W E R B U N G
Hausarzt in Brandenburg- rette sich wer kann!






Ich hatte alle Warnungen meiner Freunde in den Wind geschlagen. Brandenburg sei eine kulturelle Wüste, sagten sie. Dies schreckte mich nicht, Berlin wäre schließlich erreichbar, ein Blick ins Internet bewies mir, daß auch in der Provinz einiges los war, das Argument zog also nicht. Schlimmer schon war der Hinweis auf die kulinarische Einöde, die mich erwarten würde, aber erstens koche ich meist selbst und zweitens erschien mir nach Jahren vietnamesischindischitalienischtürkisch die Aussicht auf einen gediegenen deutschen Landgasthof durchaus verlockend. Nach einigen Jahren in der Provinz in Sachsen-Anhalt zerstoben alle Vorurteile wie märkischer Sand im Wind: die Bevölkerung war freundlich, unkompliziert, herzlich und durchaus offen. Brandenburg würde nicht so viel anders sein. Ich machte also mein Examen und schnürte mein Bündel: auf nach Brandenburg!!!!

Bei der Stellensuche wuchs die Ernüchterung: ich wollte eine Teilzeitstelle, aus gesundheitlichen Gründen, aber kaum jemand war bereit, einen Assistenten in Teilzeit einzustellen! Die Stellensuche wurde schnell zur Odyssee, und ich mußte mir Sprüche anhören (ja, zugegeben ich bin etwas älter) wie „können Sie als ältere Dame sich überhaupt noch in die Hierarchie eines Krankenhauses einfügen?“ Da war ich grade 40 geworden und fühlte mich zugegeben mitunter uralt...

Schließlich fand ich eine freundliche Landarztpraxis und wurde eingestellt. Die Arbeit machte mir Spaß, der ruppige Charme der Brandenburger Landbevölkerung gefiel mir, Hausbesuche mit Überlandfahrten atmeten den Duft von Freiheit und Abenteuer. Nebenbei lernte ich eine Menge. Zum Beispiel daß die Arbeitszeit eines Landarztes von 7 Uhr morgens oft bis abends um 22 Uhr geht, daß ich als Landarzt nur unwesentlich mehr verdienen würde, denn als Aushilfe in der Buchhandlung in meiner Studienzeit, wenn man den Stundenlohn vergleicht, daß ein Landarzt einen Großteil seiner Zeit mit überbordernder Bürokratie, Qualitätsmanagement und nicht zuletzt Regressforderungen verbringt. Allein, auch das schreckte mich nicht.

Leider schaffte ich wegen Krankheit die Probezeit nicht und so war ich mal wieder auf Stellensuche. Meine nächste Station führte mich nach Berlin zurück und in die Chirurgie.
Denn trotz eklatanten Ärztemangels hatte ich in Brandenburg keine Stelle gefunden. Denn ich wollte in Teilzeit arbeiten, na gut, das hatten wir schon. In der Chirurgie lernte ich eine Menge nützlicher Dinge, nicht nur Verbände, kleine Eingriffe und alles über Schienen und Bandagen, nein, ich lernte auch, daß ein niedergelassener Arzt einen Kassenpatienten ab dem 3. Besuch umsonst behandelt und daß er am Ende des Quartals mithin häufig quasi für lau arbeitet. Und doch auch das schreckte mich nicht, zumal das Arbeitsklima in der Praxis sehr liebevoll und kollegial gewesen war und die Arbeit mir wirklich Spass gemacht hatte.

Leider war ich im Laufe der Jahre richtig schwer chronisch krank geworden. Zu der Schwierigkeit ständiger Stellensuche und dauernder Unsicherheit kam nun auch noch der Umstand, daß,ich nur begrenzt belastbar war und ich mich trotzdem auf dem ersten Arbeitsmarkt verkaufen mußte. Schlimmer noch, ich hatte Fördergelder nach dem Initiativprogramm Allgemeinmedizin entgegegenommen. Dies ist eine sehr anerkennenswerte Einrichtung: ein niedergelassener Arzt erhält für jeden Arzt in Weiterbildung 2040 Euro (mittlerweile ist es deutlich mehr, ca 3500 Euro), um die Mittel zu haben, einen Arzt in Weiterbildung zu beschäftigen, zur Verfügung stellt die Mittel unter anderem die KV, damit soll dem Allgemeinmedizinermangel begegnet werden. Aber natürlich gibt es dabei einen Haken: wenn man die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner nicht abschließt, ist man verpflichtet, alles zurückzuzahlen, schlimmstenfalls bis zu 50 000 Euro... Zu dem Druck, keine passende Stelle zu finden, kam nun also auch noch die Angst vor dem Schuldenberg.

Bei meiner Stellensuche stand ich nun also vor der Aufgabe, nicht nur mit jüngeren, sondern auch mit deutlich leistungsfähigeren Mitbewerbern konkurrieren zu müssen, die in Vollzeit und uneingeschränkt arbeiten konnten. Auch jetzt stand ich vor dem Problem, eine Stelle für den stationären Teil der Weiterbildung zu finden, nun schien dieses noch deutlich erschwert: keine Klinik, an der ich mich beworben hatte, wollte mich haben. Aber ich fand wieder eine Stelle in einer allgemeinmedizinischen Praxis und stürzte mich hoffnungsfroh in die Arbeit. Wieder hatte ich Freude an meiner Arbeit, hatte Spass an der Patientenversorgung und lernte auch wieder eine Menge: zum Beispiel, daß das Einkommen eines Hausarztes sich in den letzten 20 Jahren ganz drastisch verringert hat, dass das Regelleistungsvolumen erschreckend schnell ausgeschöpft ist und daß auch ein hoher Anteil hochbetagter Patienten keine Garantie ist, geradezu gespenstisch schnell regreßpflichtig zu werden. Im Lauf der letzten Jahre hatte mein Enthusiasmus schon merklich gelitten, und ich ertappte mich immer häufiger beim Stellen der „Sinnfrage“. Was machte ich hier überhaupt? Wie würde es weitergehen? Und: wie konnte ich nur so bekloppt sein, ausgerechnet die Weiterbildung für Allgemeinmedizin zu beginnen??? doch die Arbeit machte mir Spaß und ich beschloß, nicht allzuviel nachzugrübeln, die Arbeit als Allgemeinmediziner läßt dafür ohnehin nicht viel Zeit....

Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich, und irgendwann wurde ich krankheitsbedingt gekündigt und stand nun wieder einmal an dem Punkt, daß „alles auf Anfang“ geschaltet war. Wieder einmal war ich auf Stellensuche, noch einmal deutlich erschwert durch den verschlechterten Gesundheitszustand. Und wieder fand ich keine Stelle. Es gab zwar durchaus Kliniken oder Praxen, die mich trotz meines lausigen Gesundheitszustandes eingestellt hätten, aber der Gesetzgeber hat enge Grenzen in der Weiterbildungsordnung gesetzt: 2-3 Jahre stationäre Weiterbildung in der Inneren Medizin sind verpflichtend, da führt rein gar nichts daran vorbei. Die Angebote waren durchaus vielfältig: ich hätte im Bereich Neurologie, Psychiatrie, ja sogar Pathologie anfangen können, auch Allgemeinmedizin war im Angebot. Nur in der Inneren Medizin fand ich nichts. Mein Gesundheitszustand ist mittlerweile so schlecht, daß eigentlich absehbar ist, daß ich nie im Beruf als Allgemeinmedizinerin arbeiten werde. Aber da sind die ipam- Fördermittel und die Angst vor dem Schuldenberg... Also quäle ich mich weiter vorwärts,
Stellensuche, Probezeit, Krankheit, Kündigung, Stellensuche. Daß ich einmal Hausärztin in Brandenburg werden wollte, scheint längst vergessen. Und im Nachhinein muß ich sagen: es war die Fehlentscheidung meines Lebens, Hausärztin in Brandenburg werden zu wollen, und gesünderen jüngeren Kollegen empfehle ich: macht was ihr wollt, Innere, Neurologie, Pathologie, geht nach Italien, in die Schweiz, nach Skandinavien, aber werdet bloß nicht Allgemeinmediziner, die Weiterbildung ist genauso lang wie bei anderen Fachärzten, dafür ist der Verdienst viel geringer, das Prestige sowieso, und wer nicht gerade später Bewerbungstrainings für Kollegen abhalten will, sollte sich genau überlegen, ob er bereit ist, sich mitunter halbjährlich in den Bewerbungsmarathon zu begeben... Für mich bleibt das ernüchternde Fazit: Hausarzt in Brandenburg? Rette sich, wer kann!!!!

Nachsatz:Ich bin mir bewußt, daß Weiterbildungsverbünde die Situation deutlich verbessert haben, aber für Behinderte und andere, die auf Teilzeittätigkeiten und angepaßte Arbeitsbedingungen angewiesen sind, bleibt die Lage angespannt. Ich suche also weiter nach einem Plätzchen, gerne auch in Brandenburg, die Menschen dort sind es trotz aller Unbilden wert!!!


Autor: bulli





Kommentare zu dieser News:

Datum: Sa 15 Jan 2011 12:05
Von: Dr. Heuteufel


Ein erschreckendes Beispiel, Schicksale wie Ihres habe ich während meiner Weiterbildung zuhauf angetroffen. Vor allem Leute mit Kindern und Kranke werden durch die strengen Regeln der deutschen Weiterbildungsordnungen massiv benachteiligt. Weiterbildungszeiten von 15 Jahren und mehr sind keine Seltenheit und Viele können ihre Weiterbildung nie beenden und fristen ihr Dasein als so genannte Altassistenten. So etwas gibt es in keinem anderen Land Europas - überall sonst bekommt man einen Vertrag für die gesamte Weiterbildung und der Weiterbilder hat die Bringschuld, dass man in der vorgegebenen Zeit - für die Allgemeinmedizin sind dies zum Beispiel in Holland und England 3 Jahre - die notwendigen Lerninhalte auch tatsächlich lernt. Dort bemüht man sich sehr um eine gute und strukturierte Weiterbildung. In Deutschland hingegen herrscht der pure Feudalismus: eine illustrer Kreis alter Männer in den 17 deutschen Ärztekammern denken sich irrwitzige Weiterbildungsordnungen aus, deren einziger Zweck darin besteht, den Arzt in Weiterbildung - Assistent genannt - zu einem gefügigen Arbeitstier für möglichst lange Zeit zu machen. Wer gegen das System aufbegehrt oder dessen Tempo nicht durchhält, wird abgestraft, indem er den Facharzttitel nicht bekommt. Ein Haufen Erbsenzähler in den Kammern wacht akribisch über jede einzelne der tausenden Untersuchungen, OPs etc., die man bescheinigt bekommen haben muss.

Datum: Fr 04 Feb 2011 11:33
Von: bulli


Lieber Herr Dr. Heuteufel,

vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Artikel, der mir bestätigt, was ich schon ahnte: daß mein Fall eben kein Einzelfall ist. Nach längerer Krankheit trete ich demnächst eine Stelle an, ambulant, da mich nach wie vor keine Klinik haben wollte. Und angesichts der Tatsache, daß in Ländern wie z.B. England der dreijährige Facharzt noch existiert, darf man sich wirklich fragen, warum gerade Deutschland mit seinem eklatanten Ärztemangel so vehement am fünfjährigen Facharzt festhält und an dem von Ihnen so treffend beschriebenen "Feudalsystem". Bei allen Debatten um "mehr Studienplätze" gegen den Ärztemangel unter anderem auf dem Lande wird nämlich die Weiterbildungsordnung seltsamerweise nie in Frage gestellt... Nochmals vielen Dank für Ihr feedback, es ist mir eine echte Hilfe auf meinem immer noch steinigen Weg

herzlichen Gruß

bulli