W E R B U N G
 zum Podcast

Von deutschen Ärzten


Gestern habe ich 16 Briefe korrigiert, ausgedruckt, gefaltet und eingetütet. Nein, mein Beruf ist nicht Sekretär, und ich bin auch kein Student oder Schüler, der einen Ferienjob macht. Ich bin Arzt, drei Jahre Berufserfahrung und arbeite in einer Klinik. Manchmal vergesse ich es fast selbst, weshalb ich Arzt geworden bin, so wenig hat meine Arbeit noch mit der eigentlichen ärztlichen Tätigkeit zu tun. Jeden Tag darf ich 10, 20, 30 oder mehr Formulare ausfüllen: Rezepte, Transportscheine, Essensbestellungen, Aufklärungsbögen, Qualitätssicherungszettel und vieles mehr. So nebenbei mache ich auch ein wenig Medizin, sehe Patienten, doch dafür ist nicht viel Zeit. Es muss dann immer schnell gehen, da ich sonst meine Arbeit nicht schaffe. Gestern erzählte eine Kollegin von einer Ärztin in Weiterbildung, die während ihres Bereitschaftsdienst nachts bürokratische Arbeit der Schwestern übernehmen muss, weil diese so wenig Zeit hätten. Anordnung vom Chef. Sie wehrt sich nicht, macht mit, ist Mitläuferin, wie so viele Ärzte in Deutschland. Jammern ja, etwas verändern nein. Es könnte ja gefährlich sein, „man sieht sich immer zweimal im Leben“ ist eine beliebte deutsche Redewendung, die das Duckmäusertum rechtfertigen soll. Der größte Teil der etwa 390 000 Ärzte sieht untätig zu, wie unser Gesundheitssystem an die Wand gefahren wird. Nur ein kleiner Teil ist aktiv und gestaltet die Zukunft des Gesundheitswesen im Sinne aller mit und nicht nur, um die eigenen Pfründe zu sichern. Doch genau hier wäre die Lösung: Wir Ärzte müssen zusammenhalten, an das Gesamte denken und nicht nur an uns selbst, müssen Rückgrat zeigen, bei Ungerechtigkeiten den Mund aufmachen, handeln und uns gegenseitig den Rücken stärken. Die Streiks vor einigen Jahren waren hier ein erster Anfang.



Das Bestseller-Buch für Manager „Kiss, Bow or shake hands“ von Terri Morrison und Wyne Conaway, das Charakteristika verschiedener Länder beschreibt, erhellt ein wenig, dass diese Verhaltensweisen etwas typisch Deutsches sind. Dort heißt es: „Jeder Deutsche hat die Verantwortung Regeln zu befolgen, geschriebene wie auch ungeschriebene. Alle Handlungen, die die soziale Ordnung stören, werden als grundsätzlich falsch angesehen“, steht dort unter „das Wertesystem: Die Basis des Verhaltens“ geschrieben. Deutsche würden alles tun, um jede Art der Unsicherheit zu vermeiden, da diese ihnen Angst mache. Sie seien risikoscheu und sehr vorsichtig, Entscheidungen zu treffen. Es gäbe eine generelle Skepsis in bezug auf die Zukunft, was zu Angst und Pessimismus führe. Das hätte eine Hilflosigkeit zur Folge und würde einen Zweifel nach sich ziehen, ob der Mensch überhaupt in der Lage sei, langfristig ein wünschenswertes Ergebnis zu erzielen. Da wir als Deutschen in dieser Kultur leben und von ihr geprägt sind, denken wir naturgemäß es ginge nicht anders. Doch in einer globalisierten Welt mit regem Austausch zwischen den Staaten zeigt sich, dass es sehr wohl andere Ansätze gibt. Gerade die US-Amerikaner werfen uns Deutschen gerne vor, wir seien zu problem- und zu wenig lösungsorientiert. Dass Humor nicht als unsere Primärtugend angesehen wird, ist ebenfalls kein Geheimnis.



Doch was können wir mit dieser Einsicht anfangen? Uns darüber beklagen, welch arme Würstchen wir sind und nach dem Staat und neuen Gesetzen rufen, wie wir es beinahe reflektorisch in Krisensituationen tun? Ach ja, der Staat, wer ist das eigentlich? "L’État, c’est moi - der Staat bin ich“ sagte Ludwig XIV., der absolutistische französische Sonnenkönig, und zu dieser Zeit stimmt es. Es stimme auch noch zur Zeit des deutschen Kaiserreiches von 1871-1918 und während des dritten Reiches. Doch spätestens seit dem 8. Mai 1949 sind wir eine Demokratie. Der Staat sind wir, wir alle. Das vergessen wir gerne und lassen uns regieren, führen und werden damit ein Stück weit gelebt. Wenn wir diese Hintergründe kennen dürfte es leichter fallen, unsere Zukunft selbst mitzugestalten und aktiv an Verbesserungen mitzuwirken. Sonst besteht die Gefahr einer Herrschaft der wenigen Aktiven, einer Art Oligarchie unter dem Deckmäntelchen von demokratischen Grundstrukturen. Unsere erlernten Verhaltensweisen laden dazu geradewegs ein. Vielleicht wäre ein Ansatz, sich einmal lösungsorientiert zu überlegen was wir eigentlich wollen. Was wäre denn ein für uns alle wünschenswertes Gesundheitssystem? Gibt es Vorbilder im Ausland? Von wem können wir lernen? Wie können wir die überalterten Strukturen aufbrechen, die noch aus vordemokratischen, teils autokratischen Zeiten vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland stammen? Das sind die Dinge, über die wir uns Gedanken machen müssen.


Autor: Dr. Großes Rad