Er muss davon auch seine Arzthelferinnen bezahlen, die Praxismiete, Wartungen seiner Geräte und Praxissoftware, Energie, sein Dienstauto und tausend Dinge mehr.

Nur wenige Leistungen werden extra zum Regelleistungsvolumen bezahlt, zum Beispiel gibt es 10 Euro für eine Impfung inklusive Impfberatung und 8 Euro für eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse inklusive Dokumentation und Beratung des Patienten. Um einen Ultraschall durchführen zu können, muss man allerdings zunächst ein Ultraschallgerät für 20.000 Euro kaufen und teure Wartungsverträgeunterschreiben. Jedem Betriebswirtschaftler stehen bei solchen Zahlen die Haare zu Berge und so ist es kaum verwunderlich, dass junge Ärzte, sofern sie sich überhaupt noch niederlassen wollen, kaum noch Banken finden, die ihnen Kredite geben. Ein Freund von mir erhielt letztes Jahr seinen Kredit nur deshalb, weil er die Bank überzeugen konnte, in einem Stadtviertel mit überdurchschnittlich vielen Privatpatienten praktizieren zu wollen.

Viele von uns haben das Gefühl, die Praxen werden bewusst in den Ruin getrieben, um ihre Übernahme durch Großkonzerne wie die Rhön AG, in deren Aufsichtsräten viele Politiker sitzen, vorzubereiten. Diese Konzerne würden dann an zentralen und lukrativen Orten so genannte MVZs – Medizinische Versorgungszentren – gründen, in denen die Ärzte als Angestellte arbeiten. Der Arzt als Freiberufler würde dann ebenso der Vergangenheit angehören wie die wohnortnahe Versorgung der Patienten.

Viele ältere Kollegen zehren noch vom in den fetten Jahren Ersparten, denken sich „Augen zu und durch“ und sehnen sich nur noch nach der nahen Rente. Bei den Jüngeren hingegen müsste eigentlich die Wut kochen, wir müssten täglich vor den Ministerien demonstrieren und eine Zukunftsperspektive einfordern. Doch leider sind wir Ärzte folgsame Einser-Schüler, wir machen keine Revolution, sondern dass was man uns sagt bzw. was unseren Patienten dient. Anstatt auf die Barrikaden zu gehen lassen wir uns an einem so genannten „Protesttag“ in Bussen in eine Halle nach Stuttgart fahren, um den Reden von Funktionären und Politikern zu lauschen, die versprechen uns zu helfen, die sich in Wahrheit aber kaum von denen unterscheiden, die uns seit Jahren eine immer dünner werdende Suppe vorsetzen.

Am 11. März 2009 fand ein solcher „Protesttag“ statt. Eröffnet wurde er von Dr. Werner Baumgärtner, Vorstandsvorsitzender von MEDI Baden-Württemberg. Herr Baumgärtner war von 1993 bis 2004 in der KV (Kassenärztlichen Vereinigung) tätig, die letzten Jahre davon sogar als Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die KVen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, welche die Verteilung des Geldes der Krankenkassen an die einzelnen Ärzte regeln. Da er seine ambitiösen Pläne in der KV nicht erreichen konnte, gründete Baumgärtner 2003 den MEDI Verbund als Parallelorganisation, der von ihm nach Art eines absolutistischen Herrschers regiert wird. Als habe er nie in derselben gearbeitet, rief er, man habe genug von der planwirtschaftlichen KV und jetzt habe Baden- Württemberg die einmalige Gelegenheit, sich von dieser zu verabschieden.

Als nächstes trat sein Freund Dr. Berthold Dietsche aufs Podest, der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Landesverband Baden-Württemberg. Dietsche wetterte gegen Kassenärztliche Vereinigung (KV), SPD und CDU, die uns Ärzte zu Laborratten im Käfig sozialpolitischer Experimente machen würden. Doch zugleich betonte er, sein Verband habe in Form der Hausarztverträge bereits die Lösung parat. Bei diesen Verträgen ersetzt der Hausarztverband die KV und zahlt eine höhere 3-Monats-Pauschale an die teilnehmenden Hausärzte. Im Gegenzug müssen diese jedoch einen ganzen Teich voller Kröten schlucken – genannt seien nur die Bezahlung sämtlicher Laborkosten aus eigener Tasche und der Kauf eines Software-Ungeheuers namens Hausarzt plus, eines vom Hausärzteverband zusammen mit der Firma SAP entwickelten Praxisprogramms.

In der nächsten Rede wurden dann sämtliche Regeln des demokratischen Anstands durch pure Demagogie ersetzt: Der Orthopäde Dr. Norbert Metke, ehemaliger 2. Vorsitzender der KV Nordwürttemberg und jetzt Sprecher der „teilnehmenden Facharztverbände“ drohte, dass seine Mitglieder für die Beträge des Regelleistungsvolumens keine Leistungen mehr erbringen, keine Patienten mehr versorgen und keine Lehrlinge mehr anstellen würden. Die Gesundheitsministerin
Schmidt schädige durch ihren Zentralismus das Gesundheitswesen und träume von Polikliniken wie einst in der DDR. Der Gesundheitsfonds der Bundesregierung sei ein Projekt sozialistischer Umverteilung. Das von uns in Baden-Württemberg durch frühes Aufstehen erwirtschaftete Geld würde einfach in den Osten und in den durch SPD-Misswirtschaft verarmten Norden der Republik umgeleitet. Die Landesregierung habe uns durch Enthaltung bei der entsprechenden Abstimmung im Bundesrat verraten.

Durch die rhetorisch sehr gut gehaltene Rede waren viele der 8000 anwesenden Ärzte so aufgeheizt, dass die folgenden Worte des für die Landesregierung sprechenden Prof. Dr. Wolfgang Reinhart, CDU-Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, in einem gellenden Pfeiffkonzert untergingen. Herr Reinhart versuchte sich dadurch beliebt zu machen, dass er sagte, sein Bruder würde als Augenarzt auch unter dem Regelleistungsvolumen leiden. Zudem hätte sich die Landesregierung nicht enthalten: im Bundesrat könne man lediglich als Zustimmung zu einem Gesetz die Hand heben. Wenn man dies nicht tue, käme dies einer Ablehnung gleich. Doch seine Worte wurden kaum gehört und nach der Rede verlies er im Laufschritt den Saal, durchquerte die wütende Menge und bereute wahrscheinlich, keinen Bodyguard mitgebracht zu haben.

Taktisch geschickt durfte als nächstes der Zahnarzt Dr. Ulrich Noll, Vorsitzender der FDP/DVP-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg die Position seiner Partei darlegen. Obwohl aktuell an der Landesregierung beteiligt, stellte er seine Partei als große Alternative zur herrschenden Gesundheitspolitik dar. Die FDP sehe das Kostenerstattungsprinzip als Allheilmittel. Demzufolge soll der Patient für jede Leistung eine Rechnung vom Arzt erhalten und diese dann bei seiner Kasse einreichen. Dies würde eine klare Verantwortlichkeit aller Beteiligten mit sich bringen.

Der Gesundheitsfond führe hingegen zum zentralisierten staatsgesteuerten Einheitskrankenkassensystem und sei ein Ausdruck von politischer Demenz. Anstatt einer weiteren Partei die Möglichkeit zu geben, ihre Gesundheitspolitik
vorzustellen, kam noch ein weiterer FDP-Politiker ans Mikrofon, der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Daniel Bahr. Dieser, in seinem Äußeren an einen jungliberalen Abiturienten erinnernder Nachwuchspolitker blies ins selbe Horn wie seine Vorredner und geißelte die „sozialistische“ Politik der Bundesregierung.

Dann kam, als einziger Lichtblick des Nachmittags, die Vertreterin der Patienten Renate Hartwig, Autorin und Journalistin sowie Initiatorin von www.patient-informiert-sich.de zu Wort. Sie brachte ihre Solidarität mit den Ärzten zum Ausdruck, hielt uns vor Augen, dass wir durch die Vorgaben der KV unseren Status als freie Berufsgruppe schon lange verloren hätten und dass wir nur Bauern auf dem Schachbrett von KV-Fürsten, Kassen und Politikern seien. Sie beklagte die schlechte Darstellung der Ärzteschaft in der Publikumspresse („die fahren doch alle einen Porsche“) und vermutete dahinter eine gezielte Manipulation durch bestimmte
politische Gruppen. Sie betonte, dass die Patienten im selben Boot sitzen wie die Ärzte und keine Lust hätten, gemeinsam mit diesen unterzugehen. Sie unterstrich aber auch ihre Unabhängigkeit und dass sie sich nicht zu unserer Erfüllungsgehilfin machen lasse. Mit vereinten Kräften könnten Patienten und Ärzten hingegen jeglichen Politiker zu Fall bringen.

Das letzte Wort des Tages gehörte wieder Herrn Baumgärtner. Er stellte einen von ihm entwickelten Maßnahmenkatalog vor, der Praxisschließungen zu Quartalsbeginn
ebenso vorsieht wie die Forderungen nach dem Kostenerstattungsprinzip als Wahlmöglichkeit für alle Ärzte, mehr Geld für den ambulanten Bereich und den
Rücktritt der KV-Spitzen. Dieser Katalog wurde von der Mehrheit der 8000 Ärztedurch Heben einer zuvor ausgeteilten gelben Karte angenommen. Andersfarbige Karten suchte ich leider vergeblich.

Mein Gefühl am Ende der Veranstaltung war eine Mischung aus Ohnmacht und Wut. Immer wieder ging mir die Frage durch den Kopf: warum gründen wir Ärztinnen und Ärzte nicht eine wirklich demokratische Genossenschaft um unsere Interessen zu vertreten, anstatt nach dem Weggang der alten Rattenfänger gleich den nächsten hinter her zu rennen?


Autor: Dr. Heuteufel





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mo 16 Mär 2009 11:13
Von: der Landarsch


Als vor etwa 5 Jahren bei der KV-Mitgliederversammlung einer bayerischen Regional-KV gefragt wurde wenn es in Bayern eine Organisation wie z.B. Medi gäbe wer würde Mitglied werden wollen gingen sofort mit 2-3 Ausnahmen alle Hände hoch immerhin ca 400 bayerische Kassenärzte.
Auf die zweite Frage wenn diese Organisation dann ein Korbmodell mit 80 einrichten würde d.h. dass die Ärzte sich verpflichten ihre Kassenzulassung zurückzugeben wenn 80 aller Ärzte dies erklären würden wer wäre dann dabei nur 4 von etwa 400
Wir brauchen keinen starken Mann wenn wir dann nicht hinter ihm stehen Dass Baumgärtner der dies schon vor 10 Jahren erkannte bis heute - trotz seiner autoritären Führung - noch immer nichts bewirken konnten ähnlich wie andere weniger bekannte zeigt nur dass die Ärzte noch immer nicht bereit sind die einzige Konsequenz zu ziehen die dieses Problem lösen würde und auf das im übrigen auch die Politik insgeheim so krampfhaft hofft nämlich den Büttel hinzuschmeißen und die Kassenzulassung zurückzugeben
Wer die Geschichte der Revolutionen ansieht muß - leider - erkennen dass jede Revolution immer autoritär losgegangen ist und sich erst nach einiger Zeit auch mit dem Wechsel der Führungspersönlichkeiten demokratische Strukturen herausbilden konnten.

10.03.2009
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Goldgrube und Sklavenplantage-das deutsche Gesundheitssystem


Dank des Deutschen Aktiengesetzes müssen Umsätze und Gewinne von Aktiengesellschaften veröffentlicht werden. Daher kann man nachlesen, dass im Jahr 2007

• die Rhönklinik Gruppe bei einem Umsatz von 2.073 Mrd € einen Reingewinn von 111 Mio € (= 110.000.000,- €) (siehe www.rhoen-klinikum-ag.com/rka/cms/rka_2/deu/33330.html)

• Die Sana Klink Gruppe bei einen Umsatz von 946 Mio €, einen Reingewinn von 32 Mio € (= 32.000.000,- €) (siehe www.sana.de/fileadmin/templates/sana.de/main/downloads/Sana-Geschaeftsbericht-2007.pdf)

• die Helios Klinik Gruppe bei einem Umsatz von 1.8471 Mrd € einen Reingewinn von 63 Mio € (= 63.000.000,- €) (siehe www.helios-kliniken.de/fileadmin/user_upload/Helios-Klinken.de/Ueber_HELIOS/Publikationen/HELIOS_Geschaeftsbericht_2007_deutsch.pdf)

• die Paracelsus-Kliniken bei einem Umsatz von 317 Mio € einen „Konzernjahresüberschuss“ von 3,1 Mio € (= 3.118.000,- €)
(siehe www.paracelsus-kliniken.de/img/ejbfile/Paracelsus_Jahresbericht_web.pdf?id=11205)

ausweisen.

Und da jammern die Ärzte noch ???

Die deutsche Gesundheitspolitik favorisiert ganz klar die Bildung derartiger Versorgungsstrukturen! Kalkuliert die Politik, dass sich schon genügend geldgierige Leute finden, die Dritte (die auf den Job angewiesen sind) ausbeuten/ausbeuten lassen, damit sie dann sukzessive die Preise weiter drosseln kann und sich die – zwischengeschaltete – geldgierige Schicht als willige und machtvolle Handlanger zur Umsetzung dieser Pläne erweist?

Auch mein MVZ erwirtschaftete 2008 einen Reingewinn von etwa 250.000 € bei 3.4 Mio € Jahresumsatz ... mit nur etwa der Hälfte des üblichen Personals anderer (Einzel-)Praxen und einer untertariflichen Bezahlung (wer meckert kann gehen, es gibt genügend andere).

Nun ja, durch gnadenlose Ausbeutung der Beschäftigten kann man immer noch „Gewinne“ erzielen. Genau genommen sind dies allerdings nicht Gewinne, sondern (bei unserer heutigen Wirtschaftslage!) Erpressung und Übervorteilung, oder - kurz gesagt - Ausbeutung.

Dass unterm Strich auch die Arbeitszufriedenheit und damit letztendlich die Qualität leidet, ist verständlich. Somit geht das Ganze am Ende mal wieder auf den Patienten (den „Leidenden“) raus.

Ist das noch das „Sozial“-Gesetz, auf das wir lange Jahre so stolz waren?


Autor: der Landarsch

07.03.2009
Minimale Bezahlung für Ärzte - Budgets für Gebietsärzte



Seit Anfang dieses Jahres gibt es Regelleistungsvolumen, also Budgets pro Patient pro Quartal, auch für die Spezialisten. Der Aufschrei ist zu Recht groß. Frauenärzte bekommen dann zum Beispiel 16 Euro für jeden Patient pro Quartal, wenn er zur Behandlung kommt, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte erhalten 33 Euro. Auch die Summen vieler weiterer Gebietsärzte liegt in dieser Höhe. Fachärzte für Allgemeinmedizin leiden schon länger unter den Regelleistungsvolumen. Schon bei der zweiten Konsultation im Quartal legt er drauf. Zwar können gewisse Zusatzleistungen wie Impfungen zusätzlich abgerechnet werden, das Gros der Patientengespräche und -untersuchungen, regelmäßige Hausbesuche wird dann jedoch nicht mehr bezahlt.


Jetzt ist dieses Thema, da alle niedergelassenen Kassenärzte gleichermaßen betroffen sind, von der Tagespresse entdeckt worden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet in dem Artikel Arme Ärzte, arme Patienten über die katastrophale Situation, die mittel- bis langfristig zum Niedergang unseres Gesundheitssystems führen könnte. Deutlich wird auch, wie intransparent und verwirrend die Regelungen sind, dass die Öffentlichkeit die Dramatik nicht in dieser Schärfe wahrnimmt. Die Redaktion des neuen Hippokrates legt Ihnen diesen Artikel ans Herz und bittet Sie um Ihre Meinung. Schreiben Sie an info@der-neue-hippokrates.com oder über diese Internetzeitung als Nutzer direkt an uns.


Autor: Der Neue Hippokrates

22.02.2009
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Wir sitzen alle in einem Boot…


…doch die einen rudern und die anderen angeln. Dieses Gleichnis für unser Gesundheitswesen habe ich letzte Woche im Schwesternzimmer des Pflegeheims im Nachbarort an der Wand hängen sehen. Es beschreibt für meine Begriffe sehr gut die Entwicklung der letzten Jahre.


In besagtem Pflegeheim läuft die Entwicklung zum Raubtierkapitalismus im Zeitraffertempo, seit im Sommer von der Trägergesellschaft die alte Pflegedienstleitung abgesetzt und durch Frau Grünlich, die den Titel „Pflegemanagerin“ trägt, ersetzt worden ist. Das erste Opfer der Umstrukturierungen Frau Grünlichs waren die Hauswirtschafterinnen, Frauen aus den Nachbardörfern, die schon seit Jahrzehnten im Heim arbeiteten, mit den Bewohnern auf Du und Du waren und sich sowohl um die Küche als auch um die Reinigung der Räume zu kümmern hatten. Deren Dauerverträge waren Frau Grünlich ein Dorn im Auge, deshalb zog sie alle Register einer Taktik, die auf Neudeutsch Mobbing genannt wird. Die Hauswirtschafterinnen wurden sämtlich von ihren gewohnten Stationen auf andere versetzt. Der Dienstplan wurde so umgeschrieben, dass das vorgegebene Arbeitspensum nicht mehr zu schaffen war. Als sich die ersten beschwerten, wurde ihnen der vorzeitige Ruhestand nahe gelegt. Einige haben von dieser Option bereits Gebrauch gemacht, andere erscheinen regelmäßig zur Krankschreibung in meiner Praxis. An die Stelle der Hauswirtschafterinnen ist inzwischen das „Clean-Team“ getreten. Dieses besteht aus geschunden dreinblickenden Menschen in roter Uniform, die im Akkord die Stationen putzen müssen und die über einen jederzeit kündbaren Vertrag mit einer Zeitarbeitsfirma in der 20 km entfernten Stadt verfügen. Persönlichen Kontakt können die Clean-Team Mitarbeiter allein aufgrund des Zeitdrucks nicht mit den Heimbewohnern aufbauen. Aber die Position „menschliche Zuwendung“ taucht ohnehin nicht im offiziellen Leistungskatalog der Heime auf.


Ähnliche Beispiele sind mir in den letzten Jahren viele begegnet. Alle folgen dem selben Muster: die Leistungserbringer müssen immer mehr Arbeit zu immer schlechteren Konditionen erbringen, während auf der anderen Seite immer mehr Geld in Bereiche abfließt, die der Patientenversorgung nicht zu Gute kommen. Im Falle des Pflegeheims erhöht sich durch die Einsparmaßnahmen der Gewinn der Betreibergesellschaft, an der die umliegenden Banken beteiligt sind. Dabei handelt es sich um keine kleinen Beträge, denn ein Pflegeplatz kostet durchschnittlich 3400 Euro im Monat. Das nächste Opfer Frau Grünlichs sind bereits die Krankenschwestern, die fortan während ihrer Schichten für doppelt so viele Patienten verantwortlich sind und als Ausgleich eine Pflegehelferin mit einjähriger Ausbildung (und entsprechend niedrigerem Gehalt) an die Seite gestellt bekommen. Als wir umliegenden Hausärzte einen Gesprächstermin mit Frau Grünlich über die negativen Entwicklungen ausmachen wollten, bekamen wir eine „Audienz“ in frühestens 3 Monaten zugesagt. Derzeit versuchen wir über den Bürgermeister, dem die Oberaufsicht über die Betreibergesellschaft obliegt, Einfluss auf Frau Grünlich zu nehmen.


Anmerkung: Die Namen in diesem Artikel sind frei erfunden. Die Geschehnisse leider nicht.


Autor: Dr. Heuteufel

17.02.2009
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Die im Dunkeln sieht man nicht (aus Dreigroschenoper)


Baader-Meinhof waren naiv! Mit ihren Anschlägen auf Generalbundesanwalt, Arbeitgeberpräsident und US-Kaserne habe sie seinerzeit vielleicht Aufsehen erregt. Das selbstgesteckte Ziel, die Macht der Mächtigen zu schwächen, haben sie dagegen um Meilen verfehlt: die Mächtigen, das sind ganz Andere, die stehen nicht im Scheinwerferlicht.

Gerade im Gesundheitswesen erleben wir derzeit eine derartige „Vergenz der Macht“ (aus „Krieg der Sterne“): Nur so ganz nebenbei wurde gemeldet, dass zukünftig das Göttinger Aqua-Institut für die „Erarbeitung sektor-übergreifender Methoden zur Messung und Sicherung von Qualität in der Medizin“ zuständig sein wird, ähnlich dem IQWIG (Wikipedia: IQWIG), das inzwischen praktisch die gesamte Medikamentenversorgung unter selbst definierten (und auch selbst negierten) „Qualitätsaspekten“ regelt. Der Gemeinsame Bundesausschuß G-BA, der damit politisch beauftragt ist, kann entsprechende „Empfehlungen“ nur noch abnicken; tut er’s nicht, wird’s nach Belieben von der Politik gekippt.


Pikant dabei ist, dass das Aqua-Institut einerseits Ärzten gegen teures Geld Qualitätszertifizierungen verkauft (die sind seit der letzten Änderung des Sozialgesetzbuches SGB V durch Frau Gesundheitsministerin Schmidt gesetzlich vorgeschrieben), andererseits genau diese „Qualität“ unter dem Namen „Europäisches Praxisassessment - EPA“ erst „entwickelt“ (erinnert mich an die „EPA’s = Einsatzpaket bei der Bundeswehr: Kartons, gefüllt mit einer – mengen-, kosten- und qualitäts-garantierten – Tagesration für den gemeinen Soldaten; genauso hat’s auch geschmeckt) - im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung! Wer sich nun bei Wikipedia zu „Bertelsmann-Stiftung“ schlau macht, dem graust’s über die hier belegten sozialen Vorstellungen, den knallharten Neoliberalismus und die Rücksichtslosigkeit der Verflechtung zur Macht! Im Übrigen gibt die Bertelsmann-Stiftung selbst unumwunden zu, dass sie nicht – wie andere Stiftungen – Forschung unabhängig fördert, sondern ganz gezielt selbst forscht/forschen lässt mit mehr oder weniger vorgegebenen Ergebnissen!


Nun ist gegen Qualität ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber: „ Qualität“ kommt vom lat.: qualitas (Beschaffenheit), stellt als eine Beschreibung der jeweiligen Position auf einem Maßstab dar. Wer aber den Maßstab definiert, der hat die Macht!


Bisher haben die deutschen Ärztekammern (analog der Kammern andere Berufe, z.B. der Juristen) die Qualitätskriterien der deutschen Medizin festgelegt. Nach einer Phase, in der jeder Dahergelaufene, besonders Yellow-Press-Schreiberlinge, meinte, seine persönlichen „Qualitäts“-Vorstellungen als Maß aller Dinge publizieren und einfordern zu müssen, haben sich nun die Mächtigen Deutschlands der Sache angenommen: Wenn man die Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung an Bundeskanzler Schröder zur Sozialversicherung und deren Umsetzung in den Hartz-IV-Gesetzen (ALG II) ansieht (Wikipedia: Bertelsmann-Stiftung - Thesen) und sich dann die Empfehlungen zur Gesundheitsversorgung und die „Qualitäts“-Vorstellungen ansieht, dann kann ich mir schon die Zeit von „Deutschland als Urlauberparadies“ vorstellen: nein, nicht als Schlaraffenland für alle, sondern als entvölkertes Naturschutzgebiet für Reiche!

Ein Schelm, der dabei böses denkt, wenn sich dann Frau Brigitte Mohn (eine der Haupterbinnen und Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung), Frau Susanne v.Kladden geb. Quandt (Wikipedia: „Quandt (Familie)“), Hauptaktionärin der Rhön-Klinikum AG (mit Prof. Lauterbach MdB-SPD und Frau Brigitte Mohn im Aufsichtsrat) mit der Kanzlerin zum Damenkränzchen treffen - und wer dann aus der Presse erfährt, dass die Rhön-Klinikum AG für das vergangene Jahr einen R E I N G E W I N N von sage und schreibe 123 Millionen €uro ausweist, wo überall sonst im Gesundheitswesen zu wenig Geld vorhanden ist.


Autor: der Landarsch

14.02.2009
Nationale Vereinigung JADe gegründet




Die Junge Allgemeinmedizin "JADe" ist die im September 2008 neu gegründete nationale Vertretung der Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und der jungen Fachärzte für Allgemeinmedizin bis fünf Jahre nach der Facharztprüfung. Angelehnt an Beispielen aus dem europäischen Ausland, wie der niederländischen LOVAH wollen wir die Weiterbildung in Deutschland verbessern helfen und unter anderem regionale Weiterbildungstreffen organisieren.

Die Mitgliedschaft ist kostenlos. Mitglied kann werden, wer die oben genannten Kriterien erfüllt. Hierfür einfach eine Mail mit einer Kurzvorstellung schicken an: JA-De-subscribe@yahoogroups.de

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite
www.jungeallgemeinmedizin.de

Bitte alle in Frage kommenden Ärzten in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin/Innere und Allgemeinmedizin und jungen Fachärzten für Allgemeinmedizin auf unsere neue Vereinigung aufmerksam machen.


Autor: Christian Haffner

12.02.2009
Vor - und Nachteile der Chefarztbehandlung...




Am Besten ist es in diesem System (noch) wenn man "jemanden kennt", oder sogar "noch jemanden", der eine andere, ebenfalls kompetente Meinung hat. Wenn das schon mal "stimmt" dann ist die Frage der Versicherung aber plötzlich relevant.

Der "Kenner" läßt sich dann zum Beispiel vom ersten Oberarzt operieren, wenn es denn unbedingt sein muß. (Der wahre Kenner läßt sich aber vielleicht gar nicht operieren...). Wenn es dann aber um Medikamente oder so was geht, ist der "Private" natürlich viel besser dran. Und die Chronikerprogramme sind ja nicht erfunden worden, um die Medizin besser zu machen, sondern um Geld zu sparen ohne dass es groß auffällt.

Später, wenn die Chronikerprogramme dann von "primary nurses" abgearbeitet werden müssen,(Finnisches Modell) darf (sic!) es gar kein ärztliches Wissen mehr geben, denn dann gibt es nur noch Fragebögen mit Punkten, und zu wenige Punkte heißt: Patient kriegt den Arzt gar nicht mehr zu sehen...! Dann könnte es wichtig sein, dass man die primary nurse "zufällig" kennt - in dem Land möcht ich gerne alt werden... :-((((


Autor: pela

09.02.2009
Finger weg vom deutschen Gesundheitssystem!




Lieber Kollege, der die Raffke-Praxis nicht kaufen wollte...

Zunächst haben Sie recht, wenn Sie eine teure Praxis nicht kaufen wollen. Das Geld können Sie in den nächsten beiden Jahren nicht zurückzahlen....

Einerseits geht Kollege Raffke von den Summen aus, die ihm seinerzeit von einer bekannten Bank für Ärzte und Apotheker - nein ich nenne hier keine Namen - als Teil seiner Alterversorgung ausgerechnet worden sind... Ich habe vor einem Jahr meine Facharztpraxis in München für 50.000 Euronen verkauft... oder sagen wir: weggegeben... und selbst das kann der Käufer nicht mehr reinverdienen!!

Andererseits haben Sie nur noch 2-3 Jahre Zeit, bis auch Sie wegrationalisiert sind, wenn Sie Ihre Seele nicht an die Heuschrecke verkaufen möchten. In einem bekannten Krankenhaus in einer bekannten Süddeutschen Großstadt südöstlich von Augsburg werden bereits "Primary nurses" ausgebildet. Diese werden in ca. 3 Jahren den Arzt im MVZ einer bekannten Heuschrecke - sagen wir mal unverdächtg: Eifelklinikum - ersetzen. Nicht zuarbeiten, ersetzen! Das ist das finnische Modell, das um jeden Preis (!) durchgesetzt werden wird. Da sitzt die primary nurse in der Ambulanz im MVZ, hat einen Punkteblock in der Hand, und nach dem Punkteblock wird der Patient dem (einzigen) Arzt vorgestellt. Und wenn Sie als Patient keine hundert Punkte haben, gehen sie einfach wieder heim. Nix Facharztstandard auch nix Facharzt für Allgemeinmedizin...! Man rechnet in den Kreisen, die unser Gesundheitssystem an die nationalen (!) Heuschrecken verkaufen werden, mit 12 Schwestern pro Arzt. Inklusive primary nurse. Wenn das System in drei Jahren anfängt, wird es in 4-5 Jahren nur noch alle 60km ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) geben. Denken Sie, dass ausgerechnet Sie dieser eine Arzt an der Spitze des MVZ sein werden? Und: möchten Sie das denn sein? Wenn Sie keine Rendite bringen, kommt ein so genannter Kollege mit Fliege vorbei - nein der kommt nicht selbst, aber so einer kommt vorbei und erklärt ihnen, dass entweder Rendite oder Raus. Der kann sogar in der SPD sein... das hilft da nicht gegen...

Also: Das Schicksal meint es gut mit Ihnen (... ha....), wenn Sie keine reiche Frau, oder reiche Eltern, oder so was haben: Finger weg vom deutschen Gesundheitswesen!

Herzlich

Pela

(Leserbrief zum Artikel Was haben Praxiswertgutachten mit Sammeltellern zu tun)


Autor: pela

06.02.2009
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Krankmeldungen notwendig?


Es ist wieder Grippezeit. Die Praxen sind voll mit Patienten, die Schnupfen und Husten und Gliederschmerzen haben, fiebern und vor allen Dingen aus einem Grund zum Arzt gehen: Sie müssen sich krank schreiben lassen. Je nach Arbeitsvertrag und Arbeitgeber sind Krankmeldungen in Deutschland ab dem 3. Krankheitstag oder auch schon ab dem ersten notwendig.

Wenn ein Patientenpulk von 40 Patienten um kurz nach acht in die Praxis hineinstürmt, dann entstehen zwangsläufig Wartezeiten. Da sitzen sie nun wieder, die leicht kranken, vergrippten Menschen, die im Wartezimmer ihre Erreger verteilen und jeden anstecken, der noch gesund ist. Nach und nach wird auch das Praxispersonal krank: Jede medizinische Fachangestellte, wie heute die Arzthelferinnen genannt werden, hat es schon erwischt. Auch wir Ärzte waren schon krank, schleppten uns zum Teil mit Paracetamol durch den Tag, nicht selten kränker als die Patienten, die uns konsultieren. Wenn Selbständige nicht arbeiten wird es teuer. So tragen auch die Ärzte dazu bei, dass jeder Patient auch in diesem Winter wieder die Grippe bekommt, übrigens auch die geimpften. Die in diesem Jahr zum Grippeschutz verwendeten Stämme sind wohl hierbei gerade nicht beteiligt. Es sind eben mehr „grippale Infekte“, wie es dann auch in der Diagnose auf unzähligen gelben Krankmeldungsscheinen heißt.

In den Niederlanden müssen sich die Patienten die ersten 14 Tage gar nicht krank schreiben lassen. Das sei Sache zwischen Angestellten und Arbeitgebern. Erst nach Ablauf dieser Zeit müssen die Patienten in ein spezielles arbeitsmedizinisches Zentrum, das über die Arbeitsfähigkeit entscheidet. Der niedergelassene Arzt wird hier nicht zum Richter, ob ein Patient arbeiten kann oder nicht, das Vertrauen zum Patienten wird nicht untergraben. Auch in Großbritannien ist es Usus, dass erst ab der 2. Krankheitswoche eine „sick note“ vorgelegt werden muss. Danach entscheiden allerdings dann auch dort wieder die Ärzte, über die Arbeitsfähigkeit. Gerade bei kleineren Infekten, wie der Erkältungsgrippe, solle der Patient mit möglichst wenigen Menschen Kontakt haben, um die Krankheitserreger nicht zu verteilen, sagt eine britische Ärztin gegenüber einem Redakteur unserer Redaktion. In den Niederlanden ist es gar unverständlich, dass Hausärzte überhaupt die Aufgabe haben könnten, für Krankmeldungen zuständig zu sein.

Wie können wir das in Deutschland ändern? Ist die Sorge berechtigt, dass die Arbeitnehmer das schamlos ausnutzen und blau machen, wenn sie keine Krankmeldung brauchen? Warum funktioniert das in anderen Ländern wie in Großbritannien und den Niederlanden? Oder gibt es doch noch andere funktionierende Kontroll- und Motivationsmechanismen, die greifen würden?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung an info@der-neue-hippokrates.com.


Autor: Der Neue Hippokrates

29.01.2009
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Sind Hausärzte überflüssig geworden?


Kinder gehören zum Kinderarzt. Frauen zum Frauenarzt. Wer was am Rücken hat, geht zum Orthopäden, wer was am Auge hat zum Augenarzt. Hausärzte sind damit eigentlich überflüssig geworden. Der Hausarzt hat zwar von allem ein bisschen, aber von keiner Sache so richtig Ahnung. Und ein Patient will schließlich nicht zu einem Doc, der von seinem Husten so ein bisschen Ahnung hat, sondern die bestmögliche Betreuung:

Also ab zum Lungenfacharzt, idealerweise zu einem mit Professorentitel. Und da will ich einen Termin und zwar heute, hier und jetzt! Wozu braucht man also noch einen Hausarzt? Der Hausarzt ist dumm, hat nichts richtiges gelernt und ist nur deshalb Hausarzt geworden, weil ihm die Weiterbildung zum Facharzt zu anstrengend war. Punkt.

So, und hier ist schon die erste Falschaussage:
Der Hausarzt ist nämlich auch ein Facharzt. Nämlich Facharzt für Allgemeinmedizin. Das heißt, er kennt sich mit allgemeiner Medizin aus. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ganz ordentlich – und wenn er einmal nicht weiter weiß, dann kennt er seine Grenzen und überweist den Patienten zum entsprechenden Fach- Pardon, zum Gebietsarzt.

Bleiben wir beim Beispiel mit den Kindern. Die Kinderärzte wettern nämlich zur Zeit ganz besonders stark gegen die Allgemeinmediziner. Nur sie allein könnten nämlich Kinder behandeln, die Hausärzte seien viel zu dumm dazu. Die meisten Hausärzte, vor allem im ländlichen Bereich, sind sehr wohl in der Lage, Kinder zu behandeln - und da sie in der Regel auch deren Eltern behandeln und (im Gegensatz zu vielen - nicht allen - Kinderärzten auch Hausbesuche machen) kennen sie das häusliche Umfeld der Familie.

Es gibt also durchaus eine sinnvolle Arbeitsteilung: Zuerst zum Hausarzt - mit Husten, Schnupfen und Heiserkeit kommt der auch klar. Aber er sollte seine Grenzen kennen und die Kinder, die wirklich krank sind oder "bei denen es etwas komplizierter ist" zum Spezialisten schicken. So könnten die sich auf das konzentrieren, was wichtig ist und die Patienten müssen vielleicht etwas weniger warten.

Fast überall haben sich die Kinderärzte in den örtlichen KV-Notdienst eingeklinkt, das heißt, Kinder, welche nach 17 Uhr krank werden, werden eh überwiegend von Allgemeinmedizinern behandelt. Oder eben ins Krankenhaus gebracht. Es dürfte wohl kaum noch irgendwo einen Kinderarzt geben, welcher wirklich noch rund um die Uhr für seine Patienten erreichbar ist. Und auch rein pädiatrische Notdienste sind die absolute Ausnahme.

Und was den Lungenfacharzt betrifft: Wer das Pech hat, in einer ländlichen Gegend zu wohnen, dem kann es durchaus passieren, dass er zum nächstgelegenen Spezialisten seine dreißig Kilometer zurücklegen muss. Und dass man dort dann auf die Schnelle einen Termin kriegt, dürfte die Ausnahme sein. Der Hausarzt aber ist da. Ganz in der Nähe, auch auf dem Land. Und zwar auch nachts und am Wochenende. Und er kommt auch zu seinen Patienten nach Hause, wenn man zu krank ist, um in die Praxis zu gehen. Noch. Aber wenn die Politiker und diverse Lobbyisten so weitermachen, dann vielleicht bald nicht mehr...


Autor: medizynicus

24.01.2009
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Was Deutschland von seinen Nachbarn lernen kann


Vom 20. bis zum 24. Januar dieses Jahres fand ein Austauschprogramm für angehende Fachärzte für Allgemeinmedizin in den Niederlanden statt. 37 Ärzte in Weiterbildung aus 19 Nationen verbrachten vier Tage an verschiedenen Stationen in Holland, um einen Eindruck von der Weiterbildung der „huisarts in opleiding“, also der angehenden Hausärzte zu gewinnen und den internationalen Austausch zu fördern. In den meisten Ländern Europas erfüllt der Hausarzt eine Filterfunktion, behandelt die Patienten sofern nötig selbst und schickt sie nur in Ausnahmefällen zum Spezialisten für bestimmte Körperbereiche weiter. Das führt zur Kostensenkung, da die teure und für den Patienten belastende Apparatemedizin nur angewendet wird, wenn es unbedingt notwendig ist. Gesundheitssysteme, die das begriffen haben, haben Weiterbildungsprogramme für junge Ärzte installiert, um sie zu hochkompetenten Hausärzten als Erstversorger der Patienten weiterzubilden. Das Austauschprogramm in den Niederlanden zeigte, dass Deutschland hier von seiner Qualität und Struktur nachhinkt, nur in Österreich ist die Weiterbildung noch schlechter. Der nachfolgende Erfahrungsbericht kann helfen zu verstehen, wie wir unser Gesundheitssystem neu strukturieren müssen, um es nach mehr als 50 Jahren von Reformen zu stabilisieren und die beständigen Kostensteigerungen zu stoppen.


Gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes tauchten wir ein in das Leben der niederländischen Kollegen, die ebenfalls wie wir in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, also zum Hausarzt sind. Jedem ausländischen Arzt wurde ein niederländischer Kollege als „buddy“ zur Seite gestellt. Bei ihm oder ihr wohnten wir jeweils die ersten zwei Tage, verbrachten zusammen einen Tag in der Praxis und gingen einen weiteren Tag in die Universität, wo wir an Diskussionsrunden und Workshops teilnahmen. Es schlossen sich zwei Tage in Utrecht an. Dort kamen die verschiedenen Gruppen aus allen Teilen der Niederlande zusammen. Wir besuchten gemeinsam den Kongress „Hausärzte in Bewegung“ der LOVAH, in der die angehenden Hausärzte seit 1980 organisiert sind. Eingerahmt wurde der Aufenthalt von einem sozialen Programm mit Krachtenfahrt oder Dombesteigung und einer Abschlussparty.


Das Weiterbildungsprogramm zum Hausarzt in den Niederlanden unterscheidet sich erheblich von den Regularien in Deutschland. Während alle nicht-deutschsprachigen Länder über ein exzellentes Weiterbildungssystem verfügen, mussten wir drei deutschen Teilnehmer sagen, dass es in Deutschland überhaupt kein strukturiertes Weiterbildungsprogramm zum Facharzt für Allgemeinmedizin gibt, sondern lediglich 17 verschiedene Weiterbildungsordnungen, die uns das Leben eher erschweren als erleichtern. In Deutschland ist daher zur Zeit eine Weiterbildung zum Hausarzt möglich, indem man drei Jahre in der Inneren Medizin arbeitet und anschließend zwei Jahre bei einem Hausarzt. Weitere Fächer müssen nicht belegt werden, ein Arbeiten in der Frauenheilkunde, Kinderheilkunde, Nervenheilkunde, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Orthopädie usw. ist in den meisten Fällen aufgrund von verschiedenen systemimmanenten Mängeln kaum möglich. Die Weiterbildung muss in Deutschland komplett selbst organisiert werden, eine Rotation durch verschiedene Fächer existiert nicht, jedes Mal sind neue Vertragsverhandlungen notwendig, jedes Mal Probezeit mit dem bekannten Rechteverlust bis zu 50% der fünfjährigen Weiterbildungszeit. Weiterbildungskurse sind auf ein Minimum reduziert worden, Weiterbildungstage oder eine Anbindung an die Universitäten gibt es nicht. Die Diskussion mit internationalen Kollegen zeigte, dass das in diesem Ausmaß ein auf Deutschland und Österreich beschränktes Problem ist. Als ich erzählte, dass wir zum Beispiel verpflichtet sind, 500 mal Ultraschall des Bauchraums, 150 mal der Schilddrüse und 300 Duplexuntersuchungen der Gefäße nachzuweisen sowie eine ganze Reihe weiterer technischer Untersuchungen, ernteten wir durch die Bank weg ein Kopfschütteln der internationalen Kollegen. „Wozu das denn?“ oder „was hat das denn für einen Sinn?“ war eine häufige Reaktion. In keinem anderen Land werden solche Untersuchungen von den angehenden Hausärzten verlangt. Hier führen sie zu Gefälligkeitszeugnissen und damit zur Erpressbarkeit der jungen Ärzte gegenüber Chefs und der Ärztekammer.


Auch das Ansehen der Hausärzte ist in beinahe allen anderen europäischen Ländern deutlich besser. Ob in Schweden, Großbritannien, Irland, Spanien, Italien, Tschechien, Belgien oder in den Niederlanden, überall wurde erkannt, dass es sinnvoll ist, wenn der Hausarzt der erste Ansprechpartner eines Patienten ist. Gut weitergebildete Hausärzte behandeln die Patienten möglichst lange selbst und überweisen nur wenn notwendig zu den Spezialisten. Damit werden immense Summen Geldes eingespart, da unnötige technische Untersuchungen entfallen. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde die Konsequenz gezogen, exzellente Spezialisierungsprogramme für den Facharzt für Allgemeinmedizin anzubieten, damit dieser in der Lage ist, seine Filterfunktion bei möglichst hoher Kompetenz gut auszuüben. In keinem anderen Land gibt es zudem Spezialisten außerhalb der Krankenhäuser zu denen man ohne Überweisung vom Hausarzt selbst gehen kann. Dieses doppelte System in Deutschland trifft auf allgemeines Unverständnis im internationalen Kollegenkreis. Der Patient müsse dann ja selber wissen, zu welchem Facharzt er gehen müsse. In diesem Zusammenhang erzählte ein deutscher Kollege von seiner Zeit in einer orthopädischen Praxis. Dort seien Patienten mit der Virusinfektion Gürtelrose am Rücken genauso behandelt worden wie andere Patienten mit normalen Rückenschmerzen, geröntgt und dann fehltherapiert worden, obwohl hier der Internist oder der Hautarzt der richtige Ansprechpartner gewesen wäre. Ein Allgemeinmediziner hätte hier entweder selbst behandelt oder bei dem seltenen komplizierten Verlauf zum Dermatologen überwiesen. Geht ein Patient zum falschen Spezialisten, weil er naturgemäß über die Möglichkeiten und Zusammenhänge nicht Bescheid weiß, steigt die Gefahr, eine falsche Behandlung zu erhalten. Das kostet die Solidargemeinschaft viel Geld. Dem Patienten hilft die Behandlung im günstigsten Fall nicht, im schlimmeren schadet sie gar. Spezialisten sind für fachübergreifende Zusammenhänge nicht weitergebildet. Dafür gibt es ja, wie der Name sagt, den Facharzt für Allgemeinmedizin. „Was macht Ihr denn dann als Hausärzte überhaupt noch?“, fragte ein Kollege in einer Diskussionsrunde, „wenn Euch die Spezialisten die Arbeit wegnehmen?“ und drückte sein Bedauern über unsere speziell deutsche Situation aus. Es sei dann nicht verwunderlich, dass das deutsche Gesundheitssystem das teuerste der Welt sei bei nur mäßigen Ergebnissen.


Der niederländische Hausarzt untersucht und behandelt alles. Frauenheilkundliche Untersuchungen mit vaginalen Abstrichen und Einbringen von Verhütungsspiralen gehören ebenso selbstverständlich dazu, wie die Behandlung von Kindern, die Wundversorgung, die Notfallmedizin oder die Entfernung von Hautgewächsen, die anschließend in der Pathologie untersucht werden. Angehende Hausärzte arbeiten direkt nach Abschluss des Medizinstudiums zum Beginn des dreijährigen, strukturierten Weiterbildungsprogramms für ein Jahr in einer Hausarztpraxis, ein weiteres folgt im dritten Jahr. Dazwischen ist eine Phase in der Notaufnahme, in der Psychiatrie und der Behandlung chronischer Krankheiten eingestreut.


In der Praxis behandeln und beraten die Ärzte in Weiterbildung die Patienten in einem Zeittakt von 15-20 Minuten pro Patient selbständig mit dem Ziel, die Arbeit später einmal in 10 Minuten bewältigen zu können. Pro Stunde sind meist zehn Minuten Pause eingeplant. Ansprechpartner sind bei Fragen praktisch immer verfügbar, in Ausnahmesituationen auch mal nur telefonisch. Die jungen Ärzte haben das Anrecht auf eine Stunde Weiterbildungsgespräch pro Tag, Fragen können in den allermeisten Fällen immer gestellt werden. Einmal pro Woche findet ein Weiterbildungstag an der Universität, an die man angebunden ist, statt. Es existieren regelmäßige Treffen der angehenden Hausärzte, die zur Arbeitszeit zählen. Für das Weiterbildungsprogramm gibt es einen Vertrag, der für die gesamte Zeit von drei Jahren bis zur Facharztprüfung gilt. Das Gehalt wird direkt vom Ministerium bezahlt und beträgt nach Auskunft einer holländischen Ärztin in Weiterbildung etwa 2350 Euro netto. Die Weiterbilder müssen ein Jahr lang jede Woche einen Kurs besuchen und den selben Test ablegen wie die Ärzte in Weiterbildung, um als Trainer arbeiten zu dürfen. Es gibt regelmäßige Videoaufzeichnungen von Arzt-Patienten-Gesprächen, um später zu analysieren, wie gut der angehende Hausarzt oder Trainer das Gespräch geführt hat. Ein Kommunikationstraining ist selbstverständlicher Teil des dreijährigen Trainings, um den Austausch zwischen Arzt und Patienten zu professionalisieren. Eine Anbindung an die Institute für Allgemeinmedizin der Universitäten gehört ebenso dazu wie eine Evaluation der Weiterbildung und ein Austausch der Arztgenerationen untereinander. Erfahrungen werden also weitergegeben. Verhältnisse von denen wir Deutschen nur träumen können. Artikel: Hausärztenachwuchs vergrault und Podcast: Hausärztenachwuchs vergrault


Auch die fertigen Hausärzte haben es in den meisten Ländern besser als in Deutschland. Nirgendwo gibt es so viel Bürokratie und Überregulation wie in Deutschland. So beschrieb ein belgischer Kollege, dass die Patienten in seinem Land in den Hausarztpraxen bar bezahlten, eine Rechnung erhielten und der Patient diese dann beim Staat einreicht, der mit der Versicherung abrechnet. Es gäbe keine gedeckelten Budgets, keine Rezeptgebühren, Patienten müssten keine 10-Euro bezahlten, wenn sie das erste Mal im Quartal zum Arzt gehen. Teure Medikamente müssten lediglich mit einem Formblatt begründet werden. Kontrollen, Rückzahlungen oder Strafen gebe es praktisch nicht. Für soziale Härtefälle gebe es eine Möglichkeit, einen Antrag auszufüllen, mit dem der Patient erklärt, er sei in einer finanziell schwierigen Situation und dies mit seiner Unterschrift bestätigt. Überprüft werde dies nicht. In diesen Fällen rechne der Arzt direkt mit dem Staat ab. Auch in Großbritannien, Schweden, Irland und weiteren europäischen Staaten ist das Abrechnungssystem vereinfacht. Hier kann Deutschland noch viel lernen. Der Blick über unsere Grenzen hinweg und ein internationaler Austausch geben uns viele Ansatzpunkte, wie sich Deutschland aus der Misère der Dauerreformen im Gesundheitswesen befreien kann. Angebote zur Zusammenarbeit wurden bereits mehrfach ausgesprochen.


Autor: Christian Haffner





Kommentare zu dieser News:

Datum: Mi 25 Mär 2009 07:59
Von: Wolfgang Wittwer


Ich gebe Christian Haffner recht was die Mängel der Hausarztausbildung und den ineffizienten Einsatz von Allgemeinmedizinern in Deutschland betrifft.
Er sollte aber bitte nicht die jeweiligen Vorteile der jeweiligen Systeme zu einem Ganzen zusammenfassen denn es gibt überall Vor- und eben auch Nachteile und die sind oft unterschiedlicher Art. Kostenlose Gesundheitsversorgung gibt es eigentlich selten - denn Kosten für den Patienten sind ein Steuerungsmechanismen die verhindern dass die Anforderungen aus dem Ruder laufen. Kein skandinavisches System verzichtet darauf und man zahlt in Schweden Norwegen und Dänemark deutlich mehr hinzu als in Deutschland. Die Wartezeiten für die Patienten beim fastlege in Norwegen oder beim husläkare in Schweden sind deutlich länger als in Deutschland und Hausbesuche sind relativ selten. Auch besitzen die Ärzte der Grundversorgung nicht die hohe Kompetenz die sie nach den Erfahrungen Christian Haffners in den Niederlanden wohl haben müssten. Mein niederländischer Assistenzarzt bestreitet diese Superkompetenz und ist hierher nach Norwegen gekommen weil er in seinem Land trotz guten Examens erst in einigen Jahren eine Assistentenstelle bekommen hätte - ein Grund dafür dass die Niederlande deutsche Oberärzte anwerben müssen um z.B. die psychiatrische Basisversorgung im Land zu gewährleisten.
Eben die ist auch in Skandinavien mangelhaft weil auf kommunalem Niveau vorwiegend von weitergebildetem Pflegepersonal betrieben - in etwas schwieriger Zusammenarbeit mit vorwiegend Benzodiazepine verschreibenden Hausärzten ohne psychiatrische Kompetenz.
Vorsicht also bei Vergleichen auch wenn ich die Situation der Basisversorge möchte r in Deutschland für katastrofal halte. Genauso katastrofal wie die der eigentlich Grundversorgung betreibenden Psychiater und anderer Kollegen.
Jedes Land muss hier von den anderen lernen. Leider gibt es zu viele Missionare und kaum Lernwillige.
Damit möchte ich es heute bewenden lassen.
Vdennlig hilsen fra Norge.

17.01.2009
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Von der Klinik in die Praxis


Nach beinahe drei Jahren in verschiedenen Kliniken wechselte ich vor einigen Wochen in eine Hausarztpraxis, um dort meine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin abzuschließen. Endlich keine langen Dienste mehr, die Wochenenden frei, geregelte Arbeitszeiten. Endlich das tun, wofür ich Medizin studiert habe. Ich hatte Glück und habe eine Stelle gefunden, bei der es keine Rufbereitschaft gibt. Das geht nicht allen Kollegen so. Manche haben auch in der Praxis Mammutdienste bis zu drei Tagen am Stück rund um die Uhr, und das für einen Hungerlohn.

Vor dem ersten Tag hatte ich Respekt: Mein neuer Chef und seine Kollegin waren noch im Urlaub in Übersee, so dass ich den ersten Tag alleine überstehen musste. Erster Tag des neuen Quartals, erster Tag nach der Weihnachtspause von zwei Wochen, erster Arbeitstag im neuen Jahr und alles im Winter bei grassierender Grippewelle. Als ich morgens aufwachte war zudem alles tief verschneit, was in unserer Gegend nicht häufig vorkommt. Nachdem ich mein Auto von 20 cm Neuschnee befreit hatte, tuckerte ich die 30 Kilometer über schneeglatte Strassen zur Praxis. Dort angekommen standen schon einige Patienten vor verschlossener Tür Schlange. Als die Arzthelferinnen oder wie sie heute political correct heißen: die „medizinischen Fachangestellten“ dann kamen, musste ich in Windeseile in das mir unbekannte Praxiscomputerprogramm und die Vielzahl der Formulare eingewiesen werden. Um zwanzig nach acht rief ich den ersten Patienten auf. Inzwischen quoll das Wartezimmer vor Menschen über, es hatte sich eine Schlange entlang des Tresens gebildet bis hinaus auf die Strasse. Im Nachhinein sollte ich erfahren, dass an diesem meinem ersten Arbeitstag mehr als 160 Patienten Kontakt mit der Praxis hatten. Und das obwohl ich schon eine Reihe Patienten zur Vertretungspraxis geschickt hatte, da der Ansturm nicht mehr zu bewältigen war. So kämpfte ich mich durch den Tag: Acht Stunden Sprechstunde von 8 bis 18 Uhr, zwei Stunden Mittagspause.

Doch dann wurde es entspannter. In der Klinik wurde ich bei meinen letzten Stellen kaum eingearbeitet. Das geht vielen Kollegen so. Einige mussten sogar im Akuthaus auf der inneren Station bereits in der ersten Woche „Dienste“ machen, d.h. das Krankenhaus am Wochenende oder in der Nacht alleine betreuen. Bei anderen fuhr der Praxischef kurze Zeit später für einige Wochen in den Urlaub oder war kaum anwesend. Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich die nächsten zwei Tage bei meinem Chef erst einmal dabeisitzen und zugucken durfte, während er mir vieles von Dokumentation bis Diagnostik und Behandlung erklärte. Auch die Hausbesuche machte ich mit ihm zusammen, wurde vorgestellt und durfte zusehen und unterstützen. Selbst zum Essen wurde ich eingeladen, die ersten Tage im Restaurant, dann bei ihm zu Hause. Die Atmosphäre ist viel angenehmer, keine steilen Hierarchien wie im Krankenhaus, keine Krankenhausverwaltungen, die einem das Leben schwer machen und Unwichtiges für wichtig halten. Fragen konnte ich jederzeit stellen und bekam auch fundierte Antworten, Hinweise auf Leitlinien oder Studien. Nicht umsonst hatte ich mir einen Vorreiter einer guten Facharztweiterbildung als Chef ausgesucht. Dass eine gute Weiterbildung eher die Ausnahme ist, bestätigen die Erfahrungsberichte vieler Kollegen.

Das Krankheitsspektrum in der Allgemeinmedizin ist enorm und gerade deshalb so interessant. Hier kommt alles in die Praxis: Von Patienten mit Nagelumlauf über welche mit Clusterkopfschmerzen, Hautausschlägen, Erektionsstörungen, Rücken- und Gelenkschmerzen, Luftnot, Herzrhythmusstörungen, Haarausfall, Überlaufblase, Depressionen bis hin zum grippalen Infekt mit Husten und Schnupfen. Die Aufgabe der Fachärzte für Allgemeinmedizin ist die Primärversorgung, also der Erstkontakt mit dem Patienten. Wir sollen entscheiden, wer behandelt werden muss, wen wir selbst behandelt können und wen wir zum Spezialisten für bestimmte Körperbereiche weiterschicken oder ins Krankenhaus einweisen, um einen gefährlichen Verlauf abzuwenden. Die Arbeit ist komplett unterschiedlich von der Arbeit als Krankenhausarzt und geht über das Fachgebiet der Inneren Medizin deutlich hinaus. Daher kann ich es nicht verstehen, dass der Bund der Internisten behauptet, Internisten, die ja meist ausschließlich Ihre Facharztweiterbildung im Krankenhaus und in einem Fach machen, seien besser als Hausärzte geeignet als Fachärzte für Allgemeinmedizin. Diese Behauptung ist wohl eher politisch motiviert als inhaltlich begründet.

Doch bekomme ich ebenso die Schattenseiten mit: Mein Chef als Praxisinhaber erstickt in Verwaltungsarbeit, muss immer neue Vorschriften kennen und einhalten, Abrechnungen ohne Ende, Arbeit am Wochenende und im Urlaub und zum Teil bis tief in die Nacht. Auch nach 30 Jahren Praxistätigkeit habe er seine Praxis noch nicht abbezahlt. Und er hat die guten Zeiten erlebt, in denen Ärzte noch reichlich verdienten und der Immobilienwert mit den Jahren stieg. Auch hat seine Frau lange Zeit in der Praxis mitgearbeitet. Heute gehen viele Praxen in Insolvenz und der Immobilienpreis sinkt, die Budgets sind gedeckelt und Regressforderungen der Kassenärztlichen Vereinigung keine Seltenheit. Die Zukunft des Gesundheitssystems ist ungewiss. Ferner sind die Partner der Ärzte von heute meist selbst berufstätig und aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr bereit, zusätzlich in der Praxis mitzuarbeiten.

Die Tendenz der Bundespolitik geht eher in Richtung von Gesundheitszentren, Einzelpraxen sind wohl nicht mehr erwünscht. Das bringt für uns junge Ärzte das Problem der fehlenden Perspektive mit sich. Für die nächsten zwei Jahre habe ich ein festes Anstellungsverhältnis mit geregeltem Gehalt. Aber was kommt danach? Eine Praxisübernahme ist wirtschaftlich viel zu unsicher. Außerdem bin ich, wie viele Kollegen ebensowenig, nicht bereit, diese immense Arbeit für ein Gehalt von 2000-3000 Euro netto in eine Praxis hineinzustecken und Schulden bei der Bank zu machen, die ich die nächsten 30-40 Jahre zurückzahlen muss, wenn das überhaupt reicht. Die Alternative wäre in ein Medizinisches Versorgungszentrum zu gehen, wie das offensichtlich vom Bundesgesundheitsministerium gewünscht wird. Doch eine Abhängigkeit von Konzernen wie Rhön, Sana, Asklepios, Helios und wie sie alle heißen, ist auch keine Lösung. Das habe ich als Krankenhausarzt schon erlebt. Die durch die Privatisierung entstandenen Krankenhausfabriken, die auf Gewinnmaximierung ausgelegt sind, binden auch die Medizinischen Versorgungszentren und die dort beschäftigten Ärzte mit Knebelverträgen. Dabei geht die Ethik und die Therapiefreiheit flöten zu Gunsten des Gewinns von einigen Aktionären, die überall in der Welt ihre Rendite sehen wollen.

Da momentan davon ausgegangen wird, dass die Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin nach der Facharztprüfung auch als Hausarzt arbeiten, wird es hier ein böses Erwachen geben. Denn nur wenige angehende Hausärzte wollen später als solche tätig werden. Bei unseren neu eingerichteten Weiterbildungstreffen, die gerade bundesweit am Entstehen sind, kommt immer wieder die Frage auf, was man denn noch machen könne, außer in einer Praxis als Inhaber zu arbeiten oder sich in einem Medizinischen Versorgungszentrum anstellen zu lassen. Beides wird derzeit als nicht erstrebenswert empfunden. Einige Kollegen wollen lieber in Teilzeittätigkeit als Arzt arbeiten, um sich nebenbei einer anderen Aufgabe widmen zu können und genug Zeit für die Familie zu haben. So hat ein Kollege ein Geschäft mit einem Wellnessangebot eröffnet, das zukünftig seine Haupteinnahmequelle sein dürfte. Er absolviert schon jetzt seine Weiterbildung in Teilzeit, um sein eigenes Unternehmen aufzubauen. Lediglich Arztkinder, die die Praxis von den Eltern übernehmen können, sind eher geneigt, in die Fußstapfen der Eltern zu treten und den Beruf des Hausarztes auch weiterhin auszuüben. Die Möglichkeit als angestellter Arzt unabhängig von Großkonzernen in Teil- oder Vollzeit zu arbeiten gibt es derzeit noch kaum. Dies wäre aber eine für viele attraktive Möglichkeit, sich mehr auf die ärztliche Tätigkeit als auf die Verwaltung zu konzentrieren, ohne das immense unternehmerische Risiko einzugehen.

Wie kann der Beruf des Hausarztes jungen Ärzten wieder schmackhaft gemacht werden? Ein wichtiger Punkt wäre, eine gut strukturierte Weiterbildung bei einem Grundgehalt anzubieten, das den Krankenhaustarifen entspricht. Zur Zeit beträgt die Bezahlung als Arzt in Weiterbildung während der Praxisphase etwa die Hälfte davon, was bei einem Alleinverdiener mit Familie etwa den Bezügen eines Hartz-IV-Empfängers entspricht. Das bedeutet eine Halbierung der Einnahmen nach drei Jahren Berufserfahrung von etwa 4000 auf 2000 Euro brutto. Es versteht sich von selbst, dass Ärztekammerbeiträge, arztspezifische Versicherungen sowie Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen davon ebenfalls bezahlt werden müssen. Und das ist auch noch einmal eine größere Summe. Dass diese Finanzierungslücke junge Ärzte abschreckt verwundert nicht. Das neue „Gesetz zur Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung“ spricht im §4a schwammig von einer "angemessenen Vergütung in allen Weiterbildungseinrichtungen" und eine Erhöhung der Förderung in Gebieten mit Unterversorung. Doch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und die Spitzenverbände der Krankenkassen zögern selbst die Umsetzung hinaus. Der 1. Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, hat bereits geäußert, diese Erhöhung der Förderung und damit der Bezahlung der angehenden Hausärzte habe keine Priorität. Die Umsetzung des Einheitlichen Bewertunsmaßstabs 2009 (EBM 2009) binde zu viele Kräfte. Eine Erhöhung der Förderung Allgemeinmedizin ist jedoch essentiell, um den Nachwuchs für die Primärversorgung bei guter Qualität sicherzustellen, auch außerhalb von unterversorgten Gebieten, wie in den Städten. Knebelverträge, die schon angehende Studenten auf eine spätere Hausarzttätigkeit festlegen wollen oder Medizinstudenten oder Ärzte in der Weiterbildung für eine spätere Tätigkeit vertraglich binden, sind nicht nur rechtlich äußerst fragwürdig. Sie würden in der jetzigen Situation das genaue Gegenteil erreichen und eine abschreckende Wirkung haben, da niemand weiß, wie sich das Gesundheitssystem und die eigenen Interessen im Beruf langfristig entwickeln werden. Ein Versuch der Kassenärztlichen Vereinigung in Berlin, angehende Hausärzte zur Zurückzahlung der Fördergelder zu zwingen, wenn sie auch nur einen Monat im Laufe des weiteren Lebens im Ausland arbeiten, ist vor einiger Zeit durch die Aktivisten der Weiterbildung Allgemeinmedizin Berlin (WABe) zu Fall gebracht worden.

Ferner ist es dringend notwendig, den jungen Kollegen eine Perspektive als Fachärzte für Allgemeinmedizin zu bieten. Hier wären Großkonzern unabhängige Angestelltenverhältnisse in Teilzeit und Vollzeit ohne unternehmerisches Risiko eine gute Möglichkeit, zum Beispiel im Rahmen von Praxisfilialen. Damit würde der Tatsache Rechnung getragen, dass die Partner meist ebenfalls berufstätig sind und das Bedürfnis nach ausreichend Zeit für die Familie in der heute jungen Ärztegeneration groß ist. Desweiteren müsste das Berufsbild des Allgemeinarztes klar im internationalen Kontext definiert werden, damit nicht der Eindruck entsteht, die immer weiter spezialisierten Ärzte würden durch ihre immer größer werdende Anzahl den Fachärzten für Allgemeinmedizin das Wasser abgraben und deren Aufgaben mehr und mehr übernehmen bis der Hausarzt überflüssig geworden sei. Ein anderer Punkt ist die Länge des Patientenkontaktes. In Schweden hat ein Allgemeinmediziner 15-30 Minuten Zeit pro Patient, bei einem Patientenkontakt von 12 Patienten pro Tag. Der Beruf des Hausarztes würde auch in Deutschland attraktiver, wenn wir von der Wenige-Minuten-Medizin wieder zu mehr Zeit für den Patienten kommen würden. Durch eine Abkehr von der Fliesbandmedizin würde auf der einen Seite die Freude an der Arbeit erhöht und auf der anderen Seite die Qualität der ärztlichen Arbeit steigen. Es ist kein Geheimnis, sondern gemeinhin bekannt, dass 80-90% der Diagnosen durch die Aufnahme der Patientengeschichte, der sogenannten Anamnese, gestellt werden können und nicht durch Apparatemedizin, die viel Geld kostet. Dafür wird ein größeres Zeitkontigent als einige Minuten benötigt, wobei 15-30 Minuten durchaus realistisch sind. Hier müsste die Politik des Bundesgesundheitsministeriums steuernd eingreifen. Dabei besteht langfristig, das heißt über eine Legislaturperiode hinaus, ein enormes Einsparungspotential, da unnütze und teure Spezialistenuntersuchungen minimiert werden könnten. Es sind Leute mit Weitsicht vonnöten, deren Ethik über das „Ich-möchte-wieder-gewählt-werden“ hinaus geht und die an die Zukunft von unserem Gesundheitssystem über die nächsten Jahrzehnte denken. Sie müssten ein gutes Primärarztsystem mit Allgemeinmedizinern installieren, die auch eine Gate-Keeper-Funktion, also eine Filterfunktion, wer zum Spezialisten muß, erfüllen und gute Allgemeinmedizin zu vernüftigem Honorar anbieten können. Dann wird der Beruf des Hausarztes langfristig wieder interessant und nebenbei können größere Summen Geldes eingespart werden.


Autor: Der Neue Hippokrates

16.01.2009
Nicht nur Vorteile als Privatpatient


Ja, es hat bestimmt einige Vorteile, in diesem System Privatpatient zu sein. Aber eben auch Nachteile: Chefärzte waren oft die letzten Jahre nur mit Verwaltungskram beschäftigt und sind, was die Therapie angeht gegenüber ihren Oberärzten nicht mehr auf dem neuesten Stand und weniger routiniert. Die "Chefarztbehandlung" ist also nicht immer ein Vorteil. Außerdem bekommen Privatpatienten oft unnötige oder gar gefährliche Diagnostiken und Therapien, da deren Kasse eben alles bezahlt. Drittens führen die Kassenärztlichen Vereinigungen, die zwischen den öffentlichen Kassen und den Ärzten stehen, Qualitätskontrollen durch, die es im privaten Sektor nicht gibt. Eine ehemalige Chefin von mir konnte z.B. mit ihrem museumsreifen Ultraschallgerät, auf dem man eigentlich nur weißes Rauschen erkennen konnte, noch Privatpatienten schallen und wurde dafür fürstlich bezahlt. Für die Abrechnung von Untersuchungen bei Kassenpatienten hatte sie ihre Lizenz schon lange verloren. Für Kassenpatienten gibt es strukturierte Behandlungsprogramme für chronische Erkrankungen, die sogenannten Disease Management Programme (DMPs), durch die Mindeststandards der Therapie eingehalten werden sollen, für Private gibt es nichts vergleichbares. Für Kassenpatienten gibt es feste Schemata von Vorsorgeuntersuchungen - für Herz-Kreislauf, Hautkrebs und vieles mehr. Private Kassen sind bei der Motivation ihrer Patienten zu Vorsorgeleistungen eher zurückhaltend, obwohl sie es natürlich auch anbieten müssen. Das Problem Kassen- versus Privatmedizin ist also durchaus differenziert zu betrachten. Das im Artikel beschriebene Beispiel, in dem der Zeitpunkt der Behandlung einer lebensbedrohlichen Krankheit vom Versicherungsstatus abhängt, ist natürlich ein Skandal.


Autor: Dr. Heuteufel

16.01.2009
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Blinddarmentzündung harmlos als Privatpatient


Es ist noch gar nicht so lange her, da dachte ich, man wird erst ernsthaft krank, wenn man in die älteren Jahre kommt. Nun, dem ist nicht immer so wie ich inzwischen feststellen musste. Und wie froh ich inzwischen bin ein Privatpatient sein zu dürfen, soll dieser Artikel klarstellen.

Es war vor gut zwei Jahren, dass ich mich entschloss, mich in meinem noch recht jungen Alter von 25 Jahren selbstständig zu machen. Nach meiner Ausbildung und nach einer Festanstellung wollte ich noch höher hinaus. Wollte mehr Geld verdienen als ein Angestellter im Betrieb. Diese Entscheidung gab mir zudem noch die Freiheit, mich künftig privat krankenversichern zu dürfen. Kaum war ich selbständig, war einer meiner ersten Schritte, mir eine Krankenversicherung zu suchen. Mein Entschluss war schnell gefasst, eine private Kasse sollte es sein. Warum ein Holzklassepatient sein, wenn ich für nur etwas mehr Geld im Monat beim Arzt künftig ein gern gesehener Patient bin?

Nun, es war kein Dreivierteiljahr später, und es hat mich doch tatsächlich zum ersten mal in meinem Leben etwas ernster erwischt. Der Magen drückte, als wäre eine Horde Kühe über mich gerannt. Erst noch ein Weilchen ausgeharrt, schließlich kann man es sich als Selbstständiger nicht leisten krank zu sein; bedeutet es doch, dass alle Kosten weiterlaufen, die Einnahmen jedoch ausfallen. Aber alles Ausharren hat nichts genutzt, und es wurde Stunde um Stunde immer schlechter. Es kam wie es kommen musste: Krankenwagen, Krankenhaus, röntgen und viele weitere Zwischenschritte bis die Diagnose eindeutig feststand - Blinddarmentzündung. Na ja, eigentlich nichts Wildes mehr in der heutigen Zeit denkt man - stimmt auch, vorausgesetzt, es wird rechtzeitig behandelt. Erst ein Durchbruch des Blinddarms ist kritisch, da das zu einer Bauchfellentzündung und zu einer Sepsis führen kann, welche sehr schmerzhaft und lebensbedrohlich ist. Dazu kam es glücklicherweise bei mir nicht. Ich kam ziemlich flott in die OP, der Blinddarm wurde rausgedoktort, und ich habe jeden Tag den Chefarzt beim Begutachten gesehen. Was ich dabei nicht vergessen habe war der erste Satz, den er mir sagte, als er mich das erste mal besuchte. "Ja, gut, dass wir ihn gleich rausoperiert haben, der war schon kurz vorm Durchbruch. Spätestens in der Nacht wäre es passiert." „Jau, noch mal Glück gehabt“, dachte ich mir. Ich habe innerlich drei Kreuze geschlagen und war froh, dass die OP nun hinter mir lag. Damit wusste ich, es kann jetzt mit jedem Tag nur besser werden.

Kaum einen Tag später besuchte mich auch schon mein großer Bruder im Krankenhaus. Er studierte zu dem Zeitpunkt noch Medizin und hatte wenige Minuten vorher im Gang einen Kommilitonen getroffen, der im Krankenhaus tätig war. Die beiden plauderten noch einen kurzen Moment miteinander. Dabei sagte der Kommilitone meinem Bruder, dass ich, wenn ich kein Privatpatient gewesen wäre, erst am kommenden Tag operiert worden wäre. Diese Info gab mir mein Bruder natürlich direkt weiter, woraufhin ich stutze und mir nur dachte, „na klasse“. Ab diesem Moment wusste ich, dass ich nur vor dem Blinddarmdurchbruch operiert wurde, weil ich ein Privatpatient war...

Nun ja, einerseits war man natürlich froh dass es noch rechtzeitig passiert ist, dennoch ist es nur eine zweischneidige Freude. Wäre der Blinddarm ein Dreivierteljahr vorher entzündet gewesen, hätte die Sache ganz anders ausgehen können, da ich zu diesem Zeitpunkt noch ein Kassenpatient war durch mein Angestelltendasein. Bei einem Durchbruch sind vier Wochen Aufenthalt keine Seltenheit. So habe ich nur eine Woche im Krankenhaus ausharren müssen. Und wer eins und eins zusammenrechnet, kann sich gut denken, dass man nach vier Wochen Krankenhausaufenthalt als Kassenpatient sicherlich genauso viel Geld dagelassen hat wie ein Privatpatient innerhalb einer einzigen Woche. Ein Schelm wer Böses dabei denkt…

In jeder Hinsicht gab mir dieses Ereignis doch sehr zu denken. Nur weil ich als Selbstständiger ein Privatpatient sein darf, hab ich mehr Glück im Unglück als vielleicht jemand der nicht selbstständig ist, aber gegebenenfalls sogar mehr in die gesetzliche Krankenkasse einzahlt? Normal würde es auch kein Krankenhaus an die große Glocke hängen, dass sie Privatpatienten bevorzugen, weil sie bei diesen wirtschaftlicher arbeiten können. Erfahren habe ich es eben durch Vitamin B – also durch indirekte Beziehungen, dass sie es in meinem konkreten Fall wirklich getan haben. Das Fazit, das ich daraus ziehe, kann meines Erachtens nur eines sein; in unserer Gesundheitspolitik stimmt etwas ganz gewaltig nicht, wenn ein Privatpatient ein Vielfaches von dem Wert ist wie ein Kassenpatient. „All men are equal, but some are more equal”, heißt es so schön.. Warum musste es denn bitte sehr soweit kommen, dass ich mehr Wert bin als es vielleicht meine Mutter ist, welche nur gesetzlich versichert ist, sie aber garantiert ein Vielfaches von dem monatlich bezahlt wie meinereins es tut? Und das Schlimme ist eigentlich, das man im Entferntesten die Ärzte sogar verstehen kann, denn auch ein Krankenhaus oder ein Doktor muss von dem Geld leben, das er einnimmt. Wenn er sich entscheiden kann, ob er einen Patienten behandelt, der 100€ einbringt oder drei Patienten behandelt, welche erst das gleiche einbringen und er noch 10€ kassieren und verwalten muss und diese Arbeit nicht einmal bezahlt bekommt, dann würde ich auch lieber den Privatpatienten nehmen. Warum schafft unsere Gesundheitspolitik es über Jahre hinweg nicht diesen Missstand auszubügeln? Es werden so viele Reformen unternommen, aber wirklich sinnvolle sind wohl nur seltenst dabei…

Lesen Sie hierzu auch den Leserbrief "Nicht nur Vorteile als Privatpatient"


Autor: Fozzybär

15.01.2009
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Krankenhausessen eiskalt


Nachts wegen eines Infekts im Bürgerhospital Friedberg gelandet. Morgens um sieben wird das erste Frühstück gebracht. Messer und Löffel sind eiskalt, ebenso Butter, Brötchen, Brot, Käse und Marmelade. Mit Mühe das Brötchen mit Marmelade versehen und Toleranz mobilisiert: Na ja, kommt schon mal vor…

Am andern Morgen: Das Stückchen Butter ist noch härter und kälter als beim ersten Mal. Nicht schlimm, nehmen wir halt den Quark. Der aber ist metallisch fest. Würde man Butter und Quark an die Wand feuern, würde eher das Mauerwerk Dellen bekommen, als dass ihre Form sich veränderte. Das Innere des Brötchens ist noch ein Eisklumpen. Das Brot wirkt erstarrt, der Käse kalt und leblos. Ganz so extrem fallen die nächsten Lieferungen nicht aus. Doch es bleibt beim Cold Breakfast.

Das wiederum fügt sich ins Gesamtbild der Präsentation im Plastikbehälter ohne Teller und der Qualität des Essens: lieblos, geschmacklos, freudlos. Wie sich herausstellt, kommen die Mahlzeiten neuerdings aus einer für 14 Millionen Euro gebauten Bad Nauheimer Großküche, die sich hochtrabend „Gourmet-Werkstatt“ nennt und derzeit mit 3000 bis 4000 Essen sechs Krankenhäuser in der Region beliefert. Den Planungen nach sollen dort demnächst 13 000 Essen produziert werden. In der Werbung wird dabei das Herstellungsverfahren „Cook & Chill“ gerühmt, das heißt: kochen, runterkühlen und schließlich zu Ende garen. Wie es von der Geschäftsführung des Unternehmens heißt, seien die strengeren Hygienevorschriften, die mit dieser Methode besser eingehalten werden könnten, der Grund für die Neuerung. Mit einem gewissen Spareffekt, versteht sich.

Bei der Konfrontation mit dem Ergebnis des Fließbandessens kann der Patient nur eisig reagieren und schließlich vor Wut kochen. Und das gilt selbst für unkomplizierte Esser ohne besonders hohe Ansprüche. Gut, dass nicht wenige Patienten den schlimmsten Hunger mit dem Apfel und dem Stück Brot von daheim überbrücken können. Was aber ist mit den alten Menschen, die allein leben, die keine Nothelfer im Hintergrund haben? Wer geschwächt durch Operationen oder sonstige Leiden auf diese Kost angewiesen ist, der kann nur kränker statt gesund werden. Damit werden die vielfältigen Bemühungen von Ärzten, Schwestern und Pflegern, die zum Beispiel in Friedberg die Patienten engagiert betreuen, ad absurdum geführt. Ohne die Basis einer vernünftigen Ernährung arbeiten sie in ein Fass ohne Boden. Das kalte Frühstück von Friedberg aber ist nur ein Symbol für die Herzenskälte, mit der zum Teil im deutschen Gesundheitssystem mit Menschen umgegangen wird.


Autor: steffen haffner

07.01.2009
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„Muss ich jetzt sterben?“ – Erste Dienste im Krankenhaus


Es war einer meiner erste Dienste, frisch von der Uni auf der Inneren Station als Assistenzarzt. Abends als einziger Arzt im Krankenhaus. Das Telefon klingelte: „Hallooo“, sagte eine Stimme wie aus dem Off. „Hallooo, ist da das Krankenhaus?“ Ja, das sei das Krankenhaus sagte ich. Was denn los sei. „Ich habe gerade eine Packung Psychopharmaka und eine Packung Beruhigungstabletten eingenommen“, sagte die weibliche Stimme in einer seltsam unbetroffen wirkenden Art und Weise. „Ich bin nämlich psychisch krank und wollte mich umbringen“, fuhr sie fort in einem merkwürdigen Singsang als wenn es gar nicht um sie ginge. Im Hintergrund – ich war gerade auf der Intensivstation – gestikulierte der Pfleger, gab mir Stift und Papier und raunte mir zu: „Namen und Adresse! Frag’ nach Namen und Adresse.“ Das tat ich sogleich. „Frag’ nach den Medikamenten.“ Es war eine große Hilfe, hier Pflegekräfte zu haben, die sich mit solchen Situationen auskannten.



„Muss ich jetzt sterben?“, frage die Frau am anderen Ende als würde sie mich fragen, ob ihr der rote oder der grüne Pulli besser stehen würde in einer fast schon unheimlichen Selbstdistanziertheit. „Soll ich den Notfallknopf drücken, damit mein Betreuer kommt?“ Das sei eine wirklich gute Idee sagte ich. Außerdem würde ein Rettungswagen gleich vorbeikommen. Im Hintergrund wurde mir schon die Telefonnummer der Leitstelle des Rettungsdienstes gereicht, den ich sogleich anrief. „Giftnotrufzentrale“, sagte der Pfleger. Ruf mal an, was Du genau tun musst. Gesagt, getan. Ganz so groß war die Menge der Medikamente Gott sei Dank dann doch nicht, wie erst gedacht. Ein bis zwei Tage auf der Intensivstation unter Monitorkontrolle überwachen, sagte die nette Dame der Giftnotrufzentrale und fügte hinzu, mit was für Symptomen im Einzelnen zu rechnen sei.



Zwanzig Minuten später kamen dann die Sanitäter. Doch sie brachten gar nicht die Dame, wie gedacht, sondern einen Mann, der ebenfalls Selbstmord begehen wollte. Auch er hatte eine ganze Schachtel Medikamente geschluckt. Erst nach einer ganzen Weile gelang es mir, herauszufinden was es war. In diesem Fall ein harmloses Medikament, das auch in dieser hohen Dosierung keinen ernsthaften Schaden anrichtet. Aber jemanden mit Selbstmordversuch kann man als Arzt nicht einfach so gehen lassen, auch, wenn er behauptet, er würde sich nicht umbringen wollen. Das sagen sie alle und tun’s dann doch. Also habe ich den Hintergrunddienst, in diesem Fall meinen Chef, angerufen, der in Rufbereitschaft war. Inzwischen war auch die Dame von vorher eingetroffen, die sich bereitwillig verkabeln ließ. Überwachen, Patienten aufklären, wenn er renitent ist, die Polizei holen und ihn in die Psychiatrie zwangseinweisen lassen, sagte der Chefarzt. Ansonsten erst einmal bis morgen überwachen, dann die Psychiaterin hinzuziehen, inwieweit sich die Patienten von ihrem Suizidwunsch distanzieren. Hier gleich psychiatrisches Konsil im Doppelpack.



Das sind noch die harmlosen Fälle, die man in Diensten auf der Inneren im Krankenhaus erlebt. Hier zeigt sich wieder wie wichtig gut ausgebildete Krankenschwestern und –pfleger sind, die in ausreichender Anzahl auch in den Nachtdiensten die Ärzte unterstützen. Gerade wir Ärzte in der Weiterbildung zum Facharzt, und das ist die größte Zahl der Krankenhausärzte, brauchen hier besonders am Anfang berufserfahrene Fachkräfte an unserer Seite. Die Theorie haben wir im Studium gepaukt, doch die Praxis hat oft ihre Tücken. Zumal man im Nacht- oder gar 24-Stunden-Dienst müde ist und nicht immer optimal reagiert, vor allem am Anfang der Karriere. Eine gute Personaldecke auf ärztlicher Seite und pflegerischer Seite ist hier entscheidend und kann Menschenleben retten. Das hat mir das Beispiel, das sich vor einigen Jahren zugetragen hat, ganz deutlich gezeigt


Autor: Peter

27.12.2008
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Erfahrungsbericht eines Rollentausches, Teil 2


Im deutschen Gesundheitssystem sind schwerkranke Patienten arm dran, weil vor lauter Beschäftigung mit Wehwehchen keine Zeit mehr für sie bleibt, schrieb sinngemäß Dr. Harald Kamps letzten Sommer im Deutschen Ärzteblatt. Wie wahr diese Aussage ist, musste ich an diesem Weihnachtsfest zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit erfahren, als ich mich erneut vom Arzt in einen betroffenen Angehörigen verwandelte. Am ersten Weihnachtsfeiertag war ich zu Besuch bei meiner 82jährigen Tante in einer ländlichen Gegend Mittelhessens. Eine Woche zuvor war sie nach einer Brustkrebsoperation aus der örtlichen Klinik entlassen worden. Sie selbst wollte ihre Prognose gar nicht wissen, doch auch ihre Familie war im Krankenhaus nicht über das Ausmaß der Erkrankung informiert worden.

Nur ich als Mediziner konnte die Abkürzungen auf dem kaum leserlichen handgeschriebenen Entlassungsbrief entziffern: T1, N2, M1 (Pulmo, Mesothel) stand dort geschrieben. Ein Tumor kleiner als 3 Zentimeter also, der bereits Metastasen in die Lymphknoten, die Lunge und das Rippenfell gestreut hatte. In der Klinik hatte man lediglich ein Mittel verschrieben, welches das Wachstum des Tumors verlangsamen sollte, um die starken Rippenschmerzen meiner Tante hatte man sich nicht gekümmert. Der Hausarzt hatte am Tag vor Heiligabend dreimal täglich Paracetamol 500 mg verordnet, eine Schmerzmedikation die für einen mittelstarken Spannungskopfschmerz genügend sein mag, einer Patientin mit Rippenfellmetastasen aber rein gar nichts bringt. Nun stand ich also am ersten Weihnachtsfeiertag am Bett meiner Tante, die sich vor Schmerzen krümmte und weinte und die gesamte Familie stand ratlos um uns herum. Um 15 Uhr rief ich in der 13 km entfernten Praxis des ärztlichen Bereitschaftsdienstes an. Die Dame an der Anmeldung sagte mir, die Ärztin hätte noch 12 Patienten in der Praxis, aber sie würde ihr möglichstes tun, um meiner Tante zu helfen. Nachdem um 17 Uhr noch niemand gekommen war, rief ich noch mal an: die Praxis sei zum Überlaufen voll, vor 23 Uhr könne die Ärztin nicht kommen. Dann wurde ich zum Glück mit der Ärztin direkt verbunden und diese bot mir an, dass ich persönlich in der Praxis vorbeikommen und eine Morphintablette abholen könne. In der Praxis angekommen stellte ich fest, dass ich die Bereitschaftsärztin noch aus Studientagen kannte. Diesem Umstand hatte ich es zu verdanken, dass sie mir ihren gesamten Opiatvorrat aushändigte: 4 Tabletten Morphin retard 10 mg. Ein Betäubungsmittelrezept, welches man zum Verordnen eines Opiats braucht, besaß sie leider nicht. Die Schmerzmedikation bis Samstagmorgen war aber zumindest gesichert. Das Medikament nahm meiner Tante die Schmerzen zwar nicht völlig, aber deutlich besser als Paracetamol alleine.

Doch am Samstagmittag standen wir wieder ohne ein ausreichendes Schmerzmittel da und ich rief die nächste Dienstärztin. Diese schaffte es zwar, nach nur 4 Stunden persönlich bei meiner Tante zu sein, besaß aber leider ebenfalls kein Betäubungsmittelrezept. Es sei ihr verboten, ein Betäubungsmittel zu rezeptieren sagte sie und bewies damit, wie schlecht sie informiert war. Jeder approbierte Arzt kann sich über die Internetseite der Bundesopiumstelle Betäubungsmittelrezepte ausstellen lassen. Das einzige, was sie gegen die Schmerzen geben könne, sei eine Spritze mit Kortison und dem mittelstarken Schmerzmittel Piroxicam in den Gesäßmuskel. Bevor sie ging, händigte sie mir noch eine Ampulle Morphin, die sie in ihrem Notfallkoffer fand, aus und rezeptierte meiner Tante das mittelstarke Schmerzmittel Novaminsulfon. Damit behalfen wir uns irgendwie bis zum kommenden Montagmorgen, als der Hausarzt wieder Sprechstunde hatte.

Ich bin mir sicher, dass meine Tante kein Einzelfall ist und dass im Jahre 2008 in Deutschland immer noch tausende unheilbar kranke Patienten ihre letzten Lebenswochen mit unerträglichen Schmerzen verbringen, weil ihre Ärzte keine korrekte Schmerztherapie durchführen können oder wollen. Unter vielen Medizinern herrscht die abstruse Vorstellung, man stünde nach dem Ausstellen eines Opiatrezepts schon mit einem Bein im Gefängnis. Vielen scheint auch die Beschäftigung mit Sterbenden unangenehm zu sein, sie fühlen sich als Heiler und machen sich auf und davon, wenn es für diese Funktion zu spät ist. Die Bereitschaftsärztin blieb lieber in ihrer Praxis und behandelte Patienten mit Husten und Schnupfen, anstatt sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen, als ich am Telefon vom starken Tumorschmerz meiner Tante berichtete. Ich fühle mich wütend und hilflos, da unser Gesundheitssystem zwar eines der teuersten der Welt ist, in dem über 200 Krankenkassen mit Wellnessangeboten und Bonusheften Konkurrenzkämpfe um junge gesunde Versicherte austragen, aber auf der anderen Seite nicht einmal der bereits 1986 von der Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlichte Mindeststandard zur Schmerztherapie umgesetzt wird.


Autor: Dr. Heuteufel

27.12.2008
Zertifizierung: Schlüssellisten vor dem Audit ausgefüllt


Lach - Hallo Sunny Boy - auch bei uns wurde zertifiziert.

Hier eine kleine Geschichte zur Glaubwürdigkeit dieses "Unternehmens":

Bei uns müssen Listen zur Schlüsselausleihe geführt werden. Zum besseren Verständnis: eingetragen werden Schlüsselnummer, Datum, Uhrzeit, Name von Ausleiher/Rückgeber und Name des Herausgebers.

Es "könnte" Sinn machen: das Nachvollziehen, WER die Räume nicht wieder verschlossen hat, WER Unordnung hinterlassen oder WER den Schlüssel verschlampt hat.

Es macht absolut keinen Sinn: das ganze Jahr über verschwinden Schlüssel, weil die wenigsten die Einträge vornehmen. AAAber dann - 2 Tage vor der Zertifizierung entstehen 2 Din A4-Seiten - mit Namenskürzeln, die ein ganzes Jahr nicht vertreten waren.

Wer jetzt glaubt, diese Verfehlung hätte Folgen... mitnichten. Es wird nicht mal bemerkt?!




Autor: Gudrun

27.12.2008
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von Fehldiagnosen und Nächten in der Klinik


Es ist nicht so einfach, einen Anfang zu finden...

Über 30 Jahre hinweg lautete die ärztliche Diagnose "Vegetative Dystonie". ES bedurfte keinerlei Nachforschungen oder Untersuchungen. ES waren die "Lebensumstände" und dagegen gab es Psychopharmaka. Und, obwohl diese bei mir im Ausguss oder der Toilette landeten, verschwanden die Symptome nach Tagen, manchmal auch Wochen von allein. Nicht so im Sommer 2001. Mit Tavor und einem Abwinken verließ ich die Hausarztpraxis; nur auf eigenen Wunsch bekam ich die Überweisung zum Neurologen, der lediglich einen "Schreibkrampf" und "Angstzustände" diagnostizierte...

Nach 6-wöchiger Odysee und 2 (selbst erkämpften!) Krankenhausaufenthalten fiel die Diagnose: Multiple Sklerose.

30 Jahre - mit Lähmungserscheinungen; Sensibilitätsstörungen; Sehnerventzündungen und anderen lästigen Nebenerscheinungen...30 Jahre ärztliche Fehldiagnosen und Erniedrigungen; 30 Jahre, in denen ich stark genug war, dagegen anzukämpfen. Ich werde die nächsten 30 Jahre auch überwinden, ohne regelmäßig 10 Euro Praxisgebühr (für Unfähigkeit?!) zu zahlen; ohne Medikamente zu schlucken, die nur das Symptom, nicht aber die Ursache bekämpfen...

So - nun habe ich groooße Angst, den "Machern" dieser wunderbaren Seite auf die Füße getreten zu sein. Aber - ihr wolltet die Wahrheit hören/lesen.

Wichtiger, als alle Lehrbücher (oder geschriebenen Arztbriefe ;-) wäre, das Gesundheitssystem zu stürzen.

Es ist ein Unding, wenn Ärzte sich mit dem Tippen von Krankenberichten beschäftigen müssen und zeitgleich eine Sekretärin wegen Arbeitslosigkeit krank wird. Sie wird auch nicht wieder gesund! Man hat ihr die Arbeit genommen und der Hausarzt hat weder die Zeit, noch die Möglichkeit ihre Krankheit zu kurieren. Im Gegenteil, wenn der Patientin das Dilemma bewusst wird, wird sie für die 10 Euro Praxisgebühr lieber Schokolade kaufen, um ihren Serotoninhaushalt wenigstens im Gleichgewicht zu halten ;-)

Bevor ich mich jetzt noch weiter verzettle, ein kleiner Auszug von meiner Homepage:


Patientenaufstand

Hausarzt nannte man früher den Arzt, der ins Haus kam. Der die Familiengeschichte kannte, oftmals drei Generationen betreute. Dem man noch vor Pfarrer oder Friseur kleine Geheimnisse anvertraute. Er wusste einfach, welche Art Kopfschmerz du hattest; er sah, dass sich ein Leberfleck veränderte; kannte deinen Pulsschlag und fühlte am Händedruck Seelenschmerz. Man fühlte sich
wohl, geborgen in seiner Obhut. Mitunter eventuell einer von sicher vielen Gründen, die menschliche Seele gesund zu halten. Nur selten waren Termine uhrzeitgebunden, niemals wurde von Geld geredet und oft war man geheilt, noch bevor die Praxistür zuschlug. Dass niemand unsterblich ist, selten ein ganzes Jahrhundert erlebte, nahm man in Kauf; war es doch das Natürlichste der Welt.

Die Zeiten haben sich geändert - aber unnatürlich.
Längst ist der Arzt kein "Hausarzt" mehr. Bevor er die Hand drückt, muss er sie aufhalten und spürt nicht selten, schon vor der eigentlichen Behandlung, den Seelenschmerz eines 10 €-Verlustes. Ein kurzer Blick zur Uhr - 15 Minuten; das Wartezimmer ist voll; ein abgestürzter PC - was wurde beim letzten Mal behandelt - welches Bein - oder war`s der Kopf? Ein bewährtes Medikament muss durch ein kostengünstigeres ersetzt werden! Wie - warum? Entweder Ja oder selbst zahlen! Erneut der Blick zur Uhr - Studenten warten auf seine Vorlesung....

Sie hatte keinen "Hausarzt" gesucht, die Erfahrungen der Vergangenheit sollten sich mit nichts und niemandem wiederholen. Aber - ein in der Klinik verordnetes Medikament bedurfte ärztlicher Verschreibung. Gesetzliche Krankenversicherung und monatliche Beitragszahlung reichten nicht aus, um die ambulante Sprechstunde der Neurologischen Klinik und somit den Arzt ihres Vertrauens zu
konsultieren. Die neurologische Diagnose war gestellt. Gesucht wurde lediglich ein Praktiker, der die Empfehlungen des Neurologen befolgte. Das Erreichen der Praxis musste mühelos sein. Oftmals wäre die Autofahrt nicht nur für die Betroffene, auch für andere Verkehrsteilnehmer unzumutbar. Ein triftiger Grund, den Arzt zu wählen, der auch zu Fuß gut erreichbar ist. Freundlich, von Sonnenlicht durchflutet machte die Praxis mit außerordentlich netten Sprechstundenhilfen einen tollen Eindruck. Groß, gutaussehend, ein Mann mittleren Alters, der seine Patienten mit kameradschaftlicher Begrüßung im Wartezimmer abholt - das kannte sie nicht. Beim "alten" Hausarzt stand man in einer Schlange, oftmals bis zur Fahrstuhltür im Treppenhaus.

Gesprächsstoff gab es wenig, sie wollte ihr Rezept und bekam es - zwei Jahre - anstandslos. Versuchtes, eigenmächtiges Absetzen wurde mit den Worten "das klappt nicht!" belächelt - bis die neue Medikamentenverordnung ihre Versuche in Angriff nahm. Gerade jetzt war alles so schwarz; gerade jetzt hatte sie geritzt; gerade jetzt hatte sie Mord- und Selbstmordgedanken; gerade jetzt hatte sie den Rasierer benutzt, die langen Haare - das letzte "Frau-sein" geopfert....

"Mensch, Mädchen sieht das toll aus - Superhaarschnitt -steht dir richtig gut!" und - das Rezept. Der Medikamentenname irritierte. Sie wollte nichts Neues, keine Versuche machen. "Ist das gleiche drin - nur ein anderer Name", versuchte der Arzt zu beschwichtigen. Die Frau verstand die Welt nicht mehr! EINMAL im Quartal benötigte sie EIN Rezept. Nach vielen Fehldiagnosen, nach Mengen von überflüssig verschriebenen Medikamenten, nach jahrelanger Gesundheitswesen-Abstinenz endlich eine Verordnung, die das Dasein erleichterte.....

Sie bekam ihre Tabletten. Ein kleiner Aufkleber "bitte ..... aushändigen" bereicherte das Rezept. Die zu zahlende Differenz war tragbar - noch!

Mühsam, aber erfolgreich begann sie die entwürdigende Bettelei hinauszuschieben. Die 100-tägige Ration wurde halbiert und des Öfteren ein katastrophales "Vergessen" eingeschoben.

Neun Monate später: Gleiche Frau - gleicher Haarschnitt - gleicher Rezeptwunsch. "Mensch, Mädchen! Was hast du mit den Haaren gemacht! Wie kann man sich nur so verunstalten - da ist wohl einiges im Argen!? Das Rezept? Greift zum Schrank und hält ihr ein anderes Medikament vor die Nase: "Nimm das - das gibt`s umsonst!" Sie bekam ihr Rezept - zu einem nicht akzeptablen Selbstkostenpreis! Akzeptabel war die Erfahrung: Es geht auch ohne euch - bleibt abzuwarten, wie weit kommt Ihr - ohne uns!


Friede sei mit uns - und den Gesetzen...

Samstag, Sonntag, Montag .... Nachtdienste in der Tele- fonzentrale eines Krankenhauses. Meist sind die Nächte ruhig - ein willkommener Ausgleich zu einem eher unruhigen Privatleben. Solange man der Sprache mächtig ist, das Telefon bedienen kann und Patienten freundlich begegnet, ist die Arbeit selbst mit diversen körperlichen Wehwehchen zu meistern. Es sei denn - Mitarbeiter legen es darauf an, Unfrieden zu stiften.

Vielleicht hätte sie daheim bleiben sollen; vielleicht ihren
Arbeitsplatz verriegeln; vielleicht darauf hinweisen sollen: "Mir geht`s nich gut - geh lieber Heim!" Versäumnisse sind selten rückgängig zu machen! Sie saß (in desolatem Zustand) an ihrem Arbeitsplatz. Hatte weder die Tür verriegelt, noch zu erkennen gegeben, dass das Ei alles andere als gelb war, als der Bereitschaftsdienst sich in die wohlverdiente Nachtruhe zurückziehen wollte.
Ein kleiner Plausch unter Bekannten; Wichtiges und Unwichtiges; Zuhören und Gehörtwerden; die Markenzeichen eines Dienstleistungsbetriebes....

Die Minuten verrannten. Längst hätte die Bereitschaft den Heimweg antreten können, längst ihr müdes Haupt ins Kissen drücken.... Ein Krankenwagen wurde angekündigt, doch die (zu Recht!) müden Füße verweigerten den Abmarsch. Erst das Klingeln des Telefons brachte, in Form eines schüttelnden Kopfes, Beweglichkeit ein. "Ich bin nicht mehr da!" flehten die Augen und beide Hände bewegten sich abwehrend hin und her.

Zwischen Maschine und Mensch, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Pflichtbewusstsein und Menschlichkeit steht die Pförtnerin. Kaum fähig, den Telefonhörer zu halten - kaum fähig, einen Satz zu bilden. Sie erkennt die eigene Stimme nicht. Diese Stimme, die keinen Zweifel zulässt: "Die Bereitschaft ist hier!"
Zum Wohle des Patienten, der keine Ahnung davon hat, dass im Haus anwesende Mitarbeiter eine wesentlich geringere Vergütung bekommen, als die Gerufenen. Der keine Ahnung davon hat, welche Geschichten sich um seinen nächtlichen Unfall weben.

Zum Wohle des Pförtner-Gewissens, welches sich auf Recht und Gesetz besinnt um (schweren Herzens) Kameradschaft und Menschlichkeit den Laufpass zu geben! Zum Wohle eines Bereitschaftdienstes - dessen Ankündigung, die Zentrale nicht mehr zu betreten, auf vollstes Verständnis trifft!


Autor: Gudrun

24.12.2008
Nachdenkliches zu Weihnachten




Auch dieses Jahr an Weihnachten verbringen viele Ärzte, Schwestern, Pfleger und viele andere im Gesundheitswesen Tätigen ihre Zeit in den Krankenhäusern. Es ist immer ein Kampf, wer wann an den Feiertagen Dienst machen muss. Die letzten Jahre waren es bei mir drei Nächte vom 1. Weihnachtsfeiertag an, das Jahr davor waren es 24 Stunden vom 1. auf den 2. Weihnachtsfeiertag. Dieses Mal habe ich Glück gehabt. Die Dienstplanbesprechung für die Feiertage wurde vorgezogen als ich gerade im Urlaub war. Die Kolleginnen haben einfach vergessen mich einzuplanen.

Da ich meinen Resturlaub nehmen muss habe ich sogar diesmal zehn Tage Urlaub. Daher war ich seit Jahren mal wieder in aller Ruhe im Stadtzentrum und habe dem hektischen Treiben der Weihnachtseinkäufer zugesehen. Es fiel eine allgemeine Nervosität, Ungeduld und latente Aggression auf. Schnell noch Weihnachtsgeschenke einkaufen, von Geschäft zu Geschäft hetzen und sich durchsetzen, damit man am Fest der Liebe gut dasteht. Mir kam das alles absurd vor. Meine Frau möchte diesmal keine Geschenke, sie wird auch keine schenken. Bei der jetzigen Finanzkrise, sagt sie, möchte sie nicht noch Konsumieren, um des Konsumierens Willen, nur weil es Tradition ist, unbedingt etwas schenken zu müssen. Auch meine Freunde und Verwandten sehen das diesmal ähnlich, und so kommt seit langer Zeit einmal etwas bei mir auf, das ich Besinnlichkeit nennen könnte. Mir scheint, dass wir alle einer Marketingstrategie aufgesessen sind, weil Weihnachten eben ein gutes Geschäft ist.


Als Gesellschaft sollten wir zu den Wurzeln der Idee zurückkehren und ein wenig zur Ruhe kommen und aus dem Hamsterrad aussteigen, in dem die meisten von uns tagtäglich ohne Unterlass laufen. Oft geht es nach dem Geschenkkaufstress ja weiter: Dann kommt der Wohnungsputz dran, die Vorbereitungen für die Feiertage, die Verwandtenbesuche und und und. Bei uns Ärzten ist das noch einmal verschärft, da nur selten diese Tage komplett frei sind, wie bei mir durch ein Versehen. Doch gerade für uns im Gesundheitswesen Beschäftigten würde eine Zeit des Nachdenkens besonders wichtig sein.


Frohe Weihnachten wünscht


Christian Haffner, Redaktion des neuen Hippokrates


Autor: Der Neue Hippokrates

18.12.2008
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Von deutschen Ärzten


Gestern habe ich 16 Briefe korrigiert, ausgedruckt, gefaltet und eingetütet. Nein, mein Beruf ist nicht Sekretär, und ich bin auch kein Student oder Schüler, der einen Ferienjob macht. Ich bin Arzt, drei Jahre Berufserfahrung und arbeite in einer Klinik. Manchmal vergesse ich es fast selbst, weshalb ich Arzt geworden bin, so wenig hat meine Arbeit noch mit der eigentlichen ärztlichen Tätigkeit zu tun. Jeden Tag darf ich 10, 20, 30 oder mehr Formulare ausfüllen: Rezepte, Transportscheine, Essensbestellungen, Aufklärungsbögen, Qualitätssicherungszettel und vieles mehr. So nebenbei mache ich auch ein wenig Medizin, sehe Patienten, doch dafür ist nicht viel Zeit. Es muss dann immer schnell gehen, da ich sonst meine Arbeit nicht schaffe. Gestern erzählte eine Kollegin von einer Ärztin in Weiterbildung, die während ihres Bereitschaftsdienst nachts bürokratische Arbeit der Schwestern übernehmen muss, weil diese so wenig Zeit hätten. Anordnung vom Chef. Sie wehrt sich nicht, macht mit, ist Mitläuferin, wie so viele Ärzte in Deutschland. Jammern ja, etwas verändern nein. Es könnte ja gefährlich sein, „man sieht sich immer zweimal im Leben“ ist eine beliebte deutsche Redewendung, die das Duckmäusertum rechtfertigen soll. Der größte Teil der etwa 390 000 Ärzte sieht untätig zu, wie unser Gesundheitssystem an die Wand gefahren wird. Nur ein kleiner Teil ist aktiv und gestaltet die Zukunft des Gesundheitswesen im Sinne aller mit und nicht nur, um die eigenen Pfründe zu sichern. Doch genau hier wäre die Lösung: Wir Ärzte müssen zusammenhalten, an das Gesamte denken und nicht nur an uns selbst, müssen Rückgrat zeigen, bei Ungerechtigkeiten den Mund aufmachen, handeln und uns gegenseitig den Rücken stärken. Die Streiks vor einigen Jahren waren hier ein erster Anfang.



Das Bestseller-Buch für Manager „Kiss, Bow or shake hands“ von Terri Morrison und Wyne Conaway, das Charakteristika verschiedener Länder beschreibt, erhellt ein wenig, dass diese Verhaltensweisen etwas typisch Deutsches sind. Dort heißt es: „Jeder Deutsche hat die Verantwortung Regeln zu befolgen, geschriebene wie auch ungeschriebene. Alle Handlungen, die die soziale Ordnung stören, werden als grundsätzlich falsch angesehen“, steht dort unter „das Wertesystem: Die Basis des Verhaltens“ geschrieben. Deutsche würden alles tun, um jede Art der Unsicherheit zu vermeiden, da diese ihnen Angst mache. Sie seien risikoscheu und sehr vorsichtig, Entscheidungen zu treffen. Es gäbe eine generelle Skepsis in bezug auf die Zukunft, was zu Angst und Pessimismus führe. Das hätte eine Hilflosigkeit zur Folge und würde einen Zweifel nach sich ziehen, ob der Mensch überhaupt in der Lage sei, langfristig ein wünschenswertes Ergebnis zu erzielen. Da wir als Deutschen in dieser Kultur leben und von ihr geprägt sind, denken wir naturgemäß es ginge nicht anders. Doch in einer globalisierten Welt mit regem Austausch zwischen den Staaten zeigt sich, dass es sehr wohl andere Ansätze gibt. Gerade die US-Amerikaner werfen uns Deutschen gerne vor, wir seien zu problem- und zu wenig lösungsorientiert. Dass Humor nicht als unsere Primärtugend angesehen wird, ist ebenfalls kein Geheimnis.



Doch was können wir mit dieser Einsicht anfangen? Uns darüber beklagen, welch arme Würstchen wir sind und nach dem Staat und neuen Gesetzen rufen, wie wir es beinahe reflektorisch in Krisensituationen tun? Ach ja, der Staat, wer ist das eigentlich? "L’État, c’est moi - der Staat bin ich“ sagte Ludwig XIV., der absolutistische französische Sonnenkönig, und zu dieser Zeit stimmt es. Es stimme auch noch zur Zeit des deutschen Kaiserreiches von 1871-1918 und während des dritten Reiches. Doch spätestens seit dem 8. Mai 1949 sind wir eine Demokratie. Der Staat sind wir, wir alle. Das vergessen wir gerne und lassen uns regieren, führen und werden damit ein Stück weit gelebt. Wenn wir diese Hintergründe kennen dürfte es leichter fallen, unsere Zukunft selbst mitzugestalten und aktiv an Verbesserungen mitzuwirken. Sonst besteht die Gefahr einer Herrschaft der wenigen Aktiven, einer Art Oligarchie unter dem Deckmäntelchen von demokratischen Grundstrukturen. Unsere erlernten Verhaltensweisen laden dazu geradewegs ein. Vielleicht wäre ein Ansatz, sich einmal lösungsorientiert zu überlegen was wir eigentlich wollen. Was wäre denn ein für uns alle wünschenswertes Gesundheitssystem? Gibt es Vorbilder im Ausland? Von wem können wir lernen? Wie können wir die überalterten Strukturen aufbrechen, die noch aus vordemokratischen, teils autokratischen Zeiten vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland stammen? Das sind die Dinge, über die wir uns Gedanken machen müssen.


Autor: Dr. Großes Rad

13.12.2008
Neu: Themenwunschseite für Leser




Wir haben eine neue Seite eingerichtet, auf der Ihre Themenwünsche für Artikel und Veröffentlichungen aufgelistet werden. Schreiben Sie uns eine E-Mail an info@der-neue-hippokrates.com oder über unser Kontakt-Formular. Worüber wollen Sie mehr erfahren? Wen sollen wir für Sie interviewen? Welche Art von Erfahrungsberichten interessieren Sie, sie haben aber noch keine zu einem bestimmte Thema auf unserer Internetzeitung gefunden? Vielleicht bekommen Sie dadurch auch Anregung selbst etwas zu schreiben auf der Basis von Vorschlägen anderer Teilnehmer?


Autor: Der Neue Hippokrates

11.12.2008
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Zertifizierung und die Folgen


Unsere Kinik wurde zertifiziert, nach ISO 9001ff. Der Sinn erschließt sich den wenigsten. Es geht wohl nur um die Außenwirkung, damit suggeriert wird, man sei besonders gut organisiert und zuverlässig. Daran, wie das ganze abläuft, läßt sich jedoch der Unsinn solcher Aktionen erkennen. Einige Wochen vor der Zertifizierung wird alles geputzt, aufgeräumt, Kaffeemaschinen mit nach Hause genommen. Ab sofort ist es nicht mehr erlaubt, Patientenlisten, schon gar keine mit Diagnosen darauf, als Arzt oder Schwester mit sich herumzutragen. Aus Datenschutzgründen. Ob der Arzt sich jetzt seine 30 oder auch mehr Patienten merken kann das ist egal. Als würde uns Ärzten ständig die Patientenliste aus der Tasche fallen und jeder ganz scharf auf die Diagnosen von anderen Patienten sein! In den Besprechungen weiß man dann nicht immer, ob der eine oder andere Patient bei einem auf der Station ist, besonders nach einem Wochenende, wenn man noch keine Visite gemacht hat. Dann wird so getan, als würde man sich das alles mit einem Mal lesen merken können. Hier schadet die Hierarchie, sonst könnte man das schnell aufklären. Aber die Chefs reagieren auf Kritik häufig mit Repressionen und Schikanen. Das haben Kollegen in meinem Haus in ähnlichen Situationen bereits erlebt. Welch Armutszeugnis für eine Demokratie!
Einige Wochen nach der Zertifizierung schleicht sich wieder alles ein, der nächste Überprüfungstermin ist ja erst ein Jahr später, wenn dann wieder eine unnatürliche Situation bewertet werden soll, so wie es das ganze Jahr über nicht ist und unnütze Kriterien gemessen werden, die fernab jeglicher Realität sind. Die Kaffeemaschine wurde auch schon wieder angefordert. Nur das Verbot der Patientenlisten bleibt weiter bestehen.


Autor: Sunny Boy

11.12.2008
Pharmaindustrie unabhängig?




Die Redaktion des "neuen Hippokrates" hat sich entschlossen, zukünftig keine Werbung mehr für Medizingerätefirmen auf der Website zu integrieren. Die Pharmaindustrie ist ohnehin schon ausgeschlossen. Noch laufende Textlinks wurden bereits gekündigt. Die Unabhängigkeit unserer Internetzeitung ist das höchste Gebot!


Warum gibt es dann überhaupt Werbung auf dem "neuen Hippokrates"? Der neue Hippokrates ist rein privatfinanziert und erforderte Investitionskosten von etwa 5000 Euro für Anwalt, Webmaster und z.B. das Podcaststudio, zusätzlich Gebühren für die Domain. Einen Teil davon möchten wir refinanzieren, jedoch, ohne in Abhängigkeiten zu geraten. Wer den Beitrag "Das Pharmakartell" im ZDF am 9. Dezember gesehen hat, der weiß, warum wir hier aufpassen müssen (Das Pharmakartell)


Der neue Hippokrates ist ein ideelles Projekt, Geld verdienen wir damit nicht. Im Zweifelsfall verzichten wir lieber auf die Einnahmen, statt uns in die Gefahr einer Abhängigkeit zu begeben. Hier können Sie also unabhängig und unzensiert Artikel veröffentlichen. Treten Sie mit uns in Kontakt per E-Mail, telefonisch oder über den Punkt "Beitrag schreiben".


Autor: Der Neue Hippokrates

06.12.2008
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Jede Geschichte zählt!


Wie sieht es aktuell aus im Gesundheitswesen? Will man erst warten, bis man als Patient hilflos im Krankenhaus liegt und dann erschrocken mitbekommt, was aus unseren Krankenhaus geworden ist. Warum kommt nach einer halben Stunde immer noch keine Schwester, wenn man geklingelt hat. Warum ist nur ein Arzt da für die Neuzugänge und für die ganze Abteilung? Patienten und Angehörige von Patienten können hier viele Geschichten erzählen. Das hat der Herausgeber des „neuen Hippokrates“ als Krankenhausarzt tagtäglich erlebt. Ärzte, Schwestern und Pfleger, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Ärzte in ihren Praxen, Zahnärzte in ihren Praxen, alle haben wichtige Teilinformationen über den aktuellen Zustand des Gesundheitssystems. Doch meist behält jeder die Informationen für sich. Anstellte im Gesundheitswesen haben Angst um ihren Job, Patienten vor Nachteilen. Als Dr. Christian Haffner diese Problematik erkannte hatte er die Idee zur Gründung einer unabhängigen Internetzeitung, um Erfahrungsberichte und Meinungen aus Krankenhäusern, Praxen verschiedenster Art, Rehakliniken und von scharfsinnigen Mitbürgern zu sammeln.



Damit durch die Veröffentlichungen keine Nachteile für den Einzelnen entstehen beauftragte er einen Fachanwalt für Internet- und Domainrecht, der ihm Allgemeine Geschäftsbedingungen bastelte, die den Benutzern des „neuen Hippokrates“ Anonymität zusichern. Aus presserechtlichen Gründen müssen sich die Benutzer einmal gegenüber dem neuen Hippokrates mit Namen und Adresse registrieren. Diese Daten sind für niemanden zugänglich und mit allen technischen Möglichkeiten vor Hackern geschützt. Bei Preisgabe der Daten und des Originalnamens könnte der Herausgeber des „neuen Hippokrates“ verklagt werden, so wichtig ist uns, dass Sie als Benutzer anonym bleiben können. Nur auf ausdrücklichen Wunsch können wir Artikel auch unter dem echten Namen veröffentlichen.



Wir sind uns sicher, dass auch Sie eine Geschichte erzählen können, die mit Erfahrungen in Arztpraxen oder in Kliniken zu tun hat. Vielleicht haben Sie auch eine Idee, wie das Gesundheitssystem unserer Zukunft aussehen sollte. Registrieren Sie sich auf unserer Webseite und schicken Sie uns über unser Artikelformular Ihre Beiträge und erscheinen Sie Ihnen noch so belanglos. Falls Sie Schwierigkeiten mit der Anmeldung oder der Bedienung der Internetzeitung haben, schreiben Sie uns bitte eine Mail an info@der-neue-hippokrates.com oder rufen Sie uns an unter 069-36 60 29 82. Nur zusammen können wir Veränderungen bewirken. Jede Stimme, jede Meinung, jede Erfahrung zählt. Wir sind gespannt auf Ihre Geschichten!


Autor: Der Neue Hippokrates

22.11.2008
Wenige neue Beiträge im Forum?




Jeden Tag lesen etwa 100 Benutzer des "neuen Hippokrates" unsere interaktive Internetzeitung, jeden Tag werden 30 bis 100 Mal unsere Podcasts abgerufen. Wir werden nach den Aktivitäten in unserem Forum gefragt, warum da zur Zeit so wenig los ist.


Jeder Benutzer scheint erst einmal abzuwarten, dass ein anderer eine Diskussion beginnt, es wird geschaut und, wenn nichts Neues im Forum geschrieben steht, sich wieder ausgeloggt. So beobachten sich über 100 Benutzer in passiv abwartender Haltung täglich gegenseitig und eine Diskussion über das Gesundheitswesen kommt nicht zu stande.


Wir als Redaktion des "neuen Hippokrates" sind uns sicher, dass Sie viele Geschichten über das Gesundheitswesen zu erzählen haben. Warten Sie nicht, dass jemand anderes anfängt, beginnen Sie selbst. Schreiben Sie uns Ihre Geschichten bei Ärzten, in Kliniken oder von Ihrer Arbeit, wenn Sie im Gesundheitswesen arbeiten. Beginnen Sie eine Diskussion in den Foren über Themen, die Ihnen auf den Nägeln brennen. Nur dann kann ein lebhafter Austausch zustanden kommen.


Autor: Der Neue Hippokrates

22.11.2008
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Erfahrungsbericht eines Rollentauschs


Gerade habe ich aufgrund eines Rollentauschs erfahren müssen, wie sich Angehörige von Patienten in unserem Gesundheitssystem fühlen. Vom Hausarzt verwandelte ich mich in einen Neffen, der sich um seinen kranken Onkel sorgt. Dieser ist 84 Jahre alt, ehemaliger Landwirt, war bis vor einem Jahr noch sehr rüstig und ging sogar noch zum Holzfällen in den Wald. Seitdem plagten ihn zunehmend eine Gangstörung, Vergesslichkeit sowie Harninkontinenz. Seine Familie machte ihm vor einem dreiviertel Jahr einen Termin bei dem Neurologen Dr. R., der in der benachbarten Universitätsstadt als „Kapazität“ gilt. Dr. R. führte korrekt die notwendige Diagnostik durch und erzählte meinem Cousin etwas von „zu hohem Druck des Gehirnwassers“ bei seinem Vater, wogegen man aber aufgrund des hohen Alters nichts mehr machen könne. Gegen die zunehmende Vergesslichkeit bekomme er aber ein wunderbares neues Pflaster und einmal im Vierteljahr solle er zum Gedächtnistraining zu der bei ihm angestellten Psychologin kommen.

Vor 2 Wochen berichtete mir meine Cousine, dass sich der Zustand meines Onkels massiv verschlechtert habe. Mein Onkel brauche eine halbe Stunde, nur um aus dem Bett aufzustehen, und zur Vergesslichkeit komme zunehmend Verwirrtheit. Erst jetzt erfuhr ich von meinem Cousin, dass ein „zu hoher Hirndruck“ vorliegt und begann, über die Erkrankung zu recherchieren. In der sehr guten Leitlinie der "Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften" (AWMF), erfuhr ich, dass die Erkrankung „Normaldruckhydrozephalus“ heißt und in Wahrheit sehr gut behandelbar ist, nämlich durch Liquorpunktionen und durch eine so genannte Shunt-Operation, bei der die überflüssige Liquorflüssigkeit mittels eines kleinen Schlauchs in die Bauchhöhle abgeleitet wird.

Sofort versuchte ich, Dr. R. anzurufen, um ihn zu fragen, aus welchen Gründen diese Behandlung bei meinem Onkel nicht durchgeführt worden ist. Doch in seiner Praxis war das Telefon dauerhaft besetzt und außerhalb der Sprechzeiten war nur eine Ansage vom Band zu hören. Insgesamt habe ich in 10 Tagen über 50 mal in der Praxis angerufen und bin kein einziges Mal durchgekommen. Am 3. Tag schickte ich ein Fax mit Bitte um Rückruf an Dr. R., auf dass ebenfalls nicht reagiert wurde. Nach einer Woche schickte ich schließlich ein Fax, in dem ich Dr. R. ankündigte, nach Ablauf einer Dreitagesfrist seine fehlende Erreichbarkeit der Kassenärztlichen Vereinigung zu melden, von der er sein Geld bezieht. Noch am selben Abend rief er mich um 21 Uhr an. Wie ich es wagen könne, ihm zu drohen. Dass man ihn nicht erreiche sei normal, er arbeite schließlich viel. Er dürfe mir aufgrund der Schweigepflicht ohnehin rein gar nichts sagen und habe sich soeben erst die Einverständnis meines Cousins eingeholt. Danach ließ er mich endlich zu Wort kommen und meine Bedenken hinsichtlich der Therapie meines Onkels schildern. Danach plusterte er sich erneut auf: wer ich denn überhaupt sei, er sei doch der Experte, er besitze sogar ein eigenes Zentrum für Demenzerkrankungen in der Stadt und behandele meinen Onkel mit einem der neuesten Demenzpflaster. Auf meinen Einwand, dass dieses Pflaster aber nicht die Ursache der Erkrankung, nämlich den erhöhten Hirndruck, beseitige und dass die Leitlinien eine Shuntoperation, oder bei nicht operationsfähigen Patienten zumindest wiederholte Liquorpunktionen vorschreiben, lenkte Dr. R. zum ersten Mal ein: nun gut, ich solle meinem Onkel einen Aufnahmetermin in der neurologischen Klinik verschaffen, damit dort eine Liquorpunktion vorgenommen werde. Danach beendete er das Gespräch.

Kommende Woche hat mein Onkel den Termin und ich hoffe, dass die Folgen der viel zu spät eingeleiteten Behandlung nicht allzu groß werden. Durch den erhöhten Hirndruck, wird das Gehirn zum Teil unwiederbringlich geschädigt, aber laut Studien soll sich zumindest die Gehfähigkeit wieder verbessern.

Aus jetziger Sicht beurteile ich das Verhalten von Dr. R. wie folgt: in dem von ihm aufgebauten Demenzzentrum behandelt er vor allem Alzheimerpatienten, ist also am Krankheitsbild des Normaldruckhydrozephalus nicht interessiert. Er führt Studien mit einem neu auf dem Markt erschienen Pflaster gegen Demenz durch, das noch in keiner Leitlinie erscheint und für dessen Anwendung er höchstwahrscheinlich Geld von der Pharmaindustrie bekommt. Kassenpatienten bestellt er vierteljährlich in sein Gedächtniszentrum ein, ohne sie persönlich zu sehen. Da durch seinen Ruf als „Kapazität“ die Patienten zu ihm strömen, sein Kassenbudget aber schon voll ist, lässt er den Hörer neben das Telefon legen, um nicht von lästigen Kassenpatienten und ebenso lästigen Hausärzten gestört zu werden. Privatpatienten erhalten meiner Vermutung nach eine separate Durchwahlnummer.

Ich habe inzwischen mit einem Neurochirurgen von der Uni München gesprochen, der mir berichtete, er würde auch 90jährige Patienten mit einem Shunt versorgen. Darin liege die einzige Möglichkeit, eine Schwerstpflegebedürftigkeit zu verhindern. Sollte ich diese Aussage von weiteren Stellen bestätigt bekommen, werde ich über die Ärztekammer ein Verfahren wegen schwerem Behandlungsfehler gegen Dr. R. einleiten und an dieser Stelle davon berichten.


Autor: Dr. Heuteufel

21.11.2008
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Weshalb es in den Kliniken so schlecht läuft


Dass der Beruf des Arztes belastend ist hat sich inzwischen weitgehend herumgesprochen. Was es im Detail heißt, Beitschaftsdienste von bis zu 24-Stunden abzuleisten, am Wochenende zu arbeiten, ohne dafür einen freien Tag unter der Woche zu bekommen, können viele Nicht-Ärzte nur erahnen. Was es bedeutet, kaum Zeiten der Ruhe und des Regenerierens zu haben, was die Folge von ständig müden Ärzten für den Umgang mit Patienten und für die Qualität der medizinischen Behandlung ist, wird häufig nicht gesehen. Da Ärzte eine hohe Verantwortung tragen ist nicht umsonst in der Berufsordnung für Ärzte §2 Absatz 4 festgelegt, dass „der Arzt hinsichtlich seiner ärztlichen Entscheidungen keine Weisungen von Nicht-Ärzten entgegen nehmen“ darf. Doch in der Realität sieht das oft anders aus. Die Bundesregierung möchte die Zahl der Krankenhäuser und Rehakliniken reduzieren und hat deshalb einen verschärften Wettbewerb ausgerufen. Die besten Klinken sollen sich durchsetzen und überleben, die anderen müssen schließen. Theoretisch hört sich das ja erst einmal gut an. Doch in der Realität hat das mehrere Konsequenzen, die zu einem gelebten Sozialdarwinismus und einem Verkauf des Gesundheitswesens an eine nach marktwirtschaftlichen Kriterien organisierte Gesundheitsindustrie führt. Die Krankenhausverwaltungen haben eine Übermacht bekommen, streichen wichtige Medikamente aus Behandlungslisten, setzen Ärzte unter Druck, bestimmte Medikamente nur unter engsten Maßstäben einzusetzen und gefährden damit unter Umständen das Wohl von Patienten.



Der Manchester-Kapitalismus zeigt sich auch im zwischenmenschlichen Verhalten zwischen Verwaltung und dem Ärztlichen Dienst, also den Ärzten von Chef- über Oberarzt und Stationsarzt. Da wird nicht selten der Ärztlichen Direktor oder ein Chefarzt von der Verwaltungsleitung vorgeführt, unter Druck gesetzt, die Betten besser zu belegen oder Patienten zu entlassen oder wie ein kleiner Junge getadelt, wenn der kaufmännische Leiter mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist. Das Nebeneinander von Verwaltungsleitung, Ärztlicher Leitung und Pflegedienstleitung auf gleicher Augenhöhe ist in seiner Grundordnung durcheinandergeraten. Qualitätssicherung und Prozesse spielen eine größere Rolle als der Patient selbst. Die Zertifizierung nach ISO EN 9000ff hat auch in den Kliniken Einzug gehalten. Da werden Chefarzt und Oberärzte regelmäßig zu Qualitätsmanagement-Sitzungen abkommandiert, während die medizinische Versorgung der Patienten unzureichend ist, für Ärzte in der Weiterbildung zum Facharzt keine Weiterbildung stattfindet und Arztbriefe vom Diktat nicht geschrieben werden, weil die Sekretärin ja ebenfalls an der Qualitätssitzung teilnimmt. Da drängt es sich auf zu fragen, ob die Prioritäten hier noch stimmen.



Aber auch das Verhältnis der Ärzte untereinander ist bei dünnen Personaldecken schnell gestört, wenn ein Kollege durch Krankheit oder Fortbildung ausfällt. Bei voller Besetzung läuft der Betrieb oft geradeso. Schon bei Urlaub eines Kollegen ist häufig eine Belastungsgrenze überschritten. Bei Krankheit eines weiteren Arztes oder Fehlen aufgrund von Fortbildungveranstaltungen, die oft früh gebucht und bezahlt werden müssen, können Extrembedingungen entstehen, bei denen ein Arzt die Arbeit von zwei erledigen muss. Dass dies zu Lasten der Patienten geht ist offensichtlich. Fast reflexartig entsteht eine Wut auf den fehlenden Kollegen, der nur das Recht eines Arbeitnehmers in unserem Sozialsystem in Anspruch nimmt, bei Krankheit nicht zu arbeiten. Dies führt nicht selten dazu, dass Ärzte krank, manchmal auch mit hohem Fieber, häufig unter Medikamenten und Aufputschmitteln weiterarbeiten, da sie um die Situation der anderen Kollegen wissen. Außerdem fürchten viele den Zorn der anderen Ärzte und gefährden lieber ihre Gesundheit. Eine Kollegin des Autors hat sich aufgrund einer solchen Situation gerade eine Lungenentzündung zugezogen.



Eine Lösung wäre es, mehr Personal einzustellen, Urlaubs- und Krankheitsvertretungen zu organisieren. Doch aufgrund eines scharfen Wettbewerbs scheuen die Klinikverwaltungen die Kosten, so dass Sparmaßnahmen auf dem Rücken von Krankenhauspersonal und Patienten ausgetragen werden. Die Rentenversicherer, die meist die Finanzierer für Reha- und Kurbehandlungen sind, schreiben den Rehakliniken sogar den Personalschlüssel genau vor, errechnet am grünen Tisch mit in der Realität katastrophalen Folgen. Die kaufmännischen Verwaltungen haben Sorge, dass die Rentenversicherer ihnen keine Patienten mehr schicken, wenn sie aufmucken und mehr Personal fordern. Es wird auch von unguten Strukturen berichtet, um die Patientenströme über persönliche Kontakte in die eigene Klinik zu kanalisieren oder von geschönten Gutachten, damit die Rentenversicherer erneut Patienten in die eigene Rehaklinik schicken, weil diese ja angeblich so gut und erfolgreich arbeitet.



Am Ende werden viele Kliniken schließen müssen und das Ziel ist dann vordergründig erreicht. Doch wer bleibt übrig? Es werden nicht die besten Kliniken mit den menschlichsten und fachlich am besten arbeitenden Ärzten bei einer gleichzeitig effizienten Verwaltung sein. Vielmehr ist zu befürchten, dass sich diejenigen Kliniken durchsetzen werden, die sich mit aller Gewalt und allen Tricks auf Kosten von Klinikpersonal und Patienten mit einer guten Außenfassade durch eine gute Marketingstrategie der Klinikverwaltungsleitungen am Markt behaupten werden. Die Form stimmt, der Inhalt ist faul. Das ist genau entgegengesetzt zum Ideal des ärztlichen Berufsbildes und des Berufsethos. Kooperation statt Marktwirtschaft wäre der bessere Weg. Sonst beschreitet das Gesundheitswesen einen ähnlichen Weg wie gerade das Finanzwesen, das ebenfalls nur auf Form, wie auf Kreditblasen aufbaute. Die Folgen erleben wir in diesen Monaten. So wie Barack Obama die Hände in alle Richtungen ausstreckt und betont, dass die Krise gemeinsam überwunden werden muss, so müssen wir das analog auch tun, wenn es um unser höchstes Gut, die Gesundheit geht. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen für eine Wende, jetzt sollte das Bundesgesundheitsministerium steuernd eingreifen und das Hauen und Stechen der Kliniken untereinander beenden, ausreichend Geld zur Verfügung stellen und damit die Basis für ein solides Gesundheitssystem schaffen.


Autor: Der Neue Hippokrates

18.11.2008
Ihre Mitwirkung ist gefragt!




Um das Gesundheitswesen zusammen zu verbessern, brauchen wir möglichst viele Informationen von Patienten, Therapeuten verschiedenster Art, Ärzten, Schwestern und Pflegern. Gerade die Möglichkeit, selbst Erfahrungsberichte, Artikel, Ideen einzustellen zeichnet unsere Internetzeitung "der neue Hippokrates" aus. Jeden Tag haben wir etwa 100 Leser, zusätzlich werden 30 bis 100 Mal täglich unsere Podcasts abgerufen.



Gerade Ihre Erfahrungsberichte sind ein Kernstück der Idee, die aktuelle Situation im Gesundheitssystem abzubilden, Geschichten zu erzählen und damit allen klar zu machen, wie es zur Zeit um unser Gesundheitswesen steht. Schreiben Sie doch auch selbst einmal von einer Erfahrung, die Sie mit Ärzten hatten, oder berichten Sie von Situationen im Krankenhaus, in der Rehaklinik, wo immer Sie mit dem Gesundheitssystem in Berührung gekommen sind. Als Angestellter oder freiberuflich Tätiger können Sie von Erlebnissen während Ihres Arbeitsalltags erzählen. Nur gemeinsam können wir ein möglichst vollständiges Bild vom jetzigen Zustand des Gesundheitssystems bekommen, nur gemeinsam können wir Lösungsvorschläge entwickeln, wie wir es besser machen können. Hierfür benötigen wir Ihre Mitarbeit.



Dafür registrieren Sie sich bitte einmalig. Nach Bestätigung der Anmeldung in der erhaltenen E-Mail können Sie sich dann anmelden (linke Navigationsleiste) und unter "Beitrag schreiben" einen Beitrag live schreiben oder aus einem Textverarbeitungsprogramm hineinkopieren. Es gibt auch eine umfangreiche Hilfe, falls Sie etwas nicht verstehen. Ansonsten können Sie und über "Kontakt" oder über info@der-neue-hippokrates.com auch gerne kontaktieren. Wir beraten Sie gerne, falls Sie Fragen haben.




Autor: Der Neue Hippokrates

15.11.2008
Weiterbildungstreffen


In den letzten Monaten sind verschiedene Weiterbildungstreffen für Ärzte in der Spezialisierungsphase zum Facharzt gegründet worden. Das Jüngste ist das Treffen der angehenden Fachärzte für Allgemeinmedizin in Hessen, über das „der neue Hippokrates“ berichtete. Die Weiterbildungsgruppe trifft sich wieder nächste Woche, am Mittwoch, dem 17. Dezember um 19 Uhr im Café Albatros in der Kiesstrasse 27 in Frankfurt am Main-Bockenheim. Wer kommen möchte melde sich bitte aus organisatorischen Gründen an unter weiterbildungstreffen-allgemeinmedizin@gmx.de.



Wir rufen dazu auf, weitere Weiterbildungsgruppen in ganz Deutschland zu gründen, um die Qualität unserer Facharztweiterbildung und unseren Zusammenhalt zu stärken. Gerne würde wir mit Euch in Kontakt treten und von Euren Ideen und Konzepten erfahren.


Autor: Christian Haffner

15.11.2008
Die Stimmen der Selbsthilfegruppen


Selbsthilfegruppen sind für Patienten oft eine wichtige Stütze. Hier bekommt man Verständnis entgegengebracht und erhält wichtige Informationen. Aber es gibt auch ein enormes Potential an Erfahrungen mit unserem Gesundheitswesen, die gebündelt den aktuellen Zustand unseres Gesundheitssystem widerspiegeln können. Daher rufen wir alle Selbsthilfegruppen auf, Ihre Mitglieder zum Schreiben von Erfahrungsberichten zu animieren, damit wir diese Chance nutzen, Schwächen in unserem Gesundheitssystem zu beseitigen und Stärken auszubauen. Wir brauchen hier jede Stimme, jede Information. Bei Fragen können Sie uns gerne kontaktieren, z.B. über info@der-neue-hippokrates.com


Autor: Der Neue Hippokrates

15.11.2008
Der neue Hippokrates auf Dent-Online





Für uns als Redaktion einer interaktiven Internetzeitung zur Verbesserung des Gesundheitswesen ist ein breites Zusammenwirken wichtig. Patienten, Schwestern und Pfleger, Ärzte, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, um nur einige zu nennen, sind hier gefragt, sich zu beteiligen. Seit Anfang November ist unser Projekt auch den Zahnärzten bekannt: In der Ausgabe 4/2008 von Dent Online wird über den „neuen Hippokrates“ berichtet. Die Medizinjournalistin Birgit Matejka berichtet über den Sinn der Zeitung, Missstände öffentlich zu machen und gibt Hintergründe zu unserer Arbeit.




Autor: Der Neue Hippokrates

08.11.2008
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Vom Umgang mit Patienten


Vor zwei Jahren musste ich wegen einem akuten Bandscheibenvorfall ins Krankenhaus. Ich hatte die typischen Schmerzen, die ins Bein ausstrahlten aber weder Lähmungen noch Taubheitsgefühl. Da die Schmerztherapie nicht ausgereicht hatte wurde ich stationär auf der Neurologie aufgenommen. Die Zimmer der Klinik waren belegt, so dass ich zuerst für einige Stunden ein Bett auf dem Flur bekam, was aber nicht schlimm war. Die Zweierzimmer waren schön, ich hatte eine nette junge Dame mit Verdacht auf Multiple Sklerose neben mir mit der ich mich gut verstand. So fühle ich mich am Anfang gut aufgehoben.


Dieses Gefühl änderte sich nach der ersten Oberarztvisite. Das Ärzteteam war extrem sachlich, laborähnlich und behandelte mich wie ein Objekt über das sie gerade redeten. Ich wurde gar nicht in das Gespräch mit einbezogen. Sie haben über meinen Fall gesprochen, als wenn es gar nicht um mich ginge. Schon zuvor war besprochen worden, dass ich eine Kernspintomographie bekommen sollte, um genau zu sehen was los ist. Doch es gab keinen schnellen Termin, erst in zwei Tagen. Deshalb wollte der Oberarzt jetzt eine Computertomographie der unteren Wirbelsäule machen, die mit einer hohen Strahlenbelastung einhergeht und – so habe ich mich erkundigt –bei jungen Frauen mit Kinderwunsch nur im absoluten Notfall gemacht werden sollte. Doch der Oberarzt setzte mich derart unter Druck und machte mir Angst. Er ließ in die Akte schreiben, dass er für alle bleibenden Schäden keine Verantwortung übernehme. Es wurde fachlich mit mir überhaupt nicht besprochen, gar nicht erklärt, warum das jetzt nötig sei. Druck durch Angst. Keine Zeit für ein Gespräch. Das hätte ich schon als das Minimum gesehen, dass ich hier richtig aufgeklärt werde. Aus Angst habe ich dann „ja“ gesagt. Zwei Tage später bekam ich dann auch die Kernspintomographie gemacht, und die Röntgenärztin war ebenfalls überrascht, weshalb bei meinen Symptomen und in meinem jungen Alter ein CT gemacht worden sei. Sie hielt das ebenfalls nicht für sinnvoll. Am Sonntag, dem Tag nach der Diagnose meines Bandscheibenvorfalls, hatte ich wieder Schmerzen und wollte einen Arzt sprechen, der lange nicht kam. Als ich gerade einmal auf Toilette war hämmerte es plötzlich lautstark an die Toilettentür. Ich dachte es würde brennen, es sei etwas Schlimmes passiert und öffnete fast nackt die Tür. Es war der Stationsarzt, der mit etwas mitteilen und meine Fragen beantworten wollte. Ich habe mich hier in meiner Privatsphäre verletzt gefühlt, sie wurde überhaupt nicht respektiert. Mein menschliches Bedürfnis nach Takt, Respekt wurde nicht berücksichtig, er hatte gar kein Einfühlungsvermögen.


Am selben Tag, also einem Sonntagnachmittag kam plötzlich ein Arzt in mein Zimmer hineingestürzt. Es war ein Neurochirurg, der mir kurz und knapp sagte, ich müsse operiert werden. Ich war sehr erschrocken, da mir zuvor immer gesagt worden war, nur Schmerztherapie und operieren würde man auf gar keinen Fall. Dass ein Neurochirurg am Sonntag zu mir kam interpretierte ich als Zeichen, dass es sehr, sehr schlimm um mich stehen würde. Mir kamen die Tränen, und ich bat mir etwas Bedenkzeit aus. Das wurde gleich so interpretiert, dass ich die Operation verweigern würde. In einem Gespräch mit meinem Mann hat der Arzt das dann auch so formuliert. Mein Bedürfnis, erst einmal darüber nachdenken so dürfen, wurde als schlechte Mitarbeit ausgelegt. Wieder wurde ich unter Druck gesetzt, ich würde große Nachteile bekommen, wenn ich mich nicht operieren lassen würde. Mein Mann und ich hatten dann klargestellt, dass wir einer Operation nicht ablehnend gegenüberstehen.


Am Folgetag, einem Montag, hatte ich dann einen Termin zu Fango und zu Wassergymnastik. Als ich zurückkam wurde dann gesagt, die Visite der Ärzte sei schon gewesen, aber ich sei nicht da gewesen. Niemand hat sich darum gekümmert, mir zu sagen, wie es weitergeht. Niemand konnte mir Auskunft geben. Am Folgetag kam ein Arzt und sagte mir, ich müsse nun doch nicht operiert werden, die Schmerztherapie könnte ich auch zu Hause machen, die Krankenkasse wurde das in der Klinik nicht mehr zahlen und ich müsse jetzt sofort die Klinik verlassen, weil das Bett gebraucht werden würde. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nur unter Schmerzen sitzen oder stehen und lag die meiste Zeit. Eine Liege wurde mir nicht zur Verfügung gestellt, niemand half mir, meine schweren Koffer zu tragen, ein Transport nach Hause, das 40 Kilometer entfernt lag, wurde mir nicht angeboten. Durch die Medikamente, starke Schmerzmittel und muskelentspannende Mittel, war ich sehr müde und in meiner Bewegung eingeschränkt. Da stand ich nun auf dem Flur mit Koffern. Der Chef meines Mannes hat ihn dann freigestellt um mich abzuholen. Ein netter Krankengymnast gab mir dann in den Therapieräumen die Möglichkeit, mich hinzulegen, bis mein Mann eintraf.


Insgesamt habe ich kein Problem mit der fachlichen aber doch sehr wohl mit der menschlichen Betreuung. Auch als mein Mann die Ärzte zur Rede stellte, wie sie mich in diesem Zustand ohne Hilfe und vorherige Erklärung so vor die Tür setzen könnten, gab es kein Verständnis. Die Ärzte verstanden das Problem überhaupt nicht.


Letztlich war es dann gut, dass ich nicht operiert wurde, denn der Bandscheibenvorfall heilte von selbst ab und mir geht es heute gut. Doch dieser Krankenhausaufenthalt bleibt mir aufgrund der Umstände noch in Erinnerung. Das Hin- und Her „operieren“-„nicht operieren“, nichts wird mitgeteilt und der Umgang der Ärzte mit mir zeigen, dass die Ärzte menschlich hier noch einiges lernen müssen. Es sollen Menschen und nicht Krankheiten behandelt werden. Mehr Respekt vor dem Patienten, Achtung der Privatsphäre und Aufklärung über das was passiert sind dringend notwendig.


Autor: intuitum

03.11.2008
Gründung der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADe)




Die Zukunft der Allgemeinmedizin in Deutschland ist unsicher. Zum einen herrscht - insbesondere in den bereits heute primärärztlich unterversorgten Gebieten Ostdeutschlands - ein zunehmender Hausärztemangel durch Überalterung zum anderen entscheiden sich immer weniger junge Mediziner nach dem Studium für die Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin. Gründe dafür gibt es sicher viele. Ein Grund dürfte sein, dass die Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen in diesem Fach als schlecht angesehen werden. So gibt es in den meisten Regionen Deutschlands einen deutlichen Einkommensverlust in den Abschnitten der ambulanten allgemeinmedizinischen Weiterbildung. Zudem verunsichert die geplante Einführung von Case Managern anderer Fachrichtungen und der Ausbau der Medizinischen Versorgungszentren junge Mediziner mit dem Berufsziel Hausarzt. Werden Sie gebraucht? Werden Sie von der Regierung gewollt und unterstützt?


Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin im September 2008 in Berlin wurde in der Sektion Weiterbildung die Arbeitsgemeinschaft "Junge Allgemeinmedizin Deutschlands" (JADe) gegründet. Sie richtet sich an alle Ärzte in der Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin und an Fachärzte in den ersten fünf Berufsjahren. Als Kommunikationsplattform bestehen derzeit ein Internetforum (JA-De-subscribe@yahoogroups.de) und eine Internetpräsenz (www.jungeallgemeinmedizin.de). Die JADe entstand zunächst aus einzelnen Mitgliedern bestehender regionaler Gruppen von Ärzten in der Weiterbildung wie dem Forum Weiterbildung Heidelberg, der WABe in Berlin und vergleichbarer Initiativen in Kiel, Hessen und Freiburg. JADe hat das Ziel der Interessensvertretung des allgemeinmedizinischen Nachwuchses in Deutschland. Sie ist damit vergleichbar mit der JAMÖ in Österreich, der JHAS in der Schweiz und ähnlichen nationalen Organisationen in fast ganz Europa. Allen gemeinsam ist das Bestreben die Arbeits-, Weiterbildungs- und Forschungsbedingungen für angehende Hausärzte zu verbessern und ein Netzwerk von jungen Allgemeinmedizinern zu bilden. Sie ist somit ein Ansprechpartner sowohl für junge Mediziner als auch für Entscheidungsträger aus Politik und Ärzteschaft.


Als international übergreifende Organisation junger (angehender) Allgemeinmediziner besteht seit 2004 die Vasco da Gama Bewegung. Diese wiederum ist Teil der weltweiten Gesellschaft der Hausärzte und Familienmediziner (WONCA) und beinhaltet verschiedene Arbeitsgruppen, in denen Themen wie Ausbildung, Forschung, Austauschprogramme und Förderung des Nachwuchses diskutiert und eigene Projekte initiiert werden. Eines der Projekte ist eine europaweite Umfrage zur
Weiterbildungssituation in der Allgemeinmedizin . Einmal jährlich findet im Rahmen des europäischen WONCA Kongresses eine Vorkonferenz statt. Zuletzt trafen sich Teilnehmer aus 40 Ländern in Istanbul. Nächstes Jahr findet die Konferenz in Basel statt.


Autor: Der Neue Hippokrates

31.10.2008
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Das Wesentliche aus dem Blick verloren


Sonntag, Dienstantritt zu einem 24-Stunden-Dienst. Gerade die Klinik betreten. „Ah, da ist ja der Doktor soundso“, schallt es aus dem Hintergrund, und mein Name fällt. „Den mache ich gleich einen Kopf kürzer!“ Es ist die Dame an der Rezeption. Eine Unstimmigkeit im Entlassungsschein zu ihren Unterlagen. Die Patientin ist doch nicht gestern nach Hause gegangen, sondern erst heute morgen. Riesendrama! Das Datum im Entlassungsschein und im Kurzarztbrief müssen geändert werden. Vor einigen Wochen gab es schon einmal eine Beschwerde aus dem Verwaltungstrakt unseres Hauses: Die für die Entlassungsscheine zuständige Dame ist zum Geschäftsführer gerannt und hat sich über mich beschwert, ich würde NIE die Entlassungsscheine unterschreiben und überhaupt meine Arbeit nicht gut machen. Das ging dann zum Chefarzt und Oberarzt an mich weiter, die über die Frau nur den Kopf schüttelten.


Ich habe Glück und menschliche Vorgesetzte, die mir den Rücken stärkten. Als ich danach in den Verwaltungstrakt ging, um ein klärendes Gespräch zu führen wurde ich gleich angefahren: Ja, ich würde ständig Fehler machen. Sie sollte mir die Unterlagen doch bitte zeigen, die fehlerhaft seien, entgegnete ich ihr. Ich bekam ein Formular vorgelegt, indem ich aus einer „7“ eine „8“ gemacht hatte, meine Unterschrift für diese Änderung daneben. Das ginge so nicht. Ich wollte weiteres sehen. Auch heute wieder hätte ich Fehler gemacht, nun ja, nicht direkt, aber die Kollegin, die ich vor zwei Monaten eingearbeitet habe, hätte ein Kreuzchen nicht gemacht auf dem Formular. Und, weil ich sie eingearbeitet hätte, sei das halt dann auch mein Fehler.


Das ist symptomatisch für unser derzeitiges Gesundheitssystem. Die Prioritäten werden aus dem Auge verloren und die Verwaltungen haben die Macht übernommen. Kreuzchen auf Formularen sind wichtiger geworden als eine gute Patientenversorgung. Da werden den Ärzten „Opt-Out-Regelungen“ aufgezwungen, also Regelungen, die besagen, dass man über das erlaubte Maß von 48 Stunden pro Woche im Durchschnitt arbeiten darf, während die Verwaltungsangestellten selbst um 8 Uhr kommen, um 16 Uhr gehen. Keine Nachtdienste, keine Wochenenddienste, kaum Überstunden für die Verwaltung. Da werden große Prozessschaubilder mit Pfeilen und Grafiken entworfen, die für jemanden, der die Realität nicht kennt, womöglich gut aussehen. Eine Schwester, die sich das Bild ansah brachte es auf den Punkt: „Wo ist denn der Patient?“ Ganz in der Ecke, praktisch vor lauter Prozessen und Vorschriften kaum sichtbar stand klein „Patient“.


Das Maß wurde verloren vor lauter Kontrollzwang und Fokussierung auf die Kosten. Betriebswirte sind Geschäftsführer und nicht mehr Juristen wie früher. Die Umgangsformen sind großenteils herablassend empfunden. Bei den Ärzten und der Pflege herrscht gleichzeitig der Eindruck vor, der ganze Verwaltungsaufwand ginge am Wesentlichen vorbei. Beim Umbau der Klinik wurden die Schwestern zum Beispiel um Rat gefragt. Sie machten Vorschläge: Duschbadewannen ohne hohen Rand, damit die Patienten besser hineinkämen, Hocker für die Bäder und so weiter. Als die Bauarbeiten abgeschlossen waren, war dann alles anders. Aus Kostengründen. Doch nicht nur in den Klinken läuft das so, auch der ambulante Sektor hat bekanntermaßen zu kämpfen. Hier sind es dann nicht die Krankenhausverwaltungen, sondern die Kassenärztlichen Vereinigungen, die in groteskem Maß und in inhaltlicher Absurdität von den Ärzten Dinge fordern, dass man sich wundert, wieso überhaupt noch jemand diesen Beruf ausübt.


Wo ist der Patient? Wo ist der Mensch? Mit Menschen hat die Verwaltung nur dann etwas zu tun, wenn sich die Patienten beschweren. Und was passiert dann? Dann wird die Beschwerde direkt an die Ärzte weitergereicht. Hauptsache die Unterschrift und das Kreuzchen auf den Formularen stimmen. Was mit Menschen zu tun hat, ist doch nicht Sache der Verwaltung. So sehen wir Ärzte das auch. Daher sollten unsere Entscheidungsträger begreifen: Es ist an der Zeit ist, dass Kliniken von Ärzten geleitet werden sollten, wobei die Verwaltung ihnen als untergeordnet bei der Organisation hilft. Wir haben uns die Verwaltungen einmal zur Entlastung unserer Tätigkeit ausgedacht. Das wäre der richtige Weg, um wieder zu einem Gesundheitswesen zu kommen, das eine Zukunft hat.


Autor: Dr. Dolittle

22.10.2008
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"Der Beruf des Hausarztes wird wieder attraktiver"




Der neue Hippokrates: Warum wollen immer weniger junge Kollegen Hausärzte werden, Herr Dr. Mühlenfeld?


Dr. Mühlenfeld: Das hat aus meiner Sicht drei Hauptgründe: Zum einen ist durch die politischen und tatsächlichen Rahmenbedingungen die Arbeitssituation für Hausärzte durch das System der Kassenärztlichen Vereinigungen immer unattraktiver gemacht worden, so dass viele Kollegen hier keine Perspektive mehr sehen. Zum anderen das durch die Ärztekammern verursachte Hick-Hack bei den Weiterbildungsordnungen – zur Zeit sind drei verschiedene Weiterbildungsordnungen gültig. Zudem gibt es den „Arzt für Innere und Allgemeinmedizin“ nicht in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Wer soll das noch verstehen? Und zu guter letzt natürlich die Honorierung. Es ist schon makaber, wenn man sich entscheidet Hausarzt zu werden, wird man die letzten zwei Jahre seiner Weiterbildung schlechter bezahlt als in der Klinik. Als ob sich die Hausärzte schon mal daran gewöhnen sollen, dass sie später auch weniger Honorar erhalten werden.


Der neue Hippokrates: Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, um den Beruf des Hausarztes für den medizinischen Nachwuchs wieder attraktiver zu machen?


Dr. Mühlenfeld: Im Wesentlichen müssen die drei oben genannten Probleme gelöst werden. Durch die Änderung des §73b, werden wir die Attraktivität des Hausarztberufes steigern können.


Der neue Hippokrates: Zur Erläuterung für unsere Leser: Im geänderten §73b des Sozialgesetzbuches V wird festgelegt, dass – und hier zitiere ich aus dem Gesetzestext: „Krankenkassen alleine oder in Kooperation bis zum 30.6. 2009 Verträge mit Gemeinschaften schließen müssen, die mindestens die Hälfte der an der hausärztlichen Versorgung teilnehmenden Allgemeinärzte des Bezirks der Kassenärztlichen Vereinigung vertreten.“


Dr. Mühlenfeld: Das Bundesministerium für Gesundheit hat signalisiert, dass man bei der Weiterbildungsförderung auf unsere Ideen eingehen will. Bei den Weiterbildungsordnungen sehe ich allerdings keine Besserung. Solange wir keine eigene Bundeshausärztekammer haben, werden uns hier die Spezialisten immer unterbuttern.


Der neue Hippokrates: Es wird von verschiedenen Seiten die Meinung vertreten, dass sie vor allem ein Produkt berufspolitischer Machtspiele ist und die junge Ärztegeneration darunter zu leiden hat. Ich möchte hier nur an die hohe Anzahl an Duplex- oder Sonographieuntersuchungen erinnern, die gefordert werden. Sollte sich eine Weiterbildungsordnung für Allgemeinmedizin nicht vor allem daran orientieren was ein Hausarzt in der Praxis braucht?


Dr. Mühlenfeld: Da haben die „verschiedenen Seiten“ Recht. In der Tat ist die Weiterbildungsordnung ein Produkt des Kompromisses mit den Internisten. Das war allerdings anders nicht möglich - ich habe ja bereits auf die Verhältnisse in den Ärztekammern hingewiesen...


Der neue Hippokrates: ...Sie meinen das Übergewicht der spezialisierten Fachärzte gegenüber den Generalisten, das heißt, den Fachärzten für Allgemeinmedizin.


Was können wir konkret tun, um die jetzige Weiterbildungssituation zu ändern? Was raten Sie den jungen Ärzten, die Generalisten und nicht Spezialisten werden wollen?



Dr. Mühlenfeld: Wir müssen solidarisch und selbstbewusst sein. Also wir brauchen einen hohen Organisationsgrad im Hausärzteverband und in der DEGAM, der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Zudem kann ich allen zusichern, dass es besser wird. Denn der Paragraph 73b des Sozialgesetzbuches wird geändert, Baden-Württemberg ist mit guten Beispiel vorangegangen.


Der neue Hippokrates: ...In Baden-Württemberg hat der Hausärzteverband mit der AOK einen Vertrag ohne die Kassenärztliche Vereinigung abgeschlossen.


Der neue Hippokrates: Ist es nicht auch ein Problem, dass das Berufsbild des Hausarztes zur Zeit selbst vielen Kollegen nicht klar ist? Manche behaupten ja selbst als Allgemeinmediziner, sie verstünden vieles oberflächlich und nichts richtig. Was sind denn die Kernkompetenzen eines Hausarztes in Abgrenzung zum Spezialisten? Wohin führt der Weg?


Dr. Mühlenfeld: Auch da haben Sie Recht. Deswegen hat der Hausärzteverband bereits vor sechs Jahren damit angefangen, die Identität und das Selbstbewusstsein der Kollegen zu stärken, indem wir Fortbildung „von Hausärzten für Hausärzte“ fordern und fördern. Mit dem Institut für hausärztliche Fortbildung (IHF) nehmen wir unter den Grundsätzen „hausarztgerecht, produktneutral und evidenzbasiert“ einen aktiven Part im Fortbildungsmarkt ein. Über Fortbildungen können wir die Kollegen stärken und ein besseres Gruppenverständnis aufbauen. Ein anderer Bereich ist die DEGAM, die sicherlich sehr viel für die Gruppenidentität leisten kann. Ich würde sie als den wissenschaftlichen Unterbau der Hausarztmedizin bezeichnen. Leider sind nur sehr wenige Kollegen Mitglieder der DEGAM.


Der neue Hippokrates: Was wird Ihrer Meinung nach das „Gesetz zur Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung“ in der aktuellen Form bewirken? Wird sich dadurch die Bezahlung in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin nachhaltig ändern?


Dr. Mühlenfeld: Ich denke, dass die jetzige Gesetzesänderung dazu führen wird, dass der Beruf des Hausarztes wieder attraktiver wird. Allerdings wird das nicht ausreichen, zeitnah auch die Weiterbildung zu fördern. Dazu bedarf es weiterer Maßnahmen, wie zum Beispiel die Förderung durch eine zentrale Förderungsvergabe, wo die Weiterbildungsassistenten eventuell ihre gesamte Förderung im sogenannten Rucksack-Prinzip für die gesamte fünfjährige Weiterbildungszeit zugesagt bekommen und die Weiterbildungsstelle die Fördermittel dann jeweils abrufen können. Aber auch der Ausbau der Allgemeinmedizin an den Hochschulen muss gefördert werden. Es kann doch wirklich nicht angehen, dass immer noch weniger als die Hälfte der medizinischen Fakultäten keinen eigenen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin haben. Auch wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, wenn mittelfristig die Weiterbildung besser strukturiert werden würde. In den Niederlanden zum Beispiel sind die Weiterbildungsassistenten an einem Tag in der Woche zentral an der Uni um gewisse Lerninhalte strukturiert vermittelt zu bekommen. Letztlich würde ich es begrüßen, wenn dass von mir aufgebaute Mentoring-System fest etabliert würde. Dies wäre sicherlich eine einfache und effektive Methode, die Ärzte in der Weiterbildung zu fördern.


Autor: Der Neue Hippokrates

19.10.2008
Treffen der Jungen Allgemeinmedizin Südbaden




Am 14.10.2008 fand das erste Treffen der südbadischen Ärzte und Ärztinnen in Weiterbildung Allgemeinmedizin und junger Fachärzte/-innen dieses Fachs in Freiburg statt.


Bisher waren wir vor allem Einzelkämpfer/-innen, da Begegnungsmöglichkeiten von offizieller Seite fehlten. Durch zunächst quartalsweise Stammtisch-Treffen wollen wir einander kennen lernen, Erfahrungen austauschen, Fragen zur Weiterbildung beantworten, Tipps zu guten Stellen in Klinik und Praxis weitergeben, Neues aus der Berufspolitik diskutieren, im Miteinander Hilfe und Motivation finden, Lerngruppen zur Prüfungsvorbereitung bilden und vieles mehr. Zudem haben wir begonnen, eine Evaluationsliste unserer bisherigen Weiterbildungsstellen zu führen. Diese Liste wird bei unseren Treffen einsehbar sein und soll jungen Kollegen helfen, nur noch bei guten Weiterbildern eine Stelle anzunehmen. Weniger Erfahrene sollen von mehr erfahrenen Kollegen lernen, so wie es in der Klinik gang und gäbe ist.

Das nächste Treffen wird am Dienstag, dem 13.01.2009 um 19.30 Uhr im La Gaffe, Lehener Str. 49 (Ecke Eschholzstraße), 79106 Freiburg stattfinden.


Auf Euer Kommen freuen sich

Sabine Beck (Fachärztin für Allgemeinmedizin, Uni Freiburg)

Marcus Schmidt (Arzt in Weiterbildung, Tengen)




Autor: Der Neue Hippokrates

17.10.2008
Der neue Hippokrates in der Frankfurter Rundschau




Der neue Hippokrates wurde am 17. Oktober in der Frankfurter Rundschau auf Seite F24 im Frankfurtteil der Zeitung vorgestellt. Grundlage ist ein Interview, das der Redakteur Sebastian Amaral Anders am Vortag mit dem Herausgeber der Internetzeitung, Christian Haffner, telefonisch geführt hat. Darin beschreibt er die Grundidee des Projektes, Erfahrungen aus dem Gesundheitswesen an die Öffentlichkeit zu bringen. "Der neue Hippokrates" hat den Sprung geschafft, in der Tagespresse wahrgenommen zu werden, worüber wir uns als Redaktion natürlich freuen.


Den Artikel der Frankfurter Rundschau finden Sie auf unserer Seite Pressestimmen


Autor: Der Neue Hippokrates

16.10.2008
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Weiterbildungstreffen angehende Hausärzte Hessen


Bisher gab es vor allem Einzelkämpfer in der Spezialisierungsphase zum Facharzt für Allgemeinmedizin, die in Deutschland fünf Jahre nach Studienende und Zulassung als Arzt dauert. Am 15. Oktober 2008 fand das erste hessische Weiterbildungstreffen der angehenden Hausärzte und jungen Fachärzte für Allgemeinmedizin im „Zimt & Koriander“ in der Leipziger Strasse in Frankfurt am Main statt. In Deutschland gibt es bereits mehrere solcher unabhängigen Weiterbildungsgruppen, wie die Weiterbildung Allgemeinmedizin Berlin (WABe), den Stammtisch für Weiterbildungsassistenten Allgemeinmedizin Kiel, das Forum Weiterbildung in Heidelberg und seit diesem Monat das Treffen der südbadischen Ärzte und Ärztinnen in Weiterbildung Allgemeinmedizin und junger Fachärzte dieses Fachs.

Als Ziele dieser monatlichen Treffen wurde eine bessere Vernetzung untereinander festgelegt, wobei fachliche Unterstützung, organisatorische Hilfe und eine berufspolitische Formierung eine Rolle spielen. So wird es eine gemeinsame Diskussionsmöglichkeit über Yahoo-Groups geben und damit über eine gemeinschaftliche Gruppen-E-Mail der Austausch erleichtert. Das im Krankenhaus eher als in der Praxis mögliche Prinzip, dass Ärzte mit mehr Berufserfahrungen den Unerfahreneren helfen, soll über die Treffen auf eine Phase vom Ende des Studiums bis mindestens fünf Jahre nach der Facharztprüfung ausgeweitet werden. Besonders die Übergangsphasen vom Praktischen Jahr zur Berufstätigkeit als vollapprobierter Arzt, von der Klinikzeit zur Praxis und vom Arzt in Weiterbildung zum Facharzt sollen durch Hilfen der jeweils erfahreneren Kollegen erleichtert werden. Ziel ist es, langfristig eine Art Mentoring-System aufzubauen, das die jungen Ärzte während des ersten Jahrzehnts ihrer Tätigkeit als roter Faden begleitet. Organisiert werden sollen Lerngruppen für die Facharztprüfung ebenso wie ein Weiterbildungsstellenpool mit empfehlenswerten und freien Stellen in Klinik und Praxis. Auch werden Möglichkeiten zur Arbeit als Arzt für Allgemeinmedizin außerhalb der klassischen Praxis oder des Medizinischen Versorgungszentrums diskutiert und erarbeitet werden.


Informationen über die monatlichen Weiterbildungstreffen gibt es hier




Autor: Christian Haffner

13.10.2008
Arzt in Weiterbildung statt Assistenzarzt


Hallo Herr Dr. Haffner,

mit großem Interesse habe ich soeben Ihren Artikel „Die Macht der Worte“ gelesen.

Ich stimme Ihnen zu 100% zu. Ich war selbst 2 Jahre Assistenzarzt und bin dann zu Helios gewechselt (nicht, weil ich diesen Konzern so toll finde, es ergab sich halt so). Dort ist natürlich auch nicht alles Gold, was glänzt. Aber zumindest bin ich seither gemäß Konzernsprachregelung ‚Arzt in Weiterbildung‘ (AIW), auf den für alle Mitarbeiter einheitlichen Namensschildern steht nur mein Name und darunter „Arzt“ (später dann ggf. „Facharzt“ etc.). Der fragwürdige Begriff ‚Assistenzarzt‘ wird schlicht nicht verwendet. Es geht also auch in Deutschland anders.

Ich halte die Bezeichnung 'Arzt in Weiterbildung' für gut, da sie zum einen den entsprechenden Arzt nicht als 'Assistenzarzt' diskriminiert und zum anderen auch für Patienten leichter verständlich ist. Die Abkürzung AIW ist vielleicht etwas problematisch, da sie Erinnerungen an den glücklicherweise abgeschafften AiP weckt (zumindest bei jenen, die ihn noch erleben durften). Allerdings halte ich etwaige Bedenken, mit dem AIW könnte die Approbation möglicherweise erst nach der Facharztprüfung erfolgen, in Zeiten eines sich verschärfenden Ärztemangels für eher theoretisch, dies ließen sich die mittlerweile streikerprobten Jungmediziner sicher nicht gefallen.

Freundliche Grüße aus Schwerin


Autor: AiW

13.10.2008
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Die Macht der Worte


Ärzte nach sechs Jahren Medizinstudium und häufig auch abgeschlossener Promotion werden im deutschsprachigen Raum „Assistenzärzte“ genannt, die in der „Ausbildung“ zum Facharzt sind. Dies suggeriert zwei Dinge: Es handelt sich nicht um richtige Ärzte, sondern um Assistenten von jemandem, und sie sind in der Ausbildung wie der Bäcker- oder Schreinergeselle, der nach dem Schulabschluss seine Lehre begonnen hat. So erzählte ein Kollege ein Erlebnis aus dem Praktischen Jahr, also dem letzten Studienjahr, in dem eine Assistenzärztin ein kleines Mädchen versorgte und ihr Bruder die Mutter mit ängstlichem Gesicht fragte: „Mama, was ist denn ein Assistenzarzt?“ Kollegen und mir passierte es schon öfter, dass Patienten fragten, ob wir Assistenten von Ärzten seien und wann der eigentliche Arzt komme. Die deutsche Krankenhaushierarchie entstammt der preussischen Militärordnung. Dass Ärzte in der Weiterbildung ihren Chef- oder Oberärzten assistieren ist maximal bei Operationen so. Im Stationsalltag ist es eher umgekehrt. Wenn ein angehender Facharzt Fragen hat, fragt er seine Vorgesetzten um Rat, da diese mehr Erfahrung haben. Als Supervisor besuchen diese bei den Chef- und Oberarztvisiten zusammen mit dem Stationsarzt die Patienten, korrigieren und optimieren die Therapie.

Im Krankenhausalltag wird tatsächlich häufig nur von „Assistenten“ und nicht von „Assistenzärzten“ gesprochen. Das macht es leichter, uns wie Diener zu behandeln, uns Privatpatienten für die Chefs versorgen zu lassen, ohne dafür entlohnt zu werden. Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, als die Ärzte in der Weiterbildung den Chefs am Wochenende zu Hause den Rasen gemäht oder andere private Aufgaben erledigt haben. Vielleicht sollten wir uns in Zeiten der Globalisierung einmal Gedanken machen, ob wir hier nicht, wie im Ausland längst üblich, neutrale Begriffe finden sollten. In Großbritannien heißt dieser Status Anfangs „Junior house officer“ und später „Senior house officer“, im amerikanischen English „Resident“, im Spanischen „residente“, in Österreich „Turnusärzte“, in Frankreich „interne“. Ich denke, es ist Zeit, sich von dem diskriminierenden Begriff des „Assistenzarztes“ zu lösen und hier gemeinsam nach einem neuen Begriff zu suchen. Schreiben Sie uns Ihre Vorschläge an: der-neue-hippokrates@gmx.de oder diskutieren Sie diese Frage in unseren Foren oder senden Sie uns Ihren Beitrag über www.der-neue-hippokrates.com


Lesen Sie hierzu auch den Leserbrief unseres Benutzers "AiW"

Hinweis: Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Marburger Bund Zeitung, in der der Artikel als Leserbrief in der Ausgabe vom 10. Oktober 2008 erschienen ist.



Autor: Der Neue Hippokrates

13.10.2008
Konspiratives Treffen mit Medizynicus




Es gibt mehrere Blogs im Internet, die Geschichten aus dem Krankenhaus veröffentlichen. Als der „neue Hippokrates“ vor einigen Monaten ins Netz ging meldete er sich auch an: „Medizynicus“. Sein Eintrag auf seiner Webseite www.medizynicus.de ist mir noch gut in Erinnerung: "Der neue Hippokrates" ist genau DAS kritische Medizinerforum, auf welches nicht nur ich, sondern viele Kolleginnen und Kollegen seit mindestens zehn Jahren gewartet habe." Er wurde gleich in den Foren aktiv, schrieb einen Artikel, den wir als Podcast einstellten.


Vor einigen Wochen mailte mir dann ein Kollege, den ich von Diskussionsforen kannte, er sei bald in der Nähe meines Wohnortes, auf der Durchreise, ob ich Zeit und Lust hätte, mich mit ihm zu treffen. Es ging um die Vernetzung von uns jungen Ärzten, über die er sich mit mir austauschen wollte. Gesagt, getan, wir trafen uns, gingen in einen Thai-Imbiss und unterhielten uns bei Nudeln mit Gemüse und einigen Bier einige Stunden lang bis kurz vor Mitternacht. Im Nebensatz erwähnte er zwischendurch, er habe mir für den „neuen Hippokrates“ unter Pseudonym ja auch einen Artikel geschickt, den ich veröffentlicht habe und spielte auf den Inhalt an. Er war es: Medizynicus, wie er leibt und lebt. Nicht nur wir jungen Ärzte vernetzen uns jetzt in offiziellen Vereinigungen, um uns gegenseitig zu unterstützen. Auch wir Pioniere für ein besseres Gesundheitswesen und eine freie, kritische Presse verstärken uns jetzt in unseren Aktivitäten. Gemäß dem Motto „Kooperation statt Sozialdarwinismus“, wie ich vor einigen Wochen in einem Artikel für den „neuen Hippokrates“ schrieb. Ein erster Schritt ist hiermit getan.


Autor: Der Neue Hippokrates

07.10.2008
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Wir leben nicht im luftleeren Raum


Uneingeschränkte Flexibilität wird heute häufig vorausgesetzt. Erst vor kurzem erhielt ich einen Anruf von einer Personalvermittlungsagentur auf meine Anzeige nach einer Stelle im Rhein-Main-Gebiet. „Wir haben da etwas für Sie“, begann das Gespräch und der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung beschrieb mir die Stelle in allen Details, nur nicht an welchem Ort ich arbeiten sollte. „Das ist im Münsterland“, sagte er dann zögerlich und fügte schnell hinzu: „Aber Sie sind doch ohne Einschränkung flexibel, oder?“ Als ich dies verneinte wurde es auf der anderen Seite still. Nach einer Pause von einigen Sekunden verabschiedete sich mein Gesprächspartner schnell, „vielleicht hören wir uns in den nächsten Jahren ja mal wieder.“



Ähnliche Gespräche führte ich in den letzten Jahren des öfteren. Was dabei vergessen wird, ist, dass wir Menschen mit sozialem Netz sind, viele von uns Partner oder Familie haben. Im Unterschied zu anderen Berufen bezahlen uns die neuen Arbeitgeber weder die Kosten, die durch ein Bewerbungsgespräch entstehen, wie Fahrtkosten oder Übernachtung. Noch erhalten wir Geld für den Umzug. Auf der einen Seite wird beklagt, dass wir jungen Menschen immer weniger Kinder bekommen und die Renten sowie weitere Sozialkosten nicht mehr finanzierbar werden. Auf der anderen Seite werden wir nicht als soziales Wesen, sondern als Einzelwesen behandeln, die man beliebig je nach Bedarf umverteilen kann. Genau so läuft auch die Bedarfsplanung für Hausärzte. Dabei werden die wichtigsten Faktoren, den Menschen in all seiner Komplexität zu verstehen, die Gründe außerhalb des Berufes, nicht oder nicht genügend berücksichtig. Wollen wir eine nachhaltige gesellschaftliche Lösung, so müssen wir uns ein multidimensionales Bild von uns Menschen machen und danach Anreize setzen, wie wir das mit unserem Bedarf in Einklang bringen.



Es ist überhaupt ein Problem unserer aktuellen Gesellschaft, dass wir uns zu wenig um Gesamtbilder und um Kooperation kümmern und zu viel Einzelkämpfer sind. Jeder gegen jeden funktioniert auch in Körpern von Lebewesen nicht. Auch hier ist Kooperation gefragt. Die Lösung ist mehr Basisdemokratie, arbeiten mit der Bevölkerung, Kommunikation mit einander und Abschied vom obrigkeitsstaatlichen Denken, dass wir Deutsche noch tief in unserer Kultur verankert haben. Der Ruf nach dem Staat sollte einem aktiven Handeln weichen, Vorschläge zu machen, wie es besser gehen könnte. Hier müssen wir alle zusammenwirken. Jeder hat in seinem Aufgabengebiet Fähigkeiten, die wir brauchen. Hier müssen wir ansetzen, um unsere Gesellschaft zu erneuern und den momentan spürbaren Sozialdarwinismus in ein Zusammenleben und -wirken umzuwandeln, das nicht nur angenehmer, sondern auch effektiver ist.






Autor: Dr. Großes Rad

29.09.2008
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Marktwirtschaft auf Kosten von Patienten und Klinikpersonal


Über 135 000 Demonstranten waren am 25. September am Brandenburger Tor in Berlin zur Großdemonstration gegen die Situation in den Krankenhäusern gekommen. Wer innerhalb der letzten Jahre als Kassenpatient in einem Krankenhaus war oder als Mitarbeiter in einem Krankenhaus gearbeitet hat, der weiß, was die Motivationen sind an einem solchen Protest teilzunehmen. Gerne wird über die Massenmedien die für den Normalbürger riesig anmutende Summe von 3,2 Milliarden Euro als Hilfspaket genannt, ohne dass erläutert wird, wohin das Geld fließt, was sich dadurch an welcher Stelle konkret ändern kann. Es erscheint so, dass das Geld doch locker ausreichen müsste, wie das Ulla Schmidt behauptet und die Deutsche Krankenhausgesellschaft schön rechnet. Für den Mitarbeiter der Krankenhäuser stellt sich die Sicht genau gegenteilig dar: Gerade in den Krankenhäusern mit privatem Klinikträger haben die Verwaltungen die Macht übernommen, wie der scheidende Chefarzt Dr. Wolfgang Storm im Deutschen Ärzteblatt vor einer Woche so eindrucksvoll darstellte Link: Deutsches Ärzteblatt Nr. 38. Wer wie der Autor dieses Textes in einem in den letzten Jahren privatisierten Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung gearbeitet hat, der weiß, dass es keine Übertreibung ist und dass die vielen Theoretiker den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben.



Man muss es offensichtlich erlebt haben, um es zu glauben. Im Vergleich zu den USA müsse eine Pflegekraft hierzulande 20 und nicht 13 Patienten betreuen, schreibt die Frankfurter Rundschau in ihrer Ausgabe vom 26. September auf Seite 4. Auch bei den Ärzten sieht es nicht besser aus. In Deutschland versorgt im statistischen Jahresschnitt jeder Arzt 146 Patienten, im Unterschied zu 120 in Großbritannien, 102 in Norwegen und 69 in der Schweiz, sagte der 1. Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, in seiner Rede vor den Demonstranten in Berlin. Doch diese Zahlen reichen nicht aus, ein Bild vor dem geistigen Auge zu erzeugen, was es heißt, wenn das Personal hoffnungslos überlastet ist. Da liegen Patienten mit Schlaganfall, die sich kaum noch bewegen können eine halbe Stunde oder länger im Bett, bis sich jemand um sie kümmern kann, wenn sie geklingelt haben. Da sterben nachts Patienten mit Luftnot, weil es für 40 Patienten nur eine Schwester gibt, die nur alle vier Stunden bei jedem Patienten sein kann. Ärzte, die direkt von der Uni kommen und noch nicht in ihrem Krankenhaus eingearbeitet sind, werden zum Dienst alleine für das ganze Haus eingeteilt, weil die Verwaltungen keine Ärzte von den Facharztagenturen besorgen wollen. Aus Kostengründen. Jeder Arzt weiß, wie viele Fehler man am Anfang macht, wenn man keine gute Betreuung durch Kollegen und Chefs erfährt, weil eine Einarbeitungsphase nicht mehr eingerechnet wird. Wir schlagen vor, dass jeder Entscheidungsträger unangekündigt und inkognito einmal in die Krankenhäuser geht und sich das Elend ansieht.



Die Zahlen verschleiern auch noch anderes: Ärzte leisten hierzulande Arbeit, die außerhalb Deutschlands nicht Arztsache ist. Bürokratie bis zum Abwinken, Abrechnung der Krankenhausleistung durch Kodierungen der Diagnoseziffern, Blutabnehmen, Infusionen anhängen, Infusionsnadeln legen. International gesehen sind das alles keine Aufgaben der Ärzte. Auch die Pflegekräfte tun nicht das, was sie gelernt haben, sondern bereiten Stundenlang die Pillen der Patienten vor, die sie mühsam aus den Schachteln in die Patientendispenser hineinsortieren und mehrfach kontrollieren müssen. Sie verteilen das Essen und räumen es wieder ab. Im Ausland, wie in England, ist es Aufgabe der Apotheke, die Medikamente vorzubreiten, die in Plastiktäschchen eingepackt und mit Patientenetikett versehen die Station erreichen. Um das Essen der Patienten kümmert sich separates Personal. Doch den Kliniken ist das noch nicht genug. So werden in den Kliniken vermehrt Pfleger und Schwestern auch als Hol- und Bringedienst eingegesetzt. Das heißt, die Pflegekräfte müssen die Patienten auch selbst über weite Wege zu den Untersuchungen fahren und wieder abholen. Nebenbei Bürokratie, die Ärzte auf den Visiten begleiten und die gesamte Station versorgen. Wer das einmal miterlebt hat, weiß, dass das nicht lange gut geht. In Notfallsituationen ist dann niemand da, der schnell und gezielt eingreifen kann. Sogar Putzfrauen wurden zeitweise als Boten für Patientenunterlagen eingesetzt, um die Personalzahl knapp zu halten.



Dass die Patientenverweildauer vom 14,7 Tagen im Jahr 1990 auf acht Tage zurückgegangen ist, bedeutet zweierlei: Früher waren die Patienten wirklich länger im Krankenhaus als notwendig, heute sind sie es oft kürzer als notwendig. Wer die Berichterstattung über die Beschwerden der Praxisärzte über die Rhön AG verfolgt hat, wie schlecht die Patienten in der vor einigen Jahren privatisierten Universitätsklinik Gießen-Marburg versorgt würden und wie halbfertig behandelt sie entlassen würden, der weiß, dass das System hat. Die Rhön AG wiegelt ab, rechnet die Gewinne vor, wie das ein marktwirtschaftlicher Konzern eben so tut, der nicht wegen seiner Ethik die Kliniken übernommen hat. Doch die Bundesregierung möchte die Krankenhausanzahl durch einen besonders scharfen Wettbewerb reduzieren. Welche Auswirkungen das auf Arbeitsatmosphäre und Umgang mit Patienten hat ist vielen nicht klar. In den Rehakliniken werden die Gutachten für Rentenversicherungen geschönt, damit die Klinik besser dasteht als andere, in den Akuthäusern werden die Fallzahlen künstlich erhöht und die Diagnosen so verschlüsselt, dass der sogenannte Case-Mix-Index ein besseres Bild mit kränkeren Menschen abbildet. Aber wo bleibt die Ethik? Wo bleiben die Menschen? Das Fragen sich die Klinkmitarbeiter schon lange. Deshalb sind sie jetzt auf die Strasse gegangen, deshalb waren sie in Berlin.





Autor: Der Neue Hippokrates

23.09.2008
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Wird der Hausarzt aussterben?


Trotz offensichtlichem und gravierendem Hausärztemangel wird in Deutschland der Nachwuchs während der Spezialisierung zum Facharzt für Allgemeinmedizin nur mit einem Hungerlohn bezahlt. Bis Ende September verhandeln Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Spitzenverbände der Krankenkassen über eine Erhöhung der Fördersumme für angehende Hausärzte, wie dies vom 111. Deutschen Ärztetag in Ulm im Mai dieses Jahres gefordert wurde. Dies könnte den Hausarztnachwuchs wieder zu diesem Beruf animieren oder ihn endgültig ins Ausland oder in andere Berufe vertreiben.

Seit Jahren ist es in der Presse: Es herrscht Hausarztmangel in Deutschland. In den nächsten Jahren werden schätzungsweise 40 000 Ärzte in den Ruhestand gehen, da wir eine gravierende Überalterung der Hausärzteschaft haben. Doch der Nachwuchs tröpfelt nur nach. Wie kommt das? Nach dem abgeschlossenen Studium der Medizin muss in Deutschland – länger als in anderen europäischen Staaten – eine Spezialisierungsphase zum Facharzt für Allgemeinmedizin von fünf Jahren durchlaufen werden. Doch es gibt keine Rotationen durch verschiedene Fachgebiete, wie sich das die Bevölkerung und auch viele Ärzte vorstellen. Die Organisation wird dem Zufall überlassen, was dazu führt, dass in der Realität meist nur Innere Medizin in der Klinik gelernt wird. Nach einer etwa dreijährigen Arbeit als Stationsarzt in der Inneren Medizin im Krankenhaus folgt eine zweijährige Mitarbeit bei einem anderen Hausarzt. Und hier steckt ein Hauptproblem: Da angemessene Gehälter nicht bezahlt werden können, wurde 1999 eine Förderung durch die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen beschlossen. Gedacht war das als Unterstützung der Fachärzte für Allgemeinmedizin, damit sie junge Kollegen wieder einstellen und diese von ihnen lernen.

Doch aufgrund von knappen Ressourcen wird zum größten Teil lediglich diese Fördersumme von 2040 Euro als Bruttogehalt ausbezahlt, so dass bei einem Alleinverdiener mit Kind eine Nettogehalt von knapp über Hartz IV entsteht. Im Unterschied zu anderen Berufen müssen hiervon jedoch noch Ärztekammerbeiträge, Berufshaftpflichtversicherung, Marburger Bund-Beitrag sowie teure Pflichtkurse mit Kursgebühren von teilweise 900 Euro bezahlt werden. Zu dieser Finanzierungslücke mit etwa dem halben Gehalt eines gleichkompetenten Krankenhausarztes in der Spezialisierungsphase zum Facharzt kommt eine fehlende Weiterbildung in den meisten Praxen hinzu. Erst in diesen Tagen wurde auf dem Kursus Weiterbildung Allgemeinmedizin in Bad Nauheim von mehreren angehenden Hausärzten berichtet, dass ihr Chef sich um sie gar nicht kümmere, er oft nicht einmal in der Praxis sei und sie ihn alleine vertreten müssten.

Dazu kommt eine eben nicht vorhandene Rotation durch Fachgebiete außerhalb der Inneren Medizin, wie Frauenheilkunde, Kinderheilkunde, Nervenheilkunde, Hautheilkunde, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Sowohl die Bevölkerung als auch die Ärzte selbst erwarten von einem Hausarzt Fähigkeiten in diesen Fächern. Doch aufgrund der Begrenzung der Förderdauer auf eine Minimalzeit von zwei Jahren, die für die Mitarbeit bei einem fertigen Hausarzt aufgebraucht werden, können weitere Kompetenzen in anderen Fachgebieten in den meisten Bundesländern nicht erworben werden. Stellen in den Kliniken in den sogenannten „kleinen Fächern“ gibt es nicht, da hier nur Ärzte eingestellt werden, die in den jeweiligen Gebieten ihren Facharzt machen wollen. Wen wundert es da, dass Ärzte in andere Länder auswandern, wo sie eine geregelte Weiterbildung zum Facharzt bei guter Betreuung und Wertschätzung erfahren und ein Gehalt erhalten, von dem sie in diesen Jahren leben können, ohne Schulden zu machen. Deshalb: Die Förderung für die Allgemeinmedizin muss auf Krankenhaustarifniveau angehoben und die Förderdauer auf 36 Monate verlängert werden, will man hier die unverkennbare Tendenz des Aussterbens der Hausärzte verhindern.


Autor: Forum Zukunft Allgemeinmedizin

16.09.2008
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Kooperation statt Sozialdarwinismus


Divide et impera, teile und herrsche, war bereits ein probates Machtmittel der alten Römer. Schauen wir uns das heutige deutsche Gesundheitswesen an, so können wir feststellen, dass das auch immer noch gut funktioniert. Krankenhausärzte gegen niedergelassene Ärzte, spezialisierte Fachärzte gegen Hausärzte, fertige Fachärzte gegen Ärzte in der Weiterbildung, Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen gegen alle anderen und jeweils umgedreht. Und das für die Politik Bequeme ist: Die Ärzteschaft macht das alles von ganz alleine. So entsteht eine beständige Selbstbeschäftigung der einzelnen Gruppierungen mit sich selbst und gegenseitig. Die Folge: Das Potential, gegen Schwächen in unserem System vorzugehen, wird verspielt. Egal in welchem Bereich des Gesundheitswesens man arbeitet, überall wird gejammert und geklagt, überall gibt es Missstände, die teilweise haarsträubend sind. Doch es wird wenig getan. Noch bis zum Abschluss eines Tarifvertrages für die Krankenhausärzte vor wenigen Jahren hat ver.di sowohl die meisten Ärzte als auch Schwestern und Pfleger vertreten und stets betont, was die Ärzte bekommen, würde der Pflege von ihrem ohnehin kärglichen Gehalt weggenommen. Und so waren wieder alle aufeinander böse und kamen kaum einen Schritt voran.

Es ist ein Phänomen unserer Gesellschaft, dass Durchsetzungskraft und Wettbewerb als eine erstrebenswerte Tugend gilt. Es wird von Studien berichtet, die herausgefunden haben wollen, dass in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts Eltern ihren Kindern vor allen Dingen "Durchsetzungskraft" beibringen wollten. Und hinterher wundern wir uns über die Ergebnisse. Den Studenten im Medizin- und Psychologie-Studium wird gleich am Anfang klipp und klar gesagt: "Sie befinden sich im Wettbewerb, einige von Ihnen werden scheitern, einige besonders gut und die meisten das normale Mittelmaß". Das Punktesystem für die niedergelassenen Ärzte treibt dies ins Extrem, wenn die Mehrleistung von Kollegen zum Verfall des Punktewertes für alle führt. Vielleicht sollte man sich mal fragen, ob besonders spitze Ellenbogen eine Auszeichnung für einen guten Heiler sind. Ob jemand, der vor allen Dingen an sich selbst denkt und denken muss Menschen gut beraten und therapieren kann.

Wir denken, dass hier ein Grundproblem unseres Systems steckt. Die Lösung muss in eine andere Richtung gehen. Zu Darwins Zeiten und weit darüber hinaus war man der Meinung, dass das "Survival of the Fittest", das Überleben des Stärksten, ein universelles Gesetz ist. Erst nach und nach macht sich die Erkenntnis in der Wissenschaft breit, dass es viel mehr Kooperation in der Natur, in Körperzellen und überall wo Leben existiert gibt, als bisher angenommen. Doch unser Zusammenleben ist noch zu sehr von Darwins Theorien geprägt und an vielen Stellen gelebter Sozialdarwinismus. Wer daran zweifelt muss nur einmal die zur Rush Hour über die Autobahn fahren...

Als Mahatma Gandhi Indien von der britischen Kolonialherrschaft befreit hat, hatte er die Menschen hinter sich gebracht, hatten viele über lange Zeit zusammengewirkt. Genauso Martin Luther King mit seiner Bürgerrechtsbewegung, um nur einige herausragende Beispiele zu nennen. In einem kranken Gesundheitssystem wie dem unsrigen in Deutschland, ist Kooperation dringend vonnöten. Ärzte, die Pflege, Physio- und Ergotherapeuten und viele andere, müssen sich zusammentun und alle an einem Strang ziehen. Jeder einzelne muss sich als Teil des Ganzen fühlen und wissen, das die Entwicklungen im System alle etwas angehen. Es muss eine Politisierung stattfinden, ein Bewusstsein, dass mein Handeln Auswirkungen auf alle andere haben kann. Sprüche wie "mein Mann ist Radiologe, mir reicht ein Gehalt von 1280 Euro netto als ganztägig beschäftigte Ärztin in Weiterbildung" müssen der Vergangenheit angehören und durch das Verständnis ersetzt werden, dass nur durch eine solche Einstellung die niedrigen Gehälter zum Beispiel in der Allgemeinmedizin-Weiterbildung überhaupt möglich sind. Andere müssen davon eine komplette Familie finanzieren. Der Ausspruch Gandhis "was können 100 000 Briten tun, wenn 350 Millionen Inder ablehnen zu kooperieren" lässt sich gut auf unsere Situation im Gesundheitswesen übertragen. "Wir haben es selbst in der Hand, was wir tun und was wir nicht tun", schrieb neulich ein Benutzer des Neuen Hippokrates. Wir müssen nur gemeinsam und koordiniert handeln, dann haben die wenigen Entscheidungsträger kaum eine Möglichkeit gegen uns Ärzte und weitere Mitarbeiter im Gesundheitswesen sowie gegen die Patienten realitätsferne und schädliche Entscheidungen durchzusetzen. Aber wir müssen uns erst einmal untereinander klar werden, was die Lösung aus dem Dilemma sein kann und was für alle das beste ist und nicht nur für uns selber.


Autor: Die Redaktion

13.09.2008
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Was haben Praxis-Wertgutachten mit Sammeltellern zu tun?


Vor ein paar Wochen rieb mir meine Kollegin einen Artikel aus der Lokalzeitung unter die Nase: darin beklagt sich ein Herr Dr. Raffke bitterlich darüber, dass er seine Praxis schließen muss. Dr. Raffke ist Hausarzt in einem kleinen Dorf bei uns in der Nähe. Obwohl er „händeringend“ nach einem Nachfolger gesucht hatte, sei niemand zu finden gewesen. Die jungen Ärzte wollen halt heutzutage einfach nicht mehr… In diesem Moment hätte ich den Herrn Kollegen gerne mit seinem eigenen Stethoskop erdrosselt. Denn was er da von sich gab, war eine glatte Lüge.

Ich selbst hätte seine Praxis sehr gerne übernommen, aber Dr. Raffke wollte sie mir nicht geben. Trotz monatelanger Verhandlungen sind wir uns nicht einig geworden. Herr Dr. Raffke will von seinem Nachfolger Geld sehen. Er weiß auch genau, wie viel: Er hat sich nämlich ein Wertgutachten erstellen lassen. Aufgrund von Umsatz- und Gewinnzahlen der letzten Jahre ist da ein ziemlich stolzes Sümmchen herausgekommen.

Ich habe mir daraufhin sehr genau angeschaut, was ich für das Geld bekommen würde:
Nämlich kaum mehr als die Patientenkartei und dazu als Dreingabe ein paar vergammelte Möbel und veraltete Geräte, die eigentlich auf den Sperrmüll gehören. Spätestens in zwei oder drei Jahren sind größere Investitionen fällig.

Im Dorf hat es sich längst herumgesprochen, dass der Herr Doktor bald in den wohlverdienten Ruhestand tritt und die Patienten sind teilweise schon zu den Ärzten der Nachbarorte abgewandert.
Anstatt die Kaschemme von Herrn Raffke zu übernehmen, kann ich auch anderswo Räume anmieten, anschließend mein Geld für vernünftige Möbel und ein paar neue Geräte ausgeben und dann der Dinge harren. Natürlich wird es eine Weile dauern, bis sich herumgesprochen hat, dass da nun ein neuer, junger und dynamischer Doktor im Ort ist – aber das Risiko ist kalkulierbar. Abgesehen davon, dass man angesichts der unklaren politischen Lage derzeit überhaupt kaum vorhersehen kann, was ein Hausarzt in den nächsten Jahren verdienen wird. Mit Sicherheit wird es weniger sein als das, was Herr Raffke in der Vergangenheit hat einsacken können.

Ich machte ihm also ein Gegenangebot. Aber Herr Dr. Raffke war kaum zu Zugeständnissen bereit. Die Praxis war schließlich sein Lebenswerk. Den verlangten Preis hielt er für fair und ich der ich versuchte ihn zu drücken war in seinen Augen ein Halsabschneider. „Was stellen Sie sich denn so an?“ fragte er kopfschüttelnd, „Die Bank gibt Ihnen doch das Geld!“ Schon wahr. Aber die Bank will ihr Geld auch wieder zurück haben, mit Zinsen. „Zahl ihm, was er verlangt!“ raunte mir ein anderer Kollege zu, „sonst macht er im Ort noch schlechte Stimmung gegen Dich!“

Meine gute Tante Klara sammelte Sammelteller. Diese Dinger waren furchtbar wertvoll. Jedem, der es wissen wollte, zeigte sie den Katalog, in welchem jeder einzelne Teller mit mehreren hundert Mark ausgezeichnet war. Als Tante Klara dann im seligen Alter von neunundachtzig Jahren starb, verkauften wir die Teller an einen Trödler, für zwei Mark das Stück. Ein besseres Angebot hatten wir nicht finden können. Auch Dr. Raffke konnte offenbar kein besseres Angebot finden. Jetzt steht seine Praxis leer.
Die Kollegen einer großen Gemeinschaftspraxis im Nachbarort überlegen, hier eine Filiale zu gründen. Ich wünsche ihnen viel Erfolg.


Anmerkung: Dieses Beispiel ist fiktiv. Dem liegen jedoch echte Erlebnisse und Erfahrungen zugrunde.


www.medizynicus.de


Autor: medizynicus

12.09.2008
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Weiterbildung Allgemeinmedizin: Erfahrungsbericht


Als ein zu belächelndes Selbstmordkommando – so wurde meine Unterschrift unter dem „alten“ IPAM (Initiativprogramm zur Sicherung der allgemeinmedizinischen Versorgung)-Vertrag vor vier Monaten von vielen meiner ehemaligen Mitkommilitonen betrachtet. Sie selbst hatten sich nach unserem Examen im Frühjahr 2007 allesamt für Anderes entschieden: Unfallchirurgie, Anästhesie, Pädiatrie, Gynäkologie, Radiologie, ja sogar Augenheilkunde.

Aber doch keine Allgemeinmedizin.

Ich hatte Medizin studiert, um Hausarzt zu werden. Die Frage, ob diese medizinische Profession in Zukunft noch gefragt sein würde, stellte sich mir nie. Die Politik schien die Primärversorgung, allein schon wegen der immer wieder in Form von Horrorszenarien dargestellten drohenden Unterversorgung ländlicher Gebiete, nach Kräften unterstützen zu wollen. Das Fach Allgemeinmedizin fand eine immer stärkere Einbindung in die Kurrikula der Medizin sowie in Instituten an den Universitäten selbst.

Natürlich hatte man von Problemen der Niedergelassenen mit der KV gehört. Allerdings neigte ich dazu, ob der sonstigen rosigen Aussichten in diesem Fach, diese als vorübergehende Schwierigkeiten in der Umsetzung neuer Finanzierungsmöglichkeiten im medizinischen Sektor zu sehen. Es würde sich schon beruhigt haben, bis ich mit meiner Weiterbildung fertig wäre.

Als ich mich nach dem Uniabgang jedoch tiefgreifender mit dieser Weiterbildung beschäftigte, stiess ich auf ein kaum überschaubares Wirrwarr an Ordnungen, Vorgaben, Zuständigkeiten, ungeklärten Sachverhalten und eben auch auf diesen seltsamen Vertrag mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), den IPAM-Vetrag.

Nicht genug, dass man als Anfänger kaum bei den verschiedenen Weiterbildungsordungen durchblickt. Oder, dass man erkennen muss, dass diese zum Teil europaweit gar nicht anerkannt sind, geschweige denn länderübergreifend gelten würden. Nein, man soll zusätzlich noch einen Vertrag unterschreiben, der auf der einen Seite einem das Gehalt sichern soll. Allerdings mit der Auflage dieses Gehalt, z.B. bei Nichtabschliessen der Facharztprüfung zum Allgemeinmediziner, zurückzahlen zu müssen. Es mag sein, dass diese Klauseln wohl ursprünglich gedacht waren, um einen Missbrauch dieser Fördergelder zu verhindern. Leider wird man durch die Verpflichtungen dieses Dokumentes immer weiter in seiner beruflichen Freiheit eingeschränkt. Soweit, dass ich mich beim Setzen der Unterschrift fühlte, als wäre ich in Zukunft Eigentum der KV.

Trotz aller Bedenken und Ängste unterschrieb ich, denn man hatte mir von unterschiedlichen politischen Ebenen immer wieder versichert, und diese Aussagen sind derzeit die gängigsten in Kreisen der allgemeinmedizinischen Avantgarde: „Es wird alles besser!“ Oder „Wir stehen in Verhandlungen mit...!“ Oder „Sie suchen überall Allgemeinmediziner!“ am besten: „Auf die KV kann man auch verzichten!“ Na. Ich nahm an: sie würden es schon wissen. Denn sie waren länger im Geschäft als ich. Es würde alles gut werden. Und außerdem muss man für sein Ziel auch hin und wieder Täler durchqueren.

Ich bekam auch gleich einen Job in einer chirurgischen Praxis. Der Vertrag über sechs Monate läuft noch. Mit dem Gehalt habe ich mich abgefunden. In Berlin sind doch alle arm aber dafür zumindest sexy.

Nun kommt diese Änderung des IPAM-Vertrages: ambulantes Arbeiten soll nun mehr nur noch für eine maximale Dauer von 24 Monaten gefördert werden. Mit meinen bereits fast abgearbeiteten sechs Monaten in der Chirurgie, stehen mir so, laut Aussage der für diese Fragen zuständigen Person bei der KV, bei Neuantragstellung noch 18 weitere Monate Förderung zur Verfügung. (Obwohl diese Rechnung rein rechtlich äusserst fragwürdig ist, da die sechs Monate aktuell nach einem alten, ganz anderen Vertrag laufen) Diese „Restzeit“ werde ich dann für die in der Weiterbildungsordnung 2004 vorgeschriebenen 1,5 Jahre in einer allgemeinmedizinischen Praxis verwenden müssen. Ausserdem wird es dann jedoch schwierig die vorgeschriebenen sechs Monate in der Pädiatrie bezahlt zu bekommen. Dies ist nämlich das einzige Fach, wo einem in der Weiterbildungsordnung nicht die Möglichkeit gegeben ist in die Klinik auszuweichen. Als Ausweichmöglichkeit blieben einem höchstens noch Kurse in Kinder- und Jugendmedizin. Sehr befriedigend.

Nach Meinung der KV solle ich doch den Rest meiner Weiterbildung nun in der Klinik durchziehen. Dass hier die Vorgaben und Vorstellungen der KV und die Anforderungen der Verordungen durch die Ärztekammer in keinster Weise deckungsgleich sind, wird komplett ignoriert. Denn die abzuleistenden Zeiten in den verschiedenen Fächern werden, um so eine größere Bandbreite an Fächern zu erhalten, immer kürzer. Welche Klinik stellt einen denn aber für sechs Monate ein? Da soll der Assistent doch beim Einstellungsgespräch falsche Angaben machen und „so tun als ob“ er Chirurg werden wollen würde. Sechs Monate später kündigt er dann einfach und sucht sich den nächsten Job an der Klinik, wo er nun vorgibt plötzlich Anästhesist werden zu wollen. Dieser Klinik kehrt er nach drei Monaten den Rücken und möchte nun auf einmal doch Internist werden...??? Auf positiv gestimmte Zeugnisse oder sonstige Referenzen kann man dann wohl verzichten. Ein- oder zweimal liesse sich das ja durchziehen. Irgendwann würde so etwas allerdings auch auf einem Lebenslauf etwas seltsam aussehen. Der Leidtragende: Arzt in Weiterbildung.

Ausserdem wird einem immer wieder die Geschichte von den sich in der Mache befindlichen Rotationsstellen an den Kliniken vorgetragen. De facto sind diese aber nicht vorhanden.

Wie soll ich denn nun die im Nachtrag zur Weiterbildungsordnung 2004 vom 29.03.2008 unter anderem geforderten sechs Monate Pädiatrie und sechs Monate Orthopädie /Unfallchirurgie, die unbedingt noch ambulant abzuleisten wären, finanziert bekommen? Auch ergeben sich andere Fragen, die sich bezüglich der Qualität der Weiterbildung auftun, wenn ich dazu gezwungen bin, mir Stellen, Weiterbildungsfächer und –zeiten nach Finanzierbarkeit auszusuchen und eben nicht nach Sinnhaftigkeit im Rahmen der allgemeinmedizinischen Weiterbildung.

Die größte Verunsicherung und Verärgerung empfinde ich allerdings auf Grund der komplett widersprüchlichen Aussagen, die ich von allen Seiten der in diesem Zusammenhang nur annähernd wichtigen Institutionen erhalte: auf der einen Seite wird die Wichtigkeit der allgemeinmedizinischen Hausärzte betont (siehe oben).Da wird gesagt, die Bezahlung der Ärzte in Weitebildung werde in naher Zukunft aus ungenutzten Fördergeldern zumindest auf Tarifvertragniveau der Ärzte in Weiterbildung in der Klinik aufgestockt – zwei Monate später werden die Gelder weiter gekürzt. Die Ärztekammer setzt eine noch detailliertere und kleingliedrigere Weiterbildungsordnung an, welche fast nur ambulant abzuleisten wäre. Daraufhin bewegt sich die KV nun in eine ganz andere Richtung.

In Anbetracht all dieser sich anscheinend immer weiter verwirrenden Umstände, kommt bisweilen schon hin und wieder die Frage auf: Was soll denn hier bezweckt werden? Was hat die Politik, was haben die verschiedenen Lobbies mit der Allgemeinmedizin vor? Welche Rolle spiele ich dabei? Wie weit lasse ich mich ausnützen, um ein Fach zu erlernen, welches es eventuell in zehn Jahren nicht mehr geben könnte? Und wenn dem so sein sollte: Weshalb wird das von den Verantwortlichen nicht dementsprechend transportiert?

Sehr sehr ärgerlich und für mich in höchstem Maße unverständlich.

Welcher junge Mediziner entscheidet sich noch freiwillig für diesen Weg? Sehenden Auges doch niemand!

Ich für meinen Teil werde nun erstmal für die Innere in die Klinik gehen – vorrausgesetzt ich finde einen Arbeitsplatz. Innere Medizin als Fach war noch nie mein Lebensziel. Da es sich aber als Grundlage der Humanmedizin auch gut für jegliche weitere Weiterbildung verwenden lässt, werde ich nach einem Jahr sehen, ob sich politisch etwas für den Arzt in Weiterbildungs in der Allgemeinmedizin geändert hat. Ob diese Einstellung mir Probleme mit meinen Verpflichtungen im Sinne des IPAM-Vertrages bringt, wird man sehen, wenn es so weit ist. Aber, was mache ich mir Sorgen, denn: „Auf die KV kann man ja (laut Aussagen aus höheren Kreisen) verzichten!“




Autor: Gerda





Kommentare zu dieser News:

Datum: Fr 09 Mär 2012 11:58
Von: Karen


Liebe Gerda, herzlichen Dank für diesen Erfahrungsbericht, der mich davon abhält, eine möglicherweise große Dummheit zu begehen...merci bien.

Datum: Do 21 Aug 2014 09:17
Von: Josie


Mittlerweile mindestens ein halbes Jahr Wartezeit auf eine mögliche IPAM Förderung in Berlin hält mich mittlerweile auch davon ab diesen Weg weiter zu gehen. Schade um den Beruf des Hausarztes!

12.09.2008
Interessensgemeinschaft Allgemeinmedizin in Hessen gründen!



Berlin hat es uns vorgemacht, was eine Interessensvertretung bewirken kann. Die Berliner Weiterbildung Allgemeinmedizin Berlin (WABe) hat in kürzester Zeit viel erreicht. Als die Berliner Kassenärztliche Vereinigung plante, von jedem seine Förderung für die Weiterbildung Allgemeinmedizin zurückzuverlangen, der während seines weiteren Lebens auch nur einen Monat im Ausland arbeitet, war das der letzte Tropfen, der das berühmte Fass zum Überlaufen gebracht hat. Schon bald musste die WABe ernst genommen werden und wurde zu einer Reihe Gesprächen mit Entscheidungsträgern eingeladen, so zum Beispiel auch ins Bundesgesundheitsministerium. Der Förderungsvertrag in dieser Form ist dank WABe längst gekippt.



Was wir brauchen ist eine bundesweite „WABe“, mit Vertretungen in jedem einzelnen Bundesland. WABe-Gründungsmitglied Dr. Marcus Schmidt, der jetzt in Baden-Württemberg arbeitet, gründet dort gerade eine Interessensvertretung. Dr. Christian Haffner, selbst Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, ruft alle Ärzte in der Weiterbildung in Hessen auf, sich bei ihm zu melden, um eine Hessische Vertretung der Ärzte in der Weiterbildung zum Hausarzt ins Leben zu rufen: „Weiterbildungsgemeinschaft Allgemeinmedizin Hessen (WegAH)“. Bei Interesse bitte melden unter christian@drhaffner.com



Autor: Der Neue Hippokrates

03.09.2008
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Bereitschaftsdienst für Bäcker und Metzger!


Kürzlich ist es in Brüssel entschieden worden: Die Bereitschaftsdienste können vom Standpunkt der Europäischen Union her in aktive und inaktive Phasen unterteilt werden. Gerade erst vier Jahre her ist es, dass das deutsche Arbeitszeitgesetz die Arbeitszeiten während der Bereitschaftsdienste überhaupt als Arbeitszeit anerkennt. Seitdem gilt in Deutschland: „Bereitschaftszeit ist Arbeitszeit“. Gerne wird hiermit populistisch gespielt, die Ärzte würden in den Bereitschaftsdiensten ja nur in Bereitschaft sein und dann alles bezahlt bekommen wollen. Das ginge nicht. So neulich wieder einmal in einer Talkshow. Doch hier werden zwei Dinge grundsätzlich verwechselt: Ohnehin werden die Bereitschaftsdienste in verschiedene Stufen eingeteilt, je nach Arbeitsintensität in jedem speziellen Haus in drei bis vier Stufen, je nach Tarifvertrag oder Vereinbarung. Das heißt, es werden ohnehin von beispielsweise 24 Stunden nur 30 bis 90% bezahlt. Dass die Bereitschaftszeit Arbeitszeit ist bedeutet etwas anderes: Im 24-Wochen-Durchschnitt darf eine Höchstarbeitszeit von 48 Stunden Arbeit pro Woche nicht überschritten werden, außer, es wird in einer sogenannten „opt out“-Regelung anders festgelegt. Und auch hier gibt es Höchstgrenzen, die einzuhalten sind.



Aktive und inaktive Zeiten gibt es auch in anderen Berufen. Deshalb schlagen wir vor, den Kassierern im Supermarkt, den Bäckern und Metzgern an der Theke, den Angestellten in Post und Schreibwarenläden nur die Zeit als Arbeitszeit anzurechnen, die sie auch wirklich mit Kundenkontakt arbeiten. Je nach Arbeitsintensität sollte ohnehin dann nur ein Bruchteil der gesamten Arbeitszeit bezahlt werden, wie bei Ärzten üblich, die einen Bereitschaftsdienst ableisten. Es versteht sich von selbst, dass dennoch die vereinbarte Arbeitszeit von zum Beispiel 40 Stunden pro Woche eingehalten werden muss und sich der Aufenthalt am Arbeitsplatz automatisch bei wenig Kundenkontakt um die inaktiven Phasen verlängert. Aber das macht ja nichts, in den Phasen dazwischen können sich die Angestellten ja ausruhen und haben dann mehr Kraft für die kürzere Zeit, die sie dann mit ihrer Familie verbringen können. Und für uns als Kunden hat das einen großen Vorteil: Die Geschäfte sind dann viel länger geöffnet, und ich kann auch nachts um 1 noch Brötchen vom Bäcker, ein Schnitzel vom Metzger oder einen Kugelschreiber im Schreibwarenladen kaufen. Nachts ist ja viel weniger los, und ich muss dann nicht so lange warten.Und die Bezahlung bleibt für die Arbeitgeber die gleiche, so dass keine neuen Kosten entstehen.



Das sind genau die Sprüche, die wir Ärzte uns regelmäßig anhören müssen. In unseren sogenannten inaktiven Phasen der Bereitschaftsdienste holen wir liegengebliebene Arbeit nach, bereiten Arbeit für die Folgetage vor, lesen Fachzeitschriften oder Bücher, falls überhaupt Zeit dafür ist. Und das ist selten genug der Fall. Manchmal erlauben wir uns sogar den Luxus während dieser 24-Stunden zu essen und zu trinken. Klingelt das Telefon in dieser Zeit müssen wir selbstverständlich drangehen und sofort los, falls wir gebraucht werden. In den Akuthäusern ist das der Regelfall. Wer behauptet, dass man erholt ist, wenn man jede Stunde nachts geweckt worden ist und sei es nur um einige Fragen zu beantworten, aber auch, um nachts um 3 Uhr Patienten aufzunehmen und zu versorgen, die in die Notaufnahme kommen, der hat selbst noch keinen Bereitschaftsdienst gemacht. Und es gibt sie, die Patienten, die um 2 Uhr kommen, weil sie von einer Schnake gestochen worden sind, und es furchtbar juckt, wie auch die Patientinnen, die nach wilden Sex mit Schmerzen in der Scheide den Zusammenhang mit ihren Unterbauchschmerzen nicht verstehen. Das wäre ja alles auch gar kein Problem und gehört zum Leben dazu. Das machen wir gerne und schmunzeln so manches mal, wenn für uns so Offensichtliches den Patienten noch nicht klar war. Dafür haben wir das gelernt, beinahe sieben Jahre studiert, oft auch promoviert und schlagen uns in den Krankenhäusern die Nächte und Wochenenden um die Ohren. Doch wir wollen dafür auch die entsprechende finanzielle Anerkennung und Gleichstellung mit anderen Berufsgruppen, in denen aktive und inaktive Zeit nicht so formell getrennt wird. Sonst sollten wir in allen anderen Berufen gemäß dem Gleichheitsgrundsatz ebenfalls Bereitschaftszeiten und Zeiten der Arbeit und der Zeiten zwischendurch einführen. Also: Das jetzige deutsche Arbeitszeitgesetz „Bereitschaftszeit ist Arbeitszeit“ muss so bleiben wie es ist.






Autor: Der Neue Hippokrates

01.09.2008
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Hausärztemangel in Hessen hausgemacht


Schon jetzt besteht in einigen Regionen Hessens ein Hausarztmangel, der sich in den nächsten Jahren durch Berentung älterer Kollegen dramatisch verschärfen wird. Eigentlich müssten Kassenärztliche Vereinigung (KV) und Ärztekammer fieberhaft daran arbeiten, junge Ärzte für die Tätigkeit als Hausarzt im Land zu gewinnen.



Das Gegenteil ist leider der Fall. Als junger, in Oberhessen geborener Arzt, der nach 6 Jahren Studium und 4 Jahren Weiterbildung in Berlin zum letzten Jahr seiner Weiterbildung nach Hessen zurückkommen wollte, habe ich erfahren müssen, dass uns diese Organisationen bloß Steine in den Weg legen.



Da die meisten Ärzte im niedergelassenen Bereich kein angemessenes Gehalt für junge Kollegen in Weiterbildung bezahlen können, wird die Weiterbildung von den Krankenkassen und der KV mit 2040 Euro im Monat gefördert. Die KV Hessens weigerte sich, diese Gelder für mich zu bezahlen, da in Hessen nur kürzere Zeit (max. 24 Monate) gefördert wird als in anderen Bundesländern. Zum Glück erklärte sich ein Arzt aus der Region Marburg bereit, mir aus eigener Tasche ein angemessenes Gehalt zu bezahlen.



Doch kurz danach platzte die nächste Bombe: Hessen wird mich im Gegensatz zu Berlin nicht zur Facharztprüfung 2009 zulassen. Wegen einer kleinen Regelabweichung müsse ich in Hessen noch eine „Extrarunde“ von mindestens 6 Monaten Weiterbildung in der Klinik absolvieren. Auf meine Bitte, doch Berliner Recht anzuwenden, da ich 4/5 meiner Weiterbildung dort gearbeitet habe, reagierte der Verantwortliche der Frankfurter Ärztekammer Dr. Karnosky eiskalt: Vorschrift sei Vorschrift und welche Konsequenz ich daraus ziehe, sei ihm egal.



Meine Konsequenz war, eine Stelle in Baden-Württemberg anzunehmen, wo man mich mit offenen Armen empfangen hat. Weder Fördergelder noch Prüfungszulassung waren ein Problem und der Umgangston war um Längen freundlicher. Da das letzte Jahr der Weiterbildung entscheidend ist, um Kontakte zur Niederlassung zu knüpfen, weiß ich nicht, ob ich danach wieder nach Hessen zurückkehre.



Da mir mein Heimatland am Herzen liegt, möchte ich aber, dass sich für künftige junge Kollegen etwas ändert. Statt erbsenzählerischer Auslegung der ohnehin schon komplizierten Weiterbildungsordnung brauchen wir Pragmatiker, die uns ermutigen, den Weg des Hausarztes einzuschlagen. Kammer und KV werden immer mehr zum Instrument der Besitzstandswahrung einiger etablierter Ärzte, die sich Konkurrenz junger Kollegen vom Hals halten wollen. Unsere Gesellschaft sollte sich daher fragen, ob sie diesen Organen weiterhin die sensible Aufgabe der Weiterbildung ihrer künftigen Ärzte anvertrauen will. In anderen Staaten, wie z.B. Frankreich, kommt durch effektive staatliche Weiterbildungsprogramme ein Ärztemangel gar nicht erst zustande.



Autor: Dr. Heuteufel





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Datum: Fr 07 Okt 2011 04:58
Von: KV-Vergifteter


Eine der intelligentesten Frauen der Welt, Marilyn Vos Savant, verheiratet mit Dr. Jarvic, Kunstherzerfinder/-konstrukteur, schreibt in einem ihrer Veröffentlichungen sehr richtig: \"Werde Spezialist, oder du bekommst keinen Job\". Das gilt auch für die hehre \"Laufbahn Hausarzt\"

08.08.2008
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Arbeiten in der Reha: Arzt light?


„Geh’ doch als Arzt in die Reha, da hast Du einen ruhigen Job“, habe ich schon oft gehört. Für meine Weiterbildung zum Hausarzt hat’s gerade gut gepasst, hier eine gewisse Zeit zu verbringen und meine Kenntnisse in nicht-operativer Orthopädie und Rheumatologie zu vertiefen. Ehrlich gesagt, ich hatte, wie wohl die meisten Ärzte und bestimmt auch viele Patienten, nicht die geringste Ahnung was ein Arzt in einer Rehabilitationsklinik den ganzen Tag macht. Das sollte sich schnell ändern...



Ja, dass es die Sozialmedizin gibt, das wusste ich schon aus dem Studium. Wie das im Alltag aussieht, das wurde mir erst klar als ich plötzlich und unerwartet als Stationsarzt dafür zuständig war. Dass die meisten Patienten in den Kurkliniken von den Rentenversicherern, der alten BfA und LVA, die heute Namen wie DRV Bund Berlin, DRV Bahn-See-Bochum, DRV Hessen und so weiter tragen, geschickt werden, war mir neu. Als ich dann einen dicken Packen mit Textbausteinen und einen 12-Seiten fassenden Fragebogen in die Hand gedrückt bekam, schwante mir schon, dass hier echt viel Arbeit dahintersteckt. Schon bald murmelte ich die Ziffern der vorgefertigten Textbausteine in mein Diktiergerät: „Ziffer 1, Ziffer 4, Familienanamnese: Die Mutter ist 86 Jahre alt und altersentsprechend gesund, der Vater ist mit 64 Jahren verstorben und litt an Rheumatoider Arthritis, keine Schuppenflechte in der Familie. Eigenanamnese: An Kinderkrankheiten sind die Masern erinnerlich, Voroperatationen usw. spezielle Anamnese“. In schnellem Tempo konnte man in 15 Minuten die Krankheitsgeschichte und den Untersuchungsbefund diktiert haben. Die Untersuchung hatte zwischen 30 und 90 Minuten gedauert, je nach Krankheitsbild und Patienten. Zwischen drei und sechs neue Patienten pro Tag, bei denen man dieses Procedere durchlaufen musste. Dann die Abschlussbriefe der Patienten, die nach Hause gingen: Kurzarztbrief diktieren, Ende des Gutachtens. Patient arbeitsfähig, welche Einschränkungen gibt es? Was empfehlen wir? Zwischendurch Visite, Stationsarbeit, Labor, EKGs befunden, teilweise Ultraschall und Duplex. Überstunden eher keine Seltenheit. Jeder Arzt hat etwa 40 Patienten zu betreuen, wenn ein Kollege krank ist oder in den Urlaub geht oder beides können es auch mal locker 60 werden. Das ist dann schon echt extrem, da man dann die Patienten kaum noch kennt und sich die Arbeit schnell auf dem Schreibtisch stapelt. Sprechstunde und Visite teilweise im Tempo wie beim Allgemeinmediziner: zack, zack. Hier musst Du schon medizinisch fit sein, um bei dieser Geschwindigkeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Was wirklich gut ist im Vergleich zum Akuthaus sind die Dienste. Teilweise Rufbereitschaft als Stationsarzt, teilweise 1-2 Bereitschaftsdienste à 24 Stunden pro Monat. Damit sind die Wochenenden häufiger frei. Das ist für ein Familienleben und fürs Auftanken wichtig.



Mein Resümée: Es erweitert den Horizont beträchtlich mal in einer Reha gearbeitet zu haben. Dass das wenig Arbeit sei und keine richtige Medizin gemacht werden würde kann ich so nicht bestätigen. Es gibt halt etwas andere Schwerpunkte. Gerade die sozialmedizinischen Begutachtungen und das Mitbekommen der vielen Patienten, die von ihren Arbeitsbedingungen sowie von ihren privaten Geschichten berichten, haben mir als Arzt gut getan und einige Vorurteile deutlich relativiert. Hier kann man sehen, welchen Weg unsere Gesellschaft nimmt und welche Schwerpunktprobleme es gibt. Also: Erst selber mal dort arbeiten, dann urteilen!


Autor: Dr. Großes Rad

02.08.2008
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Offener Brief an die Entscheidungsträger


Sehr geehrte Damen und Herren im Bundesgesundheitsministerium, in den Weiterbildungsabteilungen der Ärztekammern, den Ärzteparlamenten, den Kassenärztlichen Vereinigungen, Hausärzteverbänden und im Marburger Bund,



Wie stellen Sie sich das eigentlich vor, dass Hausärzte eine wichtige Rolle im Gesundheitssystem einnehmen sollen, wenn Sie nicht für eine gute Weiterbildung von uns jungen Ärzten sorgen? Sind Sie der Meinung, dass ein Facharzt für Allgemeinmedizin ausschließlich Fähigkeiten in der Inneren Medizin haben muss? Wie sieht es denn aus mit Kinderheilkunde, Urologie, Frauenheilkunde, Nervenheilkunde, Hautheilkunde, Orthopädie, Chirurgie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Psychosomatik, Psychiatrie? Wie soll ein „Allgemeinmediziner“ als Hausarzt und Familienarzt denn eine Filterfunktion einnehmen, den Überblick behalten, wenn er in diesen Fachgebieten gar nicht weitergebildet wird? Oder denken Sie, dass es ausreicht, die Möglichkeit in der Weiterbildungsordnung zu erlauben, aber die Umsetzung dem Zufall zu überlassen? Sie sehen doch, wohin das derzeit führt. Nach der neuen Weiterbildungsordnung der letzten Jahre werden wir jungen Ärzte auf dem Weg zum Hausarzt zum größten Teil lediglich in Innerer Medizin weitergebildet und arbeiten dann für zwei Jahre bei einem fertigen Hausarzt mit. Stellen in den erwähnten so wichtigen Fachgebieten gibt es nicht, trotz Förderung durch die deutsche Krankenhausgesellschaft. Die theoretisch mögliche Förderung von 24 Monaten in den meisten Bundesländern für eine Weiterbildung in den Praxen durch die Kassenärztliche Vereinigung und die Kassen wird schon für diese Mitarbeit bei einem fertigen Allgemeinmediziner benötigt. Hier fehlt ein ganzes Jahr. Dazu ist die Bezahlung dermaßen miserabel, dass man teilweise knapp an der Hartz-IV-Grenze verdient, wenn man eine Familie mit einem Kind zu finanzieren hat. Das ist die Hälfte von einem Gehalt, das ein Krankenhausarzt als Basisgehalt ohne Dienste erhält. Wie wollen Sie da uns junge Ärzte dazu bekommen, Hausarzt zu werden?



Was uns auch noch abschreckt sind die Arbeitsbedingungen der fertigen Hausärzte, die dann bei fortgeführter schlechter Bezahlung daran gehindert werden, die Patienten gut zu versorgen. Bezahlen Sie doch endlich die so bitte nötige sprechende Medizin! Entlohnen Sie das, was die Menschen brauchen. Jeder Arzt lernt im Studium, dass Krankheiten zu 80-90% durch die Krankheitsgeschichte, die Anamnese bereits herausgefunden werden. Wie soll das möglich sein, wenn wir Patienten mit Begrüßung, Vortrag des Anliegens, Untersuchung, Dokumentation, Rezeptschreiben und auf wiedersehen sagen in 4-5 Minuten abfertigen müssen? Kalkulieren Sie mit 15 Minuten pro Patient im Schnitt! Bezahlen Sie uns dafür ausreichend. Reduzieren Sie die Verwaltung. 50% der Kosten für den ambulanten Sektor versickern in den Verwaltungsstrukturen, die Sie aufgebaut haben! 10% wären schon die Obergrenze. Kommen Sie weg von Ihrem Kontrollzwang und schaffen Sie Strukturen, mit denen wir als Ärzte und Patienten zufrieden sind, dass eine so über das Maß hinausgehende Kontrolle und damit auch Bürokratie erst gar nicht notwendig ist. Das ist jetzt Ihre Aufgabe als Repräsentanten von uns Ärzten und von uns als Volk. Beziehen Sie uns Praktiker in den Entscheidungsprozess mit ein, dass wir Sie beraten können und Ihre Entscheidungen von der Basis her mitgetragen werden. Dann haben Sie Aussicht aus der endlosen Kette von Gesundheitsreformen und Nachbesserungen der Nachbesserungen zu einem guten Gesundheitssystem zu kommen.



Autor: Der Neue Hippokrates

27.07.2008
Ihre Beiträge als Podcasts





Ihre Beiträge können auch als Podcasts erscheinen. Ausgewählte Zuschriften veröffentlichen wir als Hörversion, die unter dem Link "Podcasts" in der Navigationsleiste aufgerufen werden können. Sie können ebenfalls über sogenannte Podcatcher wie iTunes, Mediafly, Juice und andere gefunden und angehört werden. Es gibt auch die Möglichkeit, sie telefonisch unter 0931/66 39 93 53 7 zu den Kosten von einem Ortsgespräch abzurufen (Infos: www.phonecaster.de). Hier finden Sie auch Podcasts unserer Redaktion, die nicht als Leseversion erschienen ist. Es lohnt sich, regelmäßig nach neuen Episoden vom Neuen Hippokrates zu sehen. Abonnieren Sie unseren Podcast z.B. über iTunes, so werden Sie automatisch über neue Folgen auferksam gemacht. Wir freuen uns auf Ihre Mitarbeit!


Autor: Der Neue Hippokrates

27.07.2008
Arbeitssituation weiterer medizinischer Berufe


Wie sehen Sie als Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Arzt- und Zahnarzthelfer, Röntgenassistenten, MtAs, Sozialarbeiter das Gesundheitssystem? Was sind Ihre Beobachtungen, was ist Ihre Kritik? Wie hat sich Ihre Arbeit verändert? Welche Verbesserungen würden Sie vorschlagen, damit das Gesundheitssystem gut funktioniert? Was wünschen Sie sich? Wir freuen uns auf Ihre zahlreichen Geschichten aus Ihrem Arbeitsalltag und Ihre Einfälle, Ihre Wahrnehmungen. Melden Sie sich an unter "neu anmelden", loggen Sie sich in und schreiben Sie uns unter "News schreiben" oder im Forum!



Autor: Der Neue Hippokrates

27.07.2008
Berichten Sie von Ihrer täglichen Arbeit!


Liebe Schwestern und Pfleger,



berichten Sie uns von Ihrer Situation in Ihrem Haus! Wie hat sich die Arbeitssituation in den letzten Jahren geändert? Wie war die Entwicklung innerhalb Ihres Berufslebens? Entsprechen Ihre täglichen Aufgaben dem, was Sie sich unter der Aufgabe in der Pflege vorstellen? Was würden Sie ändern, wenn Sie entscheiden dürften? Wir freuen uns über Ihre Vorschläge, die Sie hier unter einem Pseudonym einsenden können. Nur zusammen können wir Veränderungen erreichen.



Ihre Redaktion des Neuen Hippokrates





Autor: Der Neue Hippokrates

27.07.2008
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Wir brauchen Ärzte mit Überblick!


Ja, wir brauchen Spezialisten Herr Lauterbach, da haben Sie schon recht. Ja, es ist auch richtig, dass diese gut bezahlt werden sollten. Was in der gesamten Diskussion jedoch vergessen wird, ist, dass wir auch Ärzte brauchen, die den Überblick behalten, Ärzte, die den gesamten Menschen und die komplexen Zusammenhänge noch verstehen. Wie sagte doch mal ein inzwischen emeritierter Gynäkologieprofessor: „Es ist komisch, immer wenn ein Eierstock zur Tür hereinkam, hing noch eine ganze Frau daran.“ Das wird heute in der Diskussion um ein auf immer engere Bereiche begrenzte Spezialisten vollkommen vergessen. Seit Descartes im 17. Jahrhundert den Menschen als „Uhrwerk“ betrachtete, also als eine eben sehr komplizierte Maschine, spalten wir den Menschen in seine Einzelteile. Es ist absolut kontraintuitiv das zu tun! Nicht umsonst wurde der Hausarzt, der Allgemeinmediziner geschaffen, der wie es im Fachdeutsch heißt, aus dem „unselektierten Patientengut“ heraussucht, wer genauere Untersuchungen von Spezialisten braucht und wer nicht. Ist er gut in seinem Fach, hat er eine gute Facharztweiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin genossen und bildet sich danach beständig weiter, so können viele Gänge zu auf Teilbereiche beschränkte Fachleute vermieden werden. Das erspart auch den Menschen einen hohen Grad an Frust. Unter uns Ärzten ist es bekannt, dass es keine gesunden Menschen gibt, sondern nur den nicht ausreichend durchdiagnostizierten Patienten. Jeder Facharzt findet irgendetwas bei einem Patienten, doch ob das das Hauptproblem ist, das es zu Lösen gilt, um den Heilauftrag des Patienten zu erfüllen, das ist noch lange nicht klar. Hier muss angesetzt werden, um wieder eine Zufriedenheit von Patienten und Ärzten zu erreichen und riesige Summen Geldes im Gesundheitssystem zu sparen.



Wie kommen wir dort wieder hin? Wir brauchen gut weitergebildete Fachärzte für Allgemeinmedizin, die im Rahmen von Rotationen, wie in anderen europäischen Staaten längst üblich – ein besonders gutes Beispiel sind die Niederlande – die einzelnen Fachgebiete im Überblick erlernen. Dann können sie später als Hausärzte oder wie es in vielen Ländern heißt, Familienärzte, fachkompetent entscheiden, was sie selbst leisten können und wen sie ganz gezielt zum Spezialisten schicken, um ein Gesamtbild zu erhalten. Doch der Familienarzt sollte hinterher derjenige sein, der die Informationen der verschiedenen Spezialisten zu einem Gesamtbild zusammenstellt. Der Spezialist hält quasi immer sein Ergebnis für das wichtigste; das sind die fachimmanenten Scheuklappen, die in eine Struktur einzubeziehen sind. Ich plädiere hier aus eigener Erfahrung und Beobachtung für eine Wiedereinführung der Filterfunktion der Fachärzte für Allgemeinmedizin als Hausärzte und Familienärzte. Hier muss jetzt schnell eine gute Weiterbildungsstruktur geschaffen werden, die die jetzige deutlich aufwertet und den jungen Ärzten den Weg zu einer möglichst hohen Fachkompetenz mit Einblick in alle wichtigen Fachdisziplinen ermöglicht. Hier sind Bundesgesundheitsministerium, Landesärztekammern, Hausärzteverbände, Marburger Bund und Kassenärztliche Vereinigung aufgerufen sich in den nächsten Monaten an einen Tisch zu setzen und im 4. Quartal des Jahres 2008 ein tragfähiges Konzept mit ausreichender Bezahlung und Fachrotation auf den Tisch zu legen, das zum 1.1.2009 starten kann.



Autor: Der Neue Hippokrates

15.07.2008
Hausarztnachwuchs ausgebremst?


Hausarzt zu werden ist schwerer als so mancher glauben mag. Nach zwei Jahren in der Inneren Medizin können theoretisch und sinnvoller Weise weitere Fächer gewählt werden. Denn ein Hausarzt soll ja auch von Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Chirurgie, Psychiatrie, Frauenheilkunde, Orthopädie und Psychosomatik Ahnung haben, um nur einige Fachgebiete zu nennen. Doch hier sind ohne die Lüge, man wolle Facharzt eines jeweiligen Faches werden in den Krankenhäusern kaum Stellen zu bekommen. In den Praxen wäre das möglich. Dort kann aber niemand ein Gehalt bezahlen, außer man verbraucht einen Teil der 24 Monate Förderung und erhält dann Netto je nach Steuerklasse zwischen 1500 und 1800 Euro. Fortbildungskosten, Fahrtkosten, Arztversicherungen, Beiträge zur Ärztekammer usw. müssen davon auch noch getragen werden. Ausnahmen gibt es in ländlichen Regionen, wo manchmal etwas mehr gezahlt wird. Da es eine Pflichtzeit von 18 bis 24 Monaten Assistenzarztzeit bei einem fertigen Hausarzt mit Weiterbildungsermächtigung gibt fehlt am Ende die Förderung, um die Weiterbildung abschließen zu können. Folglich werden die Wahlfächer erst gar nicht belegt. Damit sinkt das Wissensspektrum der Allgemeinmediziner immens.
Was wir brauchen ist eine geregelte Rotation zwischen den Kliniken und den Praxen. Inhaltliche Ziele sollen definiert werden, welche Fertigkeiten ein Hausarzt braucht. Darauf sollte dann ein Weiterbildungscurriculum aufgebaut werden. Die Bezahlung soll während der gesamten Weiterbildungszeit von fünf Jahren an die aktuelle Krankenhausbezahlung angepasst sein und damit Dumping-Löhne, wie derzeit, vermieden werden. Wird die Position und Bezahlung des Hausarztes deutlich aufgewertet und den Hausärzten die realen Möglichkeiten gegeben, von der 5-Minuten-Medizin im Fließbandverfahren abzugehen und zu einer hochwertigen Arbeit zu gelangen, wird der Mangel schnell behoben. Ansonsten gibt es langfristig einen strukturellen Zusammenbruch der Hausärzteversorgung, wie sie jetzt schon sichtbar wird.


Autor: Die Redaktion

15.07.2008
Verwaltung statt Pflege


Es ist nichts Neues, dass wir Ärzte unsere Patienten mehr und mehr verwalten statt sie zu behandeln. Ein Patient muss meist erst im Computer "angelegt" sein, bevor man ihn röntgen oder ein Computertomogramm fahren kann, selbst wenn es ein Notfall ist. Dann verschlüsseln wir Assistenzärzte bei uns in der Klinik unsere Patienten auch selbst für die Abrechnung mit der Krankenkasse - und dies kostet Zeit, wenn die einfachsten Diagnosen plötzlich vom System nicht gefunden werden. Jede Untersuchung muss angemeldet, freigegeben, als gemacht abgeschlossen und dann der Befund diktiert und später korrigiert werden. Komplizierter geht es kaum.
Dass Blutabnehmen, Infusionskanülen legen in Deutschland Arztsache ist und nicht Sache der Schwestern ist nicht zu verstehen. Jeder niedergelassene Arzt hat Arzthelferinnen, die das für ihn übernehmen. Wir werden nachts wegen jeder Abnahme und Braunüle geweckt, weil Schwestern das angeblich nicht dürfen. Das Gesetz, das das angeblich vorschreibt, hat mir noch keiner zeigen können, trotz intensiver Recherche. Dafür müssen Schwestern Hol- und Bringedienst sein und Patienten zu den Untersuchungen schieben und wieder abholen. Außerdem übernehmen sie die Aufgabe der Apotheke und müssen die vielen tausenden Pillen für die Patienten vorbereiten und auch das Essen verteilen. Alles international gesehen keine pflegerischen Tätigkeiten. Folge der Ökonomisierung des Gesundheitssystems? Ich glaube: ja. Wir müssen wieder zurück zur originären ärztlichen Tätigkeit, besser geschult, weitergebildet und fortgebildet werden. Das klappt auch bei humanen Arbeitszeiten im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes mit maximal im 24-Wochendurchschnitt 48 Stunden Arbeitszeit pro Woche. Basisfähigkeiten wie Auskultation, körperliche Untersuchung und Sonografie müssen nicht nur im Studium intensiver behandelt, sondern auch jungen Ärzten während der Facharztweiterbildung systematisch beigebracht werden. Das ist eine Bringschult des Krankenhauses gegenüber den Assistenzärzten. Hier müssen strukturierte Weiterbildungscurricula her, wie es sie zum Beispiel in der Schweiz gibt. Dann wird der Beruf Arzt wieder attraktiv, dann werden wir Ärzte motiviert. Damit steigt dann auch die Qualität der Arbeit und die Zufriedenheit aller Beteiligen, nicht zuletzt die der Patienten, um die es ja eigentlich gehen sollte.


Autor: Bienchen

15.07.2008
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Flucht aus Berlin



Allgemeinmedizin in der südbadischen Provinz


Als Alleinverdiener einer Familie mit Kind war das nur knapp über dem Hartz-IV-Niveau
liegende Einkommen eines Berliner Arztes in der ambulanten Weiterbildung
zum Allgemeinmediziner nicht mehr tragbar. Auch in punkto Wertschätzung („ich
beschäftige Sie nur, weil Sie mich weniger kosten als eine Putzfrau“, Originalzitat
einer Berliner Praxisärztin gegenüber ihrem Arzt in Weiterbildung) ließen die Arbeitsbedingungen in der
Bundeshauptstadt zu wünschen übrig.


Umso froher war ich über ein sehr viel versprechendes Angebot aus der
südbadischen Provinz. Obwohl ich erst seit zwei Wochen hier bin und erst seit einer
Woche arbeite, kann ich schon folgendes feststellen:
Die negativen Dinge sind schnell erzählt: Es ist ein komisches Gefühl, in einem Dorf
zu leben. Wenn ich mit meiner spanischen Frau und meinem Zopf durch die Straßen
gehe, gucken uns alle noch an wie bunte Hunde. Es ist Pflicht, jeden auf der Straße
zu grüßen und wenn man erst mal als „Dodger“ identifiziert ist, hat man nirgends
mehr Freizeit. Das erste nachmittägliche Klingeln an der privaten Haustür mit Bitte
einer Nachbarin, ihr die Zecke vom Gesäß zu entfernen, habe ich schon hinter mir.
Konstanz, das nächste, was sich hier mit Fug und Recht Stadt nennen kann, ist nur
binnen einer Stunde über eine buckelige Landstraße zu erreichen. Ein kleiner
abendlicher Abstecher ins Kino oder eine Einkaufstour wird zur größeren Reise.
Überall sind Insekten, kaum steht das Fenster fünf Minuten auf, sind schon drei Fliegen
hereingesummt, was in Berlin dank der Abgase nicht passieren konnte.
All dies wird aufgewogen durch die wunderschöne Umgebung: wir sind umgeben von
intensiv grünen Wäldern und Wiesen, von den Burgen des Hegaus auf ihren spitzen
Vulkanfelsen, in der Ferne sieht man bei gutem Wetter die schneebedeckten Gipfel
der Schweizer Alpen. Fast für jedes Wochenende meines Jahres hier bietet die
Umgebung ein anderes Ausflugsziel, genannt seien nur die Rheinfälle, der
Schwarzwald, die Bodensee-Inseln Mainau und Reichenau, die Städtchen
Schaffhausen und Stein am Rhein in der Schweiz…

Doch am meisten gelohnt hat sich der Wechsel wegen meiner beiden Weiterbilder:
zwei Alt-68er, beide mit Lehrauftrag an der Uni Freiburg und langjähriger Erfahrung
in der Entwicklungshilfe in Afrika. Die beiden geben ihr Wissen gerne weiter, Fragen
sind jederzeit erwünscht, und jeden Mittwoch findet eine Weiterbildungsbesprechung
statt. Am Anfang wurden klare Lernziele definiert. Das Spektrum der Praxis ist enorm
vielseitig und reicht von Geriatrie (im Nachbarort ist ein riesiges Pflegeheim), bis zu
viel Pädiatrie und täglich mindestens ein bis zwei kleinen Operationen (Wunden, Emmert-
Plastiken etc.). Der Weg zu den Spezialisten ist weit, hier ist der Hausarzt noch
primärer Ansprechpartner für alle gesundheitlichen Probleme. Überwiesen wird nur
mit gezielten Fragestellungen, Ärztehopping wie bei Berliner Patienten, die sich zu
Beginn des Quartals sieben Überweisungen ausstellen lassen, gibt es nicht. Das
Verantwortungsgefühl meiner Chefs gegenüber ihren Patienten ist sehr hoch,
schwerkranke Patienten werden wöchentlich zu Hause besucht. Aus Berlin war ich
maximal ein bis zwei Hausbesuche pro Quartal gewohnt „weil man ja sonst ein Minus macht“.
Pharmavertreter müssen draußen bleiben. Nur die Vertreter von Generikafirmen dürfen ihre
Proben am Eingang abgeben. Jede Therapieentscheidung muss anhand von
industrieunabhängigen Quellen (z.B. Arzeimitteltelegramm, DEGAM-Leitlinien)
begründet werden.
Mein erstes Gefühl sagt mir also, dass sich mein Umzug sowohl in Bezug auf
Lerninhalte als auch in Bezug auf Wertschätzung und Einkommen mehr als gelohnt
hat. Ich rate allen, die nicht aus privaten Gründen an Berlin gebunden sind, auch mit
ihren Füßen abzustimmen.


Autor: Dr. Heuteufel

08.07.2008
Verwaltungswahn!


Ich bin Leukämie-Krebsi. Besser: Ich war eine Krebsi. In der Zwischenzeit muss ich nur noch 3 Mal im Jahr zur Nachsorge. Nach über 13 Jahren dürfte meine AML ausgeheilt sein. Eine Transplantation war nicht nötig. Ich war immer bei „Prof. Lothar“ in Behandlung. (Professor Lothar Bergmann) Das ist mein Groß-Cousin und er ist natürlich als Arzt genial.

Zurzeit schüttele ich mal wieder den Kopf. Am Freitag habe ich mal wieder meine Nachsorge. Diese habe ich - wie erwähnt - drei Mal im Jahr. Als Kassenpatient brauche ich ständig einen Überweisungsschein. Ohne Überweisungsschein, keine Abrechnung! Was für ein deutsches Chaos!!! Was für eine Lauferei!! Was für ein bürokratischer Aufwand! Kann man mir nicht die immer gleiche Lauferei ersparen? Ich bin doch in schöner Regelmäßigkeit da.



Ein EX-Krebsi





Autor: EX-Krebsi

07.07.2008
Lob für die Idee


Das ist wirklich eine geniale Idee, eine interaktive Internetzeitung für das Gesundheitswesen! Ich bin begeistert! Das ist genau das, was in unserem kaputtreformierten Gesundheitssystem fehlt. Es sollte um die Patienten gehen und vor allem um alle Patienten. Von der Möglichkeit, sich hier einzubringen, werde ich mit Sicherheit vielen Freunden und Bekannten erzählen. Dort gibt es viele Geschichten von Krankenhäusern und Praxen.


Sind denn noch weitere Seiten geplant als die bisher aufgeführten? Ich hoffe schon. Mir fallen noch viele Themen ein! Ich habe schon bei mehreren Foren mitdiskutiert, wie Sie sicher bemerkt haben. Weiter so Redaktion des Neuen Hippokrates!


Autor: Tabaluga

03.07.2008
zurück zum Hausarzt alter Art


Der Hausarzt, der mich durch meine Kindheit bis ins jungen Erwachsenenalter hinein begleitet hat, hatte so etwas vom Druiden Miraculix aus Asterix und Obelix an sich. Mit seinem weißen Bart (mit dem er wahrscheinlich schon auf die Welt gekommen war - zumindest kannte ihn niemand ohne diesen weißen Bart) und seiner ruhigen und besonnen Art, stellte er den Fels in der Brandung dar, auf den sich nicht nur meine Familie, sondern zahlreiche andere Einwohner unseres damals noch relativ kleinen und überschaubaren Städtchens vor den Toren Frankfurts verließen.

Obwohl Arztbesuche nicht gerade das sind, was man in seiner Freizeit am liebsten tut, ging es einem in Erwartung echter Hilfe und des einen oder anderen Seelentrosts meist bereits viel besser, wenn man nur schon den ersten Schritt in das Wartezimmer getan hatte. Für uns Kinder gab es meist erst einmal eines von diesen merkwürdigen klebrigen Kaubonbons, die in kleine silbrige Päckchen verpackt sind und die es heute wohl gar nicht mehr gibt. Für die älteren Semester war das Wartezimmer nicht einfach nur ein Wartezimmer, sondern ein Ort des Austauschs und der Kommunikation. Gerade bei den ganz Alten konnte ich mich später des Eindrucks nicht erwehren, dass sie nicht aufgrund körperlicher Beschwerden gekommen waren, sondern um die Einsamkeit zu bekämpfen. Aber aus welchem Grund auch immer: jeder war willkommen, jeder kannte jeden und es war für alles Zeit. Mit dem Eintritt ins Sprechzimmers änderte sich die Sachlage keineswegs: sobald Dr. B. die Türe hinter sich geschlossen hatte, war rasch klar, dass man nun alles draußen getrost vergessen und sich sicher zu sein konnte, dass der Arzt sich hier und jetzt nur um das geistige und leibliche Wohl des Patienten kümmerte.

Die eigentliche Untersuchung begann auch nicht mit der körperlichen Diagnose, sondern die erste Frage lautete: wie geht es der Familie? Was macht die Oma? Wie war die Heirat der Kusine? Wie weit ist der Bruder mit seinem Abitur und, und , und.... Dann erst tastete sich Dr. B. zum eigentlichen Grund des Besuchs hervor und manches Mal hatte ihn das intensive Fragen bereits auf eine heiße Spur gebracht, noch bevor man selbst überhaupt irgendwas etwas vom eigentlichen Problem hatte verlauten lassen. Wenn dann aber endlich die körperliche Untersuchung anstand, so war sie überaus gründlich und vieles, was manch ein Allgemeinmediziner heute den Fachärzten überlässt, ließ sich Dr. B. nicht aus der Hand nehmen, sondern machte sich zunächst ein eigenes Bild.


Für seine Patienten war er immer da. Rund um die Uhr und zu jeder Tag und Nachtzeit. Als es meiner Mutter einmal nachts sehr schlecht ging und sie mit meinem Vater um 3 Uhr zum Luft schnappen auf die Straße hinaus ging, trafen sie prompt auf Dr. B., der gerade seinen Dackel ausführte und meine Eltern sofort zu sich hineinebat, um rasch eine Krisenintervention einzuleiten. Man könnte nun meinen, dass Herr Dr. B. ziemlich überarbeitet gewesen sein musste. Aber das genaue Gegenteil schien der Fall gewesen zu sein: nie sah ich ihn mürrisch oder übermüdet, sondern immer voller Elan, bis ins hohe Alter von Mitte 80, als er sich doch schweren Herzen entschloss, seine Praxis aufzugeben.


Und wie ist es heute? Mit meinen knapp 30 Jahren bin ich bei weitem kein alter Mann und trotzdem hört es sich so an, als stammte diese nette Geschichte aus den Zeiten der Jahrhundertwende oder sei direkt der Feder eines James Herriot entwichen, der das romantische Bild eines Landtierarztes beschreibt - natürlich auf die menschliche Ebene bezogen. Wer heute eine schwere oder chronische Erkrankung hat und sich nicht nur wegen eines Schnupfen behandeln lassen möchte, der benötigt anscheinend nicht nur ein dickes Portemonnaie, sondern auch einen langen Atem. In den Worten von Oliver Sacks: „Patient sein, heißt geduldig sein.“ Oft beginnt eine unendliche Odyssee durch die verschiedenen Praxen bis sowohl eine Diagnose, als auch eine adäqutes Gegenmittel gegen das entsprechende Wehwehchen vorliegen, weil oft genug nicht die Zeit ist, um richtig hinzuhören und hinzusehen. Das kostest nicht nur die Gemeinschaft derer Geld, die brav ihr Geld zur Krankenkasse tragen, sondern es kostet auch reichlich Nerven. Letzten Endes landet man dann doch in einer Privatarztpraxis oder beim Heilpraktiker, weil hier ein völlig anderes Dienstleistungsverhältnis möglich ist.


Wie oft habe ich es schon erlebt, dass der Arzt mit wehenden Rockschößen in das Sprechzimmer flatterte und durch seine hellseherischen Fähigkeiten aus drei Metern Entfernung über seinem Schreibtisch hinweg eine 2-Minuten-Diagnose stellte, um mich dann rasch mit freundlichem Nachdruck wieder hinaus zur Arzthelferin zu befördern, wo das Rezept bereits fertig ausgedruckt lag. Pech ist es, wenn dabei wichtige Informationen unter den Tisch fallen, wie zum Beispiel, welche Medikamente oder Krankheiten man von vornherein zusätzlich in die Sprechstunde mitbringt, so dass es mit den neu verschriebenen Medikamenten zu unter Umständen lebensbedrohlichen Interaktionen kommt. Solche Dinge kamen bei Dr. Br. beispielsweise nicht vor, kannte er doch meist die komplette Familie und die Geschichte jedes einzelnen Familienmitglieds. Natürlich ist das zur heutigen Zeit nur noch in begrenztem Ausmaß möglich, sind die Familien doch selten in so unmittelbarer Nähe zu einander anzutreffen. Aber es muss doch möglich sein, wenigstens einen kleinen Schritt in diese Richtung zu gehen und die Macht des Wortes als Arzt für sich zu nutzen, um auf diese Art schon vorab den Heilungsprozess einzuleiten. Soviel Zeit muss einfach sein.

Eine weitere beliebte Taktik scheint es, ein unerklärliches Symptom, für das man keine Erklärung findet als austherapiert oder reine Psychosomatik zu verkaufen, weil weder Zeit (bei machem auch Lust) noch das dafür nötige Budget vorhanden sind, um Ursachenforschung zu betreiben. So bekam ich von zwei der unzähligen Ärzte, die ich bereits besuchen durfte die Empfehlung, mich doch an einen Heilpraktiker zu wenden. Sie könnten zwar auch leisten, was der Heilpraktiker täte, aber dafür reiche das Budget eben nicht. Auch das kann und darf nicht sein.


Oft genug scheint der eine oder andere unter den professionellen Helfern kurz vor dem Burnout zu stehen in seinem Anspruch, allen Widrigkeiten zum Trotz, seine Patienten gut zu versorgen und seinen Heilauftrag ernst zu nehmen. Zu den Widrigkeiten gehören die scheinbar unendlichen und nervtötenden bürokratischen Fallstricke, die man als Patient zwar nur am Rande mitbekommt, die mir persönlich alleine vom Zuhören den Puls hochtreiben. Der letzte Allgemeinmediziner, bei dem ich in Behandlung war, war nicht nur ein prima Kerl, sondern auch sehr gewissenhaft und kompetent. Allerdings schien er immer einen Schritt vor der Erschöpfungsdepression zu stehen: er traf morgens um kurz vor 7 in die Praxis ein, nach wenigen Stunden Schlaf, weil er zu einem nächtlichen Notfall gerufen worden war. Wenn dann um kurz vor sieben Abends die letzten Patienten endlich die Praxis verließen, konnte er sich erstmals um das zusätzliche bürokratische Procedere kümmern, was den Tag über liegen geblieben war, um dann irgendwann ein paar Stunden später endlich den Heimweg anzutreten.


Ich wünsche mir also, dass die Entmündigung und Gängelung von Ärzten ein Ende findet, damit es ihnen wieder möglich ist, das zu tun, was eigentlich ihre Aufgabe ist, nämlich das Heilen. Nicht das Ausfüllen von merkwürdigen Berichten, nicht das Quittieren von 10-Euro-Belegen und nicht das Rechtfertigen dafür, weshalb sie bei einem Patienten gerade das festgelegte Budget, das für jeden Einzelnen zur Verfügung steht, überschritten haben. Außerdem wünsche mir, dass jeder Arzt wieder etwas mehr Zeit für die eigene Psychohygiene findet, denn nur so kann er seine Arbeit tun und ich muss mir als Patient nicht Gedanken darüber machen, ob ich nun einen übermüdeten und frustrierten Arzt vor mir habe, der einfach nur noch versucht, durch den Tag und durch die unzähligen Patientenakten zu kommen.


Autor: Ignis Fatuus

24.06.2008
Für Notfälle schlecht gerüstet


Meistens passierte es nachts während des Bereitschaftsdienstes. Die Nachtschwester oder der Nachtpfleger gingen durch die Zimmer, alle paar Stunden sahen sie jeden Patienten. "Kommen Sie schnell, der Herr soundso atmet so komisch." Raus aus dem Bereitschaftsbett (wenn man nicht sowieso auf war) und im Schnellschritt auf Station. Patient hat Schnappatmung, Puls nicht fühlbar. Reanimation. Dann Notfallkoffer angefordert. Beutel wird nicht gefunden, Konnektor ist undicht, Lampe des Laryngoskopes geht nicht, statt des Ambu-Beutels wird eine Sauerstoffbrille gebracht, die Intensivstation wird nicht automatisch verständigt. Schwestern und Pfleger üben in unserem Haus maximal alle zwei Jahre solche Notfälle. Die Ärzte werden praktisch gar nicht mehr geschult. So ist es seit der Privatisierung des Krankenhauses noch schlechter geworden. Zwei Jahre hat es gedauert, bis für die Normalstation der bestellte Notfallwagen eingetroffen ist, in dem jedes Instrument, jedes wichtige Medikament sofort griffbereit ist. Das zusammen hat mehrere Leben gekostet. Wer an der Qualität spart spielt mit dem Leben der Menschen. Eine regelmäßige anästhesiologische Schulung der Ärzte und des Pflegepersonals in Megacode-Training zur Übung der Notfallsituationen zwei Mal pro Jahr ist notwendig bei der sich keiner drücken kann. Assistenzärzte, die Dienste machen sollen, sollten vorher als Bringschuld des Krankenhauses darin ausreichend geschult werden. ZVK-Legen, Intubieren, Reanimation sollte ausreichend trainiert werden, dass es im Ernstfall nicht zur Überforderung kommt. Hier besteht ein immenser Nachholbedarf vieler Krankenhäuser, die das dem Zufall überlassen. Hier müssen Weiterbildungs- und Fortbildungstrukturen geschaffen werden, die die Qualität sicherstellen.


Autor: alles-wird-gut

23.06.2008
Kaum Weiterbildung stattgefunden


Vor einiger Zeit mußte ich einen Monat in unserem damaligen Schwesterkrankenhaus aushelfen, da dort viele Ärzte in der Weiterbildung aufgrund der Arbeitssituation gekündigt hatten. Mehr zufällig durch ein Mißverständnis wurde ich überhaupt eingearbeitet. Am zweiten Tag ging es nach 90 Minuten Blutabnehmen direkt in die Chefvisite, auf die ich mich noch gar nicht vorbereiten konnte. Es war ein Gehetze von Zimmer zu Zimmer, die Bedürfnisse der Patienten wurden kaum wahrgenommen. Für Erklärungen war keine Zeit, Weiterbildung fand keine statt. Den Kollegen in diesem Haus ging es ähnlich. Zwar wurde im Laufe der Zeit dann alle 14 Tage eine internet Fortbildung eingeführt, jedoch half diese bei der praktischen Arbeit auf den Stationen und während der Dienste wenig. Neue Kollegen in der Zeit nach mir wurden auch als Anfänger schon nach wenigen Tagen für Dienste alleine am Wochenende eingeteilt. Dass hier Patienten Schaden genommen haben wird berichtet. Dies wundert uns als erfahrenere Ärzte auch nicht. Direkt nach dem Studium hat man von vielen praktischen Vorgehensweisen einfach keine Ahnung. Jemand vor 4-6 Wochen Einarbeitung nach dem Studium alleine ein Krankenhaus betreuen zu lassen und ihn dann als Hintergrunddienst noch im Stich zu lassen ist eine Schande und ein Skandal!


Autor: Dr. Großes Rad

23.06.2008
Diskutieren Sie mit in unserem Forum!


Unsere Foren sind startbereit! Ab sofort können Sie in unseren Foren diskutieren! Dafür müssen Sie sich einmal anmelden und ein Pseudonym wählen. Sie erhalten eine E-Mail und müssen die Anmeldung bestätigen - dann kann es sofort losgehen. Wählen Sie eigene Themen oder diskutieren Sie unter bereits von anderen Teilnehmern gewählten Themen mit! Hier ist der schnelle Austausch über das Gesundheitswesen, über Arbeitssituation, Weiterbildung, über Erfahrungen als Patient mit Kliniken und Praxen, Sorgen und Nöte möglich.


Autor: Der Neue Hippokrates

22.06.2008
Aus der Sicht einer Ausländerin


Als ich vor 8 Jahren nach Deutschland zog und bald "zum Arzt" gehen musste, machte ich eine für mich erstaunliche Erfahrung. Mein Mann und ich mussten zufällig zur gleichen Zeit zu einem Dermatologen. Wir riefen den gleichen Facharzt am selben Vormittag an. Wir wurden beide zuerst gefragt, ob wir zum ersten Mal bei dieser Praxis waren, was wir beide positiv beantworteten. Dann kam die Frage "Sind Sie gesetzlich oder privat versichert?" Mein Mann war damals privat versichert (mit einem Studententarif) und ich als Angestellte gesetzlich versichert. Er bekam einen Termin für den folgenden Tag um 9 Uhr... und ich ein Monat später!!!

Ich konnte es nicht fassen. Und dabei war mein Beitrag zur Krankenversicherung doppelt oder dreifach so hoch wie seiner.

Als ich mich vier Wochen später zum genannten Termin begab, beobachtete ich, dass es zwei unterschiedliche Wartezimmer gab, was mich in dem Moment nur wunderte. Als ich ins Behandlungszimmer hineingebeten wurde, saß der Arzt schon hinter seinem Computer. Er begrüßte mich, fragte mich sofort nach meinen Beschwerden, worauf ich antwortete. Er hörte sich meine Beschreibung kurz an und dann erklärte mir seine Diagnose. Die Sprechstundehilfe würde mir draußen die Verschreibungen geben und gute Besserung. Das Ganze dauerte nicht länger als zehn Minuten. Und der Arzt tippte die ganze Zeit auf seiner Tastatur. Eine körperliche Untersuchung gab es nicht.

Als ich heraus kam, dachte ich "Gott, so sind halt deutsche Ärzte" und dass dieses gerade ein gutes Beispiel zur Verstärkung des Vorurteils war, "Deutsche seien effektiv, effizient und gefühllos auf der Arbeit".

Jetzt, nach vielen Jahren, verstehe ich warum viele Landsleute, die in Deutschland seit vielen Jahren wohnen und der deutschen Sprache mächtig sind, lieber den Heimatbesuch nutzen, um sich dort richtig "durchchecken" zu lassen, und bereit sind, trotz teurer Krankenkassenbeiträge in Deutschland, diese Arztbesuche aus der eigenen Tasche zu zahlen.


Autor: intuitum

21.06.2008
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Hausärztenachwuchs vergrault


Hausärzte gelten häufig noch als Ärzte zweiter Klasse. Doch die fünfjährige Spezialisierung zum Facharzt für Allgemeinmedizin steht anderen Facharztweiterbildungen vom Aufwand her in nichts nach. Als Ärzte, die Überblick über das Gesamtbefinden und die Lebenssituation der Patienten behalten, könnten sie bei einer guten, strukturierten Weiterbildung als hochkompetente Ärzte eine zentrale Stellung im Gesundheitssystem einnehmen. Viel Geld könnte gespart werden. Denn Patienten würden nicht zwischen den Fachärzten hin- und hergeschickt, sondern, wenn nötig, gezielt zu Spezialisten überwiesen werden. Doch die neuesten Weiterbildungsordnungen der einzelnen Bundesländer für den Facharzt für Allgemeinmedizin bzw. Innere und Allgemeinmedizin bauen hier so viele Tücken ein, dass kaum noch jemand Hausarzt werden will und uns Ärzten in der Weiterbildung viele Steine in den Weg gelegt werden. Es entsteht der Eindruck bei uns angehenden Allgemeinmedizinern, dass die Weiterbildungsordnungen auf dem Reißbrett von Theoretikern entworfen wurden, die die Praxis nicht kennen oder berücksichtigen. Existentielle Probleme sind die Folge, Flucht in andere Facharztweiterbildungen, Berufswechsel oder Auswandern wird zur häufigen Lösung aus dem Dilemma. Da Rotationen durch die Fachgebiete nicht geregelt sind und die Bezahlung in dieser Zeit unzureichend ist, befindet sich der Weiterzubildende einen Großteil der Zeit auf Stellensuche und immer wieder in der Probezeit mit dem bekannten Rechteverlust. Dass der Begriff des „Hausarztes“ aus der hessischen Weiterbildungsordnung herausgenommen wurde, erscheint symptomatisch für den Umgang mit diesem Fachzweig und seinem Nachwuchs.


Ausbildung in den Nebenfächern kaum möglich

Im Unterschied zur Facharztweiterbildung anderer Fächer ist der angehende Hausarzt gezwungen, mehrfach seine Stelle zu wechseln, um Erfahrung in verschiedenen Fächern außerhalb der Inneren Medizin und der eigentlichen Hausarzttätigkeit zu sammeln, wie zum Beispiel in der Gynäkologie, der Orthopädie, der Neurologie, der Psychosomatik, der Kinderheilkunde. Doch dies ist in der Praxis kaum möglich, da viele Kliniken trotz der möglichen Förderung von 12 000 Euro pro Jahr pro Weiterzubildenden durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) nur künftige Fachärzte für ihr eigenes Fach und keine künftigen Allgemeinmediziner einstellen. Facharztpraxen nehmen nur Ärzte in der Weiterbildung, die eine Förderung erhalten. Diese ist jedoch in den meisten Bundesländern auf zwei Jahre begrenzt und wird schon für die hausärztliche Tätigkeit benötigt. Denn auch dort gilt: ohne Förderung keine Stellen. Das führt dazu, dass häufig die einzige Ausweichmöglichkeit gemäß der Weiterbildungsordnung drei Jahre Innere Medizin und zwei Jahre hausärztliche Tätigkeit gewählt wird. Damit werden künftige Allgemeinmediziner herangezogen, die außer der Inneren Medizin und der Mitarbeit beim Allgemeinmediziner keine weiteren Kenntnisse erworben haben. Das führt zu einem beträchtlichen Kompetenzverlust. Nur Berlin hat im Alleingang dieses Jahr den alten Facharzt für Allgemeinmedizin wieder eingeführt und sich damit über den bundesweiten Konsens hinweggesetzt. Als weiteres Pflichtfach wurde die Orthopädie mit in die Weiterbildung aufgenommen. Leider gingen mit dieser Kehrtwende keinerlei Maßnahmen zur Vereinfachung der Weiterbildung einher.


Bezahlung geringer als Harz IV

Ein weiterer Hemmschuh ist die schlechte Bezahlung während der Praxisphase, die, von einigen ländlichen Gebieten einmal abgesehen, je nach Bundesland und Steuerklasse zwischen 1280 bis 1550 Euro Nettogehalt schwankt und damit für einen Alleinverdiener knapp unter der Hartz-IV-Grenze liegt. Davon müssen dann aber noch Kammerbeiträge und ärztespezifischen Versicherungen sowie zahlreiche teure Pflichtkurse bezahlt werden. Es ist kaum möglich, hiervon eine Familie zu finanzieren. Hessen, Baden-Württemberg und Niedersachsen schreiben eine etwas bessere Vergütung vor, die trotzdem teilweise von Weiterbildern nicht gezahlt wird oder die finanzielle Situation nur unwesentlich entschärft. Bei Wechsel einer Praxisweiterbildungsstelle kann in einigen Bundesländern das Recht auf Fördergeld gar nicht erst zu einer weiteren Weiterbildungsstelle mitgenommen werden, so dass man sich deshalb gegen eine schlechte Weiterbildung nicht durch einen Wechsel der Praxis zu Wehr setzen kann. Zudem kommt das Risiko hinzu, den gesamten Förderbetrag von etwa 50000 Euro, der während der zweijährigen Praxiszeit oft das einzige Gehalt darstellte, wieder zurückzahlen zu müssen, wenn man sich aufgrund von schlechten Arbeitsbedingungen für einen anderen Berufszweig entscheidet oder die Facharztprüfung nicht besteht.


Überhöhte Untersuchungszahlen

Eine weitere Schwierigkeit stellen die überhöhten Untersuchungszahlen dar, die von uns angehenden Fachärzten gefordert werden. So werden zum Beispiel für angehende Hausärzte 400-500 Sonografien des Abdomens, 200-300 Duplex-Sonografien der peripheren Gefäße und bis zu 150 Sonografien der Schilddrüse verlangt. Hier zählt nicht Qualität mit gutem Unterricht, sondern rein die formelle Anzahl der gemachten Untersuchungen, Diese werden dann in den Krankenhäusern oft von den Ärzten autodidaktisch mehr schlecht als recht erlernt, teilweise in der Freizeit oder im Urlaub. Gefälligkeitsunterschriften für die Kammer aufgrund der unrealistisch hohen Zahlen sind die Regel und machen die Ärzte in der Weiterbildung gegenüber Ärztekammer und Chefärzten erpressbar. Um diese Untersuchungen später abrechnen zu können, müssen für jede Ultraschall- und Duplexart weitere Zusatzqualifikationen bei der „Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin“ (DEGUM) erworben werden, um die Defizite der Facharztweiterbildung auszugleichen. Angehende Hausärzte müssen also die Untersuchungen doppelt machen: Für die Weiterbildung und für die DEGUM, um diese später über die Kassen abrechnen zu können. Hier muss auch die Frage nach der Praktikabilität gestellt werden: Eine Duplexsonografie beansprucht für einen Allgemeinmediziner bei seinen vielfältigen Aufgaben sehr viel Zeit, und nur Duplex der Beingefäße dürfen wir überhaupt abrechnen.



Recherchen, wo die geforderten Untersuchungszahlen herkommen, ergeben ein Bild, das nachdenklich stimmt. Nach langen und zähen Nachforschungen ist es uns gelungen, unter anderem ein Präsidiumsmitglied einer Landesärztekammer dazu zu bewegen, hier die Gründe zu nennen. Die Zahlen der sogenannten „Weiterbildungsinhalte“ seien frei erfundene Zahlen, die von etablierten Ärzten immer weiter erhöht würden, damit die Konkurrenz durch Nachwuchs nicht zu groß werde. Eine Definition, welche genauen Kompetenzen ein künftiger Hausarzt haben solle, um davon eine sinnvolle Weiterbildungsordnung abzuleiten, gebe es nicht und werde bisher von Standesvertretern auch vehement verhindert.



Statt sich auf das Erwerben von medizinischen Kenntnissen zu konzentrieren, verbringen wir einen Großteil unserer Zeit damit

· eine neue Stelle für den nächsten Weiterbildungsabschnitt zu suchen

· die praxisfernen, deutlich überhöhten Untersuchungszahlen gemäß der Weiterbildungsrichtlinien zu erfüllen (200-300 Duplex-Untersuchungen, 400-500 Sono-Abdomen, 150 Sono-Schilddrüse usw.);

· bei Bundeslandwechsel die bisherige Weiterbildung bei der Landesärztekammer des neuen Bundeslandes anerkennen zu lassen;

· Stellen zu suchen, die es erlauben, die eigene Familie zu finanzieren, was vor allem in der Praxiszeit ein Problem ist.


Weiterbildung zum Hausarzt attraktiv gestalten

Um den Facharzt für Allgemeinmedizin wieder attraktiv zu machen, muss schnell ein komplettes Umdenken seitens der Politik und der ärztlichen Selbstverwaltung stattfinden.

Dazu gehören:

· Schaffung einer Weiterbildungsordnung, die sich an den realistischen und praxisnahen Kompetenzen von zukünftigen Hausärzten orientiert

· eine drastische Senkung der geforderten Untersuchungszahlen bei hochqualitativer Anleitung

· Kontinuierliche Verbesserung der Weiterbildung in der Realität. Weiterbildung muss eine Bringschuld der Weiterbilder gegenüber den angehenden Fachärzten werden, ein strukturiertes Weiterbildungskonzept muss vorgelegt werden, Ärzte in der Weiterbildung müssen ihre Weiterbildungsstätte regelmäßig evaluieren, die Weiterbildungsermächtigung muss bei Nichterfüllung schneller entzogen werden

· ein Vertrag über die gesamte Weiterbildungszeit mit geregelter Rotation und einmaliger Probezeit am Anfang

· eine an den aktuellen Krankenhaustarifen angepasste Bezahlung über die gesamte Weiterbildungszeit

· Transparenz der Weiterbildungsausschüsse unter Beteiligung von Ärzten in der Weiterbildung der jeweiligen Fachgebiete

· bezahlbare Pflichtkurse während der Weiterbildung

· staatliche Förderprogramme für die Praxisphase statt Förderung durch Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen, ohne Pflicht der Rückzahlung bei Nichtbestehen der Prüfung oder Änderung des Facharztziels



Innerhalb der letzten Monate wurde auch in der Presse schon angesprochen, dass es Pläne gebe, den ambulanten Sektor zu Gunsten von Medizinischen Versorgungszentren (MVZs) auszutrocknen. Diese sollen dann den Krankenhauskonzernen angegliedert und damit zentral besser steuerbar gemacht werden. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben in jüngster Zeit bereits in größerer Anzahl Zulassungen an die Konzerne verkauft. Wer sich in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin befindet, kann so den Umgang mit der Nachwuchsgeneration als politisch gewollt verstehen. Informationen, dass junge Allgemeinmediziner, so wie es derzeit in Brandenburg geschieht, aus Osteuropa angeworben werden, vervollständigen das Bild. Dass es aus medizinischer und ökonomischer Sicht ein großer Fehler wäre, nach Gewinnmaximierung strebenden Unternehmen, wie zum Beispiel Aktiengesellschaften, nun auch die Macht über unsere ambulante Versorgung zu geben, liegt auf der Hand. Hoffen wir, dass die Politik sich hier eines besseren belehren lässt, bevor es zu spät ist.

Dr. Christian Haffner, Frankfurt/M, und Dr. Marcus Schmidt, Berlin, sind Ärzte in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin


Autor: HaffnerSchmidt

20.06.2008
Situation in der Pflege?


Wie ist die Situaton in der Pflege? Haben Sie als Schwestern und Pfleger ausreichend Zeit, sich um die Patienten zu kümmern oder sind Sie ständig nur am Rennen? Sind Sie in der Lage den Patienten auch emotionellen Beistand zu leisten? Wie erfüllt fühlen Sie sich von Ihrem Beruf? Besteht der größte Teil ihrer Arbeit in der Pflege von Patienten oder beschäftigen Sie sich vor allem mit dem Richten von Medikamenten, Bürokratie, dem Verteilen von Essen? Haben Sie Zeit, auf die Visite mitzugehen? Wie ist der Austausch mit den Ärzten? Wir freuen uns über Ihre zahlreichen Berichte aus dem Ihrem Erfahrungsbereich. Nur zusammen können wir etwas ändern!


Autor: Der Neue Hippokrates

20.06.2008
Was erleben Sie als Patient?


Wie empfinden Sie als Patient die Entwicklung unseres Gesundheitssystems? Welche Erfahrungen haben Sie in den Krankenhäusern, Rehakliniken und Praxen gemacht? Welche Veränderungen würden Sie sich wünschen? Was läuft Ihrer Meinung nach schief, was läuft gut? Helfen Sie mit, das Gesundheitssystem von der Basis her zu verbessern. Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungsberichte. Achten Sie bitte darauf, keine Namen von Personen oder Unternehmen zu nennen. Es geht hier um eine generelle Beschreibung von Situationen. Wir wollen möglichst viele Informationen von Patienten sammeln, um die es im Gesundheitssystem eigentlich gehen sollte.


Autor: Der Neue Hippokrates

20.06.2008
Wie ist die Weiterbildung?


Beschreiben Sie Ihre Weiterbildungssituation als Ärzte. Wird Ihnen strukturiert etwas beigebracht? Schaffen Sie es in der regulären Arbeitszeit und in der normalen Weiterbildugszeit problemlos, Ihren Weiterbildungskalalog zu erfüllen? Halten Sie die Vorgaben in den sogenannten "Richtlinien" für sinnvoll? Oder sind diese überzogen? Wie häufig sind Ihrer Beobachtung nach Gefälligkeitszeugnisse, dass Untersuchungen attestiert werden, die man zumindest in der unterschriebenen Anzahl gar nicht machen konnte? Werden Sie erpresst oder zu Wohlverhalten veranlasst, um diese Unterschriften zu bekommen?

Um die Weiterbildungssituation in den Kliniken evaluieren zu können brauchen wir hier eine möglichst große Rückmeldung. Selbstverständlich unterliegen Ihre Daten dem Datenschutz. Das Pseudonym sollte daher ihren Namen auf keinen Fall erkennen lassen. Wir freuen uns über Ihre rege Beteiligung!


Autor: Der Neue Hippokrates

20.06.2008
keine Transparenz mehr


Für mich als Patient ist das Gesundheitssystem in den letzten Jahren immer undurchsichtiger geworden. An allen Ecken und Enden gibt es Zuzahlungen: Rezeptgebühren, 10-Euro beim Arzt- oder Zahnarztbesuch einmal im Quartal und so weiter und so fort. Durch die mit Sicherheit berechtigten Streiks der Ärzte vor einigen Jahren sind wir Patienten auf die Situation in den Krankenhäusern aufmerksam geworden, ich denke, dass jeder von uns in der Verwandtschaft oder Bekanntschaft jemanden kennt, der hier Geschichten zu erzählen hat. Der Eindruck ist schon, dass sich alle bemühen, die Krankenschwestern, die Ärzte. Aber irgendwie läuft das alles nicht mehr rund. Es fehlt an Personal, die Schwestern und Pfleger sind nur noch am Rennen, die Ärzte sind immer noch übermüdet.

Ich als Patient wünsche mir, dass es hier bald eine Lösung gibt, die wir Patienten mitgestalten können. Unsere Meinung ist doch wichtig! Die Entscheidungsträger bekommen doch ohnehin eine Sonderbehandlung, wenn sie in die Klinik müssen, auch, wenn sie nicht privat versichert sind. Wie sollen sie dann unsere Erfahrungen nachvollziehen können? Hier wünsche ich mir eine Umfrage unter der Bevölkerung, um ein neues Gesundheitssystem aufzubauen.



Autor: alles-wird-gut

11.06.2008
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Abschaffung der ärztlichen Kunst


Die Bürokratie für die Ärzte solle reduziert werden, hieß es im Bundesgesundheitsministerium. Der Marburger Bund fordert dies schon lange. Doch wenn man mit Krankenhausärzten und niedergelassenen Ärzten spricht, ist davon nichts zu spüren. Gerade in den Kassen-Praxen ist der gläserne Arzt entstanden, muss jeder Handgriff dokumentiert werden, sind vielfältige Vorschriften einzuhalten. Wir sprachen mit einem Praxisarzt, der uns die Szenarien beschrieb. Am Ende des Tages müsse er sehen, dass sich die Arbeitszeiten am einzelnen Patienten nicht zu einer Zeit von über 12 Stunden aufaddiere. Dann drohten Kontrollen durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Einmal sei ihm das schon passiert. Ein KV-Angestellter habe ihn fünf Tage lang mit der Stoppuhr bei der Arbeit begleitet und jeden Handgriff protokolliert. In einem Fall sei er für die Qualitätsrichtlinien zu schnell gewesen und habe einen Rüffel kassiert, er habe die Untersuchung in 10 statt 20 Minuten und folglich nicht richtig gemacht. Das sagt ein Nicht-Arzt, ein Bürokrat, einem Kinderarzt mit über 30 Jahren Erfahrung. Mehrfach habe er schon seine Honoraransprüche von einem Anwalt durchsetzen lassen müssen. Welch ein System ist dies, in dem die Verwaltungen die Macht über die Medizin gewonnen haben und den Ärzten ohne Konsequenz ins Gesicht sagen dürfen, die ärztliche Kunst sei „schon längst abgeschafft“, der Arzt sei „nur noch Leistungserbringer“. Seine Ultraschalluntersuchungen kann der Kollege nicht mehr abrechnen, die KV hat ihm einen Brief geschickt, dass nur noch Geräte mit einer höheren Auflösung, die viele Geräte nicht haben, als Kassenleistung gelten. Machen muss er sie trotzdem, hat Zeitaufwand, Personalkosten und Kosten für das Ausdrucken der Ultraschallbilder, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen.

In den Krankenhäusern ist es nicht besser. Dort haben die Chefärzte nicht mehr das Sagen, sondern die Verwaltungsleitungen, Geschäftsführungen, Aufsichtsräte und Aktionäre. Die Chefärzte müssen Zahlen vorlegen, Benchmarks erfüllen, bekommen Medikamente aus Kostengründen gestrichen. Dass die medizinische Versorgung darunter leidet wird von vielen Ärzten in der Weiterbildung, dem Krankenpflegepersonal und den Patienten berichtet. Entlassungen kranker Patienten mit entgleistem Blutzucker im gefährlichen Bereich, Blutarmut, die eine Bluttransfusion notwendig machen würde sind nicht nur einmal vorgekommen. Von Todesfällen unversorgter Patienten mit akuter Magen-Darm-Blutung oder akutem Herzinfarkt wird von Insidern berichtet.

Schuld daran ist einmal die Überlastung der Ärzte und der Pflege durch eine zu rigide Personalpolitik der Krankenhausverwaltungen. Auf der anderen Seite ist durch die Einführung der Diagnosis related groups (DRGs) im Jahre 2004 eine möglichst frühzeitige Entlassung der Patienten für die Krankenhäuser lukrativ. Eine Neuaufnahme mit anderer Diagnose kann wieder abgerechnet werden oder das Bett wird für einen neuen Patienten frei. Doch die Krankenhausverwaltungen sind hier nicht alleine für diese Situation verantwortlich zu machen. Sie stehen unter enormen finanziellen Druck, ausgelöst durch die letzten Gesundheitsreformen, die wieder einmal nur Löcher stopfen und nicht den Patienten und Mitarbeitern im Gesundheitssystem helfen sollten.

Notwendig ist eine Abkehr von immer mehr Kontrolle, immer mehr Verwaltung und eine Rückkehr zur eigentlichen Arbeit der einzelnen Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Wenn im ambulanten Sektor 50 Prozent der Kosten von überdimensionalen Verwaltungsstrukturen verschlungen werden, Krankenkassen Kompetenzzentren im eigenen Haus aufbauen und finanzieren müssen, wenn Kontrolle vor Vertrauen und guter Medizin geht, dann ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig. Hier sind Verstrickungen zu lösen zwischen Politik und Wirtschaft, Medizin und Pharmaunternehmen, Eitelkeiten der einzelnen Ärztegruppen zu überwinden. Das Gesundheitswesen braucht neue Strukturen, in denen gegenseitiges Vertrauen und die ärztliche Kunst das momentan bestehende Misstrauen und die Kontrolle ersetzen. Dann haben wir die Möglichkeit im Schulterschluss und in Kooperation die momentanen Reibungsverluste im Kontakt miteinander in eine gute Medizin des gegenseitigen Respekts umzusetzen. Genau dies ist jetzt vonnöten.


Autor: Die Redaktion

11.06.2008
Die Facharztweiterbildung: ein Spielball der Kammern





Ist es erlaubt, den Sinn der Weiterbildungsordnung zum Facharzt zu hinterfragen? Wenn man in direkten Kontakt mit den einzelnen 17 deutschen Ärztekammern tritt, müsste hier die Antwort klar “nein” lauten. Es ist eine klare Abwehrhaltung gegen solche Fragen spürbar, eine Antwort erhält man nicht. Ein näherer Kontakt zu den Gremien erhärtet dann den Verdacht, dass es nicht alleine um eine hochqualitative Weiterbildung zu Fachärzten geht, sondern mehr politische Gründe im Vordergrund stehen. Die Weiterbildungsordnungen werden politisch ausgehandelt, die notwendigen Untersuchungszahlen sind zu hoch und werden in kammerinternen Gesprächen, für die Ärzte in der Weiterbildung nicht nachvollziehbar, festgelegt. Dass astronomische Anzahlen an Ultraschall des Abdomens und Duplex der Gefäße beispielsweise für die Allgemeinmedizin gefordert werden, liegt nach dem in der Kammer aktivem Mitglied Dr. L. daran, dass die etablierten Fachärzte Konkurrenz verhindern wollen. “Es muss gelogen und betrogen werden und in diesen Fällen rate ich auch ausdrücklich dazu. Lassen Sie sich alles unterschreiben was notwendig ist. Anders geht das nicht”, heißt es in einer internen Besprechung auf die Frage eines Assistenzarztes, wie die Zahlen in der Praxis zu erreichen seien.

Kann das so weitergehen? Sollen Patienten und junge Ärzte weiterhin unter einer Selbstverwaltung leiden, in der es zu viel um politische Machtspiele und Sichern der eigenen Pfründe geht und die junge Generation an Ärzten durch unsinnige Vorschriften erpressbar gemacht wird? Die zuständigen Landesministerien sehen weg, verweisen auf die ärztliche Selbstverwaltung. Doch in den “Ärzteparlamenten” der Kammern sitzen aus nachvollziehbaren Gründen nur wenige junge Mediziner, weil diese ohnehin schon durch die extrem belastende Arbeit an der Grenze ihrer Kräfte sind. Nebenbei noch die wenigen freien Wochenenden und Abende im Jahr ehrenamtlich als Delegierter zu verbringen ist kaum möglich. So erhält sich das System selbst aufrecht, zieht Theoretiker und etablierte Ärzte, die die Realität von uns jungen Ärzte nicht kennen, an. Diese verstehen die Probleme unserer Nachfolgegeneration nicht. Dadurch entsteht gerade uns jungen Ärzten ein enormer Schaden, von den Konsequenzen für die Patienten, um die es ja eigentlich gehen sollte, gar nicht zu sprechen. Eine weitere Folge ist, dass durch eine schlechte Weiterbildung die Kompetenz der gesamten Ärzteschaft sinkt und dadurch horrende Summen für unnötige Diagnostik und Therapien zu Lasten der Solidargemeinschaft vergeudet werden.

Partikularismus

In einer Zeit der Globalisierung, einer immer näher zusammenwachsenden Europäischen Union, die als supranationales Gebilde Aufgaben der Einzelstaaten übernimmt, in einer Zeit in der die Europa-Währung “Euro” Realität geworden ist, mutet der Partikularismus der 17 Ärztekammern äußerst anachronistisch an. Die immer wieder geforderte unbegrenzte Flexibilität bei der Wahl und einem Wechsel des Arbeitsortes wird durch die hohen Weiterbildungsschranken der einzelnen Landesärztekammern, ähnlich den Zollschranken zu Zeiten der deutschen Kleinstaaterei bis Anfang des 19. Jahrhunderts, konterkariert. Während der Facharztweiterbildung kommt es so immer wieder zu deutlichen Härten, ungerechten, erbsenzählerischen Auslegungen, die unnötig sind und allen schaden. Junge Ärzte vor der Facharztprüfung werden so zum Spielball der Zustände an den Kammern, werden durch sinnentfremdete Regelungen der Weiterbildungsordnungen zum Lügen und Betrügen gezwungen und damit erpressbar. Gleichzeitig wird dadurch, wie im monarchistischen System zu Kaisers Zeiten, die Hierarchie aufrechterhalten. Denn wer aufmuckt, dem droht, dass er seine Unterschriften für nicht gemachte und nicht machbare Untersuchungen nicht erhält, dass Mindestzeiten am Stück in den Kliniken nicht anerkannt werden oder weitere Schikanen. Die Möglichkeiten der Kammern sind derzeit hier fast unbegrenzt, den jungen Ärzte Steine in den Weg zu legen.

Was wir brauchen

Vonnöten sind hier klare, bundeseinheitliche Regelungen, die sich an dem orientieren, was ein späterer Facharzt wirklich für seinen Arbeitsalltag benötigt und was während einer Weiterbildung in der vorgeschriebenen Zeit machbar ist. Gerade die Untersuchungszahlen müssen davon abgeleitet werden, was sinnvoll ist und deutlich in der Quantität heruntergefahren werden. An diese Stelle sollte eine gute, strukturierte Schulung in den jeweiligen Untersuchungen treten und den angehenden Fachärzten die Möglichkeit gegeben werden, ihren Weiterbildungskatalog während der regulären Weiterbildungszeit und während der Arbeitszeit zu erfüllen. Es muss offen diskutiert werden, ob die Landesärztekammer in ihrer jetzigen Funktion nicht zugunsten einer Bundesärztekammer als Organ des Öffentlichen Rechts ersetzt wird und die Landesärzteparlamente zugunsten eines Bundesärzteparlamentes aufgelöst werden. Dann hätten wir mehr Flexibilität, Anerkennungsschwierigkeiten mit ihren Härten bei Ortswechsel fielen weg und neue Regelungen ließen sich schnell und zeitgemäß durchsetzen. In Europa gibt es ausreichend gut funktionierende Beispiele mit national organisierten Ärztevereinigungen (z.B. Frankreich, Schweiz u.a.). Was außerdem notwendig ist, ist eine Rückkopplung der Weiterbildungsqualität von den angehenden Fachärzten. Werden Kliniken und Praxen mit Weiterbildungsermächtigung zu einer strukturierten Weiterbildung unter Vorlage eines detaillierten Weiterbildungskonzeptes verpflichtet und evaluieren die Weiterzubilden regelmäßig ihre Weiterbildung, entsteht die Möglichkeit, die Weiterbildungsqualität kontinuierlich zu optimieren. Fallen Evaluationen zu schlecht aus, müsste das Problem unbürokratisch vor Ort analysiert werden und gegebenenfalls auch schnell die Weiterbildungsermächtigung bis zur Behebung des Problems entzogen werden. Allein daran, wie selten bisher eine Weiterbildungsermächtigung von Seiten der Ärztekammern zurückgenommen wurde, kann man sehen, dass die Kammern sich hier nicht ausreichend um ihre zukünftigen Fachärzte kümmern. Das steht in krassem Gegensatz zu den Erfahrungen vieler Assistenzärzte mit der Weiterbildung in Klinken und Praxen, Schikanen und Ausbeutungen, die den Entzug der Ermächtigung in mehreren Fällen allemal rechtfertigen würde. “Eine Überwachung der Weiterbildungsqualität während der Weiterbildung findet nicht statt”, heißt es lapidar in der Antwort einer Landesärztekammer. Andere Kammern reagieren inhaltlich ähnlich. Hier könnte sich ein Beispiel an der Schweiz genommen werden, in der Evaluationen und auch Begehungen der Spitale (“Visitationen”) genauso üblich sind wie ein Entzug der Erlaubnis, Ärzte zum Facharzt weiterzubilden. In neue demokratische Strukturen müssten auch Ärzte in der Weiterbildung eingegliedert werden und ihnen real die Möglichkeit dazu gegeben werden, Arbeit, Familie, Freizeit und berufspolitische Mitwirkung unter einen Hut zu bekommen. Dann hätten wir nicht nur die Chance, den seit Anfang des Jahrtausends bestehenden Ärztemangel langfristig in den Griff zu bekommen, sondern auch die Möglichkeit, ein System zu installieren, das sich von der Basis her trägt und sich beständig gemäß den aktuellen Gegebenheiten weiterentwickelt. Das würde nicht nur die Zufriedenheit der Ärzteschaft steigern, sondern auch zu einer besseren Versorgungsqualität der Bevölkerung führen und nebenbei noch immense Kosten sparen.

Dieser Artikel ist in anderer Version in der Marburger Bund Zeitung (MBZ) Nr.4/2008 erschienen. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der MBZ.


Autor: Das Forum

11.06.2008
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"Was guckst Du?" Vom Akuthaus in die Reha


Erste Tage in der Reha-Klinik, Wechsel aus einem Akutkrankenhaus. Doch eine recht kräftige Umstellung. Beginn auf der orthopädischen Station. Die Kurvenwagen in unorthopädischer Höhe gebaut, dass man beim Schieben krumm gehen muß und Gefahr läuft Rückenschmerzen zu bekommen. Typische Assistenzarzthaltung, viele Chefs finden's gut so, immer buckeln. Am zweiten Tag dann erfahren, dass ich ab dem vierten Tag alle 50 Patienten betreuen soll, Namenslisten mitzuführen ist nicht erlaubt, Computer zum Nachlesen gibt es nicht. Bei einmaliger Erwähnung soll man sich alles merken. Entsprechend detaillierte Nachfragen zu Patienten, die man kaum kennt, folgen. Kurvenführung löchrig, teilweise falsch oder veraltet. Medikamentenblätter existieren nicht, man muss sich die aktuelle Medikation aus den Anordnungsbögen und der Medikation bei Aufnahme zusammensuchen. Sehr unpraktisch bei der Chefvisite, bei der man dem Chef hinterherrennt und nebenbei noch dokumentieren muß. Schwestern, die bei der Visite mitgehen, gibt es nicht. Pro Station existiert genau eine, von der Pflegestation einmal abgesehen, wo es ein paar mehr sind. Die hat einfach keine Zeit dafür.
Am dritten Tag dann zwischen Verwaltungskram endlich mal zum Mittagessen gekommen. Das Essen hat im Hause einen guten Ruf. Ich wollte den Schafskäse bestellen, bekomme aber die Nudeln. Offenbar einen kurzen Augenblick etwas verwundert geblickt. "Was guckst Du?", herrscht mich der Mitbürger mit Migrationshintergrund an, "is' Dir nich' genug, oder was?" In der alten Klinik immer mit einem Lächeln empfangen worden, auch hieran muß man sich also gewöhnen.
Schön ist es, bei der Morgenbesprechung, die die einzige des Tages ist, doch recht häufig zu hören: "Der Dienst war ruhig." So kann man eine Rufbereitschaft aushalten. Am Wochenende muß man dann jeweils zur Sprechstunde antreten und danach gegebenenfalls noch regulär einbestellte Patienten aufnehmen. Das ist machbar. Was nervt ist die viele Verwaltung. Gutachten für die Rentenversicherer ohne Ende - und die brauchen Zeit. Bei Fristüberschreitung von 10 Tagen nach Entlassung kann man auf Schadensersatz verklagt werden. Das bringt ein wenig Stress mit sich, vor allem, wenn man noch nicht weiß wie es geht, aber schon die volle Verantwortung hat. Nach knapp zwei Jahren Erfahrung in der Inneren jetzt partiell wieder wie ein Anfänger. Das ist das Schicksal von jedem, der sich um eine breitangelegte Allgemeinmedizin-Weiterbildung auch außerhalb der Inneren bemüht. Hier ist dringend eine Verbundweiterbildung notwendig, auch, damit man nicht ständig in der Probezeit ist und das eigene Engagement bestraft wird.


Autor: Dr. Großes Rad

06.06.2008
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Ärztliche Kunst abgeschafft


Die Bürokratie für die Ärzte solle reduziert werden, hieß es im Bundesgesundheitsministerium. Der Marburger Bund fordert dies schon lange. Doch wenn man mit Krankenhausärzten und niedergelassenen Ärzten spricht, ist davon nichts zu spüren. Gerade in den Kassen-Praxen ist der gläserne Arzt entstanden, muss jeder Handgriff dokumentiert werden, sind vielfältige Vorschriften einzuhalten. Wir sprachen mit einem Praxisarzt, der uns die Szenarien beschrieb. Am Ende des Tages müsse er sehen, dass sich die Arbeitszeiten am einzelnen Patienten nicht zu einer Zeit von über 12 Stunden aufaddiere. Dann drohten Kontrollen durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Einmal sei ihm das schon passiert. Ein KV-Angestellter habe ihn fünf Tage lang mit der Stoppuhr bei der Arbeit begleitet und jeden Handgriff protokolliert. In einem Fall sei er für die Qualitätsrichtlinien zu schnell gewesen und habe einen Rüffel kassiert, er habe die Untersuchung in 10 statt 20 Minuten und folglich nicht richtig gemacht. Das sagt ein Nicht-Arzt, ein Bürokrat, einem Kinderarzt mit über 30 Jahren Erfahrung. Mehrfach habe er schon seine Honoraransprüche von einem Anwalt durchsetzen lassen müssen. Welch ein System ist dies, in dem die Verwaltungen die Macht über die Medizin gewonnen haben und den Ärzten ohne Konsequenz ins Gesicht sagen dürfen, die ärztliche Kunst sei „schon längst abgeschafft“, der Arzt sei „nur noch Leistungserbringer“. Seine Ultraschalluntersuchungen kann der Kollege nicht mehr abrechnen, die KV hat ihm einen Brief geschickt, dass nur noch Geräte mit einer höheren Auflösung, die viele Geräte nicht haben, als Kassenleistung gelten. Machen muss er sie trotzdem, hat Zeitaufwand, Personalkosten und Kosten für das Ausdrucken der Ultraschallbilder, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen.

In den Krankenhäusern ist es nicht besser. Dort haben die Chefärzte nicht mehr das Sagen, sondern die Verwaltungsleitungen, Geschäftsführungen, Aufsichtsräte und Aktionäre. Die Chefärzte müssen Zahlen vorlegen, Benchmarks erfüllen, bekommen Medikamente aus Kostengründen gestrichen. Dass die medizinische Versorgung darunter leidet wird von vielen Ärzten in der Weiterbildung, dem Krankenpflegepersonal und den Patienten berichtet. Entlassungen kranker Patienten mit entgleistem Blutzucker im gefährlichen Bereich, Blutarmut, die eine Bluttransfusion notwendig machen würde sind nicht nur einmal vorgekommen. Von Todesfällen unversorgter Patienten mit akuter Magen-Darm-Blutung oder akutem Herzinfarkt wird von Insidern berichtet.

Schuld daran ist einmal die Überlastung der Ärzte und der Pflege durch eine zu rigide Personalpolitik der Krankenhausverwaltungen. Auf der anderen Seite ist durch die Einführung der Diagnosis related groups (DRGs) im Jahre 2004 eine möglichst frühzeitige Entlassung der Patienten für die Krankenhäuser lukrativ. Eine Neuaufnahme mit anderer Diagnose kann wieder abgerechnet werden oder das Bett wird für einen neuen Patienten frei. Doch die Krankenhausverwaltungen sind hier nicht alleine für diese Situation verantwortlich zu machen. Sie stehen unter enormen finanziellen Druck, ausgelöst durch die letzten Gesundheitsreformen, die wieder einmal nur Löcher stopfen und nicht den Patienten und Mitarbeitern im Gesundheitssystem helfen sollten.

Notwendig ist eine Abkehr von immer mehr Kontrolle, immer mehr Verwaltung und eine Rückkehr zur eigentlichen Arbeit der einzelnen Berufsgruppen im Gesundheitswesen. Wenn im ambulanten Sektor 50 Prozent der Kosten von überdimensionalen Verwaltungsstrukturen verschlungen werden, Krankenkassen Kompetenzzentren im eigenen Haus aufbauen und finanzieren müssen, wenn Kontrolle vor Vertrauen und guter Medizin geht, dann ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig. Hier sind Verstrickungen zu lösen zwischen Politik und Wirtschaft, Medizin und Pharmaunternehmen, Eitelkeiten der einzelnen Ärztegruppen zu überwinden. Das Gesundheitswesen braucht neue Strukturen, in denen gegenseitiges Vertrauen und die ärztliche Kunst das momentan bestehende Misstrauen und die Kontrolle ersetzen. Dann haben wir die Möglichkeit im Schulterschluss und in Kooperation die momentanen Reibungsverluste im Kontakt miteinander in eine gute Medizin des gegenseitigen Respekts umzusetzen. Genau dies ist jetzt vonnöten.


Autor: Die Redaktion

18.05.2008
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Vertrauensverlust im Gesundheitswesen


Wir haben ein Verständigungs- und Verständnisproblem in der Medizin. Krankenkassenmitarbeiter verstehen das Krankenhaus- und Praxispersonal nicht, die Krankenhausärzte misstrauen ihren niedergelassenen Kollegen, welche wiederum denken, dass die Ärzte in den Kliniken über die Probleme in den Praxen nicht Bescheid wissen. In Bezug auf die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und das Gesundheitsministerium oder die Landesärztekammern sieht es nicht besser aus. Dies um nur einige Beispiele des riesigen Vertrauensverlustes im Gesundheitswesen zu nennen.

Woher kommt das ausgeprägte Misstrauen, das zu einer starken Kontrolle im Gesundheitssystem, zur Gründung des medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), zu Kolloquien und exzessiven Überwachungen durch die KV geführt hat? Ist es möglich, dass hier aufgrund von fehlender Praxiskenntnis Mechanismen entstanden sind, die nicht nachhaltig helfen, sondern vor allem massiv Kosten verschlingen, zu Missstimmungen und Härten führen?

Im Krankenhaus ist es verpönt, nur aufgrund von Patientenunterlagen zu entscheiden, weil bekannt ist, dass es zu schweren Fehlentscheidungen kommen kann, wenn der Arzt den Patienten nicht gesehen hat. Doch genau dies geschieht, wenn Mitarbeiter der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen Entscheidungen treffen, ohne den Patienten zu Gesicht bekommen zu haben und uns Ärzten Vorschriften machen. Eine mögliche Lösung wäre, ein Pflichtpraktikum für jeden im Gesundheitswesen einzuführen, der in irgend einer Weise Entscheidungsgewalt hat. Das würde zutreffen für Mitarbeiter der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigungen, der Sozial- und Gesundheitsministerien und der Landesärztekammern. Eine Konfrontation mit der Wirklichkeit sollte dann regelmäßig alle paar Jahre wiederholt werden, um ein Problembewusstsein für die jeweils aktuelle Situation zu erhalten. So könnte ein Rückkopplungsmechanismus entstehen, der viele Kontrollen unnötig macht, neues Vertrauen durch persönlichen Kontakt aufbaut und hilft, Schwächen des Systems von der Basis her auszumerzen.

Auch ein besserer Austausch zwischen den niedergelassenen Ärzte mit den Klinikärzte wäre für eine verbesserte Kommunikation und ein Verständnis wichtig. Auf der einen Seite würde in den Praxen vermehrt die Therapie umgesetzt, die von den Krankhausärzten empfohlen wird. Auf der anderen Seite würde den Krankenhausärzten mehr bewusst werden, wie die Situation in der Praxis aussieht. Das könnte im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen geschehen, die zum Beispiel einmal im Quartal stattfinden. Um hier eine Motivation zu schaffen, sollten diese Zeiten auf beiden Seiten als Arbeitszeit gelten und entsprechend entlohnt bzw. abgerechnet werden dürfen.

Was wir brauchen ist eine Kultur der gewaltfreien Kommunikation und der Kooperation. Gegenseitiges Vertrauen schafft nicht nur eine bessere Arbeitsatmosphäre, sondern führt auch zu besserer Leistung. Reibungsverluste durch großteils nicht ausgesprochene Konflikte könnten ersetzt werden durch Austausch auf gleicher Augenhöhe. Dann haben wir eine Möglichkeit, im Gesundheitssystem eine Kultur des Miteinanders zu erreichen und uns nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Dann, und nur dann, haben wir eine Chance den Vertrauensverlust im Gesundheitswesen zu überwinden.


Autor: Die Redaktion

05.05.2008
Arbeitsbedingungen besser?


Von wegen die Arbeitsbedingungen der Ärzte haben sich deutlich verbessert. Davon ist bei uns in der Klinik nicht viel zu spüren. Teilweise sogar im Gegenteil. Statt 24-Stunden-Diensten am Stück haben wir jetzt zwei oder drei Nächte in Folge à 13 Stunden, insgesamt bis zu sieben Nächte im Monat. Lange Tagdienste von 12 Stunden zum Überbrücken bis zum Nachtdienst fallen ein- bis zweimal pro Woche an. Zusätzlich noch Wochenenddienste. Insgesamt arbeiten wir Assistenzärzte in meiner Abteilung an drei bis vier Wochenenden zu irgend einer Zeit. Man kann sich damit an bis zu 14 Abenden und fast keinen Wochenende etwas vornehmen, da man arbeitet und danach bald schon erschöpft ins Bett fällt. Neues Personal wurde nicht eingestellt. Nein! Bei uns wurde sogar eine Stelle gestrichen. Selbst formell wird bei uns das Arbeitszeitgesetz nicht eingehalten, auch wenn wir mit einem auf das halbe Jahr gerechneten Schnitt mit 50 bis 52 Wochenstunden im Vergleich zu anderen Häusern noch ganz gut liegen. Doch bei Spitzenarbeitszeiten bis zu fast 70 Stunden (Bereitschaft Stufe D mitgerechnet) und ständigen Wechselschichten steuert man kontinuierlich auf einen Burn out zu. Die Rechnungen am grünen Tisch sind sowieso Quatsch. Man fühlt sich ja auch nicht im Durchschnitt wohl, wenn man mit einem Fuß in 5 Grad kalten und mit dem anderen in 75 Grad heißen Wasser steht, nur weil der Schnitt 40 Grad ergibt. Eine ausgeglichene Work-Life-Balance gibt es nicht, die Arbeit nimmt zu viel Raum ein. Viele, mich eingeschlossen, denken an einen Berufswechsel oder zumindest einen Rückzug aus der Patientenversorgung, da es derzeit kaum Perspektiven gibt.


Autor: Tabaluga

28.04.2008
Privatisierung verschlechtert Versorgung





Im Rahmen der Privatisierung unseres Hauses wurden alle Pflegehilfskräfte entlassen, viele Schwestern und Pfleger mußten gehen. Es wird von bis zu 50%-Stellenabbau in der Pflege gesprochen. Nachts gibt es jetzt bei bis zu 40 Patienten nur noch eine Nachtschwester auf der Hauptstation in der Inneren mit der Möglichkeit, eine zweite Schwester als Springerin von der Chirurgie hinzuzuziehen. Im Tagdienst sind es maximal drei Schwestern für diese Station und manchmal noch ein paar Krankenpflegeschülerinnen. Es gibt mehrere Pflegefälle auf dieser Abteilung, die als AIII klassifiziert werden und somit bei jeder Tätigkeit auf Hilfe angewiesen sind. Schwestern und Pfleger müssen nicht nur, wie in Deutschland aus welchen Gründen auch immer üblich, das Essen verteilen und die vielen hundert Pillen für die Patienten aus den Schachteln nach unseren Angaben zusammenstellen. Sie werden jetzt auch noch als Hol- und Bringedienst eingesetzt, wenn die Patienten zu Untersuchungen gebracht oder von dort geholt werden müssen. Das ist beim besten Willen nicht zu schaffen. Häufig gehen wir Ärzte ohne Schwestern oder Pfleger auf Visite. So geht viel Information verloren, es entstehen auf beiden Seiten Fehleinschätzungen. Können Patienten sich nicht selbst äußern sind die Mitteilungen von Pflegeseite her entscheidend, um die richtige Therapie zu wählen. An Wochenenden werden neuerdings die Putzfrauen zusätzlich zu Ihrer Arbeit als Hol-und Bringedienst eingesetzt. Eingearbeitet wurden sie praktisch nicht, so dass immer noch viel schiefgeht. Anmeldungen zu Untersuchungen sind so anfangs an der Pforte anstatt am richtigen Ort gelandet, und die Untersuchungen haben nicht oder deutlich verspätet stattgefunden. Wir leiden alle unter dieser Situation, nicht zuletzt die Patienten, um die es hier gehen sollte. Eine gute Versorgung ist nicht möglich.


Autor: Mr. Bojangles

27.04.2008
Zum Begriff des Assistenzarztes


Die deutsche Krankenhaus- hierarchie ist bekanntlich in die Etagen Assistenzarzt, Oberarzt und Chefarzt eingeteilt, wobei Fachärzte noch eine besondere Rolle spielen können. Die Begriffe stammen ursprünglich aus der Ordnung des preussischen Militärs. „Sie sind also gar kein Arzt, sondern der Assistent eines Arztes?“, fragten mich schon mehrfach Patienten als sie auf mein Namensschild gesehen hatten. In den Kliniken wird häufig von „Assistenten“ oder „Weiterbildungsassistenten“ gesprochen, so als hätten wir einen medizinischen Assistenzberuf erlernt oder seien Butler der Chefärzte. Oft werden wir dann ja auch entsprechend behandelt. Müssen wir im 21. Jahrhundert an einem solchermaßen überkommen Begriff noch festhalten? Immerhin handelt es sich bei uns allen um approbierte Ärzte, viele in der Weiterbildung zum Facharzt, einige, die diesen nicht mehr anstreben haben aber als „Altassistenten“ über die Jahre hinweg eine Menge Wissen angesammelt. Ich denke, wir sollten uns von diesem diskriminierenden Begriff trennen und wie zum Großteil im Ausland üblich eine neutrale Bezeichnung finden.


Autor: admin





Kommentare zu dieser News:

Datum: Fr 21 Feb 2014 08:01
Von: Zum Begriff des Assistensarzte


Hallo ,
ich kann das nachvollziehen ,dass wenn man das Wissen sich angeeignet hat , auch nicht so wie ein Hivi behandelt werden möchte. Da aber unsere med. Behörden meines erachtens \"ohne Plan\" Dinge ändern, neue Medikamente einsetzen und alte rausnehmen, obwohl 100 000 ende diese brauchen. Da ich auch \"nur\" die
1 - jährige Altenpflegeschule absolvierte u ein gutes Fachwissen aufweisen kann, auch was das 1 ste Jahr betrifft, wird man als \"ein nichts wissender hingestellt, obwohl der Beruf bis vor einigen Jahren nicht geschützt war u jeder sich so nennen konnte u Hauptschule reichte aus. Jetzt braucht man Realschul oder ähnl. Abschluss um diese Schule zu beenden. Als ich anfing , habe ich Decubituse , welche Handgroß am Steiß und an Beinen ,Versen usw. waren behandelt, ohne Ausbildung! Musste das nekrotische Fleisch (abgestorbene ) wegschneiden. Medikamente herrichten u verabreichen, Insulin gespritzt, I.m. gespritzt. Aktievierung und Verbände machen usw. ! Vitalwerte essen! Doch der Kartex war nur auf einer Seite ausgefüllt ( NAmen ,Geb. wo gewohnt. Ansprechpersonen u meistens noch ein Arztbericht dazu eingeordnet. Keine Pfegeplanung usw. ,auch hat es niemanden interessiert wie man das Handhaben soll., weil man nichts reingeschrieben hatte, ausser noch die Medikamente u welche Beerdigung es sein soll! Es funktionierte, wenn man sich selberr half u jemand fand der bereit war mich einzulernen, auch Sonden Nahrung u Infusionen legen, Kathether legen u spülen usw.! Auf einmal änderte sich alles. Damals war ich Praktikant u habe alles Gewissenhaft ausgeführt, oft zuviel des Guten, damals war der Personalschlüssel anders u viele hatten keine Ausbildung zum Altenpfleger. Heute musss man alles aufschreiben, wieviel diese Person trinkt, wie oft man gelagert hat usw! Das heißt jetzt bei mir genauso, dass ich eine Hilfskraft bin, obwohl ich später das 1 jährige noch machte. Da kommen einige die die Schule haben u fahrlässsig handeln bis zur Körperverletzung, wenn man mal einem Hb eine Backpfeife gibt, dass soll Menschenwürdig sein u unantastbar? Denke ich nicht.Wo bleibt das Recht auf ein würdevolles sterben?Im vorgegebenen Minutentakt muss man arbeiten. Es ist auch egal , wenn jemand Durchfall hat, oder die ganze Zeit erbricht. Der HB hat aufzustehen, damit er mitfrühstücken kann, obwohl weiß wie die Wand u voller Übelkeit. Ich finde ich habe genug Fortbildungskurse dazu gemacht u weiß wovon ich rede. Doch ich werde auch \"nur\" mit ewiner Stationshilfe vergichen, obwohl mich exam. Altenpfleger/innen zu Hilfe holen. Ich kann alles was eine ausgelernte Kraft. Dazu habe ich ein liebes Wesen u Achtung vor dem Alter.So was zählt eben nicht! Glaub mir das wird noch schlimmer werden. Du musst dich einfach damit abfinden, weil unsere Gesundheitsminiter haben keine Ahnung von der Materie! Sie oder ich haben die Möglichkeit das nachzuholen in einem Volkshochschulkurs oder sonst wo. Gerne hätte ich die Zeit, welche man noch im Jahr 1987 gehabt hat. Dann würden mehr Altenpfleger hier bleiben, weil Sie den Menschen würdevoll versorgen können, was heutzutage nicht mehr gegeben ist.Darum gehen auch viele, weil die Mehrheit keine \"Berufung\" darin sieht, sondern nur das Geld. Diese Schicksale sind schlimm genug, aber das gegenseitige mobbing u die Lästereien machen einen kaputt, früher oder auf lange Sicht, aber heutzutage kündigen immer mehr Altenpf. , weil es kein \"Herz\" mehr für die Heimbewohner gibt. Nur vereinzelt!

Datum: Do 13 Nov 2014 21:15
Von: muneratt


Hallo ich habe ein Zeugnis Sie bringen: Wenn Sie möchten ein Darlehen zwischen einzelnen mit 2 % Zinssatz kontaktieren Sie bitte Frau RODIONOVA ELENA und VÉRONIQUE FORTUNE zwei nette Damen, die eigentlich mich ein siebzigtausend Euro (€70.000) Darlehen gewährt haben, Anfangs dachte ich keinen einzigen Moment, da die gut gemeinten Bösen des Darlehens im Internet mich völlig leer hatte, aber meine Neugier schob mich ein zweites Mal zu versuchen. Ich konnte endlich dem Darlehen, das meine Version von diese Sackgasse, in der ich lebte. Ich habe mehrere Kollegen, die ebenfalls erhaltene Darlehen auf seinem Niveau ohne Probleme statt Sie tun haben, von böswilligen Personen nehmen um die Unschuldigen zu betrügen, ich diesem Beitrag zu veröffentlichen, weil sie mich gut mit diesen Kredit hat und Sie entmutigt nicht, weil ich ich war mit, aber ich traf diese ehrlichen und großzügigen Damen also Kontakt mit ihm nehmen:
Hier ist seine E-Mail: (rodionovaelenna@katamail.com)
Sie sind auf der Suche nach Darlehen an Ihre Aktivitäten entweder für ein Projekt, entweder für den Kauf einer Wohnung wieder zu beleben, aber Sie sind Bank- oder Ihre Datei an Bank entlassen-Sommer sind diese Damen die einzige, die Ihnen hilft verboten. Ich bitte Sie Kontakt
Vielen Dank, mir gefällt und senden Sie Ihre Anfrage, Ihren Kredit höchstens innerhalb von 48 Stunden zu bekommen. VIELEN DANK FÜR DIESE INFORMATIONEN, UM UNSEREN BRUDER HELFEN UNSERE FREUNDE UND ANDERE