W E R B U N G
Es geht auch anders – Allgemeinmedizin in den Niederlanden






Am deutlichsten wird mir von meiner Hospitation in einer niederländischen Hausarztpraxis bei Utrecht im Januar 2009 die enorme Ruhe im Praxisablauf in Erinnerung bleiben. Für mich als deutschen Arzt sind Hektik und Rennerei der Normalzustand im Medizinbetrieb. Daher hatte die Ruhe zunächst etwas
(...) Bedrückendes, am Ende meiner Hospitation habe ich sie jedoch genossen. Es gab keine Schlangen an der Rezeption, sondern die Patienten wurden nach kurzer Wartezeit in einem außerhalb der Praxis gelegenen Wartezimmer vom Arzt persönlich abgeholt. Für jeden war mindestens 20 Minuten Zeit reserviert. Unterbrechungen durch Akutfälle kamen kaum vor, denn für diese waren Pufferzeiten im Praxisablauf fest eingeplant. Wurden diese Pufferzeiten nicht in Anspruch genommen, trank man eine Tasse Tee mit den Arzthelferinnen. Die Geheimnisse der niederländischen Ruhe habe ich im Verlauf der Hospitation entschlüsseln können:

Den Hausärzten wird durch ein ausgeklügeltes Netzwerk weiterer Gesundheitsberufe viel Arbeit abgenommen. Finanzielle Anreize zu Routineeinbestellungen fehlen und durch eine bessere gesundheitliche Aufklärung der Bevölkerung kommen weniger Patienten mit Bagatellerkrankungen in die Praxis.

Entlastung von Routineaufgaben
Die Praxis verfügt über eine eigene Hypertonie- und eine Diabetesschwester. Von diesen wird die Routineversorgung der entsprechenden Patienten übernommen, nur bei Problemen wird der Arzt hinzugezogen. Im selben Gebäude der Praxis befindet sich die Sozialstation, deren Schwestern die Routinehausbesuche übernehmen. Schwestern und Ärzte kommunizieren, zum Beispiel beim gemeinsamen Mittagessen, ständig und die Ärzte machen Hausbesuche nur, wenn Probleme
auftreten. Die Kindervorsorgeuntersuchungen und Mütterberatungen werden in einem speziellen Zentrum durchgeführt und sind nicht Sache des Hausarztes. Dafür
führt dieser die gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen durch.

Krankschreibungen

Trotz Januar und Grippewelle habe ich keinen erkälteten Patienten in der Praxis gesehen. Diese bleiben im Bett, denn ihr Hausarzt darf ohnehin keine Krankschreibung ausstellen. Erst nach 2 Wochen Krankheit muss sich der Patient in ein arbeitsmedizinisches Zentrum begeben, bis dahin ist ein Großteil der akuten Erkrankungen von alleine geheilt. Auch sonstige Atteste dürfen vom Arzt nicht ausgestellt werden, denn er wird von der niederländischen Gesellschaft als Fürsprecher des Patienten betrachtet, dessen Urteil nie neutral sein kann.

Finanzielle Aspekte

Jeder Hausarzt des Zentrums ist für maximal 2300 eingeschriebene Patienten seiner Umgebung zuständig. Die Praxis beschäftigt zudem mehrere Vertretungsärzte, meist
junge Mütter, die halbtags arbeiten und damit die Routine in ihrem Beruf nicht verlieren. Dies ist in den Niederlanden auch vorgeschrieben, denn wer 2 Jahre nicht mindestens 2 Tage pro Woche im Beruf gearbeitet hat, verliert seinen Facharzttitel. Die Praxen sind in Privatbesitz und die Bezahlung erfolgt größtenteils pauschal für die eingeschriebenen Patienten, egal ob diese den Arzt aufsuchen oder nicht. Die Motivation zu „Routinewiedereinbestellungen“ oder „Verdünnerscheinen“ ist somit gering und der Arzt hat mehr Zeit für die wirklich kranken Patienten. Zusatzarbeit wird aber dennoch bezahlt: für jeden Patientenkontakt, auch telefonisch, gibt es 8 Euro
und Leistungen wie EKG, und die kleine Chirurgie werden extra vergütet. Einen Ultraschall gibt es in keiner Hausarztpraxis, dieser steht aber für Notfälle in der

nächsten Klinik sofort und sonst beim Radiologen binnen einer Woche zur Verfügung. Zum Spezialisten wird nur selten überwiesen und wenn, dann muss der Hausarzt einen ausführlichen Arztbrief zum Patienten mit gezielter Fragestellung schreiben. Der Inhaber der Praxis berichtete mir stolz, dass die niederländischen Hausärzte 95 % der Behandlungsfälle des Landes lösen, dabei aber nur 5 % der Gesundheitskosten verursachen.

Aufklärung der Bevölkerung

Bei der Lektüre des Volkskrant, der größten niederländischen Zeitung, auf dem Weg zu meiner Hospitation, sprangen mir zwei Anzeigen ins Auge: eine war von der niederländischen Hausarztgenossenschaft und lautete wie folgt. „Jetzt ist Erkältungswelle. Wegen einer Erkältung müssen Sie nicht zum Arzt gehen. Außer es liegt eines der folgenden Warnzeichen vor…“. Derartige Aufklärungsschriften zu über 50 häufigen Erkrankungen liegen als Broschüren auch in der Praxis aus. Hiermit sollen die Eigenverantwortung der Bevölkerung gestärkt und unnötige Arztbesuche vermieden werden. Die zweite Anzeige war Werbung für ein pflanzliches Schlafmittel. „Ab 1.1.2009 zahlt die niederländische Krankenversicherung keine Benzodiazepine mehr. Steigen sie jetzt auf das pflanzliche Mittel XY um !“ Niederländische Politiker sagen ihren Patienten nicht, alles sei finanzierbar, sondern streichen potentiell schädliche Mittel wie Benzodiazepine schlicht aus dem Leistungskatalog.

Persönliches Fazit

Zurück im winterlichen Husten- und Schnupfenchaos der deutschen Praxis angekommen, denke ich oft mit Wehmut an die niederländischen Arbeitsbedingungen zurück. Als ich Kollegen von den Unterschieden der Gesundheitssysteme erzählte, waren diese begeistert, gaben aber auch zu bedenken, dass sich Änderungen wie die Pflicht zur Krankschreibung erst nach 2 Wochen bei uns nie durchsetzen lassen würden. Meiner Ansicht nach ist aber eine Verbesserung sowohl unserer Lebensqualität als auch der Versorgung unserer Patienten ohne Reformen nach niederländischem Vorbild auf lange Sicht unmöglich.


Autor: Dr. Marcus Schmidt